• Veröffentlichungsdatum: 23.11.2021
  • – Letztes Update: 24.11.2021

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Luftfahrtmuseum Belgrad

Michael Ellenbogen

Auf dem internationalen Flughafen „Nikola Tesla“ in Belgrad sticht ein futuristisch wirkender Rundbau heraus, der an eine „Fliegende Untertasse“ erinnert. In diesem, vom serbischen Architekten Ivan Straus entworfenen Gebäude, befindet sich das Luftfahrtmuseum der Republik Serbien. Der Bau dieses außergewöhnlichen Objektes begann im Jahr 1969 – 20 Jahre später wurde das Museum eröffnet. Die ausgestellten Exponate erlauben eine Zeitreise in die mittlerweile 109-jährige Geschichte der serbischen Luftstreitkräfte. Meistens sind Museen, wo flugtechnische Ausstellungsstücke präsentiert werden, in Hangars untergebracht. In Belgrad ist das anders. Dort ermöglicht der kreisförmige Grundriss des Hauses eine einfache Besichtigung der chronologisch angeordneten Sammlung. Das architektonisch einzigartige Bauwerk ist seit dem Jahr 2013 ein Kulturdenkmal der Republik Serbien.

Von den Anfängen bis zum Kalten Krieg

Militärstrategen erkannten das Flugzeug bereits vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges als neue Waffengattung. Auch die serbische Generalität wollte an den technischen Entwicklungen jener Ära teilhaben und entsandte im Jahr 1912 die ersten Offiziere und Unteroffiziere zu einer viermonatigen Ausbildung nach Frankreich. Die offizielle Gründung der serbischen Luftstreitkräfte erfolgte 1913 in einer Ebene nahe der Stadt Niš, dem Trupalsko Polje. Anfangs unterstanden der neu gegründeten Teilstreitkraft eine Ballon-Kompanie, eine Brieftaubenstation und eine Fliegerstaffel mit französischen Farman- und Bleriot-Maschinen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde im Königreich Jugoslawien 1919 das Kommando der Luftstreitkräfte gegründet. Dieses bestand bis zur Auflösung des Staates im Zweiten Weltkrieg (1941). Eine Vielzahl von deutschen, italienischen, französischen und britischen Kampfflugzeugen der Typen Messerschmitt Me 109 E, Dornier DO 17 K, Savoia Marcetti SM-79, Caprioni Ca. 310, Potez 63, Breguet 19, Hawker „Hurricane“ Mk I, Hawker „Fury“ Mk II und Bristol Blenheim Mk I dominierten die damalige Luftflotte. In den 1920er-Jahren entstanden eigene Flugzeugwerke, wie das 1924 in Novi Sad gegründete Unternehmen Ikarus. Eine der bekanntesten Konstruktionen jener Zeit war das vom serbischen Flugingenieur Rudolf Fizir entworfene Schulflugzeug Fizir FN, das 1929 zu seinem Jungfernflug startete.

Luftverteidigungseinheiten innerhalb der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee (besser bekannt als Tito-Partisanen; Anm.) entstanden während des Zweiten Weltkrieges ab 1942. Deren Staffeln verfügten über französische Flugzeuge der Typen Potez 25 und Breguet 19 aus Beständen der ehemaligen königlich-jugoslawischen Luftwaffe. Später ergänzten sowjetische Iljushin IL-2 „Stormovik“, Jakolev Jak-3, Jak-7 und Jak-9 sowie einige britische Supermarine „Spitfire“ und Hawker „Hurricane“-Jagdmaschinen das Flugzeugarsenal. Einige Einheiten flogen mit erbeuteten Messerschmitt Bf 109 G und Junkers Ju 87 „Stuka“.

