• Veröffentlichungsdatum: 09.09.2021
  • – Letztes Update: 15.09.2021

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Die Krise, die alles veränderte

Georg Hoffmann

Krieg in Slowenien und Sicherungseinsatz 1991

Vor 30 Jahren, am 28. Juni 1991, ging das Österreichische Bundesheer in seinen bislang einzigen Einsatz zum Zweck der militärischen Landesverteidigung. Über 7.700 Soldaten sicherten für rund 30 Tage die österreichische Grenze zu Jugoslawien und den grenznahen Luftraum, nachdem es in der benachbarten Teilrepublik Slowenien zu Kampfhandlungen gekommen war. In den Tageszeitungen war von „Krieg an Österreichs Grenze“ zu lesen und von einer „Bewährungsprobe“, vor der das Land nun stand. „Spätestens heute sehen wir, wozu es ein Bundesheer gibt“, war ein Stehsatz, der sich beinahe in allen Tageszeitungen fand, die noch Wochen zuvor dem Bundesheer die Existenzberechtigung abgesprochen hatten. Die Welt, Europa, Österreich und auch der Blick auf das Bundesheer veränderte sich in diesen Tagen nahezu abrupt. Doch was war der Auslöser und auf welchen Ebenen vollzog sich diese Entwicklung?

Tatsache ist, dass jene Sommertage im Jahr 1991 die Welt und Europa überraschten, auch wenn Jugoslawien bereits seit Jahren als mögliches „Pulverfass“ gegolten hatte. Die Welt war erst 1989/90 aus dem Kalten Krieg getreten und hatte das Schreckgespenst eines globalen Krieges scheinbar abgeschüttelt. Es herrschte Aufbruchstimmung, die den US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama gar dazu verleitete, von einem „Ende der Geschichte“ und damit von einem neuen Zeitalter zu sprechen, das (scheinbar) von Frieden geprägt sein würde. Diese Vorstellung zerbrach 1991 schlagartig. Gleichzeitig wurde eine fragile Lage deutlich, geprägt von neu akzentuierten Nationalismen, der Aktivierung lange schlummernder Konflikte und neuer Formen, Ebenen und Wahrnehmungen von „Krieg“. Blickt man heute auf das Jahr 1991 zurück, so erscheint dieses als Zäsur – als Meilenstein in der Verhandlung einer europäischen Sicherheitspolitik, aber auch in der Entwicklung des Bundesheeres, das nach Ende des Kalten Krieges um seine Identität rang. Der Blick richtet sich jedoch auch auf einen damals entstehenden Krisenherd, der Europa lange in Atem halten sollte. Noch heute ist das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens Schwerpunkt der Auslandseinsätze des Bundesheeres. All das geschah 1991, inmitten einer Grundsatzdiskussion, die bereits im Kalten Krieg begann.

 

Ein Heer in der Kritik – das Bundesheer vor 1991

Lange Jahre hatte das Bundesheer seine gesellschaftliche Wahrnehmung und Aufgaben vor allem aus dem Kalten Krieg und den damit verbundenen Bedrohungen geschöpft. Wie die Neutralität galt auch das Bundesheer als Garant für Sicherheit und den Erhalt der staatlichen Souveränität. Am Ende der 1960er-Jahre war als geeignetes Konzept die Raumverteidigung entwickelt worden, die auf einen möglichen Angriff aus dem Osten ausgerichtet war. Die Wehrpflicht und eine starke Milizkomponente sicherten die Funktionsfähigkeit der Streitkräfte innerhalb dieses Konzeptes ab, bei gleichzeitiger Verankerung in der österreichischen Gesellschaft. Sichtbar wurden das Bundesheer und seine Rolle vor allem in Krisenzeiten, allen voran während des Ungarischen Volksaufstandes 1956 und der CSSR-Krise 1968. In beiden Fällen löste die Bundesregierung jedoch keinen Landesverteidigungsfall aus. 1956 entschied man sich für den Schutz des unmittelbaren Grenzraumes, 1968 lediglich zur Verstärkung der Garnisonen nördlich der Donau. So blieb das Bundesheer ein staatliches Instrument, das zwar gesellschaftlich verankert und in seiner Notwenigkeit bis zum Ende des Kalten Krieges nicht angezweifelt wurde, dessen Einsatz aber politisch unpopulär war und das chronisch unterfinanziert blieb.

