• Veröffentlichungsdatum: 19.02.2018
  • – Letztes Update: 21.02.2018

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Pistolenschieß-Sport im Bundesheer

Gerold Keusch

(Foto: Bundesheer/Sascha Harold)
(Foto: Bundesheer/Sascha Harold)

Wenn man den Soldaten als Leistungssportler versteht, dessen Disziplin das Gefecht ist, so ist neben seiner körperlichen Leistungsfähigkeit vor allem das Bedienen seines „Werkzeuges“ von Bedeutung. Jeder Soldat muss deshalb seine Waffen nicht nur kennen - er muss sie beherrschen. Nur so kann er seinen Auftrag erfüllen und auf dem Gefechtsfeld überleben. Die Waffen des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) werden aber nicht nur für den Gefechtsdienst und den Einsatz verwendet, sie dienen auch als „Sportgerät“ für Schützen. 

Die Sportschützen des Bundesheeres erfüllen eine wesentliche Aufgabe: Sie erhöhen das Wissen und die Expertise im Waffen- und Schießdienst und verbessern somit das Basiswissen für den Einsatz. Diesen Ansatz verfolgt auch dieser Artikel, bei dem einerseits der Pistolen-Schießsport im ÖBH vorgestellt wird und andererseits ein Teil des Wissens dieser Leistungssportler weitergeben werden soll, um die „Lücke“ zwischen Sport und Gefecht zu verkleinern. 

TRUPPENDIENST hat zwei Pistolenschützen des ÖBH bei ihrem Training begleitet. Der eine ist Vizeleutnant Karl Pavlis, Sportunteroffizier an der Landesverteidigungsakademie in Wien, Leistungssportler in Zweitfunktion und Angehöriger des „Bundesheer-Wettkampfkaders Schießen“. Der andere ist Offiziersstellvertreter Josef Hatos, Unteroffizier für Öffentlichkeitsarbeit auf dem Truppenübungsplatz Bruckneudorf, Heeresmeister im Sturmgewehr- und Pistolenschießen, der diesen Sport zusätzlich zu seiner dienstlichen Tätigkeit betreibt. 

Training des Bundesheer-Wettkampfkaders

Vizeleutnant Karl Pavlis ist Diplomtrainer und Sportunteroffizier an der Landesverteidigungsakademie. Seit 1983 ist er Mitglied des Bundesheer- Wettkampfkaders Schiessen Pistole. (Foto: Bundesheer/Stefanik)
Vizeleutnant Karl Pavlis ist Diplomtrainer und Sportunteroffizier an der Landesverteidigungsakademie. Seit 1983 ist er Mitglied des Bundesheer- Wettkampfkaders Schiessen Pistole. (Foto: Bundesheer/Stefanik)

Vizeleutnant Karl Pavlis ist mit seinen Kameraden des Bundesheer-Wettkampfkaders im Pistolenschießen auf dem Schießplatz des Sportschützenvereines von Frauenkirchen im Burgenland eingetroffen. Der Schießbewerb, den sie an diesem Tag trainieren, ist das „Zentralfeuer“. Dieser Bewerb besteht aus zwei Teilen, dem Präzisions- und dem Duellschießen.

Bei beiden Teilen werden jeweils sechs Serien zu fünf Schuss gefeuert. Beim Präzisionsschießen hat der Schütze fünf Minuten Zeit, um fünf Mal auf eine Scheibe zu schießen. Beim Duellschießen ist die Scheibe für jeweils sieben Sekunden weggedreht, bevor sie sich zum Schützen dreht und innerhalb von drei Sekunden „bekämpft“ werden muss. Bei beiden Teilbewerben können maximal 300 Punkte erreicht werden, also insgesamt 600 Punkte. Dabei gibt es sowohl eine Einzel- als auch eine Mannschaftswertung. Neben dem beschriebenen Bewerb gibt es noch das „Military rapid fire“, das in diesem Artikel jedoch nicht näher erläutert wird. 

