• Veröffentlichungsdatum: 19.12.2016
  • – Letztes Update: 04.01.2017

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Operation im Alpenvorland - Teil 4

Friedrich Teichmann und Andreas Stupka

Gmunden/Traunsee. (Foto: Hannesrb)
Gmunden/Traunsee. (Foto: Hannesrb)

Die rasanten Entwicklungen im militärtechnologischen Bereich wie die Satellitentechnologie, aber auch die Geländeveränderungen durch die Bevölkerungsentwicklung und die damit verbundene Verbauung weiter Landstriche in den letzten Jahrzehnten haben massive Auswirkungen auf die moderne Operationsplanung. Stellt in den Operationen des 21. Jahrhunderts das Gelände wegen der technologischen Entwicklungen nur mehr einen untergeordneten Faktor dar? Welchen Einfluss hat das veränderte Gelände insbesondere im Raum des Alpenvorlandes auf die Operationsführung?

Mögliche Auswirkungen humangeografischer Entwicklungen

Wirft man einen Blick auf die Karte der Bevölkerungsdichte in Österreich, so lässt sich feststellen, dass der Raum des Alpenvorlandes und des Donautales zu den dichtest besiedelten Räumen des Landes zählt, beginnend im salzburgisch-oberösterreichischen Grenzraum zu Deutschland entlang der Donau durchgängig über den Großraum Linz bis in den Ballungsraum Wien. Das erscheint nicht weiter außergewöhnlich, da überhaupt nur 37 Prozent des österreichischen Staatsgebietes zur Besiedelung geeignet sind und das Alpenvorland und der Donauraum immer schon zu den dicht bevölkerten Gebieten des Landes gezählt haben.

Allerdings kommen in neuerer Zeit Faktoren hinzu, die es vorher in dieser Form nicht gegeben hat. Da wäre zunächst die Bevölkerungsentwicklung, die eine stetige Zunahme erfahren hat, obwohl die Geburtenrate seit Jahren im Sinken begriffen ist. Österreich beherbergt deshalb heute 8,5 Millionen Menschen (zu Napoleons Zeiten 1810 etwa drei Millionen, in der Ersten Republik 1930 etwa 6,6 Millionen, während der Zeit der Raumverteidigung 1980 rund 7,5 Millionen), also so viele Menschen wie noch nie zuvor in seiner Geschichte.

Es müssen heute daher um rund eine Million Menschen mehr wohnversorgt werden als noch zu Zeiten des Kalten Krieges. Dies bedeutet die Schaffung einer entsprechenden Arbeitsinfrastruktur durch die Ansiedelung von Industrie- und Gewerbebetrieben, den Ausbau der Verkehrsverbindungen sowie der staatlichen Infrastruktur im Bereich des Bildungs- und Versorgungswesens bzw. der Versorgungsinfrastruktur im Allgemeinen, insbesondere aber die Energieversorgung.

Die hochgradige Technifizierung aller Lebensbereiche und die extreme Abhängigkeit der Gesellschaft sowie aller staatlichen Einrichtungen von der Energieversorgung und der damit verbundenen Vernetzung stellt die militärische Operationsführung vor gänzlich neue Herausforderungen, die sich geländemäßig vor allem in der Verdichtung der Verkehrsnetze und der enormen Zunahme an schützenswerter kritischer Infrastruktur manifestieren.

Strommasten im Süden Wiens. (Foto: M. Dufek, CC BY-SA 3.0)
Strommasten im Süden Wiens. (Foto: M. Dufek, CC BY-SA 3.0)

Mit dieser Entwicklung geht aufgrund des erreichten Wohlstandes im Lande ein Trend zum Eigenheim einher, der den Wohnraum nicht mehr auf die Städte konzentriert und die Wohnversorgung der Bevölkerung nicht mehr mit Wohnungen in mehrstöckigen Häusern garantiert bzw. zufriedenzustellen versucht. Vielmehr werden von behördlicher Seite zunehmend landwirtschaftliche Nutzflächen in Bauland umgewidmet und in immer neuen Siedlungen Einfamilienhäuser oder Reihenhausanlagen errichtet, um den Wünschen der Bevölkerung entsprechend Rechnung zu tragen.

