• Veröffentlichungsdatum: 13.06.2017
  • – Letztes Update: 16.06.2017

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Military Light-Contact Boxing

Gerold Keusch

(Foto: Sascha Harold)
(Foto: Sascha Harold)

Militärisches Training hat das Ziel, Soldaten auf den Einsatz vorzubereiten. Das bedeutet auf das Gefecht und, in letzter Konsequenz, auf den Kampf Mann gegen Mann. Um diesen führen zu können, muss der Soldat nicht nur fit sein, er muss auch kämpfen können.

Durch Military Light-Contact Boxing ergibt sich die Möglichkeit, spezielle Fähigkeiten und Fertigkeiten aus dem Kampfsport in der Körperausbildung (vor-) zu schulen. Das geschieht durch diese Kampfsportart, die am „Olympischen Boxen“ angelehnt ist, jedoch aufgrund der Tatsache, dass keine Schläge mit voller Härte ausgeführt werden, de facto kein Verletzungsrisiko in sich trägt. Durch die Eigenart dieser Sportdisziplin lassen sich einerseits konditionelle, koordinative und psychische Belastbarkeit der Übenden erhöhen und andererseits psychische, soziale sowie charakterliche Fähigkeiten entwickeln. Da beim Military Light-Contact Boxing ähnliche Stressauslöser wie im Einsatz wirken, erhöht sich durch dieses spielerische Training auch die Stressresistenz der Soldaten.

Boxtraining als Morgensport

0800 Uhr in der Wiener Maria-Theresien-Kaserne. Die Kaserne wirkt wie ausgestorben, nur vereinzelt sieht man Soldaten auf dem Kasernenhof. Vor der Sporthalle steht ein schwarzer Lieferwagen mit offenen Türen. Zwei Soldaten im Sportanzug laden Säcke aus dem Auto und tragen sie in die Halle. Die beiden sind Vizeleutnant Gerald Pelikan und Offiziersstellvertreter Dirk Janisch, Lehrunteroffiziere für Körperausbildung vom Heeressportzentrum. Sie werden an diesem Tag das Boxtraining leiten. Seit 0600 Uhr sind sie bereits in der Kaserne, wo sie den Tag mit einem Crossfit-Workout in einer 10-kg-Gewichtsweste begonnen haben.

Die Teilnehmer des Boxtrainings sind Berufssoldaten, die die Kaderanwärterausbildung NEU in der Heereslