• Veröffentlichungsdatum: 12.05.2017
  • – Letztes Update: 15.05.2017

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  • 1218 Wörter

Verteidigung - Befehlsgebung

Markus Ziegler

(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)

Teil 8 der Artikelserie: Bewegliche Einsatzführung in der Verteidigung

Vollständige und vorausschauende Befehle sind die Grundlage für den Erfolg im Gefecht. Diese müssen gründlich erarbeitet sowie klar und anschaulich erteilt werden. Der Kommandant muss bei seiner Befehlsausgabe in der Lage sein, seine Gefechtsidee bildlich in die Köpfe seiner Untergebenen zu transferieren. Schafft er das nicht, ist jede ins Führungsverfahren eingesetzte Energie zur Entwicklung eines Kampfplanes, mit dem jeder im Gelände mögliche, gegnerische Angriff abgewehrt werden kann, sinnlos. 

In der Einsatzart Verteidigung ist es notwendig, zeitlich gestaffelt mehrere Befehle zu erteilen. Die Befehle decken dabei die einzelnen Phasen ab, beginnend mit dem Einrichten zur Verteidigung bis zum Vorüben für die geplante Einsatzführung bei Nacht. Dabei sind folgende Befehle zu geben:

Befehl für das Einrichten zur Verteidigung

Dieser Befehl wird grundsätzlich mündlich im Gelände erteilt. Da es im Infanteriegelände auf Kompanie- und Zugsebene kaum möglich ist, den gesamten Gefechtsstreifen von einem Punkt aus zu überblicken, ist es sinnvoll, den unterstellten Kommandanten ihre Aufträge, mit ihren Grenzen und Feuerbereichen vor Ort gemeinsam zu erteilen. Dadurch erhalten alle Kommandanten den Überblick über den Gefechtsstreifen und können so alle Räume zuordnen, die während der Befehlsausgabe am Geländesandkasten oder in der Geländeskizze angesprochen werden. In weiterer Folge muss der Befehl für das Einrichten zur Verteidigung die Lage der Konfliktparteien im Großen sowie die detaillierte vermutliche Absicht der Konfliktparteien gegenüber dem eigenen Element enthalten. 

Ein Kommandant erteilt einem Schützen einen Auftrag. (Foto: Bundesheer/Gerhard Hammler)
Ein Kommandant erteilt einem Schützen einen Auftrag. (Foto: Bundesheer/Gerhard Hammler)

Bei der mündlichen Befehlsausgabe am Geländesandkasten oder an der Geländeskizze muss das erwartete Feindverhalten dargestellt werden. Das ist die Voraussetzung, damit die untergeordneten Ebenen im Sinne des Kommandanten weiterbeurteilen bzw. handeln können. Alle vom Standort des Geländesandkastens einzusehenden und erwartbaren gegnerischen Handlungen sind auch im Gelände zu zeigen.

Bei der geplanten Einsatzführung muss bereits das Verhalten bei gegnerischer Aufklärung, bei gegnerischem Steilfeuer bzw. Luftangriff und bei einem Angriff aus der Hauptangriffsrichtung genau befohlen werden. Bei den koordinierenden Maßnahmen werden die Reihenfolge des Ausbaues der Stellungen und der Sperren sowie der Zeitplan befohlen. In diesem Befehl sollen bereits nahezu alle Versorgungsmaßnahmen für den Ausbau geregelt werden.

Der Zeitplan, wer, wann, wo, welches Gerät, von wem, für den Stellungs- und Sperrenbau erhält bzw. abholen muss, ist für ein geordnetes Einrichten zur Verteidigung wesentlich. Hinsichtlich der Aufteilung der zusätzlich bereitgestellten Munition muss befohlen werden, wer, wieviel Munition, für welche Phase des Kampfplanes erhält. Das ist wesentlich, damit die Planung der Auslagerung bzw. des Transportes der Munition parallel zum Ausbau der Stellungen erfolgen kann. Die Sanitätsversorgung muss vom Ausfallsort bis hin zur Abholung des Verwundeten/Verletzten vom Verwundetennest der Kompanie durch ein Transport-Kfz des Bataillons befohlen werden.

Bei der Verbindung müssen die Gefechtsstände sowie die Beobachtungsstellen bzw. die Stellungen der Kommandanten festgelegt sein. Um beim Ausfall der Feldkabelverbindung bzw. bei Störung oder Ausfall der Funkverbindung weiterhin führungsfähig zu bleiben, müssen alle Ebenen Melder einteilen. Diese müssen sich rasch zur sicheren Überbringung von Meldungen und Befehlen in die zu benützenden Wege einlaufen. Für den Fall, dass im Gefecht sowohl der Kommandant als auch sein Stellvertreter ausfallen, ist die weitere Kommandantenfolge zu regeln und zu befehlen, um die Führungsfähigkeit der Elemente sicherzustellen.

