• Veröffentlichungsdatum: 25.05.2020
  • – Letztes Update: 28.05.2020

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Sicherheitsrisiko Klimawandel

Gerald Hainzl

(Foto: Marion/pixabay-279862; gemeinfrei)
(Foto: Marion/pixabay-279862; gemeinfrei)

In diesem Jahr jährt sich das „LVAk BOKU“ Seminar bereits zum zehnten Mal und hat sich zu einem Fixpunkt im Jahresplan der Landesverteidigungsakademie (LVAk) etabliert. Gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur (BOKU) werden mit 20 bis 30 Studierenden und Vortragenden aus beiden Institutionen aktuelle Themen mit sicherheitspolitischer Relevanz bahandelt. Seit der ersten Lehrveranstaltung im Jahr 2010 werden die Themen gemeinsam von diesen universitären Bildungseinrichtungen festgelegt und in Arbeitsgruppen von den Studierenden bearbeitet.

In diesem Jahr liegt der Fokus auf dem Klimawandel und seinen möglichen sicherheitspolitischen Auswirkungen. Dabei werden sowohl geopolitische Folgen eines möglichen Ausstiegs aus fossiler Energie thematisiert als auch der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration. Migration betrifft aber nicht nur den Zuzug aus fernen Ländern, sondern auch Bevölkerungsverschiebungen innerhalb der Europäischen Union (EU). Abgerundet wird das Bild durch die Beschäftigung mit historischen Kriegen und dem Anteil klimatischer Veränderungen am Ausbruch dieser Auseinandersetzungen.

Dr. Gerald Hainzl beim Hometeaching hinter dem Laptop in den eigenen vier Wänden. (Foto: Hainzl)
Dr. Gerald Hainzl beim Hometeaching hinter dem Laptop in den eigenen vier Wänden. (Foto: Hainzl)

Das Seminar war durch die COVID-19 Maßnahmen eine besondere Herausforderung für Studierende und Lehrende. Die Lehrinhalte wurden mittels Videos und Präsentationen auf der Online-Plattform der BOKU zur Verfügung gestellt. Zusätzlich fanden die Präsenzzeiten auf der Konferenzplattform Zoom statt. Studierende und Lehrende hatten dadurch die Möglichkeit, sich über die Inhalte auszutauschen. Die Gruppen wurden von den Lehrenden zusätzlich individuell betreut. Obwohl damit der Lehrbetrieb sichergestellt werden konnte, war das für alle Beteiligten ein Herausforderung. Während Lehrveranstaltungen mit vorwiegendem Frontalunterricht online durchaus in hoher Qualität möglich sind, ist ein derartiger Qualitätsstandard in Lehrveranstaltungen mit einem hohen Grad an Interaktion deutlich schwieriger. Nichtsdestotrotz fand auch online ein interessanter Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden statt.

Die Bearbeitung der Themen in vier Arbeitsgruppen brachte zum Teil erstaunliche Ergebnisse. In einer Gruppe wurden historische Klimakonflikte bearbeitet und herausgearbeitet, ob es einen Zusammenhang zwischen klimatischen Veränderungen und Kriegen/Konflikten geben kann. „Klimakrieg“ ist ein relativ neuer Begriff und wohl auch dem Zeitgeist geschuldet. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Kriegen und Klimaveränderungen ist umstritten, es gibt jedoch Indizien, die darauf hindeuten. Gewaltsame Auseinandersetzungen dürften das Ergebnis unterschiedlicher Faktoren sein, wobei der Klimawandel und andere Wetterereignisse als Katalysator für gewaltsame Konflikte wirken. So verschärfen Existenzkrisen die soziale Lage unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und Missernten, höhere Lebensmittelpreise und damit verbundene Hungersnöte die Situation und führten in der Geschichte in letzter Konsequenz zu Kriegen. Daraus lässt sich ableiten, dass der Schutz des Klimas auch einen Beitrag zur Friedenssicherung ist.

