• Veröffentlichungsdatum: 23.01.2017
  • – Letztes Update: 13.03.2017

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Vom Bauernknecht zum Frontsoldaten

Hermann Hinterstoisser

(Foto: Archiv Hinterstoisser)
(Foto: Archiv Hinterstoisser)

Franz Gaisbauer rückte 1915 zum k.u.k. salzburgisch-oberösterreichischen Infanterieregiment „Erzherzog Rainer“ Nr. 59 ein, machte die Kämpfe an der Ostfront am Styr und bei Luzk mit und gelangte mit seinem Regiment dann auf den italienischen Kriegsschauplatz. Nach dem Krieg arbeitete er 26 Jahre lang in der oberösterreichischen Lederfabrik Vogl, engagierte sich als Gemeinderat und brachte es als Vertreter für Industrie und Bergbau bis zum Landtagsabgeordneten in Oberösterreich.

Serie: Der Erste Weltkrieg in Europa

Das Rainer Regiment

Dem 1682 aufgestellten, seit 1852 nach seinem Inhaber „Erzherzog Rainer“ benannten Regiment, war 1816 - nach Einverleibung des bis 1806 selbstständigen Salzburg durch das Kaisertum Österreich - das Land Salzburg nebst Teilen des Inn- und Hausruckviertels als Ergänzungsbereich zugewiesen worden. Es eignet sich für die Bearbeitung persönlicher Aufzeichnungen besonders, da es eine Anzahl von Arbeiten über seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg gibt.

Die detaillierteste dieser Darstellungen ist wohl das 1931 erschienene umfangreiche Buch von Kriegsarchivdirektor i. R. Maximilian Ritter v. Hoen (Geschichte des salzburgisch-oberösterreichischen k.u.k. Infanterieregimentes Erzherzog Rainer Nr. 59 für den Zeitraum des Weltkrieges 1914 - 1918). Es ermöglicht, die persönlichen Schilderungen des einfachen Soldaten in einem größeren Zusammenhang zu sehen und umgekehrt nüchterne historische Schilderungen auf die Ebene des persönlichen Erlebens herunterzubrechen.

Der im Österreichischen Staatsarchiv erhaltene Personalakt von Franz Gaisbauer ist spartanisch nüchtern. Im Grundbuchblatt Nr. 2275 für das Assentjahr (Musterungsjahr) 1915 ist ersichtlich, dass Gaisbauer 1896 in Mettmach, Bezirk Ried im Innkreis, geboren wurde und von Zivilberuf „Knecht“ in der Nachbargemeinde Aspach war. Am 22. März 1915 gemustert und für tauglich befunden, hatte er am 15. April desselben Jahres zum Infanterieregiment Nr. 59 nach Salzburg einzurücken. Zwei Mal sollte ihm später die Bronzene Tapferkeitsmedaille und 1917 für seinen mehrfachen Fronteinsatz das Karl-Truppenkreuz verliehen werden.

In den Krieg

Die Rekruten aus Aspach - der Dritte von rechts ist Franz Gaisbauer. (Foto: Archiv Gaisbauer)

Das Regiment, zu dessen 1. Ersatzkompanie Franz Gaisbauer am 15. April 1915 einrückte, war mit vier Bataillonen bereits in den ersten Kriegstagen 1914 von Salzburg über Lemberg an die Ostfront bei Przewodów verlegt worden. Anfängliche Erfolge wendeten sich bald in empfindliche Niederlagen gegen die Truppen des Zaren. Nach dem Angriff dreier österreichisch-ungarischer auf vier russische Armeen Ende August 1914 konnten die Russen bei Krasnik und Zamosc-Komarow geschlagen werden, doch erlitt die k.u.k. 3. Armee an der Gnila Lipa (Nebenfluss des Bug zwischen Lemberg und Zloczów) eine Niederlage. Nach der Schlacht bei Rawa-Ruska musste die k.u.k. Armee fast ganz Galizien und die Bukowina räumen, und nur mit großer Mühe und massiver deutscher Hilfe konnte ein Durchbrechen der Russen Richtung Schlesien bzw. durch die Karpaten nach Ungarn verhindert werden. Erst ab Februar 1915 gingen die verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen wieder in die Offensive. General Karl Pflanzer-Baltin eroberte Czernowitz zurück, aber am 22. März musste die von den Russen belagerte k.u.k. Festung Przemycl kapitulieren. Dafür gelang der Angriff deutscher und österreichisch-ungarischer Truppen auf Gorlice und Tarnów, das am 6. Mai 1915 fiel.

