• Veröffentlichungsdatum: 19.01.2017
  • – Letztes Update: 26.01.2017

  • 8 Min -
  • 1536 Wörter

Rekruten der Cyberfront

Gerold Keusch

(Foto: Keusch)

Die virtuelle Welt des Internets birgt Möglichkeiten, aber auch Gefahren für ihre Nutzer. Angriffe aus dem Cyberspace sind längst zu einer Realität geworden, die uns in Zukunft begleiten wird. Oft entsteht der Eindruck, dass „die Gegenseite“ überlegen ist und „wir selbst“ zu wenig über die diffusen Bedrohungen wissen. Die Cyber-Grundwehrdiener des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) leisten einen Beitrag, um dieser Bedrohung entgegenzuwirken.

Anmerkung: Der Artikel thematisiert das CDRC an der Landesverteidigungsakademie in Wien. Dieses ist eines von zwei solcher Einrichtungen des ÖBH. Die andere befindet sich in St. Johann/Pongau. Darüberhinaus ist ein drittes CDRC beim Kommando Führungsunterstützung & Cyber Defence geplant. 

Der Vormittag im CDRC

Um 0730 Uhr beginnt der Dienst eines Cyber-Grundwehrdieners, so wie für die meisten anderen Rekruten auch, mit der Standeskontrolle im Kasernenhof. Danach verlassen sie jedoch die Pfade der „normalen Soldaten“ und begeben sich in das Cyber Documentation & Research Center (CDRC) im Amtsgebäude Stiftgasse. Das CDRC ist ein Teil der Zentraldokumentation und gehört zur Landesverteidigungsakademie des Bundesministeriums für Landesverteidigung und Sport.

Crowd Research

Der Arbeitstag der Cyber-Grundwehrdiener beginnt täglich damit, offene Informationen über das Thema „Internet und Sicherheit“ im Web zu recherchieren. Ihre Aufgabe ist es, die Relevanz von Online-Artikeln und Nachrichten auf deren Informationsgehalt einzuschätzen und in einer Datenbank aufzunehmen.

Die Websites, die die Rekruten besuchen, sind nicht nur in deutscher oder englischer Sprache. So können Entwicklungen, die im europäischen Kulturkreis noch nicht thematisiert werden, frühzeitig erkannt werden. Das bedingt eine hohe Sprachkompetenz der Grundwehrdiener - ein wesentliches Kriterium, um als Cyber-Soldat dienen zu können. Vor allem Personen mit Migrationshintergrund sind hier gefragt, auch wegen ihrer kulturellen Kompetenz, die für die adäquate Bewertung von Informationen häufig entscheidend ist. Die Sprachkenntnisse reichen von Französisch, Russisch oder Ungarisch bis zu Arabisch oder Chinesisch.

Cyber-Soldaten bei der Körperausbildung. (Foto: Keusch)
Cyber-Soldaten bei der Körperausbildung. (Foto: Keusch)

Welche neuen Strategien, Techniken, Erfahrungen oder Gefährdungen gibt es im Zusammenhang mit Cyber-Security? Wo und wer wird gehackt und wie geht das vor sich? Das sind nur einige Fragen, zu denen die Rekruten Informationen sammeln. Zwischen zehn und 15 Web-Seiten, die jedem Soldaten zugewiesen sind, rufen sie täglich auf. Dabei handelt es sich um High-Profile-Sites, die vertrauenswürdige Informationen beinhalten. Etwa 200 Meldungen pro Tag sind so relevant, dass sie in der Datenbank aufgenommen werden. Dazu werden sie mit Begriffen wie Gesellschaft, Wirtschaft, Cyber Security etc. kategorisiert. Das ist die Grundlage für die weitere Bearbeitung dieser Informationen.

Körperausbildung

„Jeder Rekrut soll fitter abrüsten, als er eingerückt ist!“ sagt Oberst Mag. Klaus Mak. Er ist der Leiter der Abteilung Zentraldokumentation, Vorgesetzter und „Ausbilder“, der Cybersoldaten. Er vermittelt seinen Untergebenen nicht nur Fachkenntnisse im Bereich der Information und Dokumentation, sondern leitet auch die tägliche Körperausbildung im Fitnessraum. Nach einem gemeinsamen Übungsprogramm zum Aufwärmen wechseln die Rekruten zum individuellen Training auf das Laufband, den Ergometer oder zu einem Fitnessgerät. „Der gemeinsame Sport fördert den Zusammenhalt, hält fit und macht den Kopf frei für den restlichen Tag im Lehrsaal“, so Mak.

