• Veröffentlichungsdatum: 02.09.2020

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Relikte in der Bastion des Kalten Krieges

Manuel Martinovic

(Foto: pixabay, Archiv Martinovic; Montage: Keusch, Schobesberger)
(Foto: pixabay, Archiv Martinovic; Montage: Keusch, Schobesberger)

Das ehemalige Jugoslawien war in der Zeit des Kalten Krieges ein blockfreier Staat zwischen Ost und West. Obwohl die sozialistische Republik ein kommunistisches Regime hatte, war sie kein Verbündeter der Sowjetunion, sondern dessen Gegner. Aus diesem Grund bereitete sich Jugoslawien auf eine militärische Bedrohung durch den Warschauer Pakt vor. Im Mittelpunkt der Überlegungen zur Verteidigung stand die damalige Teilrepublik Bosnien und Herzegowina. Aufgrund ihres verteidigungsgünstigen Geländes sollte sie zu einer Bastion im Falle einer militärischen Invasion werden.

Der Bruch zwischen der jugoslawischen Führung und der Sowjetunion im Jahr 1948 fand in der Anfangszeit des Kalten Krieges zwischen Ost und West statt. Tito widersetzte sich den Plänen Josef Stalins in Jugoslawien ein kommunistisches System nach Vorbild der Sowjetunion zu installieren, und wollte auch nicht zu einem Satellitenstaat Moskaus werden. Ab diesem Zeitpunkt war eine militärische Invasion Jugoslawiens durch die Sowjetunion bzw. ihrer Satellitenstaaten – wie sie 1956 in Ungarn oder 1968 in der Tschechoslowakei erfolgte – nicht mehr auszuschließen. Dieser Umstand zwang das kommunistische Regime in Jugoslawien sowohl wirtschaftlich als auch militärisch zu einer verstärkten Autarkie, zur Zusammenarbeit mit anderen blockfreien Staaten und zu einer Annäherung an den Westen.

Wie real und groß die Gefahr eines Krieges zwischen Ost und West damals beurteilt wurde zeigt die Unterstützung bzw. Zusammenarbeit des kommunistischen Tito-Jugoslawiens mit den USA. Beide Staaten fühlten sich – trotz ihrer unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Ideologien – miteinander verbunden. Angesichts der Bedrohung durch einen gemeinsamen Gegner waren beide Staaten an einer wirtschaftlichen, materiellen und militärischen Zusammenarbeit interessiert. Darüber hinaus kooperierte Jugoslawien ab 1954 mit den NATO-Mitgliedern Griechenland und Türkei in Form des Balkanpaktes.

Diese Kooperationen konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jugoslawien blockfrei und im Falle einer militärischen Auseinandersetzung – so wie die neutralen Staaten Österreich oder Schweiz – auf sich alleine gestellt war. Die jugoslawische Staatsführung beschloss deshalb die umfangreiche Entwicklung und Produktion eigener Waffen und militärischer Rüstungsgüter. Nach dieser strategischen Entscheidung wurden neue Produktionsanlagen errichtet und die bestehenden Anlagen renoviert, modernisiert und erweitert. Die Strategie, die darauf basierte sich auf die eigenen Kräfte und Einrichtungen zu verlassen und weitgehend autark zu sein, fand ihren Niederschlag in diversen Dokumenten für den bewaffneten Kampf, die zivile Vorbereitungen inkludierte.

Jugoslawiens Staatschef Josip Broz "Tito" im Weißen Haus mit US-Präsident Jimmy Carter und dessen Gattin im Jahr 1978. (Foto: US National Archives and Record Documentation/gemeinfrei)
Jugoslawiens Staatschef Josip Broz "Tito" im Weißen Haus mit US-Präsident Jimmy Carter und dessen Gattin im Jahr 1978. (Foto: US National Archives and Record Documentation/gemeinfrei)
Jugoslawiens Staatschef Josip Broz "Tito" mit Gattin Jovanka zu Gast bei US-Präsident Richard Nixon und dessen Gattin Patricia im Jahr 1971. (Foto: US National Archives and Record Documentation/gemeinfrei)
Jugoslawiens Staatschef Josip Broz "Tito" mit Gattin Jovanka zu Gast bei US-Präsident Richard Nixon und dessen Gattin Patricia im Jahr 1971. (Foto: US National Archives and Record Documentation/gemeinfrei)

20 Tage Widerstand

Die potenzielle Gefahr eines Angriffes durch die UdSSR bzw. des Warschauer Paktes wurde durch die gewaltsame Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1956 bzw. des Prager Frühlings 1968 unterstrichen. Aber auch die militärische Intervention der UdSSR in Afghanistan 1979 wurde als Bedrohung empfunden, sowie die Tatsache, dass ein großer Panzerverband und ein mechanisierter sowjetischer Großverband permanent östlich des Plattensees in Ungarn stationiert waren. Diese Kräfte hätten theoretisch in nur zwölf Stunden nach einer Alarmierung an der Grenze Jugoslawiens stehen können.

