• Veröffentlichungsdatum: 02.08.2016
  • – Letztes Update: 10.08.2016

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Schießausbildung im Wandel

Christof Stranner

Schießprogramm 2014

Schießausbildung mit der Pistole 80. (Foto: Toni Czech)

Wer kennt noch die „Trageweise der Waffe in der Unterkunft“, deren unterbliebene Anwendung zu Verstimmungen mit dem Ausbildungspersonal führen konnte? Wer erinnert sich noch an das schwierige Aufmunitionieren der Sturmgewehrmagazine mit der am linken Unterarm baumelnden Waffe? Und wer kann sich noch an die Ladestellung erinnern, die immer einzunehmen war, wenn am Magazin der Waffe manipuliert wurde?

Diese drillmäßig eingelernten Tätigkeiten haben in der aktuellen Schießausbildung keine Bedeutung in ihrer ursprünglichen Form mehr.  Den auszubildenden Schützen wird ein differenzierter Umgang mit der Waffe vermittelt. Dieser geht ab vom exerziermäßigen Vorgehen auf dem Schießplatz hin zum wachen Bewusstsein für den Zustand seiner Waffe. Nur so kann unter Berücksichtigung der jeweiligen Sicherheitsbestimmungen eine gefechtsnahe Schießausbildung stattfinden.

Grundschießfertigkeit

Im aktuellen Schießprogramm gilt es zunächst, die Grundschießfertigkeit zu erreichen. Diese ist erreicht, wenn der Schütze alle Schulschießübungen geschossen und zumindest 75 Prozent der Schulschießübungen an der jeweiligen Waffe erfolgreich absolviert hat.

Dabei ist beim Schulschießen bis zur 8. Übung jeder einzelne Schütze durch einen Ausbilder anzuleiten. Die verbleibenden zehn Schulschießübungen können bereits im Gruppenrahmen geschossen werden. In der Praxis steht dabei eine Schützengruppe in einer Reihe und absolviert die vorgegebene Übung auf Distanzen zwischen fünf und 40 Metern unter Anleitung eines Ausbilders.

„Haben die Schützen das Schulschießen bis zur 8. Übung mit dem Sturmgewehr bzw. mit der Pistole positiv geschossen, kann mit einem Schießausbilder/Ausbilder für eine Gruppe das Auslangen gefunden werden.“ (DVBH „Schießen mit Handfeuerwaffen und Maschinengewehren“)

Einzelgefechtsschießen, Truppgefechtsschießen

Darauf folgen Einzelgefechtsschießen und Truppgefechtsschießen, die wesentlich dynamischer ablaufen, den Umfeldbedingungen in Gefechtssituationen angepasst werden und beispielsweise auch den Wechsel von Sturmgewehr auf Pistole vorsehen. Gesamt stehen dafür 14 Einzelgefechtsschießübungen und fünf Truppgefechtsschießübungen zur Verfügung.

Die Aufgaben der eingeteilten Funktionen wie dem Leitenden, dem Sicherheitsoffizier und dem Ausbilder am Stand sind dabei grundsätzlich gleich geblieben. Mit dem neuen Schießprogramm ist jedoch die Funktion des Schießausbilders hinzugekommen.

Schießausbilder

Der Schießausbilder weist in die Schießübung ein. (Foto: Toni Czech)

Der Schießausbilder berät den Kommandanten in allen Belangen der Schießausbildung. Zusätzlich ist er mit vorbereitenden Trockentrainings, der ganzheitlichen Ausführung von Schießübungen, und organisatorischen Maßnahmen auf dem Schießplatz betraut. Sein spezielles Wissen dient vor allem der Ausbildung und Vorbereitung der „Ausbilder am Stand“, kommt aber auch bei einzelnen Schützen zur Anwendung.

In umgangssprachlich als „Trockentraining“ bezeichneten Übungen wird der Schütze im wahrsten Sinne des Wortes „von Kopf bis Fuß auf  Schießen eingestellt“. Dem richtigen Stand kommt dabei eine ebensolche Bedeutung zu wie der Haltung des Oberkörpers, dem Halten und Einsetzen der Waffe und vor allem dem Zielen und Abziehen als Koordinierung zwischen Körperhaltung, dem Anvisieren und teilweise der Atmung.