Der Nachmittag im CDRC

Nach der Körperausbildung und dem Mittagessen setzen die Cyber-Soldaten ihren Dienst im CDRC fort. Dieser erfolgt nun gemäß der Spezialisierung der Rekruten im Bereich der Informations-Dokumentation sowie in der Bearbeitung von speziellen Aufgaben. Dabei werden die folgenden Themenbereiche bearbeitet:

6-W-Bericht

Diese Art des Berichtes wird für interne und externe Bedarfsträger aufgrund eines Ereignisses durchgeführt. Er ist eine standardisierte Möglichkeit, Hintergrundinformationen rasch, umfassend und qualitativ hochwertig bereitzustellen, um ein Ereignis adäquat einschätzen zu können. Ein Beispiel für einen Vorfall, der im Zuge eines solchen Berichtes abgearbeitet wurde, ist der Hackerangriff auf die Deutsche Telekom. Bei diesem Standardverfahren werden die fünf W-Fragen, die jedem Soldaten ein Begriff sind „wer? wann? was? wie? wo?“ recherchiert, um die Frage nach dem „warum?“ erweitert und in kurzer und prägnanter Form beanwortet. Diese Berichte dienen als Basis für die weitere Beurteilung der Lage und die daraus resultierenden Maßnahmen.

Oberst Mag. Klaus Mak leitet die Ausbildung am Cyber Documentation & Research Center. (Foto: Keusch)
Oberst Mag. Klaus Mak leitet die Ausbildung am Cyber Documentation & Research Center. (Foto: Keusch)

Referatedienst

Die Zentraldokumentation publiziert Informationshefte, die periodisch erscheinen. Neben den Heften für allgemeine und wehrtechnische Informationen gibt es ein Format zum Thema Cyber-Information. Darin befinden sich Zusammenfassungen (Abstracts) von komplexen Texten, welche klar und verständlich die wesentlichen Inhalte von Fachartikeln in Kurzform wiedergeben. Dieses Produkt ist eine Serviceleistung für den Leser. Dieser kann dann entscheiden, ob er den Originaltext lesen möchte bzw. ob dessen Inhalt für ihn relevant und/oder von dienstlichem Interesse ist. Das Heft erscheint mit einer Auflage von rund 600 Exemplaren in gedruckter Form, ist aber auch über das Portal der Abteilung Zentraldokumentation im Intranet des ÖBH abrufbar.

Terminologiearbeit und Übersetzung

Das Identifizieren und richtige Verstehen der Fachsprache ist für das Bearbeiten von Texten entscheidend. Was schon in der Muttersprache eine Herausforderung darstellt, wird in der Fremdsprache rasch zu einer unüberwindbaren Hürde. Einige Cyber-Soldaten sind darauf spezialisiert, diese Hürde im Fachbereich abzubauen. Das Ergebnis ist ein mehrsprachiger Cyber-Thesaurus, der sowohl das Beschlagworten als auch das Auffinden von Information sowie deren Verwertung erleichtert.

Cyber-Wiki

Was Wikipedia im großen Stil macht, tun die Cyber-Soldaten im kleinen Format: Sie sammeln und erklären Begriffe aus ihrem Fachgebiet für Dienststellen des ÖBH und berechtigte Nutzer, um sie für die dienstliche Verwertung und die Bedarfsträger verständlich zu machen. Als Basis dazu verwenden sie die Open Source Wiki-Software „Mediawiki“, weshalb diese Seite gleich wie Wikipedia aussieht und auch so zu bedienen ist.

Netzwerkanalyse 

Wie ist wer miteinander verbunden und in welcher Beziehung stehen sie zueinander? Diese Frage ist ein Schlüssel, um zu verstehen welche Bedürfnisse Menschen haben und welche Handlungen sie setzen könnten, um diese zu befriedigen. Was für den Menschen gilt, gilt auch für Unternehmen und Organisationen. Die Soziale Netzwerkanalyse ist ein quantitatives Verfahren zur Auswertung von Daten, die diese Beziehungen mess- und sichtbar machen soll. So lassen sich Netzwerke und die Rolle ihrer Akteure darstellen und Abläufe darin simulieren und prognostizieren. Das funktioniert jedoch nur, wenn die dazu notwendigen Daten vorhanden sind und in das System eingespeist wurden. Diese Aufgabe übernehmen die Grundwehrdiener des CDRC.

Content-Analyse-Werkzeug

Stellen Sie sich einen Computer vor mit dem Sie chatten können, ohne dass jemand auf der anderen Seite sitzt. Und dann stellen Sie sich vor, dass Sie diesen Computer alles fragen können, er Sie richtig versteht und Sie darüberhinaus die richtige Antwort erhalten - egal um was oder um wen es sich handelt. Die Cyber-Soldaten arbeiten mit einem Content-Analyse-Werkzeuge das so ein „Gespräch“ möglich machen soll. Damit dieses funktionieren kann, benötigt es jedoch Daten und Algorithmen. Diese werden von den Grundwehrdienern eingegeben. Diese Anwendung arbeitet zwar noch nicht so, wie eingangs beschrieben, sie ist aber dennoch in der Lage Antworten im Sinne einer erweiterten und verbesserten Suchmaschine zu geben.

