• Veröffentlichungsdatum: 14.12.2020
  • – Letztes Update: 16.12.2020

  • 12 Min -
  • 2325 Wörter
  • - 10 Bilder

Teilautonome Systeme im Österreichischen Bundesheer

Team Interessensgemeinschaft „Teilautonome Systeme im ÖBH“

(Fotos: Entwicklungsabteilung/TherMilAk/ Montage: Rizzardi)
(Fotos: Entwicklungsabteilung/TherMilAk/ Montage: Rizzardi)

Die Konflikte im beginnenden 21. Jahrhundert werden zunehmend mit Waffensystemen geführt, deren Eigenschaften und Fähigkeiten bis vor wenigen Jahrzehnten noch unerreichbar schienen. Teilautonome unbemannte Aufklärungs- und Waffensysteme übernehmen bereits in nahezu allen Domänen der Kriegsführung vermehrt komplexe Gefechtsaufgaben. Man spricht bereits jetzt von einer neuen Revolution in der Kriegsführung. Die bisher gültigen Fähigkeitsfelder des Militärs werden laufend erweitert, und die Faktoren Kraft, Raum, Zeit und Information verschieben sich bzw. bekommen eine neue Bedeutung. Auch das Österreichische Bundesheer hat durch die Erprobung und den Einsatz von teilautonomen Systemen eine wesentliche Fähigkeitsergänzung erfahren. So befinden sich derzeit bereits mehrere Systeme in fortgeschrittener Erprobung bzw. im Einsatz. In Zukunft sollen sie einen wesentlichen Beitrag zum Schutz der Soldaten und der Bevölkerung leisten.

TRUPPENDIENST 4/2020, Beilage. (Grafik: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
KLICKEN ZUM DOWNLOAD DES POSTERS ALS PDF.

Moderne Streitkräfte definieren sich über das Vorhandensein einer spezifischen Anzahl von bestimmten Fähigkeitsbereichen. Die Capability Hierarchy von NATO und EU, an der sich auch das Österreichische Bundesheer (ÖBH) ausrichtet, nennt dazu folgende Entwicklungs- und Fähigkeitsziele:

  • Nachrichtengewinnung und Aufklärung (Inform), 
  • Führung (Consult, Command & Control), 
  • Einsatzvorbereitung (Prepare), 
  • Wirkung und Einsatz (Engage),
  • Truppenschutz (Protect),
  • Projektion von Kräften (Project) sowie 
  • Unterstützen und Durchhalten (Sustain). 

Der laufende Transformationsprozess von Streitkräften erfolgt entlang dieser Fähigkeitsziele. Dies betrifft auch die aktuelle Einführung von teilautonomen unbemannten Systemen in internationalen Streitkräften. Diese neu verfügbaren technischen Geräte umfassen eine ganze Bandbreite von Fähigkeitsträgern unterschiedlicher Konstruktionsweisen und Zweckbestimmungen. Darunter fallen unbemannte Unterwasseraufklärungssysteme, mit Luft-Boden-Raketen bewaffnete fliegende Drohnen, auf Ketten und Rädern operierende Landsysteme oder sogar mit hohem Autonomiegrad im Cyberraum operierende Softwareprogramme. Die im ÖBH eingesetzten Systeme lassen sich den Fähigkeitsbereichen Inform (Aufklärung), Protect (Schutz) und Sustain (Durchhalten) zuordnen.

Fähigkeitsbereich Inform

Aufklärungsdrohne (UAV) „TRACKER"

Beim UAV „TRACKER" handelt es sich nach internationaler Kategorisierung um eine Mini-Flächendrohne (NATO Class I, Mini) der oberen Gewichtsklasse mit einer Flügelspannweite von 3,3 Metern und einer Länge von 1,6 Metern. Eine Einsatzreichweite von bis zu zehn Kilometern, eine Einsatzdauer von bis zu sechzig Minuten und ein leistungsfähiger Sensorkopf ermöglichen es dem UAV „TRACKER", eine exakte Aufklärung eines definierten Zieles oder Raumes durchzuführen.