Als 1989 der Kalte Krieg zu Ende ging, schien die Landesverteidigung überhaupt ihre Existenzberechtigung verloren zu haben. Gleichzeitig etablierten sich breite gesellschaftliche Debatten, die die Rolle von Soldaten innerhalb der Gesellschaft grundsätzlich in Frage stellten. Die Folge waren vehemente Forderungen nach Verkürzung der Wehrpflicht und sogar nach einer generellen Abschaffung des Bundesheeres. Besonders intensiv wurde die Debatte um die Abfangjäger geführt. Österreich hatte 1986 in einem Modernisierungsschritt Abfangjäger vom Typ Saab „Draken“aus Schweden angekauft. Im Zuge dessen entspannte sich eine hitzige Kontroverse: die Flugzeuge wurden als „Geldverschwendung“ und „unnütz“ abgelehnt und in Medienkampagnen öffentlich an den Pranger gestellt. In der Steiermark, wo ihre Stationierung vorgesehen war, wurden sie mit dem Argument der „Lärmbelästigung“ auch politisch bekämpft. Die Verteidigung und der Schutz des Luftraumes hatten damals in der Öffentlichkeit kaum einen Wert – auch weil diese vor allem in der CSSR-Krise 1968 nicht wirkungsvoll hergestellt worden waren. 1991 deutete in der Öffentlichkeit nicht viel darauf hin, dass das Bundesheer die notwendig gewordene Neuorientierung und damit den Schritt aus dem Kalten Krieg unbeschadet überstehen würde. So hatte etwa die Miliz bereits erste Reduktionen erfahren. Eine Heeresreform stand unmittelbar bevor, die dem Heer angesichts der anhaltenden gesellschaftlichen Kritik neue Strukturen, Aufgaben und damit auch eine neue Identität geben sollte. Gleichzeitig erwuchsen dem Bundesheer durch das Ende des Kalten Krieges bereits neue Aufgaben: 1990 ging man in einen neuerlichen Assistenzeinsatz, diesmal zur Eindämmung von illegalen Grenzübertritten an der ungarischen Grenze. Zunächst nur für kurze Zeit geplant, sollte dieser Einsatz bis 2011 andauern. So rückte das „Element der Grenze“ immer stärker in den Fokus – durchwegs entgegen den Planungen des noch gültigen Konzeptes der Raumverteidigung.

Der Blick nach Süden

Im Schatten der skizzierten Debatten baute sich im südlichen Nachbarland Jugoslawien schrittweise ein Konflikt auf, der lange historische, mit Österreich verwobene Wurzeln hatte und daher aufmerksam beobachtet wurde. Jugoslawien selbst war 1918 als „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ aus Serbien und Montenegro sowie Teilen der untergegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie entstanden und von Beginn an von ethnischen und religiösen Spannungen geprägt, die durch ein wirtschaftliches Nord-Süd-Gefälle verstärkt wurden. Besonders zwischen Kroaten und Serben entwickelten sich Konflikte um die Vorherrschaft im Staat, die sich durch den Zweiten Weltkrieg verstärkten. Denn ab 1941 zerfiel der Staat in eine deutsche, italienische, bulgarische und ungarische Besatzungszone sowie ein eigenständiges faschistisches Kroatien. Dieses beteiligte sich an der Verfolgung und Bekämpfung von Serben sowie am Krieg gegen einen an Bedeutung gewinnenden kommunistischen Partisanenstaat, der neben der Etablierung einer kommunistischen Herrschaft die unterschiedlichen „nationalen“ Elemente vereinen wollte. In der gesamten Region explodierte die Gewalt bis über das Kriegsende 1945 hinaus und hinterließ tiefe Narben, die 1991 wieder sichtbar werden sollten. 1945 entstand Jugoslawien neu, als Volksrepublik unter dem Partisanenführer Josip Broz Tito. Seine Person, das kommunistische System, aber auch der beginnende Kalte Krieg und ein kurzfristiger Wirtschaftsaufschwung banden die unterschiedlichen Nationalitäten zunächst aneinander. Basis dessen war auch der Versuch Titos, den serbischen Führungsanspruch zurückzudrängen. Innere Konflikte lösten sich dadurch aber nicht. Diese wurden lediglich unter die Oberfläche geschoben und überdeckt. Als Tito 1980 starb, mit Ende des Kalten Krieges 1989 der äußere Rahmen wegfiel und eine Wirtschaftskrise den Staat erschütterte, traten die Gegensätze in Form von nationalistischen Strömungen und neuerlicher Gewalt an die Oberfläche.

