• Veröffentlichungsdatum: 02.07.2021

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Schießen wie Sylvia Steiner

Gerold Keusch, Anna Hlawatsch

Heeressportlerin Sylvia Steiner wird seit dem Beginn ihrer Karriere von ihrem Vater Franz trainiert. Der Vizeleutnant i. R. ist selbst begeisterter Sportschütze. Auch ohne auf die Zielscheibe zu blicken, weiß er, ob der Schuss, den Sylvia gerade abgefeuert hat, ins „Schwarze“ getroffen hat. Im Gespräch mit dem TRUPPENDIENST gibt er Tipps für den perfekten Schuss.

Zum Artikel „Ich will an die Spitze“

Franz Steiner kam im Alter von 26 Jahren durch einen Freund zum Luftpistolen-Schießen. „Ich war damals für einen Schützen eigentlich bereits im ‚hohen Alter‘. Aus diesem Grund war das Erlernen der korrekten Schießtechnik eine ziemliche Herausforderung für mich“. 

1996 beschloss er Trainer zu werden. „Damals erhielt ich die Chance, die Trainerausbildung zu absolvieren. Nur wenige Schützen machen diese Ausbildung, da sie lieber selber schießen, als andere zu trainieren. Außerdem ist als Trainer die eigene Karriere schlagartig vorbei. Das galt auch für mich. Einerseits weil ich stundenlang Kinder und Jugendliche trainierte und keine Zeit für mein Schießtraining blieb, andererseits weil ich keinen Trainer hatte, der mich korrigieren hätte können.“ Tochter Sylvia war damals noch sehr jung und hatte gerade mit dem Schießtraining begonnen. Für Vater Franz war klar: „Wenn sie die richtige Schießtechnik in diesem Alter sauber erlernt, könnte sie eine erfolgreiche Karriere als Schützin haben.“

Besonderes Augenmerk legt der Salzburger auf eine exakte Schießtechnik. „Die meisten meiner Kollegen finden, dass ich zu streng bin, was die Technik anbelangt. Aber ohne saubere Technik wird man als Schütze niemals eine Topplatzierung erreichen.“ Steiner ist davon überzeugt, dass trotz – oder gerade wegen – der hohen Qualität moderner Wettkampfwaffen, das Beherrschen einer sauberen Technik der Schlüssel zum Sieg am Schießplatz ist. „Ich achte nicht auf den tatsächlichen Schuss, sondern auf die Punkte, die für diesen notwendig sind. Ich beobachte die Position der Waffe, die Atmung des Schützen, sein Abzugsverhalten und die generelle Waffenhandhabung. Wenn diese Komponenten stimmig sind, ist der Schuss sauber. Eine kleine Unaufmerksamkeit reicht aus, um nicht mehr ins Schwarze zu treffen.“ Wie wichtig das ist, zeigen vor allem internationale Bewerbe, bei denen viele sehr gute und talentierte Schützen aufeinandertreffen. „Bei den Männern sind die Topplatzierten manchmal erst 21 Jahre alt, mit 25 bis 28 Jahren ist das Zeitfenster für das Erreichen der Weltspitze bereits geschlossen und viele beenden ihre Karriere. An der Spitze können sich nur jene behaupten, die die Technik beherrschen.“

Körper- und Kopfhaltung

Für den idealen Schuss ist die korrekte Körperhaltung entscheidend. „Ich achte besonders auf die Fußstellung. Diese beträgt beim Sportschießen im Idealfall eine Position im 45°-Winkel zur Feuerlinie. Gleichzeitig müssen die Füße mit der Hüfte und den Schultern eine Linie bilden.“ Bereits ein kleiner Fehler bei der Position des Körpers kann das Schießergebnis gravierend beeinflussen und der Schuss liegt zu weit rechts oder links. Aber auch die Position des Kopfes ist wichtig: „Die Nasenspitze muss in Richtung Zielscheibe zeigen. Ist das nicht möglich, muss die Position der Füße verändert werden, bis sie auf die Zielscheibe zeigt.“ Das ist vor allem für eine durchgehend hohe Konzentration während der 75-minütigen Wettkämpfe entscheidend, denn „das Auge wird weniger belastet, wenn die Nasenspitze auf die Zielscheibe zeigt. Darauf stellen sich auch die Augen ein und erreichen die richtige Sehschärfe, ohne zu ermüden. Bei einer schlechten Kopfhaltung ist man bereits bei der Hälfte des Wettkampfes müde. Viele Schützen wundern sich, warum ihre Schießleistung im Laufe des Wettkampfes schlechter wird. Dafür ist häufig eine ungünstige Position des Kopfes verantwortlich. Diesen Fehler kann man leicht vermeiden, in dem man immer wieder seine Körperhaltung kontrolliert.“