Auf dem Schießplatz sorgt der Schießausbilder für die richtige Ausführung der eingelernten Bewegungsabläufe und gibt üblicherweise in Abstimmung mit dem Leitenden die jeweils zu schießenden Übungen vor.

Organisatorisch unterstützt der Schießausbilder den Leitenden beispielsweise bei der richtigen Auswahl der Ziele. Die Entfernungen der Schützen zu denselben kann er selbständig abändern.

Das alles setzt eine enorme Schießfertigkeit seinerseits voraus, die er einerseits bei einem Überprüfungsparcours unter Beweis stellen muss und andererseits während eines zweiwöchigen Kurses festigen und vertiefen kann.

Um den Erhalt seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten sicherzustellen und um über Neuerungen in der Lehre auf dem Laufenden zu bleiben, steht jedem Schießausbilder einerseits ein umfassendes Munitionskontingent zu, andererseits ist er verpflichtet regelmäßig (zumindest alle fünf Jahre) an einem einwöchigen Fortbildungsseminar teilzunehmen.

Zwei Seminare für Schießausbilder fanden im Juli 2016 am Institut „Jäger“ der Heerestruppenschule auf dem Truppenübungsplatz „Bruckneudorf“ statt. Die dort verfügbaren Schießbahnen eigneten sich hervorragend für die Auffrischung der Schießfertigkeiten von jeweils ca. 25 Schießausbildern.

Die Ausbildung erfolgte dabei nach folgenden Schwerpunkten:

Schießen auf weite Distanzen

Zielbeobachtung auf mittlere Entfernung. (Foto: Toni Czech)

Eingedenk des Umstandes, dass Schussentfernungen im Gefecht selten 300 Meter betragen, wurde ein Anschießen der Sturmgewehre auf 200 Meter erprobt und für gut befunden. Eine Anschießscheibe, die die Abweichung von Visierlinie und Flugbahn des Geschoßes berücksichtigt, steht sowohl für eine Zielentfernung von 200 Meter wie auch für 300 Meter zur Verfügung.

Erkenntnisse, die sich aus aktuellen Gefechtsbildern ableiten lassen, haben gezeigt, dass Ziele auf sehr kurze und auf sehr weite Entfernungen bekämpft bzw. niedergehalten werden müssen. Daher kommt in der Schießausbildung das Sturmgewehr für Schussdistanzen zum Einsatz, die sich zwischen fünf Metern und 600 Metern befinden können. Die Einsatzerfahrung der britischen Armee hat gezeigt, dass auch mit Sturmgewehren ein Niederhalten mit niedriger Kadenz auf eine Entfernung von bis zu 600 Metern durchaus möglich ist und Feindkräfte bindet. Die dementsprechende Munitionsausstattung ist demnach der jeweiligen Einsatzart anzupassen und auf Teile, die den Feuerkampf führen, umzuverteilen. Eine solche Umverteilung ist vor allem bei der Gebirgstruppe von Bedeutung, wenn der Transport teilweise ohne Fahrzeuge sichergestellt werden muss.

Die Ausbildung im Schießen auf weite Entfernungen hat mehrere bedeutende Erkenntnisse gebracht: Einerseits gilt es, die Schützen auf den jeweils geänderten Haltepunkt hin zu schulen. Wenn der Schütze weiß, wie er seine Zieleinrichtung an Entfernungen angepasst zu verwenden hat, stellt die Wirkung im Ziel keine Schwierigkeit dar. Als besonders hilfreich erweist sich das im Sturmgewehr „Kommando A2“ angebrachte Kreisabsehen, das mit „Dots“ (Punkten) versehen ist. Diese erleichtern das richtige Anvisieren auf mittlere Entfernungen ungemein. Andererseits fehlen dem Österreichischen Bundesheer derzeit geeignete Schießscheiben, die die geforderte Wirkung im Ziel auf Zielentfernungen von bis zu 600 Metern sicherstellen können.