Präzisionsschießen

„Drei Minuten Vorbereitungszeit - Start!“  Offiziersstellvertreter Andreas Sodl, der Trainer der Sportschützen, drückt die Taste der Stoppuhr. Die Schützen stehen im Trainingsanzug am Schießstand. Manche von ihnen haben eine Hand in die Jacke oder die Hosentasche gesteckt, in der anderen halten sie die Pistole, die sie hochziehen, einige Sekunden im Anschlag halten, das Ziel erfassen und danach wieder absenken.

„150 Sekunden zur Probeserie - Laden!“  Die Schützen magazinieren auf. Eine Patrone nach der anderen wird in das Magazin gedrückt. Danach wird die Waffe geladen und die Schützen stehen ruhig am Schießstand und warten. Manche von ihnen schließen die Augen, andere machen Zielübungen. Jeder Schütze hat seinen eigenen Ablauf, um sich zu konzentrieren und mental auf das Schießen einzustellen. 

„Achtung!“  Nun beginnen fünf Minuten, in denen jeder Schütze fünf Mal die Scheibe „bekämpft“. So wie jeder Schütze eine individuelle Strategie hat, um sich zu konzentrieren, hat auch jeder Schütze seinen individuellen Schießablauf. Das zeigt sich beim Visieren, bei dem die Schützen die Waffen hochziehen und sie dann von oben in das Ziel führen, wobei jeder eine unterschiedliche Geschwindigkeit und Höhe wählt. Auch die Dauer, wie lange die Scheibe anvisiert wird bis der Schuss bricht, ist individuell. 

Nach jedem Schießdurchgang vermerkt der Trainer des Bundesheerwettkampfkaders, Offiziersstellvertreter Andreas Sodl, die Zwischenergebnisse. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Nach jedem Schießdurchgang vermerkt der Trainer des Bundesheerwettkampfkaders, Offiziersstellvertreter Andreas Sodl, die Zwischenergebnisse. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)

Nur eines ist bei allen Schützen gleich: die Ruhe und Konzentration sowie die Haltung der Pistole, die bei allen stabil im Einhandanschlag in der Faust liegt. Nachdem sie geschossen haben, kontrollieren die Schützen ihr Schießergebnis mit einem Spektiv oder machen ausgleichende Anschlagsübungen mit der anderen Hand. Danach löst sich die Spannung bei den Sportlern, und die Konzentration weicht einer Ruhephase. 

„Sicherheit!“  Nachdem die Sicherheit an allen Waffen hergestellt ist, läuft der Trainer zu den Scheiben, die 25 Meter entfernt vor den Schützen stehen, und notiert das Ergebnis. Dieses trägt er in einer Tabelle ein, wobei jeder Schütze seine eigene Auswertung hat, die seine Leistung dokumentiert. Während der Schießpause stehen die Leistungssportler ruhig am Schießstand und warten auf das nächste Kommando. Sie kümmern sich in dieser Zeit weder um das Schießergebnis, noch reden sie miteinander oder machen andere Dinge. 

Duellschießen

Das Training für die zweite Disziplin des Bewerbes „Zentralfeuer“, das Duellschießen, läuft grundsätzlich nach dem gleichen Muster ab. Der wesentliche Unterschied ist die Dauer, in der das Ziel sichtbar ist und bekämpft werden muss.

„Achtung!“  Offiziersstellvertreter Andreas Sodl gibt das Kommando für den Start. Kurz darauf drehen sich die Scheiben das erste Mal und zeigen den Schützen die Ringe. Gleichzeitig, ruhig und konzentriert heben diese ihre Waffen. Gleichzeitig eröffnen sie auch das Feuer. Danach drehen sich die Scheiben, die alle getroffen wurden, zur Seite. Dieser Ablauf wiederholt sich insgesamt fünf Mal, dann haben die Schützen abgefeuert und die erste Serie beendet. Nachdem die Trefferanzeige durchgeführt wurde, ertönt erneut das Kommando: „Achtung!“  Kurz darauf peitschen die Schüsse der nächsten Fünfer-Serie durch die Stille des Schießplatzes. 

