• Veröffentlichungsdatum: 08.09.2016
  • – Letztes Update: 29.10.2016

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Sommeruniversität Krems - Kulturgüterschutz

Gerold Keusch

(Foto: Bayer, Steindy/Montage: Keusch)

Kulturgüterschutz ist ohne das Militär nicht denkbar. Soldaten sind bei Kampfhandlungen verpflichtet, das kulturelle Gut zu bewahren bzw. zu schützen. Auch abseits bewaffneter Konflikten kommt dem Militär in diesem Bereich eine besondere Aufgabe zu, beispielsweise bei Assistenzeinsätzen.

Der militärische Kulturgüterschutz

Kriege, aber auch Natur- und Umweltkatastrophen, bedrohen nicht nur Leben, sondern auch Kulturgüter. Der Schutz des oft unwiederbringlichen Erbes von Kulturen erfordert spezielle Maßnahmen vor, während und nach dem Eintritt von Katastrophenfällen. Nur so können Risiken abgewehrt und Schäden minimiert werden. Im Österreichischen Bundesheer wird dieses Wissen in Laufbahnkursen vermittelt und an die jeweilige Führungsebene angepasst gelehrt. Jeder Soldat, vor allem aber die Kommandanten aller Ebenen benötigen zumindest Grundkenntnisse im Kulturgüterschutz.

Akademische Ausbildung

Neben der militärischen Ausbildungsschiene gibt es die Möglichkeit einer zivilen akademischen Fortbildung im Themenbereich Kulturgüterschutz. Diese wird in Österreich an der Donau-Universität in Krems vom Zentrum für Kulturgüterschutz im Department für Bauen und Umwelt angeboten. Die Zielgruppe der Lehrgänge und Schulungen sind nicht nur Militärpersonen, sondern auch das Personal von Museen, Depots und Archiven, Mitglieder von Einsatzorganisationen aber auch Architekten, Städteplaner oder Personen, die am Kulturgüterschutz interessiert sind.

Experten des Österreichischen Bundesheeres auf dem Gebiet des Kulturgüterschützes unterstützen das Zentrum, da sie über eine umfassende Expertise in dieser Materie verfügen. Diese Zusammenarbeit entspricht der Philosophie der Donau-Universität Krems. Sowohl externe als auch interne Vortragende und Fachleute begleiten die Teilnehmer der unterschiedlichen akademischen Ausbildungen. So wird eine angemessene Mischung zwischen Theorie und Praxis in den Lehrgängen erreicht und der Transfer in den Arbeitsalltag hergestellt.

Ausbildungsprogramme

Das Zentrum für Kulturgüterschutz bietet drei Ausbildungsprogramme an:

  • Masterlehrgang (6 Semester - 120 ECTS)
  • Akademischer Experte (4 Semester - 60 ECTS)
  • Certified Program (2 Semester - 30 ECTS)

Neben diesen Lehrgängen findet jedes Jahr die Sommeruniversität statt. Dabei wird ein Bereich des Kulturgüterschutzes thematisiert und praktisch bearbeitet. Der Masterlehrgang wird 2016 zum ersten Mal abgehalten und startet im Oktober.

Exkursion nach Traismauer. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Theoretischer Unterricht im Lehrsaal. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)

Sommeruniversität 2016

2016 fand die Sommeruniversität vom 22. bis 26. August in Krems statt. Das Thema dabei war: „Notfall- und Evakuierungspläne für Weltkulturerbe-Stätten“. Das Bundesheer verfügt über eine umfassende Expertise beim Erstellen und Ausarbeiten solcher Pläne. Deshalb wurde dieser Lehrgang von der Donau-Universität Krems und dem ÖBH gemeinsam organisiert und durchgeführt. Etwa 30 Teilnehmer aus Österreich, Deutschland, Serbien, Italien, Polen und der Schweiz nahmen an der Ausbildung teil, die in Englisch erfolgte.

Ausbildungsinhalte mit einem starken Bezug zum militärischen Bereich waren

  • das Kriegsvölkerrecht,
  • der Katastrophenschutz im Bundesheer (Beispiel MilKdo NÖ) oder
  • die Rolle des ÖBH im Bezug auf das Kriegsvölkerrecht.