Klare Befehle sind die Grundlage für die Auftragserfüllung im Gefecht. (Foto: Bundesheer/Gerhard Hammler)
Klare Befehle sind die Grundlage für die Auftragserfüllung im Gefecht. (Foto: Bundesheer/Gerhard Hammler)

Befehl für die geplante Einsatzführung

In diesem Befehl wird detailliert auf das gegnerische Vorgehen in jeder Phase des zu erwartenden Angriffes eingegangen. Wesentlich dabei ist die Gegenüberstellung der möglichen gegnerischen Aktion mit der eigenen Reaktion. Als Anhalt für den dargestellten Ablauf des Gefechtes kann, abgeleitet vom bereits dargestellten Gefechtsbild, gelten:

Aufnahme bzw. Durchschleusen von eigenen Kräften

  • Regelung wer, wen, wo durchschleust, inklusive der Frequenzen und Decknamen zur Verbindungsaufnahme;
  • Regelung wer, wann, auf wessen Befehl die Sperre schließt;
  • Zusammenwirken der Kräfte - Feuerleitung über Zielpunkte;
  • Regelung des Steilfeuereinsatzes.

Kampf gegen gegnerische Aufklärung

  • Zusammenwirken der Kräfte - Feuerleitung über Zielpunkte;
  • Regelung des Steilfeuereinsatzes.

Kampf gegen die Angriffsspitzen durch vorgeschobene Sicherungskräfte

  • Zusammenwirken der Kräfte
  • Feuerleitung über Zielpunkte;
  • Regelung des Steilfeuereinsatzes;
  • Absetzwege;
  • Regelung zur Schließung der Sperren.

Kampf in der FEBA während der gegnerischen Feuervorbereitung

  • Feuerleitung über Zielpunkte;
  • Zusammenwirken von Flach- und Steilfeuer;
  • Beziehen von Ergänzungsstellungen zur Schwergewichtsverlagerung.
  • Wer ist wann für Gegenstöße wohin vorgesehen?
  • Wer riegelt wann wohin ab?

Kampf in der Tiefe

  • Feuerleitung über Zielpunkte;
  • Zusammenwirken Flachfeuer - Steilfeuer;
  • Wer bezieht wann Ergänzungsstellungen in der Tiefe.
  • Wer riegelt wann wohin ab?
  • Wer ist wann für Gegenstöße wohin vorgesehen?

Auftrag an eine Gruppe - Beispiel

Auftrag des Zugskommandanten an den Kommandanten der ersten Gruppe an der linken Grenze des Gruppennestes: 

„Erste Gruppe verteidigt aus Gruppennest mit linker Grenze Kugelbusch, Feuerbereich linke Grenze Wegkreuz ...“ 

Der Zugskommandant marschiert mit dem Gruppenkommandanten zur rechten Grenze und setzt den Auftrag fort: 

„... mit rechter Grenze Baumstumpf, Feuerbereich rechte Grenze gelbes Haus, Feuereröffnungslinie Bach und wehrt Gegner aus Richtung Weggabel ab.“ 

Befehl für die Nacht

Dieser Befehl beinhaltet alle notwendigen Änderungen des Einsatzes der Kräfte, die  für die Nacht bzw. bei schlechter Sicht notwendig sind, um den Auftrag zu erfüllen. Wesentlich für die praktische Befehlsgebung ist, dass der Punkt „geplante Einsatzführung“ in allen Phasen so detailliert wie im vorangegangenen Befehl für die geplante Einsatzführung befohlen wird. Jedem Kommandanten muss klar sein, wer in welcher Phase von wem Leuchtfeuer beantragt und wie, aufgrund des geänderten Einsatzes der Panzerabwehrrohre, das Zusammenwirken der Kräfte sichergestellt ist. Änderungen gegenüber dem Tageinsatz sollen nach dem Führungsgrundsatz der Einfachheit so gering sein, wie es für die erfolgreiche Einsatzführung notwendig ist.

Befehl für die Ablöse

Bei länger andauernden Einsätzen kann es zur Ablöse der eingesetzten Truppe kommen. Bei dem dafür notwendigen Befehl wird der genaue organisatorische Ablauf dazu geregelt. Für die praktische Durchführung der Ablöse ist es wesentlich, dass die Kommandanten ihre Nachfolger detailliert in die geplante Einsatzführung einweisen. Das Ziel dabei ist, dass die ablösende Truppe unmittelbar nach der Übernahme des Gefechtsstreifens den Kampfplan der abgelösten Truppe soweit verinnerlicht hat, dass sie ihn ohne qualitative Einbußen durchführen kann. 