Für Österreich kamen diese Entwicklungen nicht überraschend. Bereits seit den 1970er-Jahren hatte man sich auf eine mögliche Krise in Jugoslawien, die man vor allem mit dem Tod Titos kommen sah, vorbereitet. Das Bundesheer arbeitete entsprechende Operationsfälle aus und konkretisierte diese ab 1987. Dabei wich man weitgehend vom Konzept der Raumverteidigung ab und definierte als Reaktion einen Sicherungseinsatz an der Grenze. Als niedrigste Einsatzvariante war der Assistenzeinsatz vorgesehen, die Operationsvarianten 2 bis 4 (niedere, mittlere bzw. hohe Intensität) hingegen waren als Sicherungseinsatz unter (Teil-)mobilisierung des präsenten Heeres und insbesondere der Miliz definiert. Basis dieser Planungen waren Lageeinschätzungen, in denen zwar mit einer Eskalation im jugoslawischen Raum gerechnet, daraus jedoch keine direkte militärische Bedrohung für Österreich abgeleitet wurde. Diese Einschätzung änderte sich auch nach Ausbruch des Konfliktes 1991 nicht: im schlimmsten Fall war mit dem Übergreifen von Kampfhandlungen auf den unmittelbaren österreichischen Grenzraum, aber nicht darüber hinaus zu rechnen. Parallel zum sich abzeichnenden Jugoslawien-Konflikt baute sich 1990/91 ein weiter entfernter Krieg auf, dessen Bilder nachhaltige Wirkung hatten und Nähe herstellen sollten: Im Frühjahr 1991 begann die Operation „Desert Storm“ und damit ein Militärschlag der USA und ihrer Verbündeten gegen den Irak, der in Kuwait eingefallen war. Dieser Golf-Krieg, allen voran die Luftschläge gegen Bagdad, waren von erheblicher medialer Berichterstattung begleitet. TV-Sender wie CNN berichteten teilweise mit Live-Bildern und erlangten damit internationale Bedeutung. „Krieg“ wurde weltweit in die Wohnzimmer transportiert und erzeugte neue Wahrnehmungen und Vorstellungen, die sich von jenen des Kalten Krieges in ihrer Vehemenz und Unmittelbarkeit unterschieden. Das Bild von „Krieg“ transformierte sich über die mediale Thematisierung und erzeugte Bedrohungsgefühle, die nun auch auf den Jugoslawien-Konflikt projiziert und nutzbar gemacht werden konnten.

Zehn Tage Krieg an der Grenze

Am 25. Juni 1991 erklärten die Teilrepubliken Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit. Damit finalisierten sie den schrittweisen Abnabelungsprozess von der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, der bereits 1989/90 begonnen hatte. Von Beginn an war in beiden Teilrepubliken mit einem militärischen Eingreifen Belgrads, vor allem aber mit der im gesamten Staatsgebiet stationierten Jugoslawischen Volksarmee (JVA) gerechnet und entsprechende Vorbereitungen getroffen worden. Dazu wurde die in allen Teilrepubliken vorhandene milizartig strukturierte Territorialverteidigung (in Slowenien als „Teritorijalna Obramba“ – TO – bezeichnet) wie auch die Polizei genutzt. Sie begannen noch am 25. Juni die wichtigsten Knotenpunkte, vor allem aber die Grenzübergänge zu besetzen und entlang der Verkehrsverbindungen zur Grenze Barrikaden mit zivilen LKWs zu errichten. Dabei setzte man deutlich auf die bereits im Irak-Krieg instrumentalisierte Kraft der medialen Bilder. Die Barrikaden und die besetzten Grenzen sollten die JVA zum Einsatz von Waffengewalt und damit zu einem Angriff verleiten – um über die dabei entstehenden Bilder einen nationalen Schulterschluss in Slowenien und letztlich internationale Unterstützung zu generieren.