Pavlis ist der „dienstälteste Pistolenschütze“ des Militärsportverbandes CISM, mehrfacher Staatsmeister im Gewehr- und Pistolenschießen, Weltmeister im Pistolenschießen (Einzel und Mannschaft). Für seine Leistungen wurde ihm unter anderem das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. (Fotos: Bundesheer/Hartl)
Pavlis ist der „dienstälteste Pistolenschütze“ des Militärsportverbandes CISM, mehrfacher Staatsmeister im Gewehr- und Pistolenschießen, Weltmeister im Pistolenschießen (Einzel und Mannschaft). Für seine Leistungen wurde ihm unter anderem das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. (Fotos: Bundesheer/Hartl)
Vizeleutnant Karl Pavlis beim Training am Schießplatz in Frauenkirchen. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Vizeleutnant Karl Pavlis beim Training am Schießplatz in Frauenkirchen. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Vizeleutnant Karl Pavlis magaziniert auf. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Vizeleutnant Karl Pavlis magaziniert auf. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)

Ausrüstung der Sportschützen

Die Wettkampfpistole 

Die Waffen, die die Leistungssportler verwenden, sind spezielle Sportpistolen, die teilweise aus Karbon gefertigt sind. Mit der Pistole 80 (P80), die im ÖBH als Dienstpistole verwendet wird, haben sie nur wenige Gemeinsamkeiten. Aber nicht nur die Waffe, sondern auch viele andere „Kleinigkeiten“ unterscheiden das Sportschießen vom dienstlichen Schießen mit der P80 oder vom Gefechtsschießen. 

Bei den Militärmeisterschaften werden Pistolen mit dem Kaliber .22 beziehungsweise .32 verwendet. Die Damen schießen mit dem Kaliber .22, die Herren mit dem Kaliber .32. Das unterschiedliche Kaliber erkennt man am Verschluss der Pistole und an der Mündung, die beim Kaliber .32 deutlich größer ist. Im Vergleich zur „normalen Pistole“ sind die Sportwaffen hinsichtlich der Länge der Waffe und der Visiereinrichtung sowie des Gewichtes reglementiert. 

Ein weiterer Unterschied zur „normalen“ Pistole ist das Abzugsgewicht. Dieses beträgt mindestens 1.000 g, im Vergleich zu einer zivilen oder militärischen Waffe, die bis zu 4,5 kg Abzugsgewicht aufweisen kann. Auch wenn es ein striktes Reglement gibt, können bei der Sportpistole wesentliche Parameter individuell angepasst werden. „Der Vorzugsweg und der Druckpunkt, also die Charakteristik des Abzuges, sind ein Kriterium und deshalb regelkonform auf meine Bedürfnisse angepasst“, erklärt Vizeleutnant Pavlis.

Das Sportschießen erfolgt mit einer individuell angepassten Pistole, spezieller Munition und Zusatzsausrüstung. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Das Sportschießen erfolgt mit einer individuell angepassten Pistole, spezieller Munition und Zusatzsausrüstung. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)

Munition

Die Munition, die die Sportschützen verwenden, unterscheidet sich deutlich von der militärischen Munition. Beim Kaliber .32 wird das Wadcutter-Geschoss von Smith and Wesson verwendet. Dieses „stanzt“ Löcher in die Scheibe, wodurch klar zu sehen ist, welchen Ring ein Schütze getroffen hat und wie viele Punkte er erreicht hat. Die Treibladung der Patronen ist so gering wie möglich und erlaubt gerade noch eine stabile Flugbahn des Geschosses auf das Ziel, das 25 Meter entfernt ist. Dadurch haben diese Waffen einen geringen Rückstoß, was eine geringere Schützenstreuung zur Folge hat. 

