• Veröffentlichungsdatum: 21.04.2022
  • – Letztes Update: 25.04.2022

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Ukraine-Krieg: Entscheidender Faktor Führungsfähigkeit

Berthold Sandtner

Im bisherigen Verlauf des Krieges konnten die ukrainischen Streitkräfte viele russische Führungskräfte und Gefechtsstände ausschalten. Das Resultat ist ein deutlicher Verlust der russischen Führungsfähigkeit. Diese ist jedoch ein entscheidender Faktor für den Erfolg auf dem Gefechtsfeld – vor allem in einem Umfeld, das durch Unvorhersehbarkeit und Komplexität geprägt ist.

Verhalten russischer Kommandanten

Russische Kommandanten folgen dem Prinzip des Führens von vorne. Deshalb befinden sie sich immer an dem Ort, wo das Schwergewicht der Kräfte ist. Selbst die höchsten Dienstgrade, bis in die Generalränge, befinden sich direkt an der Front. Schließlich wird dort die Entscheidung im Gefecht gesucht.

Dieses Verhalten der russischen Offiziere ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Das aber selbst ranghohe Kommandanten Teil des Gefechtsgeschehens sind, und sich dadurch auch gefährden, ist außergewöhnlich. Warum das so ist, kann nur gemutmaßt werden. Ein Grund dürfte im Misserfolg der gesamten Operationsführung liegen. Es erweckt den Anschein, als würden die Kommandanten geradezu „genötigt werden“, unmittelbar an der Front Einfluss auf das Gefecht zu nehmen.

Hinzu kommt ein Vertrauensmangel, der sich quer über die gesamte russische Führungshierarchie erstrecken dürfte. Die Kommandanten müssen vorne Einblick bzw. Einfluss nehmen, da sie ihren Untergebenen nicht vertrauen. Ein weiterer Aspekt könnte die schlechte Moral der russischen Streitkräfte sein. Hochrangige Kommandanten könnten deshalb dazu angehalten sein, diese durch ihr persönliches Erscheinen an der Front zu heben.

Manifest scheinen auch die Probleme bei der russischen Führungsunterstützung. Vor allem das Herstellen einer gesicherten Verbindung zwischen Kommandanten, Gefechtsständen und anderen Führungseinrichtungen dürfte Probleme bereiten. Aufgrund dessen müssen die Kommandanten auf ungeschützte Kommunikationsmittel (z. B. Mobiltelefone) zurückgreifen und können so leicht aufgeklärt werden.

Massive Ausfälle russischer Kommandanten

Die ukrainische Armee verfügt über ein ausgezeichnetes Lagebild. Sie betreibt vor allem Satelliten- und Luftaufklärung, jedoch nicht nur mit eigenen Mitteln, sondern mit Hilfe von Assets aus NATO Staaten. Vor allem die USA unterstützen die Ukraine bei der Aufklärung. Zum Einsatz kommen auch Mittel der Signals Intelligence (SIGINT). Diese ermöglichen es, elektromagnetische Signale am Gefechtsfeld zu orten, Standorte festzustellen oder Inhalte abzuhören – etwa von russischen Kommandanten. Hinzu kommt auf Seiten der ukrainischen Armee die Beeinträchtigungsfähigkeit; die Möglichkeit russische Führungsunterstützungsmittel zu stören oder zu unterbrechen.

Bereits in den ersten Wochen der Operationsführung sind etwa ein Viertel der militärischen Top-Führungskräfte (Generalsränge; Anm.) der russischen Streitkräfte im Einsatzraum Ukraine ausgefallen. Von etwa 20 eingesetzten russischen Generälen sind vermutlich zumindest fünf gefallen. Beispiele sind sowohl der Kommandant als auch der Chef des Stabes der 41. Armee, die bei der Millionenstadt Charkiw im Einsatz war und dadurch führungslos wurde. Ebenfalls gefallen sind der Kommandant der 29. Armee (im Nordwesten der Ukraine eingesetzt) oder der Kommandant der 150. Schützendivision, der am 15. März in Mariupol an der Front fiel. Am 19. März fiel auch der Kommandant der 8. Armee. Zudem sind in diesem Zeitraum mindestens 13 Obristen, Kommandanten von taktischen Bataillonskampfgruppen, Fernmeldeverbänden oder anderen Verbänden, gefallen.

