• Veröffentlichungsdatum: 25.09.2020
  • – Letztes Update: 29.09.2020

  • 7 Min -
  • 1434 Wörter
  • - 5 Bilder

Staatsgeheimnis Nr. 1

Manuel Martinovic

(Symbolfoto: Pixabay, Archiv Martionvic; Montage: Keusch, Schobesberger)
(Symbolfoto: Pixabay, Archiv Martionvic; Montage: Keusch, Schobesberger)

Das geheime C-Waffen-Programm der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien

In der Zeit des Kalten Krieges errichtete die sozialistische Republik Jugoslawien bei Mostar eine Fabrik zur Herstellung chemischer Kampfstoffe. Diese Einrichtung und das gesamte C-Waffen-Programm waren streng geheim und hochbrisant. Offiziell war Jugoslawien ein Gegner chemischer Kampfstoffe und setzte sich für deren Verbot ein.

Die ersten chemischen Waffen kamen im Ersten Weltkrieg mit der österreichisch-ungarischen Armee in das Gebiet von Mostar. Die k.u.k.-Armee besaß – wie andere europäische Armeen im Ersten Weltkrieg auch – diese Massenvernichtungswaffen und setzte sie auch ein. Nach dem Ende des Weltkrieges 1918 und der Gründung Jugoslawiens wurden im militärtechnischen Institut in Obilicevo (bei Banja Luka) „Kriegsgifte“ hergestellt. Die Überlegungen der Jugoslawischen Streitkräfte nach dem Zweiten Weltkrieg lassen sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Letale C-Waffen sollten sowohl für offensive als auch defensive Kampfhandlungen innerhalb einer Operation eingesetzt werden. Konkret sollte der Kampfstoff Sarin für offensive und Senfgas für defensive Einsätze verwendet werden. Nicht-letale C-Waffen (Psychokampfstoffe oder Reizstoffe wie z. B. Tränengas) sollten defensive Kampfhandlungen, aber auch Hinterhalte und Angriffe unterstützen.

Ein Soldat der bosnisch-serbischen Streitkräfte während des Bosnienkrieges mit einer Reizstoff-Handgranate (li. mit der gelben Markierung). (Foto: Archiv Martinovic)
Ein Soldat der bosnisch-serbischen Streitkräfte während des Bosnienkrieges mit einer Reizstoff-Handgranate (li. mit der gelben Markierung). (Foto: Archiv Martinovic)

C-Waffen-Gegner mit geheimem C-Waffen-Programm

Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien unter Jozip Broz „Tito“ ächtete chemische Kampstoffe. Offiziell war der Staat ein Befürworter, Unterzeichner und Verfechter von internationalen Abkommen, die den Einsatz, die Herstellung und die Lagerung chemischer Waffen ächteten. Aus diesem Grund war das jugoslawische C-Waffen-Programm – inklusive aller taktischen Überlegungen, Leistungsparameter und technischen Daten, der dort entwickelten Produkte – eines der strengsten Staatsgeheimnisse. Selbst das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), das für viele Länder der Welt die genauesten Daten hinsichtlich militärischer Rüstung bereitstellt, erwähnte Jugoslawien nie als einen Staat, der an einem solchen Programm arbeiten würde.

Trotz der Ächtung von C-Waffen war deren Einsatz durch die Jugoslawische Volksarmee (JVA) in Ausnahmefällen sogar vorgesehen. Ein Beispiel dafür ist die Vergeltung nach der erfolgreichen Einnahme eines operativen oder strategischen Zieles durch einen Gegner. Konkrete (offizielle) Regeln für den Einsatz solcher Waffen gab es jedoch nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass der konkrete Einsatzbefehl zumindest von der operativen Führungsebene gekommen wäre und somit einem relativ kleinem Kreis von Kommandanten vorbehalten war. Eines war klar: all diese taktischen Überlegungen setzten das Vorhandensein von C-Waffen und das Umgehen internationaler C-Waffen-Übereinkommens (Vorläufer der im Jahr 1997 in Kraft getretenen Chemiewaffenkonvention) voraus. Da das im Widerspruch zur offiziellen Position des Staates stand, war die absolute Geheimhaltung dieser Pläne notwendig.

Um diese zu gewährleisten und dennoch den taktischen Einsatz mit C-Waffen lehren zu können, wurden in den Militärschulen der JVA nur ausländische Literatur und ausländische Daten hinsichtlich C-Waffen verwendet. Darüber hinaus stellte die JVA „Schul“-Chemikalien her. Für deren Verwendung gab es sogar konkrete Regeln und Anweisungen. Beispielsweise sollten sie gegen infiltrierte Gruppen, beim Durchsuchen von Gebäuden, bei Hinterhalten oder dem Unterdrücken von Massenunruhen eingesetzt werden können.