Klimawandel und Migration waren der Schwerpunkt einer anderen Gruppe. Prognosen zur weiteren Entwicklung sind schwierig, weil es sowohl bei der Projektion des künftigen Bevölkerungswachstums als auch der Schätzung des Ausmaßes der zukünftigen Emissionen große Unsicherheiten gibt. Fakt ist, dass ein Anstieg der globalen Temperatur enorme Auswirkungen auf Umweltsystem und Menschen hat. Dennoch werden die Auswirkungen regional sehr unterschiedlich sein. Neben veränderten Möglichkeiten zur Nahrungsmittelproduktion wird auch der Anstieg des Meeresspiegels zu einer Verschärfung der Situation beitragen. Die Anpassung dürfte aber mehr ein politisch/soziales, denn ein technisches Problem sein. Derzeit erleben die Menschen den Klimawandel in Form von extremen Wetterereignissen wie Überschwemmungen und Dürren. Durch das Auftauen des Permafrostbodens in den nördlichen Regionen wird vermutlich die Infrastruktur nachhaltig geschädigt. Bauwerke, Verkehrsinfrastruktur und Pipelines sind in Gefahr. Aus den betroffenen Regionen könnten die Menschen in den Süden ziehen.

Die Internet-Lernplattformen der Universitäten sind der "Studienort" während der Corona-Krise. (Foto: Hainzl)
Die Internet-Lernplattformen der Universitäten sind der "Studienort" während der Corona-Krise. (Foto: Hainzl)
Online-Meetings und -Vorlesungen bestimmen das Sommersemester 2020 an den Universitäten. (Foto: Hainzl)
Online-Meetings und -Vorlesungen bestimmen das Sommersemester 2020 an den Universitäten. (Foto: Hainzl)

Auch innerhalb der Europäischen Union (EU) sind aufgrund klimatischer Veränderungen Bevölkerungsverschiebungen möglich. Dies wurde ebenfalls in einer Seminararbeit herausgearbeitet. In mehreren Wirkungskategorien gibt es eine deutliche Kluft zwischen den Staaten im Norden und zu denen im Süden. Die Hitze wird Auswirkungen auf die Sterblichkeit haben und landwirtschaftliche und Wasserressourcen im Süden negativ beeinflussen. Besonders Italien und Spanien werden betroffen sein. Die Ernährungssicherheit wird jedoch nicht beeinträchtigt, da sich die landwirtschaftliche Produktion Richtung Norden und Osten verlagern wird. Auch bereits in Europa verschwundene Krankheiten wie Malaria werden zurückkehren. Waren bisher wirtschaftliche, politische und soziale Faktoren für die Binnenwanderung in Europa verantwortlich, werden künftig klimatische Faktoren eine größere Rolle spielen. Dies wird auch Auswirkungen auf die EU haben und die Bandbreite möglicher Szenarien reicht von einem starken Integrationsprozess bis zu einer Renationalisierung und Destabilisierung der EU.

Eine weitere Gruppe beschäftigte sich mit den geopolitischen Folgen beim Ausstieg aus fossiler Energie am Beispiel Angolas. Angola ist einer der beiden großen Erdölproduzenten in Afrika, seine staatlichen Einnahmen stammen zu 88 Prozent aus dem Rohölexport. Selbst Diamanten spielen mit nur 4,3 Prozent Anteil eine untergeordnete Rolle. Die transnationalen Beziehungen Angolas werden daher selbstverständlich von der Abhängigkeit der fossilen Energie bestimmt. Die wichtigsten Partner sind China und Portugal, aber auch die Beziehungen zu den USA, Russland und der gesamten EU haben eine Bedeutung. Würde Angola zur Gänze aus fossiler Energie aussteigen, würde der Anteil der Diamanten an den staatlichen Einnahmen sofort auf fast 70% ansteigen und die politischen und wirtschaftlichen Dynamiken für das Land würden sich schlagartig ändern, ohne dass eine sofortige Kompensation möglich wäre. Die transnationalen politischen Beziehungen würden sich neu ordnen. Dies ist zwar ein fiktives Szenario, aber langfristig könnte Angola durch eine Diversifizierung der Wirtschaft und Investitionen in alternative Energien und der damit verbundenen Reduktion der Abhängigkeit von Erdöl auch Chancen außerhalb dieses Sektors nutzen.

Hofrat Mag. Dr. Gerald Hainzl ist Forscher am Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie.

 

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