Statt des ursprünglich erhofften raschen Sieges zeigte schon der erste Kriegswinter deutliche Schwächen in Ausbildung, Bewaffnung und Ausrüstung der k.u.k. Armee auf. Die verheerende Wirkung moderner Waffensysteme, die Erfordernisse neuartiger Kommunikationsmethoden und die psychologische Wirkung rasch steigender Verlustmeldungen der Wehrpflichtarmeen auf die Zivilbevölkerung im Heimatgebiet, war wohl von den Verantwortlichen aller kriegführender Mächte unterschätzt worden. Entsprechend war die zu Kriegsbeginn noch überwiegend euphorische Stimmung in der Bevölkerung rasch skeptischer Ernüchterung gewichen. Die Eintragungen Gaisbauers verraten denn auch nicht Begeisterung, sondern gefassten Ernst.

„Am 15. April rückte ich zur ersten Ersatzkompanie ein, waren bis zum 26. Mai in Salzburg, ging dann über Linz, Wien nach Rußland, wo wir in Cescov (Galizien) auswagnirt [sic!] wurden, von dort marschirten wir nach Wolrab zur weiteren Ausbildung. (…)“ Lange Märsche im Raum Kamien und das Üben der Sturmangriffe standen auf dem Programm der mit dem XI. Marschbataillon des k.u.k. IR Nr. 59 ins Feld abgegangenen Rekruten. Währenddessen stand das Regiment in schweren Abwehrkämpfen bei Tarnogród. Zur Verstärkung der Front und zum weiteren Vormarsch über den Tanew wurden nun in den ersten Julitagen 1915 die ausgebildeten Mannschaften des XI. Marschbataillons vorgezogen.

„Das Kom.Kom. [Anm.: Kompaniekommando] hatte Herr Oblt. Kopp. Um 7 Uhr Abends kam der Befehl, zwei Mann vom 2. Zug müssen Verbindung zwischen den I. R. Nr. 89 u. 36 suchen, wo Gefreiter Hofinger und ich gingen (…)“ Das Unternehmen geriet, da der Kompaniekommandant offenbar selbst keine ausreichende Übersicht über die Lage hatte, bald zum gefährlichen Abenteuer: „Wir wurden aber schlecht informirt, oder wußte der Komp. Kommandant selbst nicht, dass die Schwarmlinie weiter unterbrochen sei. Wir gingen zirka 500 - 600 Schritte, kamen aber auf keine Besatzung, sondern wir kamen zum Russischen Schützengraben, welches wir aber nicht ahnten. Wir hörten in unserer Nähe Gemurmel, glaubten, dass wir doch endlich auf unsere Leute gestoßen sind. Wir gingen der Richtung zu, stiegen in den Schützengraben, entdeckten aber sofort, dass wir uns im Feindlichen befinden. Die Russen alarmirten sofort, und wir entfernten uns eiligst aus dem feindlichen Graben, als wir aber kaum einige Schritte weg waren wurde ein Höllenfeuer entfaltet, da der Feind glaubte, die Oesterreichischen Truppen greifen an. Wir mußten uns gleich zur Erde werfen, um doch etwas von diesem Feuerüberfall geschützt zu sein. Auch erwiderten unsere Truppen das Feuer, so dass wir uns mitten in dem Kreuzfeuer befanden. Wir kamen aber doch glücklich aus. (…)“.

Dauerregen füllte die Schützengräben. (Foto: Archiv Hinterstoisser)