 

Bewaffnung der jugoslawischen Luftverteidigung 1945-1991

In der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre verfügten die jugoslawischen Luftstreitkräfte über eine große Typenvielfalt von veralteten sowjetischen, deutschen und britischen Kolbenmaschinen. Aus jugoslawischer Produktion ergänzten Flugzeuge der Typen Ikarus Aero 2, Ikarus Aero 213, Ikarus S-49 sowie der erste Düsenjet Ikarus 451M, der ab 1952 gebaut wurde, die Luftflotte. Titos Bruch mit der Sowjetunion 1948 begründete die außenpolitische Annäherung an die USA, die eine umfangreiche Militärhilfe zur Folge hatte, an der sich auch Großbritannien und Kanada beteiligten. Aus dem Vereinigten Königreich wurden Anfang der 1950er-Jahre einige Jagdbomber De Havilland „Mosquito“ F.B.6 geliefert. Von den USA folgten die Jagdbomber F-47D „Thunderbolt“, die ersten Düsentrainer Lockheed T-33A, Republic F-84G „Thunderjet“ und ab dem Jahr 1956 mehrere F-86E-Abfangjäger, die auch als Canadair CL-13 F.4 „Sabre“ ausgeliefert wurden. Einige Helikopter vom Typ Westland „Dragonfly“ gehörten ebenfalls zu diesem Kontingent.

Nach dem politischen Tauwetter zwischen Belgrad und Moskau im Jahr 1955 näherte sich die jugoslawische Staatsführung erneut der Sowjetunion an. Die im Zuge dessen geschlossenen bilateralen Verträge beinhalteten die Lieferung der damals neuesten sowjetischen Waffen, wie das Kampflugzeug MIG-21F-13 oder der Kampfpanzer T-62. Parallel zu dieser Entwicklung erfuhr die jugoslawische Flugzeugindustrie einen rasanten Aufschwung. In der Fabrik von Soko in Mostar entstanden die vom französischen Flugtechnikkonzern Aerospatiale lizenzierten Kampfhubschrauber „Gazelle“ sowie die Düsentrainer Soko G-2-„Galeb“, Soko J-21 „Jastreb“, Soko G-4 „Super Galeb“ und in Kooperation mit Rumänien der Jäger Soko J-22 „Orao“, der mit Rolls Royce „Viper“-Triebwerken ausgerüstet war. Die Transporteinheiten wurden mit sowjetischen Helikoptern Mil Mi-2, Mil Mi-4, Mil Mi-8 und Antonow An-12 sowie An-26 aufgerüstet.

Außergewöhnlich war der Ankauf von zwei deutschen Mehrzweckflugzeugen (Dornier Do 28) Ende der 1960er-Jahre, als mit der Bundesrepublik Deutschland wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen wurden. Die Fliegereinheiten der jugoslawischen Kriegsmarine erhielten Kamow Ka-25 und Ka-28 zur Bekämpfung feindlicher U-Boote. Da im Sommer die Brandgefahr entlang der dalmatinischen Küste und der vorgelagerten Inseln erheblich ist, beschaffte das Luftstreitkräftekommando von Canadair CL-215-Feuerlöschflugzeuge. Mit den Utva-75-Kolbenmaschinen, die in Pancevo (Serbien) gebaut wurden, lernten Generationen von Militärpiloten ihr Handwerk. Die letzte große Erneuerung vor dem Zerfall des Vielvölkerstaates 1991 erfuhr die Fliegertruppe durch die Einführung von 16 Stück MiG-29 der ersten Generation im Jahr 1987. Das Projekt „Novi Avion“ (neues Flugzeug) sah die Entwicklung eines eigenen zeitgemäßen Jagdflugzeuges in Kooperation mit Dassault Mirage vor. Der Ausbruch der Jugoslawienkriege (1991) verhinderte dieses Vorhaben, bei dem zwischen 1992 und 2000 alle MiG-21-Jäger ersetzt werden sollten.

Zentrum zur Aufarbeitung der Luftfahrtgeschichte

Eine Entscheidung des jugoslawischen Luftwaffenkommandos 1957 war die Grundlage zur Schaffung einer Abteilung für die Erforschung der Luftfahrtgeschichte, die sich zu dem Museum entwickelte. Neben zahlreichen Exponaten, deren Anzahl sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stets vergrößerte, wurden auch Bilder, Pläne und Ausrüstungsgegenstände von Piloten gesammelt und dokumentiert. Die Hauptaufgabe der Einrichtung ist heute die Pflege und Erhaltung historisch wertvoller Flugzeuge. Die meisten Museumsstücke sind Maschinen, die bereits von den (ehemaligen) jugoslawischen Luftstreitkräften stillgelegt wurden. Dazu gehören die Jagdmaschinen der Typen Focke Wulf Fw-190 F-8, Messerschmitt Bf 109 G-2, Hawker „Hurricane“ Mk IV, Supermarine „Spitfire“ Mk V und Iljushin IL-2 „Stormovik“. Auch im Inland produzierte Flugzeuge wie die Ikarus S-49 und eine Reihe von Versuchsflugzeugen, wie die erste in Jugoslawien hergestellte Maschine mit Strahlantrieb (Ikarus 451M), gehören zum Bestand.