Der Bedarfsträger ist durch die Fähigkeiten des UAV in der Lage, eine Bandbreite von Aufgabenstellungen durchführen zu lassen. Idealerweise erfolgt ihr Einsatz zur Aufklärung, Überwachung, Zielobjekt- oder Zielraumerkundung oder zur Absicherung eigener Marsch- oder Konvoibewegungen. Die Drohnenoperatoren können über den Downlink der Drohne einen Live Feed (Echtzeitdaten; Anm.) mitverfolgen, der dem Bedarfsträger in seiner Führungsstruktur zugänglich gemacht werden kann. Das Führungselement kann somit aktuelle Entwicklungen am Aufklärungsobjekt ohne Zeitverzug mitverfolgen. So können mögliche Bedrohungen im Vorfeld erkannt und eigene Reaktionen sowie der Führungsprozess darauf abgestimmt werden.

Das UAV „TRACKER" stellt somit eine wesentliche Fähigkeitserweiterung im Bereich der luftgestützten taktischen Erdaufklärung der Landstreitkräfte dar. Die Erprobung des Systems „TRACKER" wurde 2017 abgeschlossen. Bereits im Jahr 2016 wurde das System erstmals wiederholt im Rahmen des sipolAssE eingesetzt. Ein erster Einsatz im Ausland erfolgte im Jahr 2020 im Kosovo.

Aufklärungsdrohne (UAV) MAVIC PRO C2

Die Quadrocopterdrohne MAVIC wird als Mini-Drohne (NATO Class I, Mini) der unteren Gewichtsklasse eingestuft. Dieses UAV kann im Nahbereich mit einer Flugzeit von bis zu knapp 30 Minuten eingesetzt werden. Im Gegensatz zum UAV „TRACKER" kann sie jedoch besonders rasch zum Einsatz gebracht werden. Dies ermöglicht es, in einer gefährlichen Situation unmittelbar reagieren und sich im Nah- und Nächstbereich ein Lagebild verschaffen zu können. Auch beim UAV MAVIC ist es möglich, über einen Live Feed ein Aufklärungsbild „in time" (zeitgleich; Anm.) mitverfolgen zu können. Ihr Einsatz erfolgt vor allem zur Beschaffung von Aufklärungsdaten (Zielobjekte oder Zielpersonen) sowie zum Eigenschutz und zur Selbstsicherung.

Das gesamte System kann platzsparend in einem Rucksack untergebracht werden. Bei Bedarf wird es ausgepackt und ist nach nur wenigen Minuten betriebsbereit. Danach kann es, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen oder sich selbst zu exponieren, gestartet werden. Mini-UAVs sind in einer Vielzahl von unterschiedlichen Typen in internationalen Streitkräften im Einsatz und werden, da sie auch im freien Handel erhältlich sind, zunehmend von gegnerischen Konfliktparteien (staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren) verwendet. Gerade die Drohnensysteme dieser Gewichtsklasse werden laufend weiterentwickelt und mit verbesserten Sensorköpfen zur Tag- und Nachtsichtfähigkeit ausgestattet.

Terrororganisationen verwenden derartige Drohnen nicht nur für die Aufklärung, sondern auch für Angriffe. Dabei werden sie mit kleinen, abwerfbaren Sprengsätzen ausgestattet oder mit Sprengstoff beladen und in ein Ziel gesteuert. Derzeit wird das UAV MAVIC im ÖBH ausschließlich von den Spezialeinsatzkräften eingesetzt.

Aufklärungsdrohne „TRACKER": Flächendrohne mit einer Spannweite von 3,3 m, Länge 1,6 m, Gewicht 8,7 kg. Einsatzreichweite bis zu 10 km sowie Einsatzdauer 60 Minuten. Einsatzflughöhe 100 bis 600 m über Grund mit einer Höchstgeschwindigkeit bis 90 km/h. Wind max. 15 m/sec, Sensor ausgestattet mit Tageslicht- und Wärmebildkamera.  Einsatzbereiche: Fähigkeitserweiterung im Bereich Luftaufklärung. Idealerweise Einsatz zur Aufklärung, Überwachung, Zielobjekterkundung oder Konvoi-Absicherung. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Aufklärungsdrohne „TRACKER": Flächendrohne mit einer Spannweite von 3,3 m, Länge 1,6 m, Gewicht 8,7 kg. Einsatzreichweite bis zu 10 km sowie Einsatzdauer 60 Minuten. Einsatzflughöhe 100 bis 600 m über Grund mit einer Höchstgeschwindigkeit bis 90 km/h. Wind max. 15 m/sec, Sensor ausgestattet mit Tageslicht- und Wärmebildkamera.