Im Flachland Ostslawoniens (Kroatien) oder der Vojvodina (Serbien) hätte die Jugoslawische Volksarmee (JVA) die materiell deutlich überlegenen mechanisierten Truppen des Warschauer Paktes nicht lange aufhalten können. In dem gebirgigen, schwer gangbaren und dadurch relativ einfach zu verteidigenden Bosnien und Herzegowina sah die Situation jedoch anders aus. Diese Teilrepublik sollte deshalb zu einer „Bastion“ werden, in der Jugoslawien bis zum Eingreifen der NATO verteidigt werden sollte. Das für mechanisierte Verbände ohnehin schwer gängige Gelände sollte mit dem Bau einer umfangreichen militärischen Infrastruktur zusätzlich verstärkt werden.

Darüber hinaus wurden dort Lagerhäuser, Flughäfen, Munitionslager, Kommandoposten, Kommunikationseinrichtungen sowie geheime militärische Anlagen – viele davon unterirdisch – errichtet. Aber nicht nur Verteidigungsanlagen, auch der größte Teil der möglichst autarken jugoslawischen Militärindustrie wurde ab den 1950er-Jahren fast ausschließlich in Bosnien und Herzegowina errichtet. Damit sollte selbst im Falle eines Angriffes die Produktion von militärischen Gütern möglichst lange sichergestellt werden.

Die Verteidigung Jugoslawien sollte nicht nur am Boden, sondern auch in der Luft erfolgen. Konkret sollte die Jugoslawische Luftwaffe bei einem Angriff des Warschauer Paktes 20 Tage lang einsatzfähig sein. Danach wäre sie – so die Annahme – vollständig erschöpft gewesen und die NATO-Truppen hätten die Jugoslawischen Luftstreitkräfte in der Einsatzführung ablösen sollen. Aufgrund dieser Überlegungen – für deren Bestätigung es keine NATO-Dokumente gibt – wurden entlang der Adriaküste eine Kette von Militärflughäfen sowie unterirdische Flugzeugbunker erbaut.

Angetretene Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
Angetretene Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee. (Foto: unbekannt/gemeinfrei)
US-Jeep bei einer Parade der Jugoslawischen Volksarmee in den 1960er Jahren. (Foto: Danilo Skofic/gemeinfrei)
US Jeep bei einer Parade der Jugoslawischen Volksarmee in den 1960er Jahren. (Foto: Danilo Skofic/gemeinfrei)
US-Jagdpanzer M36 "Jackson" auf einem Transporter der Jugoslawischen Volksarmee. (Foto: Joze Gal/gemeinfrei)
US-Jagdpanzer M36 "Jackson" auf einem Transporter der Jugoslawischen Volksarmee. (Foto: Joze Gal/gemeinfrei)
US "Sherman"-Panzer bei einer Parade der Jugoslawischen Volksarmee in den 1960er Jahren. (Foto: Danilo Skofic/gemeinfrei)
US "Sherman"-Panzer bei einer Parade der Jugoslawischen Volksarmee in den 1960er Jahren. (Foto: Danilo Skofic/gemeinfrei)

Bosnien und Herzegowina – die „Bastion“

Der Begriff „Bastion“ wurde auch armeeintern verwendet, nachdem beschlossen wurde, die bestehende Luftfahrtindustrie aus der Nähe von Belgrad nach Mostar zu verlegen und neue Kapazitäten für die Militärindustrie in Bosnien und Herzegowina aufzubauen. Später sollte der Begriff „Bastion“ ausdrücken, dass es sich dabei um die letzte Verteidigungslinie bzw. -zone handelte, bevor NATO-Truppen der Jugoslawischen Volksarmee zu Hilfe eilen würden. Wie weit diese Überlegungen realtistisch waren, darf aus heutiger Sicht bezweifelt werden. Fakt ist, dass die Ebenen der Vojvodina und Slawoniens bei einem Angriff starker Panzerkräfte des Warschauer Paktes nur zeitlich begrenzt verteitigt werden konnten.

Geheime Militäreinrichtungen der Bastion

Aufgrund der erörterten Überlegungen gab es in Bosnien und Herzegowina eine Vielzahl geheimer und häufig unterirdischer Militäranlagen der Jugoslawischen Volksarmee. Die imposantesten Beispiele sind:

- der Flugzeugbunker „Buna“ am Militärflughafen Ortiješ bei Mostar;

- die Flugzeugkavernen von „Željava“ bei Bihac;

- der „Titobunker“ bei Konjic (offizielle Bezeichnung Objekt D-0 oder ARK/Atomska ratna komanda - Armee-Atomkriegs-Führungseinrichtung);

- der Kommandobunker in Han Pijesak.

Darüber hinaus gab es einen unterirdischen Kommandoposten beim Flughafen „Gubavica“ bei Mostar, unterirdische Treibstofflager in Raštani nördlich von Mostar, Kommunikationseinrichtungen in Borašnica, Kleke, Kiser, Zlatar, Velež oder Plocno oder eine unterirdische Munitionsfabrik bei Konjic. Aber nicht nur unter Tage gab es geheime Anlagen. Ein Beispiel dafür ist die Fabrik zur Herstellung von chemischen Kampfstoffen in Potoci bei Mostar. Sie war ein Staatsgeheimnis ersten Ranges, von dem bis heute nur wenige wissen. Neben diesen rein militärischen Anlagen gibt es auch zivile Einrichtungen, die vom Kalten Krieg in Jugoslawien zeugen, wie den Atombunker im Grand Hotel Neum im Badeort Neum an der Adria.

Geschichte der Militäranlagen in Bosnien und Herzegowina

Befestigungsanlagen sind in der Herzegowina seit illyrischen Zeiten nachweisbar. Vor allem im Mittelalter wurden zahlreiche militärische Anlagen errichtet. Beispiele dafür sind die heute noch erhaltenen antiken Bauwerke in Daorson, die frühmittelalterliche Befestigungen in Zvonigrad, die Festungen von Herzog Stjepan Vukcic Kosaca bei Blagaj und Ljubuški, oder die beiden Festungstürme in Mostar (bei der alten Brücke) aus der Osmanischen Zeit. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft errichtete die k.u.k. Armee zahlreiche Verteidigungsanlagen in Bosnien und Herzegowina, beispielsweise in Trebinje, Bileca, Avtovac, Mostar, Sarajewo oder Kalinovik. Der militärische Festungsbau wurde im Königreich Jugoslawien vor dem Zweiten Weltkrieg in geringerem Maße fortgesetzt. Während des Zweiten Weltkrieges wurden von den Deutschen und Italienern erneut zahlreiche militärische Bauvorhaben in ihrer Besatzungszone vorgenommen. All diese Befestigungen wurden größtenteils oberirdisch errichtet. Das sollte sich mit dem Auftauchen von Atomwaffen mit ihrer gewaltigen Zerstörungskraft jedoch grundlegend verändern. Vor allem zu Beginn des Kalten Krieges erfolgte die Errichtung unterirdischer und luftdichter Anlagen. Deren Panzertüren und Filterlüftungsvorrichtungen sollten das Eindringen von Strahlung, chemischen Kampfstoffen oder biologischen Krankheitserregern verhindern.

Innenaufnahme der unterirdischen Einrichtung des Militärflughafens Zeljava. (Foto: Ballota/CC BY-SA 4.0)
Innenaufnahme der unterirdischen Einrichtung des Militärflughafens Zeljava. (Foto: Ballota/CC BY-SA 4.0)

Faszination Kalter Krieg

Drei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges wirkt diese Zeit wie eine Paranoia, die hinter der Menschheit liegt. Starke Investitionen in die Streitkräfte, der Auf- und Ausbau einer leistungsfähigen Militärindustrie, der mögliche Einsatz von chemischen oder biologischen Kampfmitteln und Massenvernichtungswaffen, vor allem aber die Angst vor einem Atomkrieg und der damit verbundenen apokalyptischen Weltzerstörung kennzeichnen diese Epoche im Rückblick. Diese blieb offiziell friedlich, wenngleich der latent kriegerische Charakter und die damit verbundene Gefahr eines Atomkrieges immer wieder greifbar waren – beispielsweise während der Kuba-Krise – und die damalige Sicherheitspolitik prägten.

Die militärischen Vorbereitungen waren damals – nicht nur in Jugoslawien – streng geheim. Nur ein kleiner Kreis wusste von den militärischen Anstrengungen, die von den jeweiligen Staaten unternommen wurden, um für diesen Krieg vorbereitet zu sein, in dem es – zumindest in Europa – zu keinen kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Diese geheimnisvolle Aura ist ebenfalls ein Grund, warum viele Menschen heute an dieser Epoche interessiert sind, in der manche von ihnen noch Kinder oder Jugendliche waren. Vor allem die gewaltigen militärischen Objekte vermitteln ein besonderes Gefühl aus Beklemmung, aufgrund der allgegenwärtigen Gefahr, Bewunderung, wegen der Gründlichkeit der Vorbereitung und Erleichterung, dass der Kalte Krieg nie „heiß“ wurde.

In den Nachfolgestaaten Jugoslawiens werden – so wie in anderen Staaten auch – heute nur noch wenige Objekte aus dieser Zeit genutzt, da sie nicht mehr in das aktuelle Bedrohungsbild passen. Dadurch sind sie häufig verwahrlost und verfallen zusehends. Selbst in den Kriegen der 1990er-Jahren wurden sie kaum genutzt, jedoch teilweise zum Ziel von Angriffen und deshalb beschädigt oder zerstört. Heute dienen sie mitunter als Sekundärrohstoffquellen, wodurch ihre Zerstörung und ihr Verfall voranschreiten. Manche Einrichtungen können besichtigt werden. Beispiele dafür sind der ehemalige „Titobunker“, in dem es auch Führungen gibt, oder die verwaiste Flugzeugkaverne „Buna“ bei Mostar, die betreten werden kann. Andere Orte, beispielsweise der Kommandobunker in Han Pijesak sollten auf Grund der nach wie vor hohen Minengefahr in Bosnien und Herzegowina jedoch unbedingt gemieden werden.

Manuel Martinovic ist Jurist und Militärhistoriker.

 

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