Griff 

Innerhalb der Bestimmungen des Reglements darf der Pistolengriff individuell angepasst werden. Jeder Schütze hat deshalb „seinen“ Griff, der an die Handform angepasst ist und somit einen optimalen Kraftschluss sicherstellt. „Seit über 30 Jahren verwende ich den gleichen Griff“, erklärt Vizeleutnant Pavlis. Schließlich ist dieser „die Voraussetzung, damit ich die Waffe fest umfassen kann“, was wiederum die Grundlage für ein gutes Trefferbild und den Erfolg im Wettkampf ist.

Schießbrille

Die Sportschützen verwenden eine Schießbrille. Diese hat eine Abdeckung für das linke Auge und eine färbige Glasscheibe für das rechte Auge, die das Ziel in einer „angenehmen“ Farbe erscheinen lässt. Je nach den Lichtverhältnissen auf dem Schießplatz wird die Farbe der Scheibe gewählt: Bei wenig Licht wird ein helles Glas verwendet, bei viel Licht ein dunkles. Hinter der Glasscheibe befindet sich eine verstellbare Irisblende, die mit dem Verschluss eines Fotoapparates vergleichbar ist. „Die Blende stelle ich so ein, dass ich das Visier möglichst scharf sehe“, sagt Pavlis, der auch klarstellt, dass „die Brille nicht über Treffer oder Nicht-Treffer entscheidet, aber der eine oder andere Ring ist sicherlich darauf zurückzuführen“.

Individuelle Waffe

Die Waffen der Sportschützen gelten offiziell als dienstlich zugewiesene Sportgeräte. Dass es sich hier nicht um ein Gefechtsschießen mit Standardausrüstung und Bewaffnung, sondern um ein Sportschießen mit individuellen Gerät handelt, zeigt unter anderem das beschriebene Zubehör. „Ohne meinen Maßgriff, meine Brille bzw. meiner Waffen brauche ich nicht bei einem Wettkampf antreten“, ist Vizeleutnant Pavlis überzeugt. Alle Komponenten sind vor allem darauf ausgelegt, den Sportlern eine hohe Leistung zu ermöglichen. 

Training für die Heeresmeisterschaft

Offiziersstellvertreter Josef Hatos ist Unteroffizier für Öffentlichkeitsarbeit am Truppenübungsplatz Bruckneudorf und seit 2007 Heeresschütze. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)
Offiziersstellvertreter Josef Hatos ist Unteroffizier für Öffentlichkeitsarbeit am Truppenübungsplatz Bruckneudorf und seit 2007 Heeresschütze. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)

Szenenwechsel auf den Truppenübungsplatz Bruckneudorf, den Dienstort von Offiziersstellvertreter Josef Hatos, einem der erfolgreichsten Schützen des ÖBH. Der Heeresmeister im Schießen mit der Pistole 80 und dem Sturmgewehr 77 (Einzel- und Mannschaft) nutzt neben dem klassischen Training auf dem Schießplatz auch „alternative“ Trainingsmethoden, um seine Schießfertigkeiten für den Wettkampf zu erhalten bzw. zu steigern. Diese sind das Simulator- und das Trockentraining.

Der dienstliche Pistolen-Schießwettkampf mit der P80 wird auf eine Distanz von 25 Meter ausgetragen. Er besteht aus einem Präzisionsschießen, bei dem innerhalb von fünf Minuten zehn Schüsse auf eine 10er-Ringscheibe abzugeben sind. Der Anschlag der Pistole erfolgt dabei entweder stehend frei im Einhand- oder, wie es de facto alle Schützen machen, im Zweihandanschlag. 