Das 5,56mm Sturmgewehr 77 A2 Kommando. (Foto: Toni Czech)

Vorerst können im Bundesheer nur „Volltreffer“ auf der sogenannten „Kunststoffscheibe Harry“ aufgezeigt werden. Die Zielbeobachtung mittels Feldstecher ist schwierig, kann jedoch durch die Verwendung von Leuchtspurmunition erleichtert werden. Um die Wirkung von Niederhaltefeuer darstellen zu können, müssen auch Schüsse bis einen Meter um das Ziel erkannt werden.

 

Mit der Pistole 80 (P80) können Ziele auf bis zu 80 Metern bekämpft werden. Das stellt zwar nicht die Norm dar, schult jedoch das Visieren mittels Kimme und Korn.

Schießen aus Deckungen

Loch- bzw. Scheibenwand. (Foto: HTS)

Aus der Anpassung des Scharfschießens an Gefechtssituationen resultiert das Abgehen von normierten Körperhaltungen bzw. das Anpassen derselben an die jeweiligen Umfeldbedingungen. Wesentliche Elemente bei dieser Ausbildung sind eine möglichst gute Deckung bei einer idealen Wirkung der jeweils verwendeten Waffe. Das heißt, dass bis dato undenkbare oder verpönte Waffenhaltungen wie etwa das Halten des Sturmgewehrlaufs oder des Abzugsbügels mit der linken Hand situationsangepasst zum Einsatz kommen können.

Abhängig von der jeweiligen Stellung müssen Sturmgewehr und Pistole sowohl auf der linken als auch auf der rechten Körperseite verwendet und daher von der linken und der rechten Hand bedient werden können.

Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang erneut dem jeweiligen Abstand zwischen Visierlinie und Flugbahn des Geschoßes zu. Bei Anschlagsarten und Körperhaltungen, die ein kontrolliertes Verkanten der Waffe notwendig machen, ist erhöhtes Augenmerk auf die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen zu legen: Eine freie Visierlinie ist kein Garant für eine freie Flugbahn des Geschoßes. Dieses kann, bei Nichtbeachtung des oben erwähnten Abstandes, zu Schüssen in die Deckung führen wodurch eine Gefährdung des Schützen gegeben ist.

Im internationalen Umfeld können verschiedene Deckungen durch eine Loch- bzw. Stufenwand simuliert werden. Durch die verschiedenen Öffnungen auf verschiedenen Höhen zwingt sie den Schützen zur sicheren Handhabung seiner Waffe in unterschiedlichen Körperhaltungen. In Österreich werden Loch- und Stufenwände in der Schießausbildung der Polizei verwendet, im Bundesheer fehlt vorerst die entsprechende Freigabe.

Schießparcours

Zeitnehmung bei einem Parcours. (Foto: Toni Czech)

Das Anlegen eines Schießparcours bedingt zusätzlich zu organisatorischen Rahmenbedingungen, die üblicherweise durch die Schießorganisation sichergestellt werden, vor allem didaktische Zugänge. Sie werden durch die im Schießprogramm angeführten Einzelgefechts- und Truppgefechtsschießen abgedeckt.

Schießparcours sollen die selbständige Waffenhandhabung schulen, den Schützen unter Stress zu drillmäßig eingelerntem Handeln zwingen und nicht zuletzt einen vergleichenden „Wettkampfcharakter“ besitzen. Je nach Erfordernis können dabei schießtechnische Parcours, gefechtstechnische solche, oder auch Scheibenszenarien durchgeführt werden.

Bei schießtechnischen Parcours werden gewertet:

  •  die Waffenhandhabung,
  •  die Schießstellung,
  •  die Treffer
  •  und die benötigte Zeit.

Gefechtstechnische Parcours schulen den Schützen in den Bereichen

 

  •  Mündungsdisziplin,
  •        Sicherung,
  •        dem gefechtstechnisch richtigen Vorgehen,
  •  dem Kampfgespräch
  •  und dem Prinzip „Feuer und Bewegung“.

