• Veröffentlichungsdatum: 05.08.2021

  • 6 Min -
  • 1251 Wörter
  • - 10 Bilder

Waffenträger der Jägertruppe

Gerold Keusch

Die elektrisch fernbedienbare Waffenstation der gehärteten Infanteriefahrzeuge des Österreichischen Bundesheeres

Die elektrisch fernbedienbare Waffenstation (zivile Bezeichnung WS4 „Panther“) ist ein zeitgemäßes Waffensystem, das vom Wiener Unternehmen ESL Advanced Information Technology GmbH hergestellt wird. Seine moderne Elektronik erhöht die Wirkung, Deckung, Beobachtung und Bewegung eigener Kräfte und steigert somit deren Kampfwert in allen Einsatzarten. Die Bedienung erfolgt aus dem Kampfraum, wodurch der Richtschütze nicht exponiert ist.

Jahrzehntelang waren die Aufklärer und die motorisierten Jäger des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) mit Planen-„Pinzgauern“ im Gefecht. Mit „aufgepflanztem“ Maschinengewehr waren sie unterwegs und trotzten Wind und Wetter. Das mag martialisch und gefechtsmäßig ausgesehen haben, bedeutete aber, dass der Maschinengewehr-Schütze vor der gegnerischen Waffenwirkung ungeschützt war und seine Waffe nur ungenau zum Einsatz bringen konnte. Mit dem Mannschaftstransportpanzer „Pandur“ erhielt die österreichische Jägertruppe 1996 ein zeitgemäßes Fahrzeug. Dieses bot nicht nur Schutz vor der gegnerischen Waffenwirkung und der Witterung, sondern erhöhte den Kampfwert durch seine Mobilität und die Drehringlafette mit dem überschweren Maschinengewehr. Ein Nachteil der ersten Generation dieses Fahrzeuges war jedoch, dass der Bordschütze weiterhin nur unzureichend geschützt und dadurch bei seiner Aufgabenerfüllung gefährdet war.

Der „Pandur“ blieb nicht das einzige gehärtete Kampf- und Gefechtsfahrzeug außerhalb der Mech-Truppe. Mit der Einführung des Allschutzfahrzeuges „Dingo“ (2005), des geschützten Mehrzweckfahrzeuges „Husar“ (2012), des Universalgeländefahrzeuges „Hägglunds“ (2019) und des „Pandur Evolution“ (2019) verfügt das ÖBH aktuell über vier Typen von geschützten Fahrzeugen für die Jägertruppe. Diese haben, bis auf den „Dingo“ der ersten Fahrzeuggeneration, eine gemeinsame Komponente: die elektrisch fernbedienbare Waffenstation (EFWS).

Wesen und Wirkung

Die EFWS ist eine stabilisierte und ferngesteuerte Waffenstation, die auf dem Dach eines Gefechtsfahrzeuges montiert wird. Sie erhöht den Kampfwert vor allem beim Beobachten und beim Feuerkampf sowohl bei Tag als auch in der Nacht. Bedient wird sie vom Innenraum aus, wodurch die Besatzung geschützt ist. Die EFWS kann mit dem 7,62-mm-Maschinengewehr 74, dem 12,7-mm-überschweren Maschinengewehr M2 oder mit dem 40-mm-Granatmaschinengewehr MK-19 bestückt werden. Zusätzlich hat sie eine Mehrfachwurfanlage, mit der Nebelwurfkörper oder Sprenggranaten verschossen werden können. Die EFWS kann um 360° gedreht werden, wodurch eine Rundumsicht möglich ist. Der Höhenrichtbereich beträgt -20° bis +60°. Die EFWS hat zwei Gefechtsplätze – die Bedienstationen für den Kommandanten und den Richtschützen. Grundsätzlich kann sie durch beide Personen bedient werden. Der Richtschütze hat das Multifunktionsdisplay und als Bedienelement den Richtgriff, der mit einem Waffenschalter ausgestattet ist. Der Kommandant verfügt über einen einfacheren Richtgriff und über den Enhanced Tactical Computer, der es ihm ermöglicht, auch andere gefechtstechnische Aufgaben wahrzunehmen.