Unter den ausgestellten Flugzeugtypen befinden sich auch Modelle wie die Fiat G-50 oder die Lockheed P-38, die nicht in der jugoslawischen bzw. später in der serbischen Luftwaffe geflogen wurden. Dennoch umfasst der Großteil der Exponate Erzeugnisse der ehemaligen jugoslawischen Flugzeugindustrie, beispielsweise der Unternehmen Rogozarski (später Ikarus und ab 1993 Ikarbus) oder Zmaj, die beide in Belgrad beheimatet waren. Produkte der staatlichen Flugzeugfabrik in Kraljevo, der Utva-Werke in Pancevo und Albatros in Sremska Mitrovica gehören ebenfalls zum Inventar. Diese Firmen repräsentieren die Vielfalt an Militärmaschinen, die in Jugoslawien vor dem Zweiten Weltkrieg hergestellt wurden. Die Soko-Werke in Mostar bildeten hingegen das „Rückgrat“ der Militärluftfahrt-Industrie zwischen 1950 und 1991.

Die Kollektion enthält auch ziviles Fluggerät mit besonderem historischen Hintergrund, wie die Iljushin IL-14, die der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow einst Josip Broz Tito schenkte. Auch eine Douglas DC-3, die in den späten 1940er-Jahren bis in die 1960er-Jahre bei der staatlichen jugoslawischen Fluggesellschaft JAT (Jugoslovenski Aerotransport) geflogen wurde, ist dabei. Besondere Ausstellungsstücke sind die Lockheed P-38, mit der das US-amerikanische Fliegerass Michael Brezas seine Erfolge errang, und die Junkers Ju 87 „Stuka“, die beim Unternehmen „Rösselsprung“ von der Deutschen Wehrmacht bei der versuchten Ergreifung Titos eingesetzt wurde. Eine besondere Geschichte hat eine Boeing 727 der JAT. Sie wurde 1981 auf einem Inlandsflug zwischen Podgorica (damals Titograd; Anm.) in Montenegro und Belgrad entführt. Als eine der wenigen noch erhaltenen Passagiermaschinen dieses Typs ist diese nun ein Teil der Sammlung.

 

Auf einem Blick

Bis 2019 besuchten jährlich etwa 50 000 Personen die Einrichtung auf dem Belgrader Flughafen, darunter Schulklassen. Insgesamt fanden sich seit der Eröffnung im Jahr 1989 etwa 1 300 000 Besucher in dem außergewöhnlichen Gebäude ein. Einige Flugzeugtechniker, die zum Museumspersonal gehören, kümmern sich regelmäßig um die Erhaltung aller Flugzeuge. Jedoch gibt es aktuell keine flugfähigen Maschinen im Besitz des Museums, das über mehr als 200 Exponate verfügt, von denen etwa 60 ausgestellt sind. Viele Maschinen stehen auf einer Wiese im Außenbereich, wie die französische Passagiermaschine „Caravelle“, die sich im Dienst der Fluggesellschaft JAT befand. In den kommenden Jahren sollen insbesondere die im Freien stehenden Exponate restauriert werden. Zusätzlich sind Erneuerungs- und Erweiterungsarbeiten im Inneren geplant. Ungeachtet der Restaurierungs- und Renovierungsmaßnahmen, die für jedes Museum eine notwendige Herausforderung sind, bietet das Belgrader Luftfahrtmuseum seinen Gästen eine breite Palette an einzigartigen Exponaten und einen umfassenden Blick in die Geschichte der Militärluftfahrt von Jugoslawien bzw. Serbien.

Michael Ellenbogen, MA ist freier Journalist.

 

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