Einsatzbereiche: Fähigkeitserweiterung im Bereich Luftaufklärung. Idealerweise Einsatz zur Aufklärung, Überwachung, Zielobjekterkundung oder Konvoi-Absicherung. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Aufklärungsdrohne MAVIC PRO C2: Geschwindigkeit: max. 72 km/h, Fluggewicht: 907 g, Flugzeit: bis zu 31 min, Hasselblad L1D-20c Kamera, 3-Achsen Gimbal für stabile Bilder, 4K Videos in Echtzeit, 8 GB interner Speicher, SD Karte bis zu 128 GB.  Einsatzbereiche: Beschaffung von benötigten Informationen und Daten (Bilder von Zielobjekten). Einsatz zur Selbstsicherung und zum Eigenschutz. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Aufklärungsdrohne MAVIC PRO C2: Geschwindigkeit: max. 72 km/h, Fluggewicht: 907 g, Flugzeit: bis zu 31 min, Hasselblad L1D-20c Kamera, 3-Achsen Gimbal für stabile Bilder, 4K Videos in Echtzeit, 8 GB interner Speicher, SD Karte bis zu 128 GB.

Einsatzbereiche: Beschaffung von benötigten Informationen und Daten (Bilder von Zielobjekten). Einsatz zur Selbstsicherung und zum Eigenschutz. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)

Fähigkeitsbereich Protect

Entminungsroboter (UGV) tEODor

Der Fernlenkmanipulator tEODor – oder auch „Explosive Ordnance Disposal (EOD)-Roboter“, wie er umgangssprachlich genannt wird – ist bereits seit 1972 (!) ein nicht mehr wegzudenkender und integraler Bestandteil der konventionellen Entschärfung von improvisierten Spreng- und Brandvorrichtungen (Improvised Explosive Devices – IEDs). Durch ihren Einsatz kann bei der Bergung bzw. Entschärfung einer vermuteten bzw. entdeckten IED die Gefährdung des eingesetzten EOD-Personals deutlich verringert werden. Diese ferngesteuerten Systeme haben in den letzten Jahrzehnten vielen Entschärfern bei In- und Auslandseinsätzen das Leben gerettet. Ihre hohe Flexibilität und die immer einfacher werdende Handhabung zeichnen diese Geräte ebenso aus wie ihre robuste allwettertaugliche Bauweise.

Der Entschärfer wird in Ausübung seines Dienstes mit zahlreichen, am Roboter befestigten Werkzeugen, Schieß- und Röntgengeräten, Kameras und Sensoren unterstützt, um aus einer sicheren Distanz ein IED zu neutralisieren oder kontrolliert zu sprengen. Dabei schützt er die Einsatzkräfte bei ihren gesundheits- bzw. lebensgefährlichen Einsätzen. Im Jahr 2010, am Höhepunkt des Einsatzes internationaler Streitkräfte in Afghanistan, kam es laut einer Studie der US-Streitkräfte durchschnittlich bei jedem 17. Versorgungskonvoi zu einem IED-Vorfall. Daraus resultiert, dass EOD-Roboter heute ein unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Einsatzführung sind. Beim ÖBH befindet sich der tEODor als Fähigkeitsträger der Pioniertruppe seit 1999 im In- und Ausland im Einsatz.