Beobachten

Das Beobachten ist eine ständige Tätigkeit, egal ob eine militärische Organisationseinheit zur Sicherung eines Objektes, zur Überwachung einer Demonstration im Auslandseinsatz, beim Angriff oder in der Verteidigung eingesetzt ist. Die Optronik der EFWS ermöglicht ein effizientes, geschütztes und weitreichendes Beobachten des Gefechtsfeldes (im Beobachtungsbetrieb, aber auch bei allen anderen Betriebsarten). Die Tagsichtkamera gewährleistet mit ihrem 26-fachen Zoom das Entdecken, Erkennen und Identifizieren auf weite Entfernungen. Aufgrund des Wärmebildgerätes ist eine weitreichende Beobachtung auch bei Nacht und/oder schlechter Sicht möglich. Zusätzlich hat die EFWS einen Suchscheinwerfer, mit dem das Gelände bis auf eine Entfernung von etwa 400 m ausgeleuchtet werden kann.

Im Beobachtungsbetrieb befindet sich die Waffe in einer maximal erhöhten Position. Das überschwere Maschinengewehr muss jedoch montiert sein, da die Waffenstation ein Gegengewicht benötigt. Optik und Waffe werden gleichzeitig bedient, das Display zeigt dabei den Gefechtsbildschirm. Das Abfeuern ist erst möglich, nachdem diese Funktion durch das Umlegen eines mechanischen Schalters aktiviert und die Waffe entsichert wurde.

 

Feuerkampf

Mit der EFWS können stehende und bewegliche Ziele bekämpft werden. Elektronik und Stabilisierung ermöglichen eine einfache und rasche Zielauffassung mit einer hohen Trefferwahrscheinlichkeit – unabhängig vom Gelände oder von Fahrzeugbewegungen. Das Feuerleitsystem führt jene ballistischen Berechnungen durch, mit denen das Ziel sicher und mit dennoch geringem Munitionseinsatz getroffen wird.

Neben dem Beobachtungsbetrieb, in dem ein Abfeuern nicht möglich ist, arbeitet die EFWS in den Betriebsarten

  • stabilisierter Betrieb,
  • Zielfolgebetrieb,
  • Kraftrichtbetrieb und
  • manueller Betrieb.

Beim stabilisierten Betrieb, der Hauptbetriebsart der EFWS, gleicht die Waffenstation Fahrzeugbewegungen innerhalb einer Bandbreite aus und unterstützt damit den Richtschützen und den Kommandanten. Selbst wenn das Fahrzeug schwankt, nickt oder seine Fahrtrichtung ändert, bleibt die Waffe im Ziel. Der stabilisierte Betrieb ist die Voraussetzung für den Zielfolgebetrieb. Dieser ermöglicht das automatische Verfolgen eines stehenden oder fahrenden Zieles vom stehenden oder fahrenden Fahrzeug aus. Ist der stabilisierte Betrieb nicht gewünscht, kann die EFWS im Kraftrichtbetrieb bedient werden. Dabei ist die Waffe weder stabilisiert, noch werden Ziele automatisch verfolgt. Diese Betriebsart wird z. B. im öffentlichen Verkehr, aufgrund der großen Anzahl potenzieller Ziele, gewählt. Falls die elektrische Steuerung ausfällt, muss die EFWS im manuellen Betrieb bedient werden. In diesem Notbetrieb wird sie mechanisch von den Stellmotoren getrennt und kann händisch bewegt (geschwenkt) werden. Der Richtschütze kann die Waffe dann manuell richten, spannen und abfeuern, muss dazu aber die geschützte Sicherheitszelle verlassen.