Vor allem bei schießtechnischen und gefechtstechnischen Parcours würde sich die Verwendung von Stahlscheiben als einfaches und hilfreiches Ausbildungsmittel erweisen, da sich Treffer akustisch wahrnehmen lassen.

Scheibenszenarien dienen der Darstellung realistischer Gefechtssituationen. Erhöhte Bedeutung kommt dabei der Freund-Feind Kennung zu. Diese ist nur möglich, wenn personifiziertes Scheibenmaterial zum Einsatz kommt. Die jeweils auf den Scheiben abgebildete Person kann vom Schützen als Bedrohung oder als schützenswerte Person wahrgenommen werden. Dadurch wird bestmöglich aktuellen Szenarien entsprochen, da in allen zeitgemäßen Bedrohungsszenarien unterschiedliche Gruppierungen mit unterschiedlicher Feindabsicht vorkommen.

Beim Österreichischen Bundesheer kommen personifizierte Scheiben derzeit nicht zum Einsatz. Indes behilft man sich mit Stoffüberzügen für Schießscheiben, die unterscheidbare Symbole zeigen.Eine Kombination verschiedener Parcours, die sich zumeist aus dem Ausbildungsstand der Schützen ergibt, ist denkbar.

Im Ziel

Abzeichen für Schießausbilder. (Foto: Michael Barthou)

Die Aus- und Fortbildung von Schießausbildern ist eine der qualifiziertesten Schießausbildungen im Bundesheer. Sie entwickelt sich in Teilbereichen ständig weiter und setzt das Engagement und den Leistungswillen der einzelnen Schießausbilder voraus.

Durch kreatives Herangehen an Probleme in der Schießausbildung, durch Erprobungen seitens des Institutes Jäger der Heerestruppenschule und nicht zuletzt durch die fortwährende Anwendung der geltenden Lehre können neue Erkenntnisse gewonnen und in die Ausbildung eingebracht werden. Der internationale Vergleich wird ständig gesucht, man nimmt an ausländischen Kursen teil und bildet ausländische Kursteilnehmer aus.

Ausbildungsmittel wie Loch- bzw. Stufenwände, geeignete Schießscheiben für das Niederhalten, Stahlscheiben oder personifizierte Scheiben könnten die Ausbildung einfacher und zugleich realer gestalten.

Ungeachtet dessen kommt einer fundierten Ausbildung im „Waffen- und Schießdienst“ nach wie vor hohe Bedeutung zu. Die neue Schießausbildung ist nicht „lockerer“, sondern gefechtsnäher gestaltet worden und fordert erhöhte Disziplin, einen soliden Ausbildungsstand und unbedingte Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen.

Derzeit befindet sich an der Heerestruppenschule ein Schießsimulator für Infanteriewaffen in Erprobung. Seine Möglichkeiten wurden durch die Schießausbilder geprüft und beurteilt. Vielleicht erleichtert der Simulator, der am besten als „Schießkino“ beschrieben werden kann, schon bald die Vorbereitung und Ausbildung für das Scharfschießen. Ersetzen können wird er es nicht.

-stc-

 

Zeitgemäße Schießausbildung im Bild

 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Kauf Michael // 03.08.2016, 15:44 Uhr Sehr geehrte Redaktion!
    Es scheint tatsächlich notwendig zu sein, die Schießausbildung auf kurze und -wieder- weite Entfernung zu trainieren. Diese Notwendigkeit ist ja nicht nur in Wüsten notwendig. Vielleicht wäre es überlegenswert, eine Person der Gruppe speziell zu schulen ("designatete marksman" o.ä.) und ihr ein besonders gutes Gewehr, noch besser eines mit 7,62 Munition, zu geben.
    Dies und das spezielle realistischere Training analog zur Schweiz, jetzt auch Deutschland und anderen, sollten wir, durchaus auch im gemeinsamen Training wie bei der Gebirgsausbildung, einführen. Da ja praktisch nur mehr Freiwillige einrücken, wird auch das Interesse und der Wille zur Erreichung eines guten Schießergebnisses zu erwarten sein. Vergessen wir nie, daß es ggf. um Leben und Tod geht!
    Beste Grüße! Michael Kauf, OltdRes