Simulatortraining

Auf dem großen Bildschirm des „Schießsimulators Infanterie“ sind acht Wettkampfscheiben zu sehen. Hinter einem Schießstand steht Offiziersstellvertreter Hatos und feuert. Der Ablauf, den er hier trainiert, ist jener, wie er auch bei den Meisterschaften absolviert wird. Er steht im schulterbreiten Stand mit dem Körper Richtung Ziel und hält die Waffe fest im Zweihandanschlag. Ruhig und konzentriert hebt er diese, „fährt“ von oben in das Ziel und betätigt den Abzug.

Durch die Simulatoren, über die das ÖBH verfügt, stehen den Soldaten und somit auch den Pistolenschützen neue Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung. Josef Hatos weiß, dass das Training mit dem Simulator zwar nicht den scharfen Schuss ersetzen kann; es bietet jedoch die Möglichkeit, die persönliche Schießleistung zu verbessern. Dazu verwendet er nicht nur den Schießsimulator Infanterie, sondern auch das Schießanalysegerät/Schießtechniktrainer.

„Das Auge soll die Visiereinrichtung scharf sehen und nicht die Scheibe“, erklärt der Offiziersstellvertreter. Darüber hinaus beachtet er, dass der Abstand zwischen Kimme und Korn links und rechts gleich groß ist, aber auch dass sich Kimme und Korn in einer Linie befinden. „Ich atme ruhig ein und aus und halte die Luft beim Abfeuern nicht an. Wichtig ist, die Waffe möglichst gut zu fixieren. Das erreicht man, indem ein möglichst großer Teil der Handfläche auf der Waffe liegt bzw. diese umfasst“, sagt der Heeresmeister. 

Obwohl Hatos erst zehn Jahre im Schießsport aktiv ist, gilt er als der erfolgreichste Schütze bei Heeresmeisterschaften. Sowohl im Pistolen- als auch im Sturmgewehrschießen (Einzel und Mannschaft) wurde er insgesamt viermal Heeresmeister. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Obwohl Hatos erst zehn Jahre im Schießsport aktiv ist, gilt er als der erfolgreichste Schütze bei Heeresmeisterschaften. Sowohl im Pistolen- als auch im Sturmgewehrschießen (Einzel und Mannschaft) wurde er insgesamt viermal Heeresmeister. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Der sportliche Erfolg von Josef Hatos ist das Ergebnis eines intensiven und zielorientierten Trainings. (Foto: Bundesheer/Harold)
Der sportliche Erfolg von Josef Hatos ist das Ergebnis eines intensiven und zielorientierten Trainings. (Foto: Bundesheer/Harold)
Mit insgesamt vier Heeresmeistertitel im Pistolen- und Sturmgewehrschießen (Einzel und Mannschaft) ist Hatos der akutell erfolgreichste Schütze bei Heeresmeisterschaften. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Mit insgesamt vier Heeresmeistertitel im Pistolen- und Sturmgewehrschießen (Einzel und Mannschaft) ist Hatos der akutell erfolgreichste Schütze bei Heeresmeisterschaften. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)

Beim Abziehen verwendet er nur den vordersten Teil der Fingerspitze, um zu verhindern, dass sich die Waffe verdreht. Diesen bewegt er ruhig und gleichmäßig zurück, bis der Schuss bricht. „Es ist wichtig, den Druck auf den Abzug so lange zu erhöhen, bis man vom Schuss überrascht wird“, ist Hatos überzeugt, denn: „Der unerwartete Schuss ist der beste Schuss!“

Der Ablauf eines Schießdurchganges folgt dem immer gleichen Rhythmus: Waffe über das Ziel anheben - in das Ziel „fallen“ lassen - visieren - abfeuern - kurz warten - Waffe absenken - einmal ein- und ausatmen. Danach hebt Hatos die Waffe wieder an, und der Durchgang beginnt erneut. Nachdem der Offiziersstellvertreter eine Serie mit zehn Schuss abgefeuert hat, wird die Scheibe gezoomt, und er kann sich das Trefferbild genau ansehen. 