Abfeuern

Vom Entdecken eines Zieles bis zum Abfeuern sind (im stabilisierten Betrieb) mehrere Schritte nötig. Nachdem der Richtschütze ein Ziel entdeckt, erkannt und identifiziert hat, visiert er dieses an, und die Waffe dreht sich dorthin. Mit dem Laserentfernungsmesser ermittelt er die exakte Zielentfernung, woraufhin die Waffe aufgrund der neuen Erhöhung „springt“. Bewegt sich das Ziel, schaltet der Richtschütze die Zielverfolgung ein. Damit kann der ballistische Rechner auch den Vorhaltewinkel errechnen, weshalb nun das Absehen „springt“. Nachdem die Waffe nun grundsätzlich im Ziel ist, kann der Haltepunkt bei Bedarf noch fein justiert werden. Nach diesen Schritten, für die ein geübter Richtschütze nur wenige Sekunden benötigt, kann das Ziel (innerhalb der Einsatzschussweite) jederzeit bekämpft werden. Falls der Laserentfernungsmesser nicht funktioniert oder aus taktischen Gründen (Detektion) nicht eingesetzt werden kann, muss die Zielentfernung analog bestimmt und händisch eingegeben werden.

An der Waffe befindet sich je nach Ausführung ein Munitionsbehälter mit 300 Patronen (12,7 mm) oder 690 Patronen (7,62 mm). Nachdem dieser abgefeuert ist, muss er von der Besatzung getauscht werden, die dazu das Fahrzeug verlassen muss. Das hat in einer Deckung zu erfolgen und begrenzt somit den Einsatz eines Fahrzeuges mit der EFWS. Dieser Umstand ist neben der relativ geringen Panzerung seiner Trägerfahrzeuge der Hauptgrund, warum die EFWS grundsätzlich für die Selbstverteidigung eingesetzt wird. Lediglich beim „Pandur Evolution“ wird aufgrund seiner höheren Beschusssicherheit die EFWS auch zur Feuerunterstützung verwendet.

Mehrfachwurfanlage

Mit der Mehrfachwurfanlage können Nebelwurfkörper oder Sprenggranaten abgefeuert werden, wobei aktuell nur Nebelwurfkörper und für CRC-Einsätze Reizstoffeinsatzkörper (diese werden nicht ausgeworfen) verfügbar sind. Die sechs Werferrohre sind fächerförmig angeordnet, wobei sich eine Konsole mit jeweils drei Rohren (Auffächerung: 2°/12°/22°) sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite der EFWS befindet. Das Richten erfolgt über das Schwenken der Waffenstation, das Auslösen der elektrischen Zündvorrichtung mit dem Bediengerät. Die drei Nebelwurfkörper einer Konsole werden getaktet verschossen, um das Fahrzeug der gegnerischen Sicht effizient zu entziehen. Die Wurfkörper werden etwa 55 Meter weit ausgestoßen und bilden bereits wenige Sekunden später eine dichte Nebelwand, die für mindestens 90 Sekunden steht.

Fazit

Die EFWS ist ein wesentlicher Schritt zur Kampfwertsteigerung und Modernisierung der Jägertruppe des ÖBH. Sie ist aber nur ein Schritt in der sich rasch entwickelnden Waffentechnik, die sich im Bereich der Beobachtungs- und Zieleinrichtungssysteme sowie der Digitalisierung und Erhöhung des Schutzes rasant weiterentwickelt. Das bedeutet nicht, dass ältere Systeme nicht mehr sinnvoll eingesetzt werden können, sie sind jedoch schrittweise anzupassen und in leistungsfähigere Systeme zu integrieren. Ein Beispiel dafür ist das überschwere Maschinengewehr M2, das beinahe hundert Jahre alt ist und dennoch eine wesentliche und zeitgemäße Komponente moderner Waffenstationen ist. Hinsichtlich der Evolution der EFWS ist eine „Version 2.0“ geplant, die unter anderem einen verbesserten Schutz (Beschuss etc.) bieten und über Schnittstellen für eine zukünftige Erweiterung der technischen Möglichkeiten verfügen soll.

Hofrat Gerold Keusch, BA ist Leiter Online-Medien in der Redaktion Truppendienst.
 

 

Ihre Meinung

Meinungen (0)