So werden nach einer Studie im Auftrag der Österreichischen Hagelversicherung aus dem Jahr 2015 in Österreich täglich 20 Hektar Grünflächen (das entspricht dem Ausmaß von 30 Fußballfeldern) verbaut. So erfolgen eine umfassende Zersiedelung vor allem in den Ballungsräumen und das Entstehen riesiger quasi urbaner Flächen. Mit dieser Versiegelung der Böden ist eine rasante Abnahme des kultivierten Agrarlandes verbunden. Durch diese Entwicklung wird die selbstständige österreichische Ernährungssicherheit dauerhaft eingeschränkt und das Gemeinwesen durch Abhängigkeiten von Nahrungsmittelzulieferungen aus dem Ausland verwundbar bzw. erpressbar - ein Umstand, der sich auf die militärische Operationsführung in wehrmotivatorischer und versorgungsmäßiger Hinsicht äußerst negativ auswirken könnte.

Eine Person benötigt laut oben genannter Studie rund 3 000 Quadratmeter Ackerland, um sie entsprechend mit landwirtschaftlichen Produkten versorgen zu können. Bereits jetzt stehen je Einwohner innerhalb des Staatsgebietes nur mehr 1 600 Quadratmeter zur Verfügung. Somit müssen 50 Prozent der Nahrungsmittel aus dem Ausland importiert werden. Es werden daher in einem umfangreicheren Krisenszenario Versorgungsengpässe zu erwarten sein. Gerade die Anbauflächen des Alpenvorlandes und des Donauraumes sind jene Gebiete, wo Landwirtschaft in großem Stil betrieben werden kann. Es wird daher bei der militärischen Operationsführung auf das verbliebene Ackerland mehr Rücksicht zu nehmen sein als auf die Siedlungsgebiete, die für die Kampfführung zu evakuieren sein werden.

Zwar ist das Gelände des Alpenvorlandes hinsichtlich seiner Flussläufe und Geländeformen weitgehend das gleiche geblieben, in Bezug auf seine topografische Beschaffenheit hat es sich allerdings grundlegend geändert. So haben beispielsweise die Verkehrsnetze einen Ausbaustatus erreicht, der ein rasches, breit angelegtes Vorgehen von militärischen Großverbänden auf festen Straßen ermöglicht. Auch die unmittelbare Gefechtsführung sowie die gesamte Militärlogistik können sich auf ein dichtes, stark befestigtes Wegenetz abstützen.

Iveco LMV "Husar". (Foto: Keusch)
Iveco LMV "Husar". (Foto: Keusch)

Angesichts dieser Entwicklung wäre für die militärische Ausrüstungsentwicklung auf dem Fahrzeugsektor zu diagnostizieren, dass für eine rasche und flexible Operationsführung eingeschränkt geländegängigen Räderfahrzeugen der Vorzug vor Kettenfahrzeugen zu geben wäre. Die Flüsse besitzen für die terrestrische Operationsführung nach wie vor ihren Sperrwert, doch ist dieser durch die Vielzahl an neu errichteten leistungsfähigen Brücken und Übergängen bei den Kraftwerken mittlerweile gemindert.

Die zeitgemäße Operationsführung wird sich daher mehr als bisher auf das Offenhalten bzw. Sperren dieser großen Anzahl an vorhandenen Übergangsmöglichkeiten zu konzentrieren haben. Im Hinblick auf die starke Zersiedelung und die damit verbundene Entstehung urbaner Großräume verlagern sich Gefechtsabläufe, Gefechtstechniken und der Waffeneinsatz in Richtung „Kampf im verbauten Gebiet“. Der so genannte Häuserkampf wird in seiner Bedeutung enorm zunehmen und entsprechend in den Operationsplanungen Berücksichtigung finden müssen. Dies wirkt sich auch auf die Ausrüstung, Ausstattung und Bewaffnung der Truppen aus, da für die Kampfführung im urbanen Raum andere Maßstäbe gelten, als beim Kampf im ruralen Gelände.