Der Höhepunkt des Lehrganges war eine Evakuierungsübung. Dabei wurden Artefakte des Museums von Traismauer von einem gefährdeten Aufbewahrungsort an eine sichere Stelle gebracht. Die Planung dieser Evakuierung beinhaltete

  • Rechtliche Aspekte,
  • Inventarisierung von Gegenständen in Museen und
  • das Erstellen eines Evakuierungsplanes.

Die Gruppe, die sich mit dem Ausarbeiten eines Evakuierungsplanes beschäftigte, wurde von Vertretern des Bundesministeriums für Landesverteidigung und Sport unterstützt. Darüber hinaus wurden die rechtlichen Aspekte, durch die Expertise von militärischen Rechtsberatern erweitert. Die Evakuierung selbst wurde gemäß dem militärischen Führungsverfahren und den Einsatzgrundsätzen geplant und durchgeführt. Ein Transportelement des Militärkommandos Niederösterreich unterstützte die Teilnehmer des Lehrganges.

Evakuierungsübung

Römische Grabsteine im Schloss Traismauer. (Foto: Keusch)

Die Evakuierungsübung fand in Traismauer, dem einstigen römischen Augustianis statt. In der Stadt befinden sich zahlreiche Bauwerke aus der Römerzeit, die später in die mittelalterlichen Befestigungsanlagen integriert wurden. Die berühmtesten sind der Hungerturm, das heutige Schloss und das Wiener Tor. In diesem Tor sind auch römische Fundstücke aus der Antike gelagert, die in Traismauer und Umgebung ausgegraben wurden.

Im Zuge der Evakuierung wurden diese Gegenstände in das Schloss gebracht, das als Zwischenlager diente. Dabei ging es nicht nur darum einen Gegenstand von A nach B zu bringen. Entscheidend waren die Dokumentation, Sicherung, Konservierung und Erhaltung sowie die geordnete temporäre Aufbewahrung der Artefakte. Die Übung zeigte den Teilnehmern vor allem eines: Zur Erhaltung von Kulturgut sind die vorbereitenden Maßnahmen entscheidend.

Fazit

Die Sommeruniversität bietet die Möglichkeit, Wissen im Bereich des Kulturgüterschutzes zu erwerben, zu erweitern und zu vertiefen. Ein zusätzlicher Anreiz sind sechs ECTS-Punkte, die dabei vergeben werden. Der nächste Kurs findet im Sommer 2017 statt. Das Thema dazu wird im Frühjahr feststehen. Der Schwerpunkt wird wieder auf den praktischen Inhalten liegen. Sie sollen die anderen Lehrgänge des Zentrums für Kulturgüterschutz, die vor allem theoretische Inhalte vermitteln, um ein Praxiselement ergänzen.

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur bei TRUPPENDIENST.

Evakuierungsübung - Fotostrecke

In der Stadt Traismauer brennt ein Haus. Die Feuerwehr stellt eine Leiter auf, um darin eingeschlossene Personen zu retten. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Die Feuerwehr bereitet Schläuche vor, um den Brand zu löschen. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Neben dem Haus das brannte, befindet sich das Römertor. Dieses Gebäude, in dem Artefakte aus der römischen Zeit gelagert sind, wurde bei dem Brand beschädigt. Die Decken des Gebäudes müssen deshalb gestützt werden. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Die Mannschaft der Feuerwehr betritt das Römertor. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Artefakte aus der Römerzeit werden in den Räumen des Römertors gelagert. (Foto: Keusch)
Um den Abtransport zu erleichtern sind die Behälter und Säcke mit den Fundstücken gekennzeichnet. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Die Kisten werden zu den Lastwägen getragen. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Die Belademannschaft wartet beim Römertor, darauf die Fundstücke zu verladen. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Die ersten Kisten werden verladen. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Die Kisten sind beim Zwischenlager angekommen und werden dort ausgeladen. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Die Kisten mit den Artefakten werden in das Schloss getragen. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Nachdem die Gegenstände im Schloss Traismauer angekommen sind, wo sie zwischengelagert werden, werden sie gesichtet und registriert. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Jeder Gegenstand wird kontrolliert. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Nach der Registrierung werden die Gegenstände teilweise in neue Schachteln verpackt. (Foto: DBU/Elena Zaunschirm)
Das Zwischenlager der Fundstücke im Schloss Traismauer. (Foto: Keusch)



Die militärische Komponente ist wesentlich

Interview mit Brigadier Mag. Martin Jawurek, derzeit interimistischer Kommandant des Militärkommandos Niederösterreich. Im Gespräch mit Truppendienst erläutert er, warum die internationale Bedrohungslage aktuell sehr hoch ist.