ABC-Spürroboter (UGV) TAUROB TRACKER

Das ÖBH ist mit seinem Katastrophenhilfeelement (Austrian Forces Desaster Relief Unit – AFDRU) immer wieder bei „Ausnahmeereignissen" im Ausland zur Stelle. Aber auch im Inland leistet die ABC-Abwehrtruppe – beispielsweise bei der derzeitigen COVID-19-Pandemie – unverzichtbare Dienste. Das Fähigkeitsprofil der ABC-Abwehrtruppe wird laufend geschärft und an mögliche Szenarien angepasst. Darunter fallen Elementarereignisse wie Erdbeben und Flutkatastrophen, aber auch besondere Schadensereignisse wie ein möglicher Unfall in einem Kernkraftwerk.

Der UGV TAUROB TRACKER stellt bei der Reaktion auf derartige Ausnahmesituationen eine wesentliche Fähigkeitserweiterung dar. In seiner Grundkonzeption ähnelt das UGV dem tEODor. Der UGV TAUROB TRACKER kommt zum Einsatz, wenn Einsturz- oder Explosionsgefahr besteht, in Gegenwart von radioaktiver Strahlung, bei hohen Schadstoffkonzentrationen oder bei Sauerstoffmangel. Durch seine ferngelenkte Missionsführung kann eine Gefährdung des eigenen Personals vermieden werden. Mit seiner Sensorik ist es möglich, integrierte Probenahmen sowie die Detektion von ABC-Kampf- und Gefahrstoffen durchzuführen. Mit den verfügbaren Messgeräten und der vorhandenen Kamera (inklusive Wärmebildgerät) kann die Einsatztaktik der eigenen Kräfte – ähnlich wie beim tEODor – zielgerichtet und vorausschauend geplant werden. Schad- und Giftstoff- sowie hohe Strahlungskonzentrationen, die für den Menschen bereits tödlich wären, können vom UGV TAUROB TRACKER ohne Einschränkungen bewältigt werden. Zurzeit ist dieses System in der Erprobungsphase und soll zukünftig bei der ABC-Abwehrtruppe verwendet werden.

 

Entminungsroboter tEODor: Länge: 1 300 mm, Breite: 680 mm, Eigengewicht mit Manipulator und Akkus: 360 kg, Geschwindigkeit (stufenlos): 0 bis 50 m/min, Steigfähigkeit auf Treppen bei max. Belastung: 32°, max. Zuladung (ohne Manipulator): 500 kg, Einsatzdauer bis zu 20 Std, Funkreichweite: 1 000 m, Temperaturbereich: -20°C bis +60°C.  Einsatzbereiche: Ferngelenkter Roboter zur Erkundung von Objekten und Räumen im letalen Bereich, Beseitigung von improvisierten Spreng- und Brandvorrichtungen. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Entminungsroboter tEODor: Länge: 1 300 mm, Breite: 680 mm, Eigengewicht mit Manipulator und Akkus: 360 kg, Geschwindigkeit (stufenlos): 0 bis 50 m/min, Steigfähigkeit auf Treppen bei max. Belastung: 32°, max. Zuladung (ohne Manipulator): 500 kg, Einsatzdauer bis zu 20 Std, Funkreichweite: 1 000 m, Temperaturbereich: -20°C bis +60°C.