Generic Military Tasks

In den internationalen Fähigkeitsplanungen der Streitkräfte wurde als Basis für alle Nationen der europäische Capability Development Plan (CDP) entwickelt. Er soll die nationale Fähigkeitsplanung unterstützen.

“The European Defence Agency (EDA) is capability-driven and the objective of its programmes, projects and other activities is to contribute to the improvement of the military capabilities needed for Common Security and Defence Policy (CSDP) operations in the future. The Capability Development Plan (CDP) is the ‘driver’ for Research & Technology, Armament Cooperation and for Industry. The CDP was developed collectively with the participating Member States, the Council Secretariat and the EU Military Committee, supported by the EU Military Staff.” (eda)

Im Rahmen des CDP wurden anhand der Generic Military Task List (GMTL) im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes alle potenziellen Aufgaben abgebildet, die Truppen bzw. das europäische Militär bei Operationen zu erfüllen haben.

Generic Military Task List. (Grafik: EDA)
Generic Military Task List. (Grafik: EDA)

“The Generic Military Task List provides a structure by which the CDP is reported. This hierarchical structure contains a number of tasks under each capability development area, and subtasks under each task.” (eda)

Diese GMTL mit den sechs Gruppierungen bzw. Fähigkeiten „Command, Inform, Engage, Protect, Deploy und Sustain“ stellt unter spezieller Berücksichtigung der Interoperabilität auf europäischer Ebene den Auftrags- bzw. Fähigkeitsrahmen für alle potenziellen Operationen im beginnenden 21. Jahrhundert dar. Um die Frage „Wie würde das Gelände eine Operationsführung im beginnenden 21. Jahrhundert beeinflussen?“ beantworten zu können, wird der Einfluss des Geländes, in diesem Fall der Voralpenraum, auf die sechs Fähigkeitsbereiche des GMTL hin geprüft.

Command

Die militärtechnologischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte sind wahrscheinlich im Bereich „Command“ am auffälligsten. Am Ende des 20. Jahrhunderts und im beginnenden 21. Jahrhundert führt die Vernetzung von Informationstechnologie (IT) mit der Kommunikationstechnologie (KT) zu einem mächtigen IKT-Einsatz und modernen C4I-(Command-Control-Communications-Computers-Information)-Systemen. Die moderne Truppenführung basiert in der Network Enabled Capability (NEC) auf umfassenden Neuerungen wie Satellitenkommunikation, Informationsmanagement, Zivil-militärische Zusammenarbeit, mobile vorgeschobene Gefechtsstände, AWACS, social media, Informationsoperationen, Fernmeldeeinsatz und Elektronische Kampfführung.

Inform

Auswirkungen der aktuellen militärtechnologischen Entwicklungen für den Bereich „Inform“ ergeben sich durch die neuesten Entwicklungen in den Beobachtungsmöglichkeiten und Beobachtungsmitteln:

  • Satelliten (LEO und GEO);
  • aufklärungs- und angriffsfähige Drohnen von Käfer- bis Flugzeuggröße;
  • ISR-(Intelligence, Surveillance, Reconnaissance)-Assets zur Informationsgewinnung;
  • hochfliegende unbemannte Luftfahrzeuge (High Altitude Longe Endurance/HALE) zur permanenten Überwachung von Räumen etc.

Deren Datenübertragung erfolgt heute beinahe in Echtzeit.

Engage

Der Kampf der verbundenen Waffen („Engage“) ist in den relevanten Doktrinen umfassend festgelegt und stellt die gegenseitige Unterstützung der verschiedenen militärischen Elemente im Gefecht sicher. Zusätzlich zum Zusammenwirken der Land- und Luftstreitkräfte (insbesondere Luftnahunterstützung) gewinnen im 21. Jahrhundert die Cyber-Kräfte immer mehr an Bedeutung.

