• Veröffentlichungsdatum: 01.12.2021
  • – Letztes Update: 06.12.2021

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Österreichs Generäle 1919-1955

Gerold Keusch

Im Oktober 2021 erschien ein Werk mit vier Bänden, das die Generäle der Ersten und Zweiten Republik zwischen 1918 bis 1955 thematisiert. Dieses gibt einen Einblick in eine beinahe vergessene Epoche, erzählt die Biographien der militärischen Führungselite von fünf Jahrzehnten und bietet bisher unbekannte Informationen.

Die Daten hinter dem Buchprojekt, das am 13. Oktober 2021 in der Wiener Stiftkaserne präsentiert wurde, sind beeindruckend. So resultierte die Sichtung von etwa 15.000 Akten in: 2.500 Buchseiten, 4,5 kg Lesematerial, mehr als 100.000 Fakten, einem Datenvolumen von über einem Terrabyte und etwa 15.000 Fußnoten für die weitere Forschung. Insgesamt werden in diesem – nicht nur aufgrund seines Gewichtes – schwerwiegenden Werkes 1.172 (!) österreichische Generalsränge im Zeitraum zwischen der Gründung der Ersten Republik 1918 und dem Staatsvertrag 1955 dargestellt.
 

Von der Datenbank zum Buchprojekt

Der Antrieb der Autorengemeinschaft Christian Frech, Markus Pichler, Peter Steiner und Iakovos Vlachos war Neugierde. Als das Projekt im Jahr 2012 startete, sollte eine Datenbank entstehen. In dieser sollten die vielen Mosaiksteine dieses Themas zu einem größeren Ganzen verschmelzen. Dass dieses Vorhaben aufwendig sei, war den Beteiligten rasch klar, die Dimension verblüffte sie dennoch. Das begann bereits bei der Quellensuche, wo neben Grundbuchblättern und Dienstbeurteilungen auch Material der Präsidentschaftskanzlei, die Protokolle der Muff-Kommission, Mitgliederlisten des „Nationalsozialistischen Soldatenringes“, Daten des österreichischen Staatsarchives und ausländischer Archive sowie zusätzliche Quellen verwendet wurden. Erwähnenswert sind die Reichskommissionsblätter, mit denen die Datenlücke von 1919 bis 1921 geschlossen werden konnte.

Trotz ihrer intensiven Arbeit und akribischen Quellensuche sind die Autoren überzeugt, dass sie bei weitem noch nicht alle Daten erheben konnten. Dieser Umstand ist jedoch jedem Forscher bekannt, genauso wie der „Zwang“ zeitnah Ergebnisse zu publizieren, um sie dem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Aufgrund der gewaltigen Datenmenge und der zigtausenden Arbeitsstunden, die die Autorengemeinschaft investierte, wollte man sich nicht mit einer Datenbank begnügen, sondern ein Druckwerk schaffen. Das Ergebnis ist das vorliegende vierbändige Werk, das im Wiener Verlag Militaria erschien.
 

Fakten, Biographien und Erkenntnisse

Das Werk ist trotz der Fülle an Informationen keine Bleiwüste in der Zahlen, Daten und Fakten nüchtern präsentiert werden. Vielmehr werden die Biographien der Generäle dargestellt und damit ihre Herkunft, die sozialen, persönlichen und familiären Verhältnisse beschrieben. Drei der vier Bände widmen sich den Geschichten der „Protagonisten“ des Gesamtwerkes, in der auch ihre Laufbahn, mit Ausbildungen, Verwendungen und Auszeichnungen dargestellt werden. Der vierte Band (Begleit- und Kommentarband) widmet sich dem historischen Kontext, gibt einen Überblick zu allgemeinen Bereichen (Offiziersausbildung, Dienstverhältnis, Besoldung, Uniformierung etc.) und bietet zahlreiche Statistiken.

Diese Betrachtung offenbart interessante Details: So rekrutierte sich die damalige militärische Führungselite nicht nur aus der Oberschicht, sondern auch aus Söhnen von Knechten oder Tagelöhnern, obwohl man der k.u.k.-Epoche keine große soziale Durchlässigkeit nach oben zuschreibt. Die Rekrutierung, Sozialisierung und Prägung während der Monarchie resultierte wohl in dem Umstand, dass viele Generäle Gegner der Nationalsozialisten waren. Das hatte zur Folge, dass mehr Generäle in einem Konzentrationslager als an der Front starben. Andere entwickelten wiederum eine Affinität zum Nationalsozialismus, der den Militarismus und auch den Soldaten- bzw. Offiziersstand unterstützte, der zur Realisierung der außenpolitischen Ziele benötigt wurde.

Vor allem in Österreich waren die Offiziere nach 1918 mit einem eklatanten sozialen Abstieg konfrontiert. Bis zum Zusammenbruch der k.u.k.-Monarchie waren sie eine wesentliche Stütze des Staates und gegenüber anderen Personengruppen privilegiert. Danach wurden sie marginalisiert und zum „Klotz am Bein“ der jungen Ersten Republik. Nicht wenige Offiziere sahen in dem Anschluss und der damit verbundenen NS-Herrschaft eine Möglichkeit, um gesellschaftlich erneut aufzusteigen. Viele, vor allem ältere Offiziere, hatten jedoch keine Vorteile vom Anschluss. Sie waren zu alt, um in die Wehrmacht übernommen zu werden. Andere (Böhme, Löhr, Rendulic etc.) erhielten jedoch hohe Verwendungen, wenngleich manche Generalslaufbahn – aufgrund ihrer oft wenig soldatischen Handlungen im Zweiten Weltkrieg – vor einem alliierten Kriegsgericht endete.

Unter den in dem Werk beschriebenen Personen befinden sich auch „Generalsexoten“ aus der Polizei, Gendarmerie, Feuerwehr oder der Militärverwaltung. Eine Besonderheit sind die Admiräle, die in den 1920er-Jahren – als Österreich keinen Meereszugang mehr hatte – in diesen Rang befördert wurden. Der Hintergrund ist ein typisch österreichischer. Die Armee war für den Kleinstaat Österreich zu groß, weshalb tausende Offiziere (etwa 500 davon im Generalsrang) entlassen werden mussten. Um sie abzufertigen oder ihnen eine standesgemäße Pension zu ermöglichen gab es jedoch in dem von großer wirtschaftlicher Not gezeichneten Staat kein Geld. Eine Lösung, um die Offiziere zu beruhigen war es sie zu befördern – bis in das Jahr 1926 sogar zu Admirälen.
 

Fazit

Österreichs Generäle 1919-1955 ist mehr als ein Buch. Es ist ein militärhistorisches Standardwerk, in dem eine beinahe zehnjährige fundiert-gezielte Forschungsarbeit eingeflossen ist. Somit ist es nicht nur zum Lesen geeignet, sondern ein qualitativ hochwertiges Nachschlagwerk und Quelle für eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung und Forschung. Aus diesem Grund verdient es einen festen Platz in den Regalen von Bibliotheken, Universitäten und Forschungsstellen sowie militärhistorisch Interessierten.

Hofrat Gerold Keusch, BA MA ist Leiter Online-Medien der Redaktion TRUPPENDIENST.

 

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