Am 26. und vor allem am 27. Juni verließ die JVA tatsächlich ihre Kasernen und rückte zu den Grenzen vor – mit der Absicht, militärische Macht demonstrativ zur Schau zu stellen und weitere Abspaltungsschritte Sloweniens zu verhindern. Auf Kampfeinsätze war die JVA kaum vorbereitet. Noch am 27. Juni gab der slowenische Verteidigungsminister Janez Janša (aktuell Ministerpräsident Sloweniens; Anm.) den Befehl zum bewaffneten Kampf. Am gleichen Tag wurden zwei jugoslawische Hubschrauber über Ljubljana/Laibach abgeschossen – ein Ereignis, das wie ein Brandbeschleuniger wirkte. Vor allem an den LKW-Sperren griff die TO die vorrückende JVA an, die ihrerseits unter Einsatz von Panzern und Flugzeugen reagierte. Brennende LKW-Kolonnen mit den dabei ums Leben gekommenen zivilen Fahrern sorgten medial für das von Slowenien intendierte Bild. Die teils schweren Kämpfe verlagerten sich rasch an die Grenzübergänge zu Österreich, die in diesem Krieg eine besondere Bedeutung erhielten: denn dort wurde um staatliche Identität, aber auch um die internationale und mediale Wahrnehmung gekämpft. Brennpunkte waren die Grenzübergänge Grablach/Holmec und Radkersburg/Gornja Radgona, vor allem aber Spielfeld/Šentilj, wo sich internationale Fernsehteams versammelt hatten. Immer wieder kam es zu Luftraumverletzungen durch JVA-Flugzeuge, die bei Luft-Boden-Angriffen auf slowenische Grenzstationen bewusst über den österreichischen Luftraum anflogen, um eine Waffenwirkung auf österreichischem Gebiet zu vermeiden. Nur einen Tag nach dem Beginn der Kampfhandlungen flog eine jugoslawische MiG-21 zur Aufklärung bis in den Raum Graz. Von Österreich aus war der Krieg damit deutlich wahrnehmbar und erzeugte ein Gefühl der Bedrohung – nicht zuletzt durch die brennende Grenzstation bei Grablach/Holmec, die Luftangriffe auf LKW bei Šentilj oder das Beschießen des Kirchturms von Gornja Radgona.

Der Höhepunkt der Kämpfe wurde am 2. Juli erreicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte die TO bereits die Oberhand gewonnen. Die Führung der JVA, die zudem mit Desertionen zu kämpfen hatte, meldete noch am gleichen Tag nach Belgrad, dass der Versuch, die Lage in Slowenien durch eine bloße Machtdemonstration zu beruhigen, gescheitert war. Damit verbunden war die Erwartung, das jugoslawische Staatspräsidium zur Entsendung weiterer militärischer Kräfte zu bewegen. Daraus resultierte kurzfristig eine auch für Österreich bedrohliche Situation, da sich korpsstarke Kräfte in Richtung Slowenien in Bewegung setzten. Jedoch hielt Belgrad diese in Kroatien zurück und lehnte das Ansuchen der JVA in Slowenien ab. Damit war der Krieg nach rund zehn Tagen beendet. Dieser ging am 4. Juli in einen Waffenstillstand über und fand am 7. Juli in dem von den Europäischen Gemeinschaften (EG) verhandelten Vertrag von Brioni und dem Abzug der JVA seinen Abschluss.

 

Der Ruf nach dem Bundesheer – aber wie?