Um ein besserer Schütze zu werden, muss man nicht das gesamte Schießtraining auf dem Schießplatz durchführen. Vor allem hinsichtlich der Trefferauswertung und Analyse sowie des Erkennens von Schützenfehlern sind Simulatoren eine wertvolle Bereicherung. Dennoch kann der Simulator den scharfen Schuss nicht ersetzen. Das ist der Grund, warum der Heeresmeister mindestens vier Mal im Monat auf dem Schießplatz steht und bei jedem Training etwa 150 Schuss feuert. „Das ist aber das Maximum bei einem Training, da man nur etwa 40 Schuss mit voller Konzentration schießen kann und das Trefferbild danach schlechter wird“, erklärt Hatos. 

Ausrüstung der Sportschützen

Die Heeresmeisterschaft im Pistolen- und Sturmgewehrschießen wird mit der Dienstwaffe und dienstlich zugewiesener Munition ausgetragen. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)
Die Heeresmeisterschaft im Pistolen- und Sturmgewehrschießen wird mit der Dienstwaffe und dienstlich zugewiesener Munition ausgetragen. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)

Die Waffe 

Das Schießen bei der Heeresmeisterschaft erfolgt mit einer „normalen“ P80, die nicht verändert werden darf. Das gilt vor allem für die Visier- und die Abzugseinrichtung, die ein Mindestabzugsgewicht von drei Kilogramm haben muss. Das bedeutet, dass theoretisch jede Waffe, die bei einem Nachschubunteroffizier im Lager liegt, das Zeug zur Siegerwaffe hat. In der Praxis haben die meisten Schützen jedoch ihre eigene Waffe, die sie seit Jahren ausgefasst haben und deren Charakteristik sie deshalb genau kennen. 

Munition

Die Munition beim Pistolenschießen ist keine Spezialmunition, sondern die Standard-9-mm-S-Patrone, die beim ÖBH eingeführt ist. Sie wird vom Veranstalter auf dem Dienstweg organisiert und vor dem Schießbewerb an die Teilnehmer ausgegeben. 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, gibt es Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem internationalen und dem dienstlichen Schießsport. Diese beziehen sich auf die Ausrüstung und den Ablauf des Wettkampfes und liegen somit vor allem im organisatorischen Bereich. 

Unterschiede 

Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem Sportschießen und dem dienstlichen Schießen liegen bei der Waffe, der Munition, der zusätzlichen Ausrüstung, dem Ablauf des Bewerbes und der Adjustierung. Die Heeresmeisterschaft im Pistolenschießen wird mit der Dienstpistole, dienstlich zugewiesener Munition und im Dienstanzug ausgetragen. Das Sportschießen erfolgt hingegen mit einer individuell angepassten Sportpistole, spezieller Munition, Zusatzsausrüstung und im Sportanzug.

Obwohl der sportliche Wettkampf auf den ersten Blick „unmilitärischer“ zu sein scheint, ist er dennoch „näher am Gefecht“ als der dienstliche Bewerb. Das wird auch beim „Duellschießen“ und dem „Military Rapid Fire“ deutlich, die es bei der Heeresmeisterschaft nicht gibt. Dabei sind in kurzer Zeit viele Ziele zu bekämpfen, die auch nur für wenige Sekunden sichtbar sind, weshalb hier das rasche Erfassen und Bekämpfen des Zieles im Vordergrund stehen. Dieser Aspekt fehlt beim dienstlichen Schießbewerb, bei dem ein statisches Ziel ohne Zeitdruck zu „bekämpfen“ ist.  

Die Unterschiede beim Pistolenschießen sind in Details zu erkennen, da es sich de facto um den gleichen Sport, jedoch in einer unterschiedlichen Ausprägung handelt. Darüber hinaus verfolgen sie nicht nur das gleiche Ziel, sondern schießen auch darauf.