Forschung & Entwicklung

Die Verwaltung und Auswertung immer größerer Datenmengen ist eine Herausforderung, die gerade im Bereich der Wissensverwaltung bewältigt werden muss, um einen Nutzen aus dem System ziehen zu können. Die Verbesserung und Vereinfachung der Verwaltung mit modernen und leistungsfähigen Programmen und Geräten ist dazu unabdingbar. Zu erkennen, welche das sind, wie sie funktionieren und wo sie sinnvoll eingesetzt werden können, ist eine Aufgabe, die die Soldaten des CDRC ständig begleitet.

(Foto: Linforth/Pixabay)

Projekt Cyber-GWD

2014 wurde das Projekt Cyber-Grundwehrdienst als eine von vielen Maßnahmen zur Attraktivierung des Grundwehrdienstes ins Leben gerufen. Bis dato wurden drei Einrückungstermine mit jeweils etwa 10 Rekruten in diesem Bereich ausgebildet. Das Projekt soll zumindest bis 2017 fortgeführt werden. Oberst Mag. Klaus Mak, der Verantwortliche für das Projekt an der Landesverteidigungsakademie, ist darum bemüht, dieses nicht nur fortzusetzen, sondern auch zu erweitern.

Er stellt diesbezüglich fest, dass „ein Expertenstab Miliz im Bereich Cyber-Security sinnvoll wäre, um auch nach dem Ende des Grundwehrdienstes das Know-how der Soldaten nutzen zu können. Darüberhinaus wäre es günstig mehr Soldaten in diesem Bereich einen befristeten Vertrag nach dem Ende des Grundwehrdienstes anzubieten.“ Zurzeit gibt es zwei Korporäle, die als Personen im Ausbildungsdienst, im CDRC ihren Dienst versehen. Beide waren schon beim ersten Einrückungstermin 2014 dabei.

Der Weg zum Cyber-Soldaten 

Um Cyber-Soldat zu werden, hat man sich bei der Stellung einem Talentecheck zu unterziehen. Neben einer hohen fremdsprachlichen Kompetenz sind vor allem eine technische Ausbildung im IT-Bereich bzw. darüberhinausgehende Qualifikationen in dieser Sparte nötig.

Nach dem positiven Ergebnis und der Einteilung als Cyber-Grundwehrdiener, ist der erste militärische Abschnitt die Basisausbildung 1 bei der Truppe. Danach werden die Cyber-Grundwehrdiener vom Kommando Führungsunterstützung & Cyber Defence an der Führungsunterstützungsschule ausgebildet. Die Ausbildung umfasst ein technische Einweisung in den Themenkomplex Cyber und in die allgemeinen Sicherheitsgrundlagen. Das ist die Basis für den Einsatz als Cyber-Grundwehrdiener.

Für sprachlich talentierte Rekruten bietet das im Artikel beschriebene CDRC in Wien, aber auch jenes in St. Johann/Pongau eine adäquate Einsatzmöglichkeit. Technisch versierte Rekruten kommen in das Kommando Führungsunterstützung & Cyber Defence. Dort werden sie je nach Ausbildungsniveau und Fähigkeiten als Programmierer, Netzwerkadministrator oder Software-Tester eingesetzt. Darüberhinaus gibt es die Möglichkeit bei der Truppe als Soldat im IT-Bereich zu dienen. 

Fazit

Die Funktion des Cyber-Soldaten ist nicht mit der eines „normalen Soldaten“ vergleichbar, der sich auf dem Gefechtsfeld im Gelände bewegt. Der Raum in dem sich der Cyber-GWD „bewegt“, ist der Lehrsaal hinter dem Computer, von wo aus er die Tiefen des World Wide Web betritt. In dieser virtuellen Welt werden jeden Tag Konflikte ausgetragen und kleine Kriege in verschiedenen Formen, die oft nicht als solche erkennbar sind, geführt.

Die Rekruten des CDRC greifen niemanden an und wehren niemanden aktiv ab. Dennoch leisten sie einen wesentlichen und zeitgemäßen Beitrag zur Erhöhung der Abwehrfähigkeit des Österreichischen Bundesheeres: Als Soldaten einer Spezialeinheit an der „Cyberfront“.

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur bei TRUPPENDIENST. 


Kommando Führungsunterstützung & Cyber Defence

Cyber-Gehilfe bei der Truppe

(Foto: Keusch)
 

Ihre Meinung

Meinungen (0)