Österreich reagierte auf die Entwicklungen in Jugoslawien bzw. Slowenien zunächst zögerlich, wenn auch mit einer gewissen Sympathie für die Abspaltung Sloweniens und Kroatiens. Am 26. Juni nahm zwar nicht die österreichische Staatsspitze, sehr wohl aber der steirische und kärntnerische Landeshauptmann an den offiziellen Unabhängigkeitsfeiern teil. Bereits einen Tag später wurden die Polizei und Gendarmerie an der Grenze verstärkt, zumal sich eine Verschärfung der Lage anbahnte. Ein Einsatz des Bundesheeres schien aus Sicht der Bundesregierung zunächst gänzlich ausgeschlossen – basierend auf den erwähnten und aus heutiger Sicht richtigen Lageeinschätzungen des Heeresnachrichtenamtes, das von keiner unmittelbaren militärischen Bedrohung ausging. So ließ man Truppenübungen von Milizsoldaten in Kärnten und die Abschlussübung der Theresianischen Militärakademie planmäßig am 28. Juni enden. Man verzichtete auch – anders als 1968 und dann wieder bei der Corona-Krise 2020 – auf einen Aufschub der Entlassung aus dem Präsenzdienst, der für den Einrückungstermin Jänner 1991 am 30. Juni zu Ende ging. Zudem wurde die geplante Heeresreform nicht ausgesetzt, was letztlich in die Auflösung des Armeekommandos inmitten des Einsatzes münden sollte.

So wenig eine tatsächliche militärische Gefahr gegeben schien, so sehr baute sich in der Steiermark und in Kärnten ab dem 27. Juni innerhalb der Bevölkerung ein Gefühl der Bedrohung auf. Unabhängig von der Gesamteinschätzung der Lage forderten der Landeshauptmann der Steiermark, Josef Krainer, und Christof Zernatto, der soeben angelobte Landeshauptmann von Kärnten, einen sofortigen Assistenzeinsatz des Bundesheeres zur Hebung des Sicherheitsgefühles im Grenzgebiet. Dieser Druck aus den Bundesländern wurde am 28. Juni angesichts von Gefechten und Luftraumverletzungen an der Grenze immer stärker. Die Bundesregierung zögerte aber weiterhin und führte als Begründung an, dass Belgrad einen Einsatz des Bundesheeres an der Grenze als Argument nutzen könnte, um die eigene Truppenpräsenz in Slowenien zu verstärken.In den Abendstunden dieses Tages setzte sich der Bundesminister für Landesverteidigung, Werner Fasslabend, schließlich über alle Bedenken hinweg und befahl, da der Innenminister keinen Assistenzeinsatz anforderte, den Einsatz des Bundesheeres gemäß § 2 Abs. 1 lit. a des Wehrgesetzes. Dieser wäre gemäß den Planungen und Vorbereitungen ein Sicherungseinsatz gewesen, der wiederum, unabhängig von der Intensität, die (Teil-)mobilmachung bedingt hätte. Dieser Schritt erfolgte jedoch nicht. Stattdessen entschloss man sich zur Durchführung des Einsatzes mit präsenten Kräften – unter Verzicht auf die Einberufung der Miliz und die Dienstverlängerung der nun abrüstenden Grundwehrdiener. Dazu wurden auch Einheiten und Verbände eingesetzt, die sich bereits in Vorbereitung auf den Assistenzeinsatz an der ungarischen Grenze befanden und daher erst umgerüstet werden mussten.

Insgesamt fiel die Entscheidung zum Einsatz des Bundesheeres in einem Spannungsfeld einer unterschiedlichen Einschätzung der Lage, die sich zwischen einer geringen militärischen Bedrohung und einem auch durch die mediale Berichterstattung in der Öffentlichkeit deutlich ausgeprägten Bedrohungsgefühl bewegte. Folglich war der Schutz der Grenze zwar eines der Ziele, die sichtbare Präsenz und damit die Erzeugung eines Sicherheitsgefühles in der Bevölkerung aber vermutlich das wichtigere. Das galt besonders für den Luftraum, wo der Einflug der jugoslawischen MiG-21 eine Schockwirkung ausgelöst hatte. Mangels adäquater Bewaffnung wäre eine militärische Verteidigung im Luftraum kaum durchführbar gewesen – die grenznahen Demonstrationsflüge der Draken erzeugten jedoch sichtbare Erleichterung, die mit Jubel quittiert wurde.

