• Veröffentlichungsdatum: 19.07.2016
  • – Letztes Update: 09.08.2016

  • 13 Min -
  • 2540 Wörter

Operation im Alpenvorland - Teil 2

Wolfgang Etschmann und Andreas Stupka

Blick vom Gerichtsberg gegen Westen auf das „Traisendreieck“.
Blick vom Gerichtsberg gegen Westen auf das „Traisendreieck“. (Foto: Aschenbrenner)

Die militärischen Bemühungen, Österreich gegen einen Angriff des Deutschen Reiches zu verteidigen, wurden im so genannten „Jansa-Plan“ dokumentiert, scheiterten aber am politischen Willen. Hitler konnte im März 1938 ohne Widerstand das Donautal entlang nach Wien marschieren. 1945 wurde das Alpenvorland abermals zum Aufmarschgebiet - diesmal geriet die sich auflösende Heeresgruppe Süd zwischen die Fronten der Alliierten, bis der Krieg schließlich an der Enns endete.

Der "Jansa-Plan"

Nach dem Ersten Weltkrieg war Wien, die nunmehrige Hauptstadt eines zentral-europäischen Kleinstaates, abermals aus dem Westen bedroht. Bereits in seinem Buch „Mein Kampf“ hatte der seit 1933 in Deutschland agierende Diktator Adolf Hitler die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich als vorrangiges Ziel zur Wiedervereinigung aller Deutschen in einem Staatswesen bezeichnet. Seit der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten in Deutschland war das Verhältnis zu Österreich gespannt.

In Österreich hatte ab 1933 die christlich-konservative Partei von Dr. Engelbert Dollfuß die Macht übernommen und ein faschistisches Einparteien-Herrschaftssystem mit Österreich-patriotischer Gesinnung installiert, das den Nationalsozialismus und seine Ambitionen eines Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich vehement ablehnte. Österreich wurde dabei anfangs in seiner Haltung vom faschistischen Italien unter Benito Mussolini unterstützt.

Der Friedensvertrag von St. Germain 1919 hatte dem kleinen Österreich, als einem der Verlierer des Ersten Weltkrieges, zu seiner Verteidigung lediglich ein Berufsheer zugebilligt, das eine Mannstärke von 30.000 Soldaten nicht überschreiten durfte. Erst nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland und seinen öffentlich proklamierten Forderungen zur „Heimholung aller Deutschen ins Reich“ duldeten die Siegermächte Frankreich und Großbritannien stillschweigend eine Aufrüstung Österreichs. Demzufolge wurde eine bislang verbotene Luftwaffe aufgebaut und im Jahr 1936 die Allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. So verfügte das Bundesheer Anfang 1938 über ein stehendes Heer von etwa 65.000 Mann, das nach Einberufung von Reservisten auf etwa 120.000 Mann aufgestockt hätte werden können.

Zum Chef des Generalstabes war 1935 Feldmarschallleutnant Alfred Jansa von Tannenau ernannt worden, der die Verteidigungsvorbereitungen gegen einen deutschen Angriff planen sollte. Jansa (vgl. TD-Heft 2/2011, S. 114f.) war zuvor zwei Jahre lang Militärattaché in Berlin gewesen, kannte daher die seit Hitlers Machtübernahme im Aufbau befindliche Deutsche Wehrmacht sowie die nationalsozialistische Ideologie: „Ich war neuerdings entsetzt über dessen (Hitlers; Anm.) Hass gegen unser Kaiserhaus, die Einschätzung Wiens und der österrei­chischen Bevölkerung. Die Lektüre dieses Buches („Mein Kampf“; Anm.) vertiefte meine scharfe Ablehnung des Nazitums zu dessen schärfster Verurteilung.“1) Das Bundesheer gliederte sich ab 1935 in sieben Infanteriedivisionen und eine „Schnelle Division“; hinzu kamen noch einige selbstständige Truppenkörper, wie das Gardebataillon. Durch die italienische Unterstützung hatte es in der Ausrüstung mit modernen Waffensystemen große Fortschritte gegeben. Dennoch gestaltete sich eine umfassende Ausstattung des Bundesheeres mit modernem Gerät als äußerst mühsam. Vieles scheiterte vor allem am Unwillen der Regierung, mehr Geld für militärische Aufwendungen ausgeben zu wollen. Dazu Jansa aus seinen Erinnerungen:

„In meinem Kopf kreisten unablässig alle nur denkbaren Ideen rund um die Geldbeschaffung. Trotz der, durch die schwere Wirtschaftskrise der Jahre 1929-1932 sicher nicht leichten Finanzlage, vermochte ich nicht zu begreifen, dass für die Existenz Österreichs 100 Millionen Schilling nicht beschaffbar sein sollten. Da stimmte etwas nicht! Entweder waren die Menschen geistig der Lage nicht gewachsen, was übrigens bei einigen unserer so genannten Wirtschafts- und Finanzgrößen tatsächlich der Fall war, oder es lag böser Wille vor, den man ausjäten musste.“2)

Dennoch bemühte er sich nach besten Kräften, die Verteidigung gegen einen Angriff des Deutschen Reiches zu bewerkstelligen. Ausgearbeitet wurde dies im Operationsfall „DR“, besser bekannt als der so genannte „Jansa-Plan“.

Mitte der 1930er-Jahre stellte sich für den Stab Jansas die Traun auch in ihrem Unterlauf noch immer als sperrgünstiges Gelände dar. Dies führt zur Frage nach den Veränderungen in der Kulturlandschaft seit dem Dritten Koalitionskrieg rund 130 Jahre zuvor. Die Anzahl an Straßenbrücken erhöhte sich in diesem Zeitraum um zwei, bei Traun und Marchtrenk. Hinzu kamen zwei Eisenbahnbrücken. Im Übrigen dürfte sich der Charakter der Traunauen nur wenig verändert haben. Auf der Spezialkarte 1:75 000 aus dem Jahr 1937 ist die Regulierung und Kanalisierung der Traun bereits deutlich zu erkennen. Dadurch erhöhte sich wohl die Fließgeschwindigkeit. Staustufen wurden erst mit den Kraftwerksbauten ab 1967 errichtet.
Auch am Unterlauf der Enns hatte sich nichts Grundlegendes verändert. Zusätzliche Enns-Übergänge zwischen den Städten Enns und Steyr entstanden erst durch die Kraftwerksbauten ab 1946. Der Ausschnitt aus der Spezialkarte 1:75 000, Blatt 4752 Wels und Kremsmünster, zeigt die Situation an der Traun im Jahr 1937.
Mitte der 1930er-Jahre stellte sich für den Stab Jansas die Traun auch in ihrem Unterlauf noch immer als sperrgünstiges Gelände dar. Dies führt zur Frage nach den Veränderungen in der Kulturlandschaft seit dem Dritten Koalitionskrieg rund 130 Jahre zuvor. Die Anzahl an Straßenbrücken erhöhte sich in diesem Zeitraum um zwei, bei Traun und Marchtrenk. Hinzu kamen zwei Eisenbahnbrücken. Im Übrigen dürfte sich der Charakter der Traunauen nur wenig verändert haben. Auf der Spezialkarte 1:75 000 aus dem Jahr 1937 ist die Regulierung und Kanalisierung der Traun bereits deutlich zu erkennen. Dadurch erhöhte sich wohl die Fließgeschwindigkeit. Staustufen wurden erst mit den Kraftwerksbauten ab 1967 errichtet.
Auch am Unterlauf der Enns hatte sich nichts Grundlegendes verändert. Zusätzliche Enns-Übergänge zwischen den Städten Enns und Steyr entstanden erst durch die Kraftwerksbauten ab 1946. Der Ausschnitt aus der Spezialkarte 1:75 000, Blatt 4752 Wels und Kremsmünster, zeigt die Situation an der Traun im Jahr 1937. (Grafik: Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen)
Ein Blick von der Staumauer auf die Traun unterhalb des Kraftwerkes Pucking zeigt in Verbindung mit einem Kartenvergleich mit der aktuellen ÖMK50, dass sowohl der Verlauf des Flusses als auch die Ausdehnung der Traunauen in diesem Bereich gegenüber dem Zustand von 1937 nahezu unverändert geblieben sind.
Ein Blick von der Staumauer auf die Traun unterhalb des Kraftwerkes Pucking zeigt in Verbindung mit einem Kartenvergleich mit der aktuellen ÖMK50, dass sowohl der Verlauf des Flusses als auch die Ausdehnung der Traunauen in diesem Bereich gegenüber dem Zustand von 1937 nahezu unverändert geblieben sind. (Foto: Aschenbrenner)