Trefferanzeige durch den Trainer des Bundesheer-Wettkampfkaders Schießen Pistole, Offiziersstellvertreter Andreas Sodl. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Trefferanzeige durch den Trainer des Bundesheer-Wettkampfkaders Schießen Pistole, Offiziersstellvertreter Andreas Sodl. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Eine zerschossene Papierscheibe am Schießplatz von Frauenkirchen. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Eine zerschossene Papierscheibe am Schießplatz von Frauenkirchen. (Foto: Bundesheer/Gerold Keusch)
Medaillen, Pokale und Plätze auf Siegerpodesten sind kein Zufall, sondern das Ergebnis eines langjährigen, konsequenten und zielorientierten Trainings. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)
Medaillen, Pokale und Plätze auf Siegerpodesten sind kein Zufall, sondern das Ergebnis eines langjährigen, konsequenten und zielorientierten Trainings. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)

Gemeinsamkeiten

Für die Präzisions-Schießbewerbe beim Pistolenschießen werden 10er-Ringscheiben verwendet. Jeder Ring hat eine Wertigkeit, die vom Zentrum nach außen abfällt. Ein Treffer im „Zehner“ mit 5 cm Durchmesser ist 10 Punkte wert, einer im nächsten Ring, der 2,5 cm breit ist, 9 Punkte und so weiter. Die Ringe bis zum 7er sind schwarz hinterlegt, weshalb die Scheibe als ein schwarzer Punkt mit einem Durchmesser von 20 cm erscheint. Das ist auch der Bereich, der von den Schützen am häufigsten getroffen wird; sie schießen nur selten einen 6er oder darunter. 

Neben der beschriebenen Präzisionsschießscheibe gibt es noch eine 10er-Ringscheibe für das Duellschießen. Diese ist im Prinzip gleich aufgebaut, wobei die Ringe die doppelten Abmessungen aufweisen. Der „Zehner“ hat demnach einen Durchmesser von 10 cm und die Ringe einen Abstand von 5 cm.

Wenn man die beiden Unteroffiziere beim Training beobachtet, stechen die Ruhe, die sie vermitteln, und die Konzentration, mit der sie ihrem Sport nachgehen, ins Auge. Hier sind keine schießwütigen Rowdys am Werk, sondern Leistungssportler, die ruhig und konzentriert für einen Bewerb trainieren. Vor allem die „Stille“ auf dem Schießplatz ist eine Erfahrung, die man als Beobachter nicht an einem Ort erwarten würde, an dem Gehörschutz verpflichtend zu verwenden ist.

Obwohl das Schießen eng mit dem Militär verbunden und ein integraler Bestandteil des soldatischen Handwerkes ist, fristet der Schießsport im Bundesheer ein Schattendasein. Dass er keinen hohen Stellenwert im Bundesheer zu haben scheint, irritiert die beiden Unteroffiziere. „In den letzten zwanzig Jahren hat sich kein Außenstehender für das interessiert, was wir machen, obwohl die österreichischen Schützen häufig Spitzenpositionen in internationalen Wettkämpfen belegen“, schildert Vizeleutnant Pavlis die Situation. Offiziersstellvertreter Josef Hatos hat ähnliche Erfahrungen gemacht und meint: „Vielen Kameraden, aber auch Vorgesetzten ist nicht bewusst, wie viel Arbeit dahinter steckt, um ein guter Schütze zu werden. Deshalb ist ihnen auch nicht klar, was es bedeutet, eine Heeresmeisterschaft zu gewinnen.“  

Tipps vom Schießprofi

Trockentraining mit der P80: Ein Kieselstein wird auf die Waffe gelegt und danach der Abzug betätigt. Bleibt der Stein auf der Pistole liegen, wurde der Abzug „richtig“ betätigt. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)
Trockentraining mit der P80: Ein Kieselstein wird auf die Waffe gelegt und danach der Abzug betätigt. Bleibt der Stein auf der Pistole liegen, wurde der Abzug „richtig“ betätigt. (Foto: Bundesheer/Sascha Harold)

Einige Tipps der beiden Pistolenschützen wurden bereits beschrieben, wie das Wissen über die Charakteristik der eigenen Waffe, den Anschlag oder die relativ geringe Anzahl von Schüssen während eines Trainings aufgrund des hohen Konzentrationsniveaus, das nur relativ kurz gehalten werden kann. Das sind aber nicht die einzigen Tipps und Tricks, die die beiden Profis kennen.