Einsatzbereiche: Ferngelenkter Roboter zur Erkundung von Objekten und Räumen im letalen Bereich, Beseitigung von improvisierten Spreng- und Brandvorrichtungen. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
TAUROB TRACKER: Gewicht: 60 kg (netto), Zulast: bis 25 kg, Steigleistung: 45°/35 cm, Geschwindigkeit: max. 8 km/h, Länge: 1 000 mm, max. Höhe: 1 500 mm, Breite: 580 mm, Hebekraft: 5 kg, Einsatzdauer 2 Std (Fahren) bzw. 10 Std (Messen), Funkreichweite: 400 m, Umweltbedingungen: -20°C  bis +60°C, IP 67. Einsatz bei Einsturz- und Explosionsgefahr, in Gegenwart von radioaktiver Strahlung, hohen Schadstoffkonzentrationen sowie bei Sauerstoffmangel. Dadurch keine Gefährdung von Einsatzpersonal. Integrierte Probenahme und Detektion von ABC-Kampf- und -Gefahrstoffen. Wahl der Einsatztaktik mittels dieser Messgeräte und der vorhandenenen Kamera inklusive Wärmebildgerät. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
TAUROB TRACKER: Gewicht: 60 kg (netto), Zulast: bis 25 kg, Steigleistung: 45°/35 cm, Geschwindigkeit: max. 8 km/h, Länge: 1 000 mm, max. Höhe: 1 500 mm, Breite: 580 mm, Hebekraft: 5 kg, Einsatzdauer 2 Std (Fahren) bzw. 10 Std (Messen), Funkreichweite: 400 m, Umweltbedingungen: -20°C
bis +60°C, IP 67.
Einsatz bei Einsturz- und Explosionsgefahr, in Gegenwart von radioaktiver Strahlung, hohen Schadstoffkonzentrationen sowie bei Sauerstoffmangel. Dadurch keine Gefährdung von Einsatzpersonal. Integrierte Probenahme und Detektion von ABC-Kampf- und -Gefahrstoffen. Wahl der Einsatztaktik mittels dieser Messgeräte und der vorhandenenen Kamera inklusive Wärmebildgerät. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)

Minenräumer (UGV) MV-4 und MV-10

Eine weitere Ergänzung der Fähigkeitsbandbreite der Pioniertruppe ist das UGV MV-4, das gemeinsam mit dem System MV-10 zum Minenräumen eingesetzt wird. Die Ursprungsidee des dabei zum Einsatz kommenden Minenflegels geht bereits auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Damals wurden alliierte M4-„Sherman"-Panzer mit Dreschflegeln (Crab Flail) ausgestattet, die derartig ausgerüstet erstmals bei der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 zum Einsatz kamen. Durch die mit hoher Geschwindigkeit auf einer rotierenden Walze angebrachten Eisenklöppel konnte eine Schneise durch ein Minenfeld geräumt werden. Die Minen wurden beim stumpfen Auftreffen ausgelöst und zur Explosion gebracht.

Diese Konstruktionsmerkmale sind beim MV-4 und MV-10 verwirklicht. Durch einen ferngesteuerten Einsatz wird der Schutz der Bedienungsmannschaft jedoch wesentlich erhöht. Durch eine umfangreiche Ausstattung mit Minenflegel, Räumschild, Roboterarm, Greif- und Schneidezange sowie Staplerzinken eignen sich die beiden UGVs optimal zur Zerstörung von Anti-Personen-Minen und sonstigen Kampfmitteln. MV-4 und MV-10 werden aktuell bei der Pioniertruppe des ÖBH eingesetzt. Hier leisten sie bereits bei der großflächigen Räumung von Bereichen auf den Übungsplätzen des ÖBH, die mit Kampfmitteln kontaminiert sind, unverzichtbare Dienste.

Fähigkeitsbereich Sustain

Feldladesystem (UGV) CRAYLER

Moderne Streitkräfte zeichnen sich durch eine hohe Verlege- und Durchhaltefähigkeit aus. Somit hat das rasche und kräftesparende Entladen von Nachschub- und Versorgungsgütern eine hohe Bedeutung. Der Schutz des eingesetzten Personals darf dabei nicht vernachlässigt werden. In diesem Zusammenhang sei an die Ausfälle von UN-Soldaten durch feindliche Scharfschützen in den Missionen der 1990er-Jahre auf dem Balkan verwiesen. So wurden beispielsweise auf dem Flughafen von Sarajewo, während der Belagerung der Stadt, französische UNPROFOR-Soldaten wiederholt Opfer von Scharfschützen während des Entladens von Versorgungs- und Hilfsgütern der internationalen Luftbrücke. Auf den von ihnen verwendeten Gabelstaplern waren sie dem Feuer der Scharfschützen schutzlos ausgesetzt.