TD: Herr Brigadier, warum ist der Kulturgüterschutz eine zentrale militärische Aufgabe?

Jawurek: Die militärische Komponente ist ein wesentlicher Part des Kulturgüterschutzes. Sowohl im Ausland, aber auch im Inland. Wir stellen hier die Fachexpertise. Ich denke dabei unter anderem an Herrn Oberst Dominik Horn, der ein weltweit anerkannter Experte für den Kulturgüterschutz ist, und uns bei internationalen Gremien vertritt. Die thematischen Facharbeiten des Bundesheeres wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und werden weltweit als Lernunterlagen verwendet.

Im Inland trifft uns der Kulturgüterschutz auch dann, wenn das Bundesheer im Zuge einer Assistenzanforderung durch eine zivile Behörde tätig wird. Das klassische Bild vom Katastrophenhilfseinsatz ist ja vor allem durch Sandsäcke oder Brückenbau geprägt. Aber es kann bei Katastrophen auch dazu kommen, dass Kulturgut gefährdet ist. Dann kann das Bundesheer mit qualitativer Expertise und quantitativen Mitteln unterstützen. Einen solchen Fall haben wir in Traismauer in Kooperation mit der Donau-Universität Krems geübt.

Brigadier Mag. Martin Jawurek war acht Jahre lang im BMLVS für den militärischen Kulturgüterschutz zuständig. (Foto: MilKdo NÖ)

TD: Stichwort Übung. In wie weit ist das Militärkommando auf solche Assistenzeinsätze vorbereitet?

Jawurek: Wir haben im Militärkommando den PiBau- und Katastrophenschutzzug. Wir sprechen hier von rund 40 Mann, die wir rasch in den Einsatz bringen können. Für unsere jungen Grundwehrdiener ist eine Übung wie jene in Traismauer besonders interessant. Wir konnten dort an echten Kulturgütern üben - das ist alles andere, als eine alltägliche Situation. Aus meiner Sicht ist das ein echter Mehrwert und steigert natürlich die Motivation bei den Grundwehrdienern.

TD: Wieso hat gerade Österreichs Militär so viele Experten im Kulturgüteschutz?

Jawurek: Das ist fast ein Alleinstellungsmerkmal des Bundesheers. Schon vor vielen Jahren, als noch die Strategie der Raumverteidigung galt, war die Beachtung des Kulturgüterschutzes eine ganz wesentliche Prämisse. Daraus hat sich eine Expertise entwickelt, mit der wir auch im Ausland führend sind. Wir sind daher in der Lage, international wichtige Stabsfunktionen mit unseren Heeres-Experten zu besetzen. Außerdem sind die Kameraden aus der Miliz bei diesem Thema sehr engagiert und bringen hier ihr Wissen ein, das international bei Einsätzen sehr gefragt ist.

TD: Warum gewinnt das Thema jetzt wieder an Bedeutung?

Jawurek: Eigentlich ist es eher ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Damals wollte man Kollateralschäden an kulturellen Einrichtungen verhindern. Heute aber versuchen vor allem terroristische Gruppierungen weltweit, das kulturelle Erbe ganzer Staaten gezielt zu zerstören. Als Beispiele seien hier Palmyra oder Timbuktu genannt. Da wird das kulturelle Erbe von Jahrtausenden gezielt vernichtet. Und das gilt es zu schützen.

Der Terrorist bekämpft heute nicht mehr vorrangig „Umspannwerke“ – sein Ziel ist vor allem die Zivilbevölkerung. Er versucht das, was unsere Kultur und unsere Werte ausmacht, zu zerstören.

 

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