 

Der Einsatz

Noch in der Nacht des 28. Juni wurde das Korpskommando I in Graz mit der Einsatzführung betraut, das sich in den Bundesländern auf die Militärkommanden Steiermark und Kärnten abstützen konnte. Am 29. Juni erfolgte die Umstrukturierung der für den Assistenzeinsatz im Burgenland vorgesehenen Truppenteile, während die eingeteilten Verbände ihre Grenzabschnitte bezogen. In der Steiermark waren das im Kern die Landwehrstammregimenter 52 und 53, die die Brennpunkte Bad Radkersburg und Spielfeld zugeordnet bekamen. Sie wurden dabei durch andere Teile verstärkt und ergänzt, darunter die Jagdpanzerbataillone 4
und 7. Deren Kürassier-Jagdpanzer, die nicht nur Stellungen an der Grenze bezogen, sondern auch Demonstrationsfahrten durchführten, wurden zu einem der Symbole des Einsatzes. In Kärnten bezogen die Landwehrstammregimenter 71, 72 und 73 unter anderem an den Grenzübergängen Lavamünd, Loibl- bzw. Karawankentunnel Stellung. In dem Abschnitt, in dem sich Grablach befindet, kamen die Kampfgruppen 14 und 9 zum Einsatz.

In beiden Bundesländern ergaben sich durch das Verschieben einzelner Einheiten teils komplexe und sich ständig wandelnde Unterstellungsverhältnisse. So wurde etwa das Akademikerbataillon der Theresianischen Militärakademie, das soeben seine Abschlussübung beendet hatte, zunächst als Eingreifreserve und für Demonstrationsfahrten im Bereich der Landwehrstammregimenter 72 und 73 eingesetzt; ein Zug sicherte die Ausgänge des Karawankentunnels. Am 30. Juni wurde der 3. Jahrgang nach Wiener Neustadt zurückverlegt, während die Fähnriche des 1. und 2. Jahrganges auf Einsatzverbände in Kärnten und der Steiermark aufgeteilt wurden. So entstanden aus heutiger Sicht unübersichtliche Unterstellungsverhältnisse, die noch heute einer eingehenden historischen Aufarbeitung harren.

Auch die Luftstreitkräfte gingen in den Einsatz – innerhalb der Strukturen der Fliegerdivision. Zu diesem Zweck wurden die Flugplätze Graz-Thalerhof, Zeltweg und Klagenfurt zu Einsatzflugplätzen erklärt. Den Schutz übernahmen Fliegerabwehrbataillone der Luftstreitkräfte wie auch des Heeres, die teilweise in Vorbereitung auf den Assistenzeinsatz im Burgenland gestanden waren und zunächst sogar infanteristisch eingesetzt wurden. Den Kern des Einsatzes in der Luft bildeten die Saab „Draken“- und Saab 105OE-Flugzeuge des Überwachungs- und des Jagdbombergeschwaders. Am 28. Juni war es bei einem Werkstattflug mit einer unbewaffneten Saab 105OE, pilotiert vom Geschwaderkommandanten, Oberst Friedrich Sparrer, sogar zu einem Kontakt mit der bis Graz eingeflogenen MiG-21 gekommen. Dieses Ereignis zeigt, wie wichtig die Präsenz österreichischer Abfangjäger im Luftraum damals war. Vor allem die Saab „Draken“ führten in weiterer Folge grenznahe Demonstrationsflüge durch, die nicht nur von der Bevölkerung begeistert begrüßt, sondern auch medial gefeiert wurden. Damit war ein Wandel im Zugang zur Abfangjäger-Thematik eingetreten, die noch Wochen und Monate zuvor die Gemüter hochgehen hatte lassen. Nun wurde sogar medial die adäquate Ausrüstung der Abfangjäger mit Lenkwaffen gefordert. Der Einsatz selbst erreichte seinen Höhepunkt am 6. Juli, als mehr als 7 700 Soldaten an der Grenze standen. Zu diesem Zeitpunkt war in Slowenien bereits ein Waffenstillstand in Kraft getreten, sodass danach eine schrittweise Reduktion der eingesetzten Kräfte erfolgte, bis der Einsatz am 31. Juli endgültig beendet wurde.