Das UGV CRAYLER ist ein luftverlegbarer, allradgetriebener und fernlenkbarer Gabelstapler mit hoher Geländegängigkeit. Seine feine Sensorik ermöglicht die exakte Manipulation aller verfügbaren Ladegutklassen. Es kann von einer sicheren Deckung heraus bedient werden und ist somit für den Einsatz in einer Gefahrenzone ausgerichtet. Das UGV CRAYLER unterstützt das ÖBH bereits jetzt im Einsatz im In- und Ausland. Mit etwa zwei Tonnen Eigengewicht kann es relativ einfach im Lufttransport verlegt werden. Daraus resultierend, wird es als Fähigkeitsergänzung mit der C-130 „Hercules" in spezifischen Einsatzräumen verwendet – unabhängig davon, ob sein Einsatz bei einer Übung im Norden Norwegens oder während Versorgungsaufgaben in der Wüste Malis erfolgt.

Minenräumer MV-4: Länge: 4 460 mm, Breite: 2 015 mm, Höhe: 1 470 mm, Gewicht: 6 760 kg, Höchstgeschwindigkeit: 5 km/h, Schutz: HARDOX 450 Stahlpanzerung (Daten mit  Minenflegel). Einsatzbereiche: Vielseitiges, kompaktes, hochbewegliches, ferngesteuertes (bis 1 000 m) und mit verschiedenen Werkzeugen (Minenflegel, Räumschild, Roboterarm, Greif- und Schneidzange, Staplerzinken) ausrüstbares Kettenfahrzeug zur Zestörung von Anti-Personen-Minen (APM) und anderen Kampfmitteln. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Minenräumer MV-4: Länge: 4 460 mm, Breite: 2 015 mm, Höhe: 1 470 mm, Gewicht: 6 760 kg, Höchstgeschwindigkeit: 5 km/h, Schutz: HARDOX 450 Stahlpanzerung (Daten mit
Minenflegel). Einsatzbereiche: Vielseitiges, kompaktes, hochbewegliches, ferngesteuertes (bis 1 000 m) und mit verschiedenen Werkzeugen (Minenflegel, Räumschild, Roboterarm, Greif- und Schneidzange, Staplerzinken) ausrüstbares Kettenfahrzeug zur Zestörung von Anti-Personen-Minen (APM) und anderen Kampfmitteln. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Feldladesystem CRAYLER: Länge: 2 530 mm, Höhe: 965 mm, Breite: 1 820 mm, Gewicht: 2 200 kg, Höchstgeschwindigkeit: 6 km/h, Hubhöhe: 2 810 mm. Einsatzbereiche: Luftverlegbarer, allradgetriebener und fernlenkbarer Gabelstapler mit hoher Geländegängigkeit; kann aus sicherer Deckung bedient werden; bestens für Einsätze in Not- und Krisengebieten geeignet. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Feldladesystem CRAYLER: Länge: 2 530 mm, Höhe: 965 mm, Breite: 1 820 mm, Gewicht: 2 200 kg, Höchstgeschwindigkeit: 6 km/h, Hubhöhe: 2 810 mm.
Einsatzbereiche: Luftverlegbarer, allradgetriebener und fernlenkbarer Gabelstapler mit hoher Geländegängigkeit; kann aus sicherer Deckung bedient werden; bestens für Einsätze in Not- und Krisengebieten geeignet. (Foto: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)

Drohnenabwehrsystem (C-UAS) ELDRO

Bereits im Jahr 2004 machten israelische Soldaten eine unangenehme Entdeckung: Die Terrororganisation Hisbollah hatte damit begonnen, Mini-Drohnen zur Aufklärung einzusetzen. Innerhalb der folgenden 24 Monate wurde diese Fähigkeit ausgebaut. Im Jahr 2006 erfolgte die nächste Überraschung: Hisbollah-Kämpfer versuchten mit Sprengstoff bestückte Drohnen bei Angriffen gegen israelische Soldaten gezielt zu verwenden. Diese neuen Möglichkeiten blieben auch anderen Terrororganisationen nicht verborgen, und die rasanten technischen Entwicklungen der folgenden Jahre führten dazu, dass Mini-Drohnensysteme bald für jedermann erreich- und nutzbar wurden. Diese Taktik verbreitete sich rasch überregional unter terroristischen Gruppierungen, und so war es schließlich der Islamische Staat (IS), der damit begann, handelsübliche Mini-Drohnen in großem Umfang einzusetzen (siehe TD-Heft 4/2019: „Drones – the poor man´s airforce". Zuerst vorrangig zur Aufklärung möglicher Angriffsziele für (von Selbstmordattentätern gesteuerten) fahrende Autobomben (Suicide Vehicle Borne Improvised Explosive Device – SVBIED) eingesetzt, hatte man rasch noch innovativere Ideen entwickelt. So wurden von den IS-Kämpfern überaus erfolgreich kleine Sprengsätze aus handelsüblichen Drohnen abgeworfen bzw. ließ man mit Sprengstoff beladene Mini-Drohnen wie einst die japanischen Kamikaze auf Ziele stürzen.