Der Einsatz von C-Kampfstoffen sollte mit speziellen Handgranaten, Gewehrgranaten, Rückensprühgeräten oder Rauchboxen erfolgen. Alle Kampfmittel, die mit Tränengas (CS) oder dem Psychokampfstoff BZ gefüllt waren, befanden sich unter Verschluss. Zusätzlich waren sie mit gelben Bändern versehen, die sie als chemische Ausbildungs- und Schulungsmittel kennzeichneten. Mit Reizstoffen gefüllte Kampfmittel wurden nicht nur bei der JVA verwendet. Unter anderem wurden sie an die Spezialeinheiten der Polizei (SUP) der Teilrepubliken sowie an jene des Bundes geliefert. Zum ersten Einsatz kamen sie durch die SUP in Form von CS-Tränengas im Jahr 1981 bei Unruhen im Kosovo, die dafür gehärtete Fahrzeuge mit Raucherzeugern hatte. Weitere Einsätze waren 1989, ebenfalls im Kosovo sowie zwischen 1990 und 1999 bei diversen Demonstrationen in Belgrad. Detail am Rande: Die Polizeieinheiten durften Tränengas legal verwenden, solange der Einsatz im eingeschränkten Rahmen zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit erfolgt. Für die Streitkräfte umfasst das C-Waffen-Verbot jedoch auch nicht-letale Kampfstoffe, wie beispielsweise Tränengas. (Anmerkung: Dieser Umstand ist vor allem nach der Unterzeichnung der internationalen Chemiewaffenkonvention relevant, die 1997 in Kraft trat und von „Rest-Jugoslawien“ im Jahr 2000 ratifiziert wurde.)

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass in den Militärschulen der JVA auch ausländische Offiziere ausgebildet wurden, beispielsweise aus dem Irak, Ägypten, Libyen, der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und anderen mehr. Interessant ist auch die Tatsache, dass diese Länder jugoslawische Schutzausrüstung verwendeten, wodurch die Gerüchte aufkamen, dass diese Staaten die JVA bei ihrem C-Waffen-Programm unterstützt hätten.

Ein Behälter für C-Handgranaten. (Foto: Manuel Martinovic)
Ein Behälter für C-Handgranaten. (Foto: Manuel Martinovic)
Die Schrift auf dem Behälter verrät, dass darin 12 Spezial-Handgranaten M79 AF-1 aufbewahrt wurden. (Foto: Manuel Martinovic)
Die Schrift auf dem Behälter verrät, dass darin 12 Spezial-Handgranaten M79 AF-1 aufbewahrt wurden. (Foto: Manuel Martinovic)

Produktion bei Mostar

Im Jahr 1958 wurde das Militärtechnische Institut in Mostar in Betrieb genommen. Das 52 Hektar große Gelände beim Dorf Potoci (etwa zehn Kilometer nördlich von Mostar) wurde ausgewählt, da es als günstig für die Geheimhaltung beurteilt wurde. Die Anlage war zur Synthese aller bekannten C-Kampfstoffe vorgesehen. Bis zur Schließung des Werks im Jahr 1992 wurden die folgenden Kriegsgifte hergestellt:

  • Sarin (Nervenkampfstoff; offizielle Bezeichnung: Methylfluorphosphonsäureisopropylester);
  • Senfgas (Hautkampfstoff; auch als Lost, Schwefellost, S-Lost, Gelbkreuz oder Yperit bekannt; offizielle Bezeichnung: Bis(2-chlorethyl)sulfid);
  • CS (Tränengas; offizielle Bezeichnung: 2-Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril);
  • BZ (Psychokampfstoff; führt unter anderem zu Unruhe, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Verwirrung, Halluzinationen, Angstzuständen oder Apathie; offizielle Bezeichung: 3-Chinuclidinylbenzilat);
  • Chlorpikrin (Lungenkampfstoff; auch als Grünkreuz, Aquinite oder PS bekannt).

Darüber hinaus gab es in der Anlage statische Experimente mit binärem Sarin und anderen binären C-Kampfstoffen. Bei binären Kampfstoffen (auch Zweikomponenten-Kampfstoff) werden zwei oder mehr relativ ungefährliche Substanzen voneinander getrennt in ein Geschoss gefüllt. Nach dem Abfeuern oder Aufschlagen vermischen sich diese Komponenten zum eigentlichen Kampfstoff, wobei teilweise auch Reaktionsbeschleuniger eingesetzt werden. Der Vorteil binärer Kampfstoffe ist deren erhöhte Handhabungssicherheit und Lagerfähigkeit.

Um die Produktion von Kriegsgiften in dem gewünschten Umfang durchzuführen, bestand die C-Wafffen-Fabrik in Potoci aus einer automatisierten Produktionsanlage, einem Synthese- und Analyselabor, ober- und unterirdischen Lagern, Räumen für die Zucht und Pflege von Versuchstieren sowie Werkstätten und Apotheken. Die Anlage war administrativ und entwicklungspolitisch mit dem Institut für technischen und medizinischen Schutz in Belgrad verbunden. Permanent waren dort 80 bis 120 Mitarbeiter beschäftigt, davon sechs bis zehn Ingenieure und zehn bis zwölf Techniker. Mit dem zwischen 1961 und 1969 produzierten Sarin und Senfgas wurden Granaten des Kalibers 152 mm und 155 mm befüllt. Mit diesen wurden Feldversuche im Bergland von Velež (etwa 15 km westlich von Mostar) oder dem Blidinje See (etwa 10 km westlich des Berges Cvrsnica im Dinarischen Gebirge) durchgeführt.