Nach einigen Tagen in der vordersten Linie, die vor allem durch Hitze, quälenden Durst und fast unerträglichen Staub gekennzeichnet waren, konnte die Kompanie Gaisbauers in eine Mulde hinter der Front zurückgehen, wo sie sich sicher fühlten und an die in den Tagen des Einsatzes vernachlässigte Waffen- und Körperpflege schritten. Schließlich hielt das böhmische IR 98 die vorderste Linie besetzt. „Der Feind griff selbes Regiment an, welche sich aber ohne einen Schuß abzugeben, ergab. [Anm.: Nach den detaillierten Schilderungen bei Hoen brach russische Infanterie, die sich nach einem Granatüberfall im hohen Korn angeschlichen hatte, überraschend durch]. Somit hatten die Russen kein Hinderniss mehr, um uns in der Mulde zu überfallen, welches auch gelang. Bei der 8. Komp. wurde in diesem Moment die Menage verteilt, so dass es den Russen ein Leichtes war, selbe zu überwältigen. Unserer Komp. ging es nicht besser. Wir hatten überall mindestens 50 % Verluste. Wir mussten im Laufschritt zurück, der eine in der Gattehose [Anm.: Unterhose], der andere im Hemd u.s.w. Stürmten aber dann in größter Erbitterung vorwärts, schlugen auch die Russen wieder zurück, eroberten sogar eine feindliche Stellung, welche wir aber am anderen Tag wieder verlassen mußten. Das war am 9. Juli.“

Die Regimentsgeschichte von Hoen berichtet über blutige Nahkämpfe mit Gewehrkolben und Bajonett, die vor allem aufgrund des entschlossenen und schon auf unterster Führungsebene initiativen Handelns der „Rainer“ schließlich mit dem verlustreichen Rückzug der Russen endeten. Geführt wurde mittels Zurufes, Meldern und Hornsignalen, erst vom Bataillon aufwärts konnten Fernsprechverbindungen genutzt werden.

Die sengende Hitze aber war der unangenehmste Gegner, wie Gaisbauer in seinen Aufzeichnungen schildert: „Es war ein ganz riesig heißer Tag, so dass wir ganz fürchterlichen Durst litten. Am Abende fing es etwas zum Regnen an, wo wir dann unsere Zeltblätter aufspannten um das Wasser welches sich dort sammelte, mit der Zunge heraus schlecken zu können“.

„Am 16. Juli wurde dann ganz erbittert gekämpft, wo es uns gelang, den Feind in die Flucht zu schlagen, und dessen Rückzug durch Nachhut immer gedeckt wurde. In dieser Stellung hatten wir durch 6 Tage ununterbrochen Gussregen, die Gegend noch sehr lehmig war, dass das Wasser in die Erde nicht versickern konnte, daher dasselbe in unseren Schützenmulden stehen blieb, so dass wir bis zu den Hüften die ganze Zeit im Wasser sitzen mußten.“

Trotz mancher Rückschläge konnte bis 19. Juli die (zweite) Schlacht bei Krasnik siegreich beendet und der Vormarsch Richtung Cholm (Chelm) begonnen werden. „Am 30. Juli hielten wir vor Lublin und nahmen die Stadt ohne Gefecht ein.“ Die Russen zogen sich weiter zurück - allerdings nicht ohne Dörfer anzuzünden sowie Getreidevorräte und andere Güter systematisch zu vernichten. Gaisbauer berichtet dazu: „Die Eisenbahn war gesprengt. Petroleum Fabriken brannten in hellen Flammen.

Am weiteren Vormarsch folgten die blutigen Gefechte um Lubartów und der Abschluss des „Sommerfeldzuges“ mit dem Gefecht bei Berezowyj Kut im August 1915. Von dort rückte das Regiment durch choleraverseuchtes Gebiet über Milanów nach Luzk vor, um am 28./29. August bei Rožišce den Styr zu überschreiten - ständig von Kosaken bedrängt, denen es noch gelungen war, eine Holzbrücke über den Fluss in Brand zu stecken.Ein verlustreiches Gefecht bei Niebocka machte den Weg nach Luzk frei, das am 31. August gestürmt werden konnte.

„Noch vor der Morgendämmerung beginnen die Kompanien mit den Vorrückungen welche den ganzen Tag über dauerten. Die ganze Zeit wütete ein ganz fürchterlicher Kampf, um die Festung, welche wir um 5 Uhr erst einnehmen konnten. Bei unserer Komp. hatten wir 70 Tote und eine ganze Menge Verwundete.“

Über Chorlupy (heute: Khorlupy, Ukraine; östlich Luzk) rückte das Regiment weiter vor nach Olyka, wo von 2. bis 8. September 1915 eine weitere blutige Schlacht tobte. Hier entstand übrigens der vom Regimentsangehörigen Hans Schmid komponierte Rainermarsch. Die Regimentsmusik stand mit dem Regiment an der Front. Nach der am 18. September verlorenen Schlacht an der Stubla musste freilich erneut der Rückzug hinter den Styr angetreten werden. Dramatisch entwickelte sich der Flussübergang. Gaisbauer war Augenzeuge des Geschehens:

„Es waren zwei Brücken über den Fluss, welche zur Überquerung des Flusses dienten, welche aber vorzeitig in die Luft gesprengt wurden. Die hölzerne Notbrücke wurde mit Benzin übergossen, dann in Brand gesteckt, auf der sich aber noch zirka 500 - 600 Menschen befanden, zum Teil Oesterreicher und auch Russen. Selbe mußten Elend zugrunde gehen, da sie bei lebendigem Leibe verbrannten und in den Fluss fielen, dort dann weg geschwemmt wurden.“

Ein Zugsführer der k.u.k. Armee und Zivilisten in Wolhynien. (Foto: Archiv Hinterstoisser)

Ein weiteres russisches Vordringen konnte allerdings verhindert werden. Bei Derno wurde ein russischer Durchbruchsversuch vereitelt: „Wir wurden am 7. Oktober von den Russen um 5 Uhr Früh überfallen, da bei uns durch die Strapatzen [sic!], welche wir immer hatten, alles ganz erschöpft war, hatte dieser Gelegenheit und nützte dies aus. Dies konnte der Russe nur durch Verrat erfragen, welchen zwei Cechen machten, welche zum Feind überliefen und ihm alles klar machten. Wir mussten im Laufschritt zurück bis zum Baons Kom. welches in die Hände der Feinde geriet. Der Baons Kommandant Meijor [sic!] Schad wurde uns gerettet, er stand noch im Hemd, dann stürmten wir vier Kameraden Reiter, Eigner, Hochradl und ich die Flanke des Feindes und brachten ihm sehr viele Verluste bei. Anschließend wurden die Reserven eingesetzt und ging im Sturm nach vorne. Der uebermächtige Feind wurde von uns wieder zurück geschlagen. An diesem Tage fiel der Gefreite Hochradl. (…)“

Danach konnte sich das Regiment dann an der Putilówka zur Überwinterung einrichten und erhielt durch das XV. Marschbataillon dringend nötigen Personalersatz aus Salzburg. Zwar kam es vorübergehend zu keinen größeren Kampfhandlungen, doch entwickelte sich mit den gegnerischen Patrouillen eine Art Kleinkrieg. In rastloser Arbeit wurden die Stellungen ausgebaut. Mitte November kam eine Pionierkompanie, welche die Unterstände zur Deckung bei schwerem Geschützfeuer ausbaute. Für Feldwachen und Posten wurden Stroh-Überschuhe als zusätzlicher Kälteschutz ausgegeben. Zwischenzeitlich nach entsprechenden Gerüchten aufkeimende Hoffnungen, aus dem zunehmend unwirtlichen Osten an die Südwestfront nach Italien verlegt zu werden, erfüllten sich nicht. Dazu Gaisbauer:

„Dann rückten Weihnachten, wo wir eine sehr schlechte Zeit hatten. Wir bekamen fast nichts zu Essen als verfaulte Kartoffel oder verfaultes Kraut, noch dazu hatten wir sehr schlechtes Wetter so dass uns die Läuse noch besser wachsen konnten als bei schöner Witterung, aber trotz dieser Verhältnisse verbrachten wir die Weihnachtsfeiertage demgemäß, und ließen uns nicht von den Läusen sowie auch nicht vom Russen stören. Kleine Patroilengefechte [sic!] und Feuerüberfälle waren öfters, sonst verlief alles so ziehmlich ruhig. (…)“

Im Februar 1916 erfolgte dann tatsächlich die Verlegung des k.u.k. IR Nr. 59 auf den italienischen Kriegsschauplatz, wo sich das selbstständig eingesetzte X. Marschbataillon des Regimentes bereits seit Ausbruch der Feindseligkeiten mit Italien im Mai 1915 hervorragend bewährt hatte.

Professor Dipl.-Ing. Hermann Hinterstoisser ist Autor zahlreicher militärhistorischer und uniformkundlicher Publikationen, Mitglied im Redaktionsstab der militärhistorischen Zeitschrift „Pallasch“, Mitarbeiter an diversen historischen Ausstellungen.

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