Trockentraining

Offiziersstellvertreter Hatos war zu Beginn seiner Schützenkarriere ein eher schlechter Schütze, der bei seiner ersten Heeresmeisterschaft nur Vorletzter wurde. Nach dieser Niederlage befolgte er den Rat eines Kameraden und begann im Keller mit dem „Trockentraining“. 

Das sieht folgendermaßen aus: Man befestigt ein Ziel, das man anvisiert, spannt den Verschluss, nimmt die Waffe mit einer Hand in den Anschlag, stellt einen Brettspiel-Kegel oder ähnliches neben das Korn, wechselt in den Zweihandanschlag, visiert und betätigt den Abzug. Während des kompletten Abzugsvorganges inklusive dem „Schuss“ darf sich die Waffe nicht bewegen, da sonst der Spielkegel hinunterfällt. So trainiert man, dass der Abzug ruhig betätigt und nicht gerissen wird, was der häufigste Schützenfehler ist.

Waffenpflege 

Vizeleutnant Pavlis ist davon überzeugt, dass auch die Waffenpflege einen positiven Einfluss auf das Schießergebnis hat: „Ich gehe zu jedem Bewerb mit einer gereinigten Pistole, denn eine gereinigte Waffe hat eine geringere Waffenstreuung und schießt deshalb präziser.“ 

Waffenpflege hat aber auch einen anderen Vorteil: „Die Pistolen, die wir verwenden, sind 20 bis 25 Jahre alt und weisen eine enorme Schussbelastung auf. Dennoch funktionieren sie optimal, denn solange man die Waffe wartet und Verschleißteile wie Federn regelmäßig tauscht, spielt das Alter keine große Rolle“, so der Sportschütze, der seine Pistole jedes Jahr auch von einem Schweizer Spezialisten warten lässt, was die Lebensdauer zusätzlich erhöht. 

Körperliche Fitness

Sowohl Offiziersstellvertreter Hatos als auch Vizeleutnant Pavlis betreiben Ausdauer- und Kraftsport. Der Ausdauersport erhöht ihre Ermüdungswiderstandsfähigkeit und sorgt darüber hinaus für eine bessere Konzentrationsfähigkeit. Er führt zu einem niedrigeren Ruhepuls und deshalb auch zu einem niedrigeren Puls während der Anspannung des Wettkampfes. Der Kraftsport kräftigt die Muskulatur und ist die Grundlage jener statischen Kraft, die notwendig ist, um die Waffe fest zu umschließen und sie während des Visiervorganges stabil im Ziel halten zu können.

Auf einen Blick

Die Erkenntnisse und Erfahrungen, die im Leistungssport gewonnen werden, lassen sich in vielen Bereichen auf die breite Masse - das ist in diesem Zusammenhang der Soldat im Feld - übertragen. Im Fall der Leistungssportler im Pistolenschießen sind es angewandte Grundkenntnisse und das zusätzliche spezifische Wissen, die sie aufgrund der jahrelangen Ausübung dieses Sportes erworben haben. 

Dieses Wissen bildet die Basis für eine gediegene Schießgrundschule, auf die in weiterer Folge das Gefechtsschießen aufbauen kann. Auch wenn sich das Sportschießen auf den ersten Blick deutlich vom Gefechtsschießen unterscheidet, so haben beide doch eine wesentliche Gemeinsamkeit: Sieger ist, wer schneller schießt und besser trifft!

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

 

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