Aus russischer Sicht bedeuten diese Ausfälle, dass ein wesentliches Führungsprinzip, der Schutz der eigenen Führung, offensichtlich nicht erfüllt werden kann. Gleichzeitig heißt es, dass es der Ukraine gelingt, die Führungsfähigkeit des Gegners zu beeinträchtigen und sogar zu minimieren. Führungskräfte und Gefechtsstände der Führungseinrichtungen sind deklarierte Prioritätsziele. Somit ist es kein Zufall, dass so viele hohe Kommandanten ausgeschaltet wurden.

Targeting-Verfahren

Das international standardisierte Targeting-Verfahren dient der Festlegung und Bekämpfung von Prioritätszielen. Es gliedert sich in vier Phasen:

  • Die grüne Phase ist das Entscheiden („decide“), in der Prioritätsziele (Kommandanten, Führungseinrichtungen etc.) festgelegt werden.
  • Die gelbe Phase ist das Aufklären („detect“), bei dem die genauen Lage- und Zieldaten des Prioritätszieles erfasst und verfolgt werden.
  • Im Anschluss erfolgt die blaue Phase („deliver“), in der eine Waffenwirkung auf das Ziel erfolgt.
  • Das Targeting-Verfahren schließt mit der roten Phase, der Wirkungsaufklärung („assess“) ab, bei der die Wirkung festgestellt wird. Falls diese nicht ausreichend war, wird das Targeting-Verfahren ab der Phase „Aufklärung“ („detect“) wiederholt.

Beispiel für das Targeting-Verfahren 

Der Ablauf des Targeting-Verfahrens kann anhand eines Gefechtsbeispieles erläutert werden (siehe Grafik unten). Eine russische motorisierte Schützenbrigade, hier 2. motorisierte Schützenbrigade (rot am rechten Bildrand), hat einen Geländeabschnitt eingenommen und sich dort zur zeitlich begrenzten Verteidigung eingerichtet. Eine ukrainische Gegenangriffskraft (Division innerhalb der ukrainischen Flagge) hat den Auftrag in diesen Geländeabschnitt einzubrechen und die dortigen russischen Kräfte zu zerschlagen.

Nun erfolgt die Phase Entscheiden „decide“. Von ukrainischer Seite wird beurteilt, welche russischen Kräfte die Hochwert- und Prioritätsziele sind, deren Bekämpfung den Erfolg der eigenen Einsatzführung wesentlich beeinflussen. Dabei wird festgestellt, dass der Gefechtsstand der 2. motorisierten Schützenbrigade, auf russischer Seite, ein Prioritätsziel ist. Als Ergebnis dieser Phase wird der Gefechtsstand blau markiert.

In der nun folgenden Phase „detect“ werden die genauen Lage- und Zieldaten des Gefechtsstandes festgestellt, gegebenenfalls mit Satellitenaufklärungsmitteln, im konkreten Fall möglicherweise mit Unterstützung der USA. Mit der nächsten Phase „deliver“ wird dieser Gefechtsstand schließlich ausgeschaltet; möglicherweise unter Einsatz einer Drohne. Abschließend wird in der letzten Phase („assess“) der Erfolg festgestellt; eventuell mit Satellitenaufklärung oder bodengebundenen Aufklärungsmitteln.

Auswirkungen 

Die ukrainischen Kräfte sind im Targeting-Zyklus, insbesondere beim Ausschalten von Führungskräften und Gefechtsständen, erfolgreich. Das belegt die hohe Zahl von Ausfällen bei den Kommandanten der russischen Streitkräfte, die durch das Ausschalten wesentlicher Elemente der Führung schwer getroffen sind. Schließlich sind viele einsatzerfahrene Kommandanten gefallen und wesentliche Führungseinrichtungen wurden zerstört.

Das Resultat ist eine deutliche Reduktion der Führungsleistung auf russischer Seite. Durch den Verlust einsatzerfahrener Kommandanten sinkt die Qualität von Führungsentscheidungen. Gleichzeitig verlangsamt die Zerstörung wesentlicher Führungseinrichtungen die Aufbereitung von Führungsgrundlagen und das Fällen von Entscheidungen. Es bleibt zu beobachten, ob die bisherigen Geschehnisse zu einer Anpassung der russischen Führungsprinzipien führen. Das könnte eine Auswirkung auf die Wahl der Kommunikationsmittel (geschützte Geräte anstatt ungeschützter Mobiltelefone), die Lage von Gefechtsständen oder dem Einsatz von Kommandanten an der Front sowie deren Schutz haben.

Oberst dG Mag. Berthold Sandtner ist Leiter des Referates Führungslehre am Institut für höhere militärische Führung an der Landesverteidigungsakademie.

 

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