Sowohl im klassischen Angriff als auch in der Verteidigung sind begleitende Cyber-Operationen extrem wichtig und möglicherweise kriegsentscheidend. Cyber-Operationen können einerseits direkt gegen militärische Ziele (z.B. Gefechtsstände) gerichtet sein, andererseits könnten Cyber-Angriffe sowohl im Einsatzraum als auch im Hinterland zu massiven Auswirkungen wie Blackout führen und damit sowohl die Einsatzführung als auch die Durchhaltefähigkeit massiv reduzieren.

Zusätzlich zum Cyber-Bereich wird auch der öffentliche Informationsraum im 21. Jahrhundert zum Schlachtfeld. Spezielle „Information Operations“- Elemente bzw. Einsätze haben das Ziel, unterstützend zum klassischen militärischen Kampf zu wirken und alle Akteure sowie die Öffentlichkeit gezielt zu informieren. Die moderne Waffenentwicklung ist insbesondere geprägt von hoher Präzision gepaart mit verbessertem Command and Control (C2). Besonders anzuführen ist eine Vielzahl von Entwicklungen im Bereich Genauigkeitsverbesserung („precision guided“) sowohl bei der Munition als auch der technischen Ausstattung. Neben globalen Navigationssystemen wird auch eine Reihe von anderen Sensoren eingesetzt werden, die zu einer Erhöhung der Zielgenauigkeit führen, von denen während des Kalten Krieges nur geträumt werden konnte.

Zusätzlich erlaubt die Vernetzung der Waffensysteme mit den Sensoren und den C2-Systemen einen optimalen Waffeneinsatz. Schlussendlich führt die hohe Mobilität der modernen Waffensysteme zu schnellen Lageänderungen (sowohl beim Feind als auch bei den Eigenen), aber auch besonderen Herausforderungen im Bereich C2. Ein weiterer interessanter Aspekt im Bereich „Engage“ ist die Entwicklung eines weiten Spektrums von neuen Waffen.

Die Palette reicht von modernen und weitreichenden Laserwaffen über akustische Waffen bis hin zu speziellen „non-lethal weapons“ im kleintaktischen Bereich. Die grundlegend unterschiedlichen Spezifika dieser Waffensysteme ermöglichen gezielte „effect based“-Einsätze - auch im kritischen Umfeld (Stichwort: collateral damage). Die grundsätzliche Gliederung des Einsatzraumes in Panzer-, Infanterie- oder Mischgelände analog der Einteilung aus dem Kalten Krieg ist trotzdem nicht überholt und auch im 21. Jahrhundert gültig. Trotz der Weiterentwicklung werden die taktischen Waffensysteme in den unterschiedlichen Naturräumen ihre Stärken (z.B. große Schussweiten) bzw. Schwächen (z.B. begrenzter Sichtwinkel) weiterhin beibehalten.

Bezogen auf den Voralpenraum geht aufgrund der starken Zersiedelung die Tendenz von einem eher panzergünstigen Gelände zu einem Infanteriegelände, das, wie bereits erwähnt, als Besonderheit den Kampf im verbauten Gebiet als Schwergewichtsmaterie zu bestreiten haben wird.

Protect

Die waffentechnisch interessanten Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte im Bereich „Protect“ sind bei der Materialkunde, inklusive Nanotechnologie, bei der Vernetzung von Effektoren (Auslösern) mit Sensoren (Aufnehmer, Fühler) zu einem Wirkungsverbund sowie bei der rasanten Weiterentwicklung in den Fernsteuerungsfähigkeiten (remote control) zu finden. Die Fortschritte in der Materialkunde führten zu Komposit- oder Verbundwerkstoffen, Lösungen aus dem Bereich der Bio-Technologie oder Nano-Fertigungen, die alle gravierend verbesserte Fähigkeiten der Werkstoffe (z.B. leichter, stabiler, härter, elastischer) zum Schutz der Truppen ermöglichten.