 

Folgen des Einsatzes

Als am 7. Juli der Vertrag von Brioni den Krieg in Slowenien offiziell beendete, hatte sich der Krisenherd bereits nach Kroatien verschoben. In Slowenien waren seit 27. Juni 75 Menschen in Kampfhandlungen ums Leben gekommen. Das war der Auftakt zum endgültigen Zerfall Jugoslawiens mit jahrelangen blutigen Kriegen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo, in die schlussendlich auch die Staatengemeinschaft eingriff. Abermals kam es zu einer Entgrenzung von Gewalt und ethnischen Säuberungen, die sich in Massakern wie jenes von Srebrenica steigerten. Die Folge war eine destabilisierte Region, in der sich bis heute – mit österreichischer Beteiligung – internationale Friedensmissionen befinden.

Für das Bundesheer brachten die Jugoslawien-Kriege Veränderungen. Der Einsatz 1991 war zwar durch das Heer gut vorbereitet gewesen, erwies sich bei der Durchführung aufgrund politischer Vorgaben jedoch als herausfordernd. Er war, weil anders angeordnet als geplant, in etlichen Bereichen, wie etwa dem Einsatz nur kurz ausgebildeter Grundwehrdiener, auch riskant. Die Beurteilung, dass kein jugoslawischer Angriff auf österreichisches Gebiet drohte, war zutreffend, ließ aber außer acht, dass es durchaus zu lokalen Eskalationen hätte kommen können. Dennoch gelang es, die gesteckten Ziele zu erreichen: Die Grenze wurde gesichert, und auch im Luftraum kam es mit dem Einsatz der „Draken“ zu keinen weiteren Luftraumverletzungen. Die größte Wirkung erzielte der Einsatz aber in der österreichischen Öffentlichkeit, wo über die Herstellung eines Sicherheitsgefühles Vertrauen und Verbundenheit entstanden. Der Einsatz war in vielerlei Hinsicht die Folge eines – wie es Zeitgenossen nannten – „entschlossenen Zuwartens“, getragen vom „Glück als stärkster Waffe“, der jedoch Folgeschäden von Österreich abwendete.

Das Bundesheer trat mit diesem Einsatz in eine neue Zeit ein und sah den kommenden Heeresreformen nun auf einer festeren Basis stehend entgegen. Die Medienlandschaft war in den Tagen des Einsatzes und auch danach voll des Lobes über das Bundesheer im Allgemeinen und die „Draken“-Abfangjäger im Besonderen. Dieser Rückenwind, aber auch die Erkenntnis von deutlich sichtbaren Mängeln, führten rasch zu einer Erneuerung der Ausrüstung, etwa auf dem Fahrzeugsektor. Von besonderer Bedeutung war die Beschaffung von Luft-Luft- („Sidewinder“), Fliegerabwehr- („Mistral“) sowie der Zulauf von Panzerabwehrlenkwaffen (PAL), womit das noch immer gültige Raketenverbot im Staatsvertrag obsolet wurde. Auch die Schaffung eines Militärbefugnisgesetzes war eine direkte Folge des Einsatzes. Zeitgleich hatte jedoch der Verzicht auf die Einberufung der Miliz negative Folgen. Die Entscheidung dazu mag in dem schon vor 1991 begonnenen Reduktionsprozess der Miliz begründet liegen, der wohl durch einen Einsatz ausgesetzt worden wäre – de facto stürzte das die Miliz in eine Krise, die bis heute nachwirkt.

1991 stellt aus heutiger Sicht eine Zäsur dar – nicht nur weil der Sicherungseinsatz der erste Einsatz zur Landesverteidigung war –, sondern weil er einen Übergang in eine neue Zeit bildete und die Entstehung einer Krisenregion markierte, die die Auslandseinsätze des Bundesheeres bis heute prägt. Angesichts der 2020 ausgebrochenen Corona-Krise drängt sich die Frage eines Vergleiches beinahe auf: Abermals kam es zu einem Einsatz des Bundesheeres, diesmal jedoch unter Aufschiebung des Präsenzdienstes und unter Einberufung der Miliz, jedoch in einem gänzlich anderen Einsatzspektrum. Es bleibt abzuwarten, welche Folgen dieser Einsatz einmal haben wird.

Oberstleutnant Dr. Georg Hoffmann; Militärhistoriker am Institut für Strategie und Sicherheitspolitik der Landesverteidigungsakademie und Experte Geschichte in der Direktion 1.

 

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