Zusammenfassung der Artikelserie

Dunkelheit und schlechte Sicht erschweren das Orientieren im Gelände. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
Dunkelheit und schlechte Sicht erschweren das Orientieren im Gelände. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)

Die Einsatzführung in der Einsatzart Verteidigung ist hochbeweglich. Das Schwergewicht der Planung liegt auf der Organisation des Feuerkampfes. Die Beweglichkeit dient dazu, dass der Verteidiger sein eigenes Schwergewicht dem Schwergewicht des Angreifers so zeitgerecht entgegenstellt, dass er die Feuerüberlegenheit behält. Vorgeschobene Kräfte wehren gegnerische Aufklärungskräfte ab, noch bevor sie die FEBA erkannt haben. So wird verhindert, dass die gegnerische Feuervorbereitung aufgrund der Aufklärungsergebnisse die eigenen Kräfte in der FEBA vernichtet. 

Die Angriffsspitzen werden durch vorgeschobene Kräfte mit Sperren und Flachfeuer zum Stehen gebracht und mit Steilfeuerunterstützung im Idealfall so dezimiert, dass sie ihren Auftrag nicht mehr durchführen können. Die eigenen vorgeschobenen Teile müssen, sollten sie durch die Aufklärung erkannt worden sein, Wechselstellungen beziehen, um die Angriffsspitzen bekämpfen zu können, da sie sonst von der gegnerischen Feuervorbereitung vernichtet werden. Um in der FEBA einen Abwehrerfolg zu erringen, ist das Zusammenwirken von Sperren mit Flach- und Steilfeuer wesentlich. Grundsatz: Es gibt keine Verteidigung ohne Sperren. 

Die rasche und einfache Feuerleitung der Flachfeuerwaffen erfolgt über Zielpunkte. Einbrüche sind immer mit Feuerzusammenfassungen zu bekämpfen und abzuriegeln. Ein Gegenstoß muss immer rasch erfolgen. Das Vorüben der geplanten Einsatzführung ermöglicht die Überlegenheit in der Gefechtsbereitschaft und einen erfolgreichen Gegenstoß auch gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner in der Einbruchstelle. 

Das Ziel dieser Artikelserie war es, einen Überblick über die bewegliche Einsatzführung in der Verteidigung in den Ebenen Gruppe, Zug und Kompanie zu vermitteln. Im Fokus stand die Adaption der wesentlichen Grundsätze der Einsatzart Verteidigung an das moderne Gefechtsfeld unter Berücksichtigung moderner Bewaffnung und Ausrüstung von Streitkräften. Das Institut Jäger ist bemüht, die Kommandanten aller Ebenen nach den in der Serie beschriebenen Grundsätzen auszubilden. In diesem Sinne endet diese Artikelserie mit dem Wahlspruch des Institutes Jäger: „Infanterie greift an!“


Major Markus Ziegler, MA ist Hauptlehroffizier am Institut Jäger der Heerestruppenschule

Link zur Serie

Eine bewegliche Einsatzführung ist auch in der Verteidigung der Schlüssel zum Erfolg. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
Eine bewegliche Einsatzführung ist auch in der Verteidigung der Schlüssel zum Erfolg. (Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • kauf michael // 16.05.2017, 16:23 Uhr Sehr geehrte Redaktion!
    Alle Artikel zu diesem Thema sind sehr gut aufbereitet, verständlich und sicher formal /vorschriftsmäßig richtig - ich habe aber meine Zweifel, dass die vielen Details von den Betroffenen zu merken sind. Ich kenne die heute Einrückenden nicht, weder ihre Motivation noch ihre Intelligenz, aber wenn ich mir Pisa - Studien, Interviews oder die Schulbücher so ansehe, im Berufsleben die Art des Handels und der Denkweise vieler junger Menschen, so fürchte ich eine deutliche Überforderung der meisten Rekruten. Es ist doch heute fast alles ein ausfüllen=ausführen von vorgegebenen "Kästchen", Antwortaussuchen usw.. Das selbständige Tun und Denken (mit Einfallsreichtum und Fantasie...) ist bei vielen Menschen sehr reduziert.
    Fazit: es wäre wohl nötig, alles in der Befehlsausgabe zu erwähnen, aber um halbwegs Erfolg zu haben (vor allem in einem Einsatz), muß man m.E. Abstriche machen (das ist dann die Kunst des Kommandanten, das richtige/wichtige/notwendige zu erkennen).
    Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt!
    Michael Kauf, OltdRes