Aus deutscher Sicht hatte sich eine erfolgversprechende Operation gegen Österreich auf die rasche Inbesitznahme der Hauptstadt Wien zu konzentrieren. Ein solcher Stoß konnte nur durch das Donautal erfolgen mit dem ersten Angriffsziel Linz und dann weiter südlich der Donau nach Wien sowie einer gleichzeitigen Inbesitznahme Westösterreichs. Die südlichen Landesteile sollten vorerst nur mit Luftlandetruppen in Graz und Klagenfurt symbolisch in Besitz genommen werden, bis genügend Kräfte in der Lage waren, auf dem Straßenmarsch über den Alpenhauptkamm dorthin vorzudringen.

Für die österreichische Seite bedeutete dies, die Verteidigungsstellungen so anzulegen, dass sie auch bei einem überraschenden Angriff noch rechtzeitig bezogen werden konnten. Hatte man im Generalstab zunächst eine nachhaltige Verteidigung an der Enns erwogen, entschied sich Jansa dann doch für eine massive Befestigung der „Traunlinie“ zwischen Ebelsberg und Lambach. Sein Entschluss fußte auf der Beurteilung, dass eine Verteidigung an der Enns den gesamten oberösterreichischen Raum und vor allem die bevölkerungsreiche Region um Linz preisgegeben hätte, was Nachteile im Hinblick auf die Wehrbereitschaft und den Verteidigungswillen der Bevölkerung mit sich gebracht hätte.

Der „Jansa-Plan“ sah eine massive Befestigung der „Traunlinie“ zwischen Ebelsberg und Lambach vor. In diese Verteidigungslinie sollten die zwischen Inn und Traun hinhaltend kämpfenden Divisionen aufgenommen werden. Nach einer zeitlich begrenzten Verteidigung war vorgesehen, auf die „Ennslinie“ zurückzugehen und dann Richtung Alpeneingänge auszuweichen.
Der „Jansa-Plan“ sah eine massive Befestigung der „Traunlinie“ zwischen Ebelsberg und Lambach vor. In diese Verteidigungslinie sollten die zwischen Inn und Traun hinhaltend kämpfenden Divisionen aufgenommen werden. Nach einer zeitlich begrenzten Verteidigung war vorgesehen, auf die „Ennslinie“ zurückzugehen und dann Richtung Alpeneingänge auszuweichen. (Grafik: Rizzardi, verändert nach Schmidl/Lutz, 1994)

So wurde nun an der Traun der Einsatz der Hauptkraft des Heeres (1., 2., 3. und 5. Infanteriedivision) als so genannte „Westarmee“ vorbereitet. Der 4. Infanteriedivision sowie der „Schnellen Division“ (motorisiert, teilweise mechanisiert) kam die Aufgabe zu, einen hinhaltenden Kampf von der deutschen Grenze am Inn bis zur Traun zu führen, um der „Westarmee“ die notwendige Zeit zum Beziehen der Verteidigungsstellungen zu verschaffen.

Man hatte zu bedenken, dass eine Mobilmachung und der Aufmarsch an die zehn Tage benötigen würden. Der 7. Infanteriedivision und den selbstständigen Truppenteilen war die Sicherung des salzburgischen Raumes zugewiesen, einerseits um ein rasches Durchstoßen der Deutschen Richtung Süden zu verhindern und andererseits den Aufmarsch zu Hilfe eilender ausländischer Truppenverbände - man rechnete vor allem mit der Unterstützung durch Italien - zu decken. Die 6. Infanteriedivision hatte den westösterreichischen Raum zu verteidigen.