Ein weiterer Ansatz zur Verbesserung der Schutzmaßnahmen wurde z.B. im Bereich Raketenabwehr durch den Verbund Sensor mit Effektor erzielt. Ziel ist hierbei die Zerstörung der Rakete/Granate vor dem Eintreten in den Operationsraum. Ferngesteuerte Plattformen wie Roboter und intelligente Überwachungssysteme werden im 21. Jahrhundert sowohl im zivilen Bereich als auch bei militärischen Einheiten erfolgreich eingesetzt und führen zu einer massiven Erhöhung der Sicherheit der eigenen Truppen.

FlA beim Scharfschießen. (Foto: ÖBH/Simader)
FlA beim Scharfschießen. (Foto: ÖBH/Simader)

Deploy

Für die Verlegung der Truppen („Deploy“) in die Einsatzräume stehen im 21. Jahrhundert, abhängig vom Operationsraum, mehr oder weniger leistungsfähige Mittel zur Verfügung. Zusätzlich zum verfügbaren Straßen- und Schienennetz sowie zu leistungsfähigen Häfen, die schon im 19. und 20. Jahrhundert die Aufmarschplanungen massiv beeinflusst haben, hat der strategische Lufttransport massiv an Bedeutung gewonnen. Alle Nationen mit zumindest einem regionalen Führungs- und Machtanspruch haben entsprechende Lufttransportkapazitäten für ihre Krisenreaktionskräfte aufgebaut und betreiben diese mit einem relativ hohen Bereitschaftsgrad.

Diese Luftkapazität, gemeinsam mit rasch verlegbaren Bodentruppen, ermöglicht die notwendige „power projection“, um ihre sicherheitspolitischen Ziele auch außerhalb des eigenen Territoriums verfolgen zu können. Der Voralpenraum zeichnet sich, wie bereits erwähnt, durch ein relativ dichtes und leistungsfähiges Straßen- und Schienennetz aus, bei dem die historische Ost-West-Donau-Achse von besonderer überregionaler Bedeutung ist. Leistungsfähige Flugplätze sind am östlichen (Wien) und am westlichen Eingang (Salzburg) des Voralpenraumes verfügbar.

Zusätzlich wäre mit Linz im Zentrum des österreichischen Alpenvorlandes noch ein weiterer leistungsfähiger Flugplatz, z.B. für das Einfliegen von Reserven, vorhanden. Zur Sicherstellung der Option „strategischer Lufttransport“ ist jedoch die Lufthoheit sowie die Einsatzbereitschaft der Zielflugplätze Voraussetzung. Besonders die Luftraumüberwachung in den relativ zerklüfteten Bereichen der Alpen verlangt besondere Mittel bzw. Maßnahmen.

Angesichts der gewaltigen Steigerung der Kampfmittel im Luftraum, von aufklärungs- und angriffsfähigen Drohnen, bis hin zur vermehrten Bedeutung und Aufrüstung im Bereich der Lufttransportkapazität, wird einer völlig neu ausgerichteten und technisch angepassten Fliegerabwehr zur Begegnung dieser Bedrohungen eine besondere Bedeutung zukommen. So existieren bereits taugliche Entwicklungen zur Abwehr von Drohnen auf elektronischer Basis durch Laserwaffen bzw. auf mechanischer Basis durch Schrotwaffen.

Offene Bewegungslinien im Einsatzraum sind der Schlüssel für die mobile Kampfführung und für sämtliche logistische Maßnahmen. Moderne technische Entwicklungen zur Sicherstellung der Bewegungsfreiheit im Einsatzraum inkludieren pioniertechnische Entwicklungen im Bereich des taktischen Straßenausbaues, Brückenbaues und der Gewässerübersetzung sowie die Räumung von Sperren. Von besonderem Interesse für die moderne Operationsführung sind diverse „remote“-Anwendungen wie Roboter, ferngesteuerte Maschinen oder Miniatursysteme, die gefährdete Geländeteile rasch überwinden können.

Eine gute Sanitätsversorgung ist für die Moral der eingesetzten Soldaten besonders wichtig. Die wissenschaftlichen Weiterentwicklungen im medizinischen Bereich sowie die qualifizierte Ausstattung führten zu einer massiven Steigerung der Basisversorgung der Truppenteile in den vergangenen Jahrzehnten. Der Weitertransport wird mit speziellen land- und luftbasierten Plattformen durchgeführt und hat das Ziel, Verwundete so rasch wie möglich einer qualifizierten Weiterbehandlung zuzuführen. Aufgrund der hohen Dichte von Spitälern im Donauraum (von Hallein bis Hainburg) bieten sich diese zivilen Zentren, soweit verfügbar und aufnahmefähig, als Ergänzung für die militärische Sanitätsversorgung einer Operation im Voralpenraum an.

Sustain

Die wahrscheinlich weitreichendsten Auswirkungen im Fähigkeitsbereich „Sustain“ hat die rasant fortschreitende Weiterentwicklung der Interoperabilität. Diese Zusammenarbeit reicht von institutionellen Kooperationen (z.B. Pooling and Sharing) über Daten und Formate bis hin zu konkreten Produkten (z.B. Treibstoff oder Munition) und Services. Die voranschreitende Interoperabilität ermöglicht das optimale Zusammenwirken der unterschiedlichen Truppenteile sowie von Koalitionskräften und befähigt dadurch bei Bedarf zur raschen und zielgerichteten Unterstützung. Die Standardisierung sowohl innerhalb des Militärbereiches (z.B. NATO STANAG) als auch zivil-militärisch (z.B. ISO) in Verbindung mit modernen Planungs- und Steuerungselementen sollte die logistische Versorgung von modernen Operationen im Einsatzraum planbarer gestalten.

Der Voralpenraum mit seinen ausgeprägten Ost-West-Bewegungslinien sowie dem dichten und guten Straßen- und Bahnnetz, inklusive spezieller Lagerbereiche wie z.B. das „Öllager St. Valentin“, könnten ein modernes und IT-gestütztes „on demand delivery“, ähnlich der zivilen Industrie, auch für militärische Operationen unterstützen. Des Weiteren ermöglicht die hohe Qualität und Dichte der allgemeinen Infrastruktur im Voralpenraum, wie z.B. Trinkwasserversorgung, Verpflegung oder Baufahrzeuge, eine relativ einfache Abstützung von potenziellen Operationen auf verfügbare lokale Strukturen und Netze.

Auswirkungen auf die Operationsführung

Durch die Faktoren Bevölkerungszunahme, Zersiedelung und Entstehung riesiger urbaner Ballungsräume, Abnahme des Agrarlandes und der enormen Verdichtung der Verkehrsnetzwerke in den vergangenen dreißig Jahren hat sich das Gelände des Alpenvorlandes in topografischer Hinsicht stark verändert. Das wirkt sich dementsprechend auf die militärische Operationsführung aus.

Das ehedem klassisch vorherrschende Panzergelände in weiten Bereichen der Beckenlagen des Donauraumes mutiert durch die vermehrte Verbauung zusehends zu einem urbanen Infanteriegelände. Damit verbunden und auch verursacht durch die rasant zunehmende Technologisierung der Gesellschaft, steigt die Zahl der Objekte, die zur schützenswerten kritischen Infrastruktur zu zählen sind.

Der besonderen Rücksichtnahme auf das verbliebene Ackerland, das zur Gewährleistung einer Ernährungssicherheit für die Bevölkerung unumgänglich zu erhalten ist, wird in der militärischen Operationsführung weit mehr Aufmerksamkeit zu schenken sein, als dies noch in den Tagen des Kalten Krieges der Fall war. Damals wurde die Kampfführung vor allem im freien Gelände ausgetragen und urbane Räume wurden eher ausgespart. Die Gefechtsführung wird sich mit Schwergewicht auf den urbanen Raum, also die Ballungsräume, sowohl hinsichtlich der Gefechtstechnik als auch der Ausstattung der Truppen einzustellen haben.

Die militärtechnologischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben beeindruckende Möglichkeiten speziell für die Unterstützung der Operationsführung gebracht. Diese umfassen u.a. die Weltraumtechnologien für Kommunikation oder Aufklärung, die neue Dimension Cyber, die Möglichkeit für mobile und ferngelenkte Einsätze, aber auch Weiterentwicklungen im Bereich präziser Waffenwirkung oder Plattformschutz durch Elektronische Kampfführung.

Trotzdem bleibt das Gelände mit seinen spezifischen Ausprägungen (z.B. Geländekonturen), seinen Bewegungslinien (Lines of Communications) oder biosphärischen Umwelteinflüssen weiterhin für alle realen Einsätze bestimmend. Wesentlich für die Geländebeurteilung ist es allerdings, zur Kenntnis zu nehmen, dass durch den Einfluss der militärtechnologischen Entwicklungen die Geländegegebenheiten anders auf die Operationsführung einwirken, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen ist: Beobachtungs-, Tarn-, Annäherungs- und Absetzmöglichkeiten stellen sich aufgrund technischer Hilfsmittel in einem ganz anderem Licht dar und sind entsprechend zu beurteilen.

Das Alpenvorland und der Donauraum bilden wie in den Jahrhunderten zuvor weiterhin eine strategische Achse, deren Schädigung oder Verlust den Zusammenbruch des österreichischen Staatswesens unmittelbar zur Folge hätte. Sie bilden gewissermaßen die Hauptschlagader der Republik. Das Verteidigungsschwergewicht des österreichischen Staates wird daher nach wie vor in diesem Raum zu liegen kommen müssen, auch wenn sich dieser großflächig zu einem quasi urbanen Gelände verändert hat.

Brigadier Mag. Dr. Friedrich Teichmann, MSc, MAS; Leiter des Institutes für Militärisches GeoWesen;

Oberst dG MMag. DDr. Andreas Stupka; Forscher an der Landesverteidigungsakademie.

 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Michael Kauf // 10.01.2017, 16:20 Uhr Sehr geehrte Reaktion!
    Wieder ein sehr interessanter Artikel, der zeigt, wie sich (alles) im Laufe der Zeit ändert. Das veränderte Gelände bzw. die Bewegungsräume haben Einfluss auf die Ausrüstung, Fahrzeuge, Kampfführung, etc. , wobei noch dazu kommt, dass sich auch das Klima/Wetter geändert hat. Seit meinem Militärdienst ab 1977 hat sich z. B. der Winter doch in ein deutlich milderes Wetter verwandelt und dies ermöglicht andere Fortbewegung als damals. Der Einfluss auf die Fahrzeugausstattung etc. ist wie bei durch Zersiedelung, Wegeverbesserung und natürlich neuer Technik gegeben und sollte genutzt werden (Radfahrzeuge wäre billiger und dafür könnten mehr beschafft werden...). Auch ein Tarnanzug benötigt m. E. eine andere Farbgebung als für rurale Gebiete, da man sicher viel mehr im verbauten Gebiet zu kämpfen hat. Wichtiger als "bunt" wird wohl Tarnung gegen technische Aufklärungsmittel sein.
    Für die Zivilbevölkerung bedeutet das alles aber nichts Gutes, aber durch den zunehmenden Terrorismus ist Humanität/Kriegsrecht wohl sowieso absolet geworden (oder hoffentlich doch nicht ganz).
    Kameradschaftliche Grüße und allen ein gutes Jahr 2017!
    Michael Kauf, OltdRes