Mittlerweile werden Drohnen unterschiedlicher Bauart und Größe in nahezu allen Konfliktgebieten eingesetzt, nicht nur in den Wüsten Libyens, Syriens, des Jemen oder des Iraks, sondern auch in den Bergen Kurdistans, des Kaukasus oder entlang der verhärteten Frontlinien in der Ukraine. In Kolumbien und Mexiko haben mittlerweile sogar Drogenkartelle damit begonnen, „Kamikaze"-Drohnen einzusetzen. Und es ist wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis die erste von Terroristen gesteuerte Drohne ein Fußballstadion oder eine Einrichtung der Kritischen Infrastruktur in vermeintlich sicheren Staaten ansteuern wird – in verbrecherischer Absicht und mit verheerender Wirkung. Drohnen eignen sich bereits jetzt in einem hohen Maße als Waffenträger, sei es durch das Mitführen von Luft-Boden-Waffen oder durch eine Beladung mit Sprengstoff. Drohnen für den Einsatz von chemischen oder biologischen Waffen zu verwenden, ist daher der zu erwartende nächste Schritt. Würde ein derartiger Einsatz gar in Schwarmform erfolgen, könnte dies katastrophale Auswirkungen haben.

Die Antwort auf diese Bedrohungen ist ein effizientes C-UAS-System. Das im ÖBH verwendete System ELDRO (Elektronische Drohnenabwehr) kann dieser Bedrohung entgegenwirken. Es ist in der Lage, mittels Elektronischer Kampfführung und Software, die durch Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt wird, eine rasche Detektion, Identifizierung und Abwehr von Drohnen mithilfe elektromagnetischer Energie durchzuführen. Um in der gesamten Bandbreite (und nicht nur gegen spezifische Systeme, wie jene des Herstellers DJI) wirksam zu werden, kommen mehrere hochsensible Antennen und unterschiedliche Störsysteme zum Einsatz. Somit kann ein zugewiesener Schutzbereich (z. B. ein Feldlager im Auslandseinsatz oder eine zivile Großveranstaltung) effektiv und lange geschützt werden. In Zukunft soll das System ELDRO strukturiert in einem Spezialverband des ÖBH zum Einsatz kommen (siehe TD-Heft 3/2019: „ELDRO – Elektronische Drohnenabwehr im Österreichischen Bundesheer").

Drohnenabwehr ELDRO: Ziel der Elektronischen Kampfführung zur Drohnenabwehr ist die Detektion, Identifizierung und Abwehr von Drohnen mithilfe von elektromagnetischer Energie. Hierfür stehen neben hochsensiblen Antennen unterschiedliche Störsysteme zur Verfügung. Das System ELDRO ist in der Lage, einen zugewiesenen Schutzbereich (z. B. ein Feldlager im Auslandseinsatz, eine militärische Großveranstaltung etc.) zuverlässig und ohne den Einsatz von kinetischer Energie zu überwachen und vor dem ungewollten Eindringen von Drohnen zu schützen.(Fotos: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)
Drohnenabwehr ELDRO: Ziel der Elektronischen Kampfführung zur Drohnenabwehr ist die Detektion, Identifizierung und Abwehr von Drohnen mithilfe von elektromagnetischer Energie. Hierfür stehen neben hochsensiblen Antennen unterschiedliche Störsysteme zur Verfügung.
Das System ELDRO ist in der Lage, einen zugewiesenen Schutzbereich (z. B. ein Feldlager im Auslandseinsatz, eine militärische Großveranstaltung etc.) zuverlässig und ohne den Einsatz von kinetischer Energie zu überwachen und vor dem ungewollten Eindringen von Drohnen zu schützen.(Fotos: Entwicklungsabteilung/TherMilAk)

Teilautonome Systeme im Bundesheer – Quo vadis?

Mit den im ÖBH derzeit in Erprobung und im Einsatz stehenden teilautonomen Systemen ist es möglich, erste wichtige Erfahrungen zu sammeln. Gerade Streitkräfte kleiner Staaten sind gefordert, die Entwicklung und den Einsatz teilautonomer unbemannter Systeme genau zu verfolgen und zu beobachten. Soweit möglich, und bei Bedarf im Rahmen von internationalen Kooperationen, sind entsprechende Systeme zu beschaffen. Die wesentlichste Fähigkeitsergänzung für das ÖBH erfolgt dabei mit der Möglichkeit, ein umfassendes Lagebild (Fähigkeit Inform) durch ein unbemanntes System zu Lande und in der Luft generieren zu können. So können Gefahren für eigene Kräfte erkannt bzw. ein möglicher unüberlegter eigener Waffeneinsatz vermieden werden. Weitere Ziele möglicher Beschaffungen sollten die Erhöhung des Eigenschutzes (Fähigkeit Protect) und der Durchhaltefähigkeit (Fähigkeit Sustain) der eingesetzten Soldaten sein. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Gefechtstechnik, Taktik, Operation und Strategie mittlerweile wesentlich von der Möglichkeit und dem tatsächlichen Einsatz von teilautonomen unbemannten Systemen abhängen.

In vielen Szenarien werden heute keinerlei Operationen mehr durchgeführt, wenn nicht zuvor ein Aufklärungsschirm durch unbemannte Systeme aufgebaut wurde. Dies gilt im Speziellen für den Einsatz von landgestützten Kräften. Sie sind den Einwirkungen des Gefechtsfeldes am direktesten ausgesetzt und bedürfen daher einer hohen Überwachung. So wird bei der EU-Trainingsmission EUTM in Mali jede eigene Bewegung und jedes Trainingsvorhaben durch Mini-Drohnen abgesichert. Sind diese nicht verfügbar, wird die Mission nicht durchgeführt. Beispielsweise waren nach einem schweren Doppel-SVBIED-Anschlag auf das EUTM-Trainingscamp eine Quadrocopter-Drohne und ein EOD-Roboter als „First Responder" am Anschlagort. Einer Zunahme von Drohneneinsätzen durch gegnerische Kräfte gegen EUTM musste hingegen mit einem umfangreichen C-UAS-Maßnahmenpaket begegnet werden.

Fazit

Ob beim Angriff auf ein definiertes Ziel in ungewisser Feindlage, bei einer Fußpatrouille durch eine unsichere Ortschaft oder bei der Durchführung eines Versorgungskonvois durch feindgefährdetes Gebiet – die Vorteile des Einsatzes einer Drohne, eines teilautonom operierenden Transportfahrzeuges oder eines Entschärfungsroboters liegen auf der Hand. Moderne Militäroperationen benötigen ein hohes Maß an Aufklärung und Überwachung. Daraus resultierend, sind in derartigen Operationen teilautonome unbemannte Systeme bereits eine Notwendigkeit geworden. Dazu zählt zunehmend auch der Einsatz teilautonomer Software in der Domain Cyber. Hier erfolgen gegnerische Angriffe (z. B. eine DDoS-Attacke über Bot-Netzwerke) in Lichtgeschwindigkeit, weshalb Abwehroperationen nur dann erfolgreich sein können, wenn sie mit einem hohen Autonomiegrad durchgeführt werden.

„Roadmap“ für teilautonome Systeme

Team Interessensgemeinschaft „Teilautonome Systeme im ÖBH" unter der Leitung von Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD; Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie; Forschungsschwerpunkt: Einsatz und Zukunft von unbemannten Waffensystemen.

 

Ihre Meinung

Meinungen (0)