Insgesamt sollte durch dieses Verteidigungsdispositiv ein Zeitgewinn erkämpft werden, da man insgeheim davon überzeugt gewesen war, dass die Siegermächte des Ersten Weltkrieges - insbesondere Großbritannien und Frankreich - eine deutsche Aggression gegen einen sich zäh verteidigenden Kleinstaat nicht akzeptieren würden und Österreich zu Hilfe kommen würden. Daher sollte das Bundesheer nach Ansicht Jansas auch nicht an der „Traunlinie“ gegen einen übermächtigen Gegner aufgerieben werden. Vielmehr sollte es nach einer zeitlich begrenzten Verteidigung zunächst an der Enns eine Verteidigungsstellung beziehen und dann Richtung Alpeneingänge ausweichen.

Damit war beabsichtigt, zumindest dieses äußerst verteidigungsgünstige Gebirgsgelände als einen Rest österreichischer Staatlichkeit so lange zu bewahren, bis Hilfe von außen eintreffe. „Der relativ große Zeitbedarf, insbesondere zur Erreichung der Kriegsstärken in den vorgesehenen Aufmarschräumen, veranlasste Jansa 1936 zu einer geheim gehaltenen Reise nach Rom, bei welcher der Einsatz von insgesamt fünf italienischen Divisionen sowohl über den Brenner als auch über die Achse Tarvis- Villach in die Flanke des deutschen Angriffes besprochen wurde. Überdies sollten auch entsprechende italienische Luftstreitkräfte zum Einsatz kommen.“3)

Allerdings begann der bisherige Bündnispartner Italien sich ab 1936 dem Deutschen Reich anzunähern. Seine Unterstützung wurde daher immer unwahrscheinlicher. Auch mit Frankreich und Großbritannien war militärisch nicht zu rechnen, so dass Österreich bei einem Konflikt mit dem Deutschen Reich weitgehend alleine dagestanden wäre. Zudem verschärfte Hitler 1938 seine Drohungen und Einschüchterungen gegenüber Österreich so weit, dass sich der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg auf Geheiß Hitlers entschloss, Generalstabschef Jansa im Februar 1938 in den Ruhestand zu versetzen.

Nach Ansicht des Bundeskanzlers sollte kein „deutsches“ Blut vergossen werden. Damit war die Idee einer militärischen Verteidigung Österreichs gefallen, und Hitler konnte im März 1938 ohne Widerstand das Donautal entlang nach Wien marschieren. Finis Austriae!

Der "Südostwall" hält nicht

Schanzarbeiten am „Südostwall“ im Südburgenland.
Schanzarbeiten am „Südostwall“ im Südburgenland. (Foto: Archiv L. Banny)

Viel mehr österreichisches Blut wurde jedoch durch die Säuberungswellen der Nationalsozialisten und durch den Zweiten Weltkrieg vergossen, wo rund 380.000 Österreicher umkamen. Nach den anfänglichen Eroberungserfolgen des Deutschen Reiches wendete sich das Blatt 1943 nach der vernichtenden Niederlage in Stalingrad. Seit diesem Zeitpunkt befanden sich die deutschen Truppen auf dem Rückzug. Im Juni 1944 waren die westlichen Alliierten in der Normandie gelandet. Im Osten vermochte die Sowjetunion immer neue Truppen aufzustellen, so dass eine erdrückende personelle und materielle Überlegenheit gegenüber den bereits von Rohstoff- und Personalmangel gekennzeichneten deutschen Truppen spürbar wurde. Angesichts der sich immer näher auf das Reichsgebiet zubewegenden Front wurde bereits im Spätsommer 1944 der „Südostwall“ der Reichsschutzstellung projektiert.

Der „Südostwall“ sollte nach dem Vollausbau den aus dem Raum Zentralungarn Richtung Reichsgrenze vorrückenden Verbänden der Roten Armee ein ernstzunehmendes Hindernis bieten. Das Stellungssystem begann in Hainburg unmittelbar an der Donau, zog sich, dem verteidigungsgünstigen Gelände angepasst, über den Raum Hundsheimer Berg/Königswarte Richtung Südwesten über die Parndorfer Platte bis Neusiedl am See; dann am Westufer des Neusiedler Sees entlang direkt Richtung Süden bis Deutschkreutz im Mittelburgenland und dann weiter Richtung Südwesten. Die Anlagen selbst wurden bis in die letzten Märztage des Jahres 1945 von zehntausenden Schanzarbeitern (darunter viele jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn) errichtet. Befestigt wurde in erster Linie mit Holz, da Beton kaum mehr lieferbar war. Es handelte sich bei dieser Verteidigungsanlage daher de facto großteils um Feldbefestigungen.

Es wurden Panzergräben ausgehoben, Panzersperren an den Bewegungslinien errichtet und Bunkeranlagen gebaut. Letztlich sollten die laufende Überwachung sowie die hartnäckige Verteidigung dieser Anlagen durch den im September 1944 aufgestellten Volkssturm und bereits vorhandene eingeteilte Wehrmachtsverbände den eigenen Truppen, wie der aus Ungarn Richtung Wien verzögernd kämpfenden 6. SS-Panzerarmee, bei ihren Absetzbewegungen Zeit zur Neuformierung geben und den Vormarsch des Gegners erheblich behindern. Ende März 1945 zeigte sich jedoch, dass die Sperren weitgehend unwirksam waren, da die eigenen, meist nicht sehr kampfkräftigen Volkssturmtruppen nur in ganz wenigen Fällen die Anlagen kurzzeitig verteidigen konnten. Oftmals wurden sie von den zahlenmäßig überlegenen Sow­jettruppen rasch überrollt und in vielen Abschnitten umgangen - ein Phänomen, das schon bei der weitgehend erfolglosen Verteidigung des „Kuruzzenwalls“ ab 1703 beobachtet werden konnte.

Die 6. SS-Panzerarmee hatte bereits bei den Kämpfen in der Ungarischen Tiefebene schwere Verluste erlitten. Eine ursprünglich geplante Verstärkung des „Südostwalles“ mit Teilen dieser Armee schloss sich daher zugunsten der Verteidigung von Wien und der Wienerwaldeingänge aus. Letztlich konnten die sowjetischen Armeen der 2. und 3. Ukrainischen Front den „Südostwall“ ab 29. März 1945 innerhalb kürzester Zeit überrennen und die deutschen Truppen zwischen Buckliger Welt und Donau innerhalb weniger Tage, und zwar bis zum 6. April, auf den Raum Wien bzw. in die Wienerwaldeingänge des Triesting- und Piestingtales zurückwerfen. Erst das dortige schwierige Gelände und die regional hartnäckige Verteidigung noch einigermaßen intakter deutscher Verbände verzögerte den sowjetischen Vormarsch im Wienerwald südlich der Bewegungslinie der Bundesstraße 1 erheblich und ermöglichte den deutschen Verbänden das Absetzen ins obere Traisental und schließlich weiter nach Westen in Richtung des Ennstales.

Das österreichische Alpenvorland war ein zentraler Schauplatz der Endkämpfe des Zweiten Weltkrieges.
Das österreichische Alpenvorland war ein zentraler Schauplatz der Endkämpfe des Zweiten Weltkrieges. (Grafik: Aschenbrenner)

"Traisendreieck" 1945

Nachdem es bis Ende März 1945 der 4. Gardearmee nördlich des Neusiedler Sees über die „Brucker Pforte“ gegen die Stadt Wien sowie der 6. Gardepanzer­armee und der 9. Gardearmee über die so genannte „Ödenburger Pforte“ sowie aus dem Raum Köszeg-Oberpullendorf gelungen war, in das Wiener Becken durchzustoßen, galt die Einnahme von Wien als das vorrangige Ziel von Marschall Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin. Er wollte damit bei einem weiteren Vorstoß Richtung St. Pölten dem Feind keine Möglichkeit bieten, aus dem Raum Wien heraus Operationen im Rücken zu eröffnen.

Zu diesem Zweck wurde die 4. Gardearmee frontal aus Osten und Südosten, also aus dem Raum Mannersdorf-Eisenstadt-Hornstein, gegen Wien angesetzt. Der 9. Gardearmee fiel die Aufgabe zu, die linke Flanke zu decken und in die Wienerwaldeingänge des Piesting- und Triestingtales vorzudringen sowie in Richtung Hohe Wand und Semmering abzuriegeln. Die 6. Gardepanzerarmee hatte den Auftrag, den nördlichen Wienerwald zu durchstoßen, ins Tullnerfeld vorzudringen und Wien von Westen her anzugreifen.

Den sowjetischen Truppen lag in diesem Raum die 6. SS-Panzerarmee unter dem Kommando von SS-Oberst-Gruppenführer Sepp Dietrich gegenüber. Diese war allerdings durch die verlustreichen Kämpfe im westungarischen Raum bereits stark geschwächt. Während das II. SS-Panzerkorps die Verteidigung von Wien auf beiden Seiten der Donau zu übernehmen hatte, lag die Hauptlast der Verteidigung der Wienerwaldeingänge und des Semmering-Rax-Gebietes beim I. SS-Panzerkorps. Dieses wurde aus der 1. SS-Panzerdivision „Leibstandarte SS Adolf Hitler“, der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“, der 356. Infanteriedivision und einigen selbstständigen Kampfgruppen im alpinen Gelände zusammengestellt.

Nachdem am 3. April Baden und Pfaffstätten gefallen waren, stieß die 6. Gardepanzerarmee über das Helenental und Hochstrass einerseits sowie über Gaaden, Sulz und Pressbaum andererseits rasch in die westlichen Vororte von Wien vor (vgl. TD-Heft 2/2015, S. 113ff.). Bis Mitte April gelang es Teilen der Sowjetarmee, das II. SS-Panzerkorps über den Donaukanal Richtung Norden zurückzudrängen. Gleichzeitig mit diesem massiven Umfassungsangriff auf Wien, der von den Verteidigern als solcher nicht gleich erkannt worden war, griff die 9. Gardearmee weiter Richtung Westen entlang des Triestingtales an.

Schwere Abwehrkämpfe entwickelten sich an der Wasserscheide zwischen Triestingtal und Gölsen-/Traisental im Raum Kaumberg-Gerichtsberg und St. Corona am Schöpfl. Das verteidigungsgünstige Gelände ermöglichte es den deutschen Truppen trotz starker zahlenmäßiger Unterlegenheit dieses bis weit in den April hinein zu halten und die sowjetischen Angriffe abzuwehren. Die Hauptlast der Kämpfe in diesem Raum trug bis Mitte April die 12. SS-Panzerdivision.

Mitte April wurde dann die 10. Fallschirmjägerdivision in die Abwehrkämpfe eingeführt. Diese, aus in Italien herausgezogenen Verbänden neu aufgestellte, Division bekam zunächst den Auftrag, zusammen mit Teilen der „Leibstandarte“ St. Pölten zurückzuerobern. Die Massierung der sowjetischen Verbände im Tullnerfeld und deren weiterer Vorstoß Richtung Westen ließen dieses Vorhaben nicht mehr zu. Die Fallschirmjäger wurden nun im Raum Lilienfeld-Traisen, im so genannten „Traisendreieck“, zur Verteidigung eingesetzt. Sie hielten den Raum bis Ende April und brachten damit den sow­jetischen Angriff zum Stehen, und zwar so nachhaltig, dass sich die Kampflinie bis Kriegsende, also bis zum 8. Mai, nicht mehr verschob. Am 26. April wurden die Fallschirmjäger aus der Linie genommen und von der 12. SS-Panzerdivision abgelöst, um nun im Raum Brünn-Znaim eingesetzt zu werden, den sie allerdings nicht mehr erreicht haben. Sie gerieten in sowjetische Gefangenschaft, da sie sich bei Kriegsende nördlich der Donau befunden hatten.4)

Kriegsende an der Enns

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 trafen sich in Erlauf der Kommandeur der sowjetischen 7. Gardeluftlandedivision, Generalmajor Dmitri A. Dritschkin (re.) und der kommandierende General der 65. US-Infanteriedivision Generalmajor Stanley E. Reinhart, und feierten gemeinsam den um 00:01 Uhr in Kraft tretenden Waffenstillstand. Der Krieg in Europa war beendet.
In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 trafen sich in Erlauf der Kommandeur der sowjetischen 7. Gardeluftlandedivision, Generalmajor Dmitri A. Dritschkin (re.) und der kommandierende General der 65. US-Infanteriedivision Generalmajor Stanley E. Reinhart, und feierten gemeinsam den um 00:01 Uhr in Kraft tretenden Waffenstillstand. Der Krieg in Europa war beendet. (Foto: Archiv, Museum „Erlauf Erinnert“)

Der Kampf gegen die sowjetischen Truppen wurde im Donautal und im Wienerwald zäh und hartnäckig geführt, so dass diese nur langsam Richtung Westen vorankamen. Fundamental anders gestaltete sich dies gegenüber den Westalliierten, da ein Gerücht aufgekommen war, dass diese sich mit ihrem Bündnispartner im Osten überworfen hätten und daher mit den Deutschen gemeinsam gegen die Sow­jets vorrücken würden. Möglicherweise war dies eine Kriegslist gewesen, um die Wehrmacht zu einer rascheren Kapitulation gegenüber den Westalliierten zu bewegen. Jedenfalls blieb es beim Gerücht.

Anfang Mai rückten amerikanische Truppen aus Bayern über den Inn nach Oberösterreich vor. Hier kam es zu einem rasanten Vormarsch der Truppen des XX. US-Korps südlich der Donau, da die bereits dezimierten und abgekämpften deutschen Verbände an wenigen Abschnitten nur kurzen Widerstand leisteten und sich oft kurzerhand ergaben. Dadurch erreichten die amerikanischen Verbände rasch die Enns (5. Mai Besetzung des Raumes Steyr) und konnten versprengte deutsche Verbände und Einheiten nach Süden in das Krems-, Traun- und Ennstal abdrängen. Allerdings kam es auch in diesen Gebieten kaum noch zu nennenswerten Kampfhandlungen. Der Kampf im Inn- und Hausruckviertel sowie im Donautal hatte weniger als eine Woche gedauert. Linz selbst wurde von Truppen der 11. US-Panzerdivision eingenommen, die über das Mühlviertel ins Donautal vorgestoßen waren. Letztlich wurde dieser Verband in den letzten Stunden des Krieges im Raum nördlich Grein noch in heftige Kämpfe mit den Resten der 3. SS-Panzerdivision verwickelt, die aus dem Raum nördlich von Wien donauaufwärts marschiert war.

Verbände der 65. US-Infanteriedivision erreichten in den Vormittagsstunden des 8. Mai Amstetten und trafen wenig später mit Verbänden der sowjetischen 7. Gardeluftlandedivision der 4. Gardearmee in Erlauf zusammen. Der Krieg war damit zu Ende.

Quellenangaben

1) Vgl.: Broucek, Peter (Hg.): Ein österreichischer General gegen Hitler, Wien 2011, S. 501.

2)Vgl.: ebenda, S. 625.

3) Trauttenberg, Hubertus: Die Abwehrvorbereitungen gegen einen deutschen Angriff im Bereich der 4. Division zwischen 1936 und 1938, in: ÖMZ 2/1988, S. 131.

4) Sehr detaillierte Schilderungen dazu finden sich in: Egger, Hans; Jordan, Franz: Brände an der Donau, Graz 2004.

HR Prof. Dr. Wolfgang Etschmann; Forscher an der Landesverteidigungsakademie.

Oberst dG MMag. DDr. Andreas Stupka; Forscher an der Landesverteidigungsakademie.

 

Ihre Meinung

Meinungen (2)

  • Franz Zweimüller // 12.08.2016, 18:10 Uhr Alles sehr Gut und Klar dargestellt.

    MfG,
    Franz Zweimüller
  • Markus Itzenthaler, CI // 05.05.2018, 07:58 Uhr Herzlichen Dank für die Aufarbeitung und Dokumentation unserer jüngeren Militärgeschichte.
    Mfg
    Itzenthaler