Waffengriff

Hier sind zwei Aspekte zu berücksichtigen. Erstens das Festhalten der Waffen durch Umgreifen des Griffstückes und zweitens die passende Ausführung des Griffstückes, den physischen Waffengriff, „Bin ich in der Aufwärtsbewegung und umgreife die Waffe, darf ich das Handgelenk nicht drehen. Das Handgelenk und die Schultern sollen eine Linie bilden. Der Schütze muss zu jeder Zeit durch das Visier blicken können – dann ist er im richtigen Anschlag.“ Die Voraussetzung dazu ist die korrekte Schießposition.

Beim Pistolengriff – der Verbindung zwischen dem Sportler und seinem „Sportgerät“ – soll die Waffe mit der Hand „verschmelzen“. Aus diesem Grund wird er so lange nachjustiert, bis er so gut wie möglich passt. „Die perfekte Abstimmung dauert mehrere Monate und erfordert viel Geduld.“ Beim Anfertigen des Waffengriffs rät Steiner von Selbstversuchen ab. Hier empfiehlt er, auf das Wissen und die Erfahrung von Fachleuten zu vertrauen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Innere Ruhe

Werden Fußstellung, Körper- und Kopfhaltung beachtet und liegt die Waffe mit dem idealen Griff richtig in der Hand (äußerer Anschlag), hängt das Schießergebnis nur noch vom „inneren Anschlag“ ab. „Nun liegt es am Schützen, ob er trifft. Dieser muss für den Schuss bereit sein und seinen Körper optimal im Gleichgewicht halten. Beim idealen Schuss ist die Hüfte etwa fünf Zentimeter bauchseitig ausgedreht. Die Knie werden leicht nach hinten gedreht, wodurch die Muskeln locker bleiben und das Gewicht auf den Fersen liegt. Der Oberkörper befindet sich im ausgeatmeten Zustand und die Schulter ist locker.“ Vor dem Abfeuern geht der Schütze den kompletten Ablauf noch einmal im Geist durch. „Diese Phase wird als Auftaktphase bezeichnet. Der Schütze schafft durch die Simulation des Bewegungsablaufs ideale mentale und körperliche Voraussetzungen für die Schussabgabe. Dabei achtet er auf seine Haltung, Atmung und innere Ruhe.“

Atmung

Die Atmung beeinflusst die innere Ruhe. Die meisten Schützen verwenden die Doppelatmung (auch Zweifachatmung): „Beim ersten Einatmen hebt der Schütze die Pistole auf, da sie währenddessen am leichtesten zu heben ist. Danach richtet er sie in der richtigen vertikalen Achse grob über das Ziel und atmet aus, wobei er die Waffe absenkt. Nun atmet er ruhig durch den Bauch ein und hebt dabei die Waffe noch ein wenig. Beim Ausatmen bringt er die Waffe in die richtige Position, und versucht solange auszuatmen bis nur noch ca. 1/8 der eingeatmeten Luft in der Lunge ist.“ Das ist der optimale Zeitpunkt, um den Schuss abzugeben.

Abzugsverhalten

Ist der Schütze in der idealen Position und hat seine innere Ruhe gefunden, ist das Abzugsverhalten zu beachten. Franz Steiner ist überzeugt: „Das ist sicherlich der sensibelste Schritt. Die Fehlerquote liegt etwa bei 80 Prozent. Vor allem bei den Dienstwaffen (Pistole 80/Glock 17; Anm.) ist der Abzug mit einem Abzugsgewicht von 2,5 kg sehr schwer. Eigentlich weiß man nie genau, wann der Schuss bei der Pistole 80 wirklich bricht.“ Luft- und Sportpistolen sind sensibler eingestellt. Bei der Luftpistole liegt das Abzugsgewicht bei etwa 500 g mit einem Vorzugsgewicht von 380 bis 400 g und der Abzugsweg ist von 0 bis 3 mm individuell justierbar. „Wenn der Schütze den Abzug betätigt, überwindet er zuerst den Vorzugswiderstand und erreicht schließlich den Druckpunkt. Wenn er den Abzugsfinger weiter beugt überwindet er das restliche Abzugsgewicht – hier etwa 100 g – und der Schuss bricht.“  Bei der Sportpistole beträgt das Vorzugsgewicht etwa 700 bis 800 g und der Druckpunkt liegt bei 800g.

Beim richtigen Abfeuern ist neben dem ruhigen Abziehen auch der Blick durch das Visier und die Atmung entscheidend. „Das Auge liegt auf dem Visier, die beiden Lichthöfe (Spalt links bzw. rechts vom Korn zur Kimme) müssen gleich breit sein und die Oberkanten von Kimme und Korn eine Linie bilden. Jetzt startet die zweite Atmung. Dabei verweilt ein guter Schütze bei 20 g, die zum Brechen des Schusses fehlen, ein sehr guter Schütze bei etwa 10 g und ein Top-Athlet sogar unter 5 g. Währenddessen hat der Schütze das Ziel stets im Visier.“

Analyse

Der Schuss ist abgefeuert, aber die Waffe bleibt im Anschlag. Das „Nachhalten“ bietet die Möglichkeit zur Analyse. „Noch bevor ich den Blick von der Visierung löse und auf Monitor oder Scheibe blicke, analysiere ich, ob es Abweichungen von der Ideallinie gibt und schätze, wo der Schuss auf der Scheibe sein wird. Danach überprüfe ich meine Einschätzung. Beherrscht ein Schütze den optimalen Ablauf von der Schießposition bis zum Abfeuern und Nachhalten, ist die Basis für ein gutes Trefferbild und vor allem einer stetigen Verbesserung der Schießleistung gelegt.“ Die Nachkontrolle kann auch elektronisch durch Messplatten am Abzugszüngel erfolgen. Das gilt auch für den Bewegungsablauf. Dieser kann durch moderne Schieß-Simulatoren relativ einfach und genau aufgezeichnet sowie analysiert werden. „Gleich zu Beginn des Trainings sollte der Trainer dem Schützen die ideale Schießposition zeigen. Nach ein paar Monaten sollte diese mit technischen Hilfsmitteln überprüft werden. Dadurch lassen sich sowohl Verbesserungen als auch Verschlechterungen feststellen.“ Ein gutes Mittel, um die Schießtechnik zu verbessern ist das Trocken-Training. Dabei kann man eine Phase des Schießablaufes, beispielsweise das Abzugstraining, herauspicken und perfektionieren.

Auch jenseits des Leistungssports ist Franz Steiner davon überzeugt, dass das Präzisionsschießen für das Verbessern der Schießleistung eine unabdingbare Voraussetzung ist. „Das dynamische Schießen mit der Glock ist nicht ideal für Kurzdistanzen. Auf eine Entfernung von fünf Meter trifft man ein Ziel beinahe immer, wenn man grob über die Waffe visiert und abzieht – also dynamisch schießt. Ab einer Distanz von etwa 15 m geht das nicht mehr, wenn man gut und sicher treffen möchte. Nun ist Präzision gefragt. Aus diesem Grund sollte auch in der militärischen Ausbildung das Präzisionsschießen einen höheren Stellenwert haben und auch Gefechts- und Schnellschützen‘ immer wieder das Präzisionsschießen trainieren.“

Fazit

Schießen ist ein Präzisionssport. Disziplin, Konzentration und Ruhe sind genauso Voraussetzung, um ein guter Schütze zu werden wie jahrelanges Training mit der damit verbundenen Willensstärke, Konsequenz und Ausdauer. Die meisten Punkte im Wettkampf erzielt der Schütze, der die komplexen Abläufe des Schießens am besten beherrscht und in der stressigen Situation des Wettkampfes ruhig bleibt. Die Basis, um die Summe der Kleinigkeiten in einen Sieg am Schießplatz zu verwandeln, bildet das Techniktraining.

Zum Artikel „Ich will an die Spitze“

Hofrat Gerold Keusch, BA ist Leiter Online-Medien beim TRUPPENDIENST.
Mag. Anna Hlawatsch ist Redakteurin beim TRUPPENDIENST.

 

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