Von 1975 bis 1977 gab es in Potoci halbtechnische Projekte zur Herstellung des Tränengases CS. Im Zuge dessen gab es zwischen 1980 und 1984 auch ein Programm zur Herstellung des Psychokampfstoffes BZ und des Lungenkampfstoffes Chlorpikrin. Im Zuge dessen wurden neben den statischen Tests in Potoci auch dynamische Versuche am Krivolak-Testgelände in Mazedonien durchgeführt. In den Jahren 1988 und 1989 wurden Experimente mit binärem Sarin durchgeführt, da auch die Entwicklung binärer chemischer Waffen geplant war. Der nicht-letale Reizstoff CS (Tränengas), wurde ab 1974 anstelle des Reizstoffes CN (Chloracetophenon; ebenfalls ein Tränengas) in Kampfmittel bzw. Granaten eingefüllt. Die CS-Anlage in Potoci produzierte von 1978 bis 1989 mehr als 100 Tonnen dieses Reizstoffes, die an die Fabrik „M. Zakic“ in Krusevac (Serbien) geliefert und dort weiterverarbeitet wurden. Zum Aufsprühen des Kampfstoffes wurden Rauchboxen, Handgranaten, Rücken- und Luftsprühgeräte entwickelt.

Das Gelände in Potoci nordöstlich von Mostar, auf der einst die C-Waffen-Fabrik stand heute. (Foto: Manuel Martinovic)
Das Gelände in Potoci nordöstlich von Mostar, auf der einst die C-Waffen-Fabrik stand heute. (Foto: Manuel Martinovic)

„Jastrebac“-Programm

Das „Jastrebac“-Programm war ein großes C-Waffen-Testprojekt in den 1980er-Jahren mit umfassenden Experimenten an verschiedenen Waffen und anderen Trägern von C-Kampfstoffen. Im Zuge dessen wurden 122-mm- und 155-mm-Granaten, 128-mm-Raketen, BAD-100-Fliegerbomben (Luftrauchbomben) und Landminen getestet. Konkret wurden 122-mm-Granaten (Füllungen mit Sarin oder Senfgas), 128-mm-Raketen (Sarin-Füllung) und Fliegerbomben (Sarin-Füllung) erprobt, wobei die Tests mit der 122-mm-Granate am erfolgversprechendsten verliefen. Ein Ergebnis des „Jastrebac“-Programmes war die Errichtung einer Anlage für die Herstellung von „chemischer Munition“ in Jugoslawien von 1986 bis 1987.

Der Produktionsplan für den Zeitraum 1991 bis 1995 sah die Produktion und Lagerung von 4.800 mit Sarin und 1.000 mit S-Senfgas gefüllten 122-mm-Granaten vor. In der Nähe von Hadžici bei Sarajewo wurde ein Lagerhaus für die Lagerung der geplanten chemischen Munition gebaut. Zu diesem Zweck wurden 1988 und 1989 40 Tonnen von Vorläuferstoffen für die Herstellung von Sarin produziert. Anfang 1992 wurde die gesamte Menge nach Lucane (Serbien) zurückgegeben. Neben Sarin-Vorläuferstoffen wurden weitere Rohstoffe für die Synthese von Sarin und Senfgas abtransportiert. In „Unis“ Vogošca (fünf Kilometer nordwestlich von Sarajewo) wurden 122-mm-Granaten hergestellt und 1990 für den Transport nach Mostar vorbereitet.

Situation nach 1991

Die gesamte Fachliteratur und technische Dokumentation (Studien, Arbeitsbücher etc.) wurde im Juli 1991 von Potoci nach Belgrad gebracht. Am 1. Jänner 1992 wurde der Betrieb der Anlage, mit einer Entscheidung des Stabschefs der JVA, offiziell eingestellt. Unmittelbar danach (im Jänner und Februar 1992) demontierten Ingenieure und Techniker aus Belgrad die Fertigungsanlage und verlegten sie nach Lucani (Serbien). Während der Balkankriege der 1990er-Jahre kam es auch zum Einsatz von C-Waffen. Bestätigt sind ein Angriff unter Einsatz des Tränengases CS in Vukovar und des Psychokampfstoffes BZ bei Dubrovnik. Das Fabriksareal in Potoci stand bis zum Ende der 1990er-Jahre, dann wurde es von SFOR-Soldaten zerstört und eingeebnet. Heute zeugen nur noch ein paar Betonplatten und Fundamente von jener Anlage, die einst eines der bestgehütetsten Staatsgeheimnisse Jugoslawiens war.

zur Artikelserie

Manuel Martinovic ist Historiker und Jurist aus Mostar.

 

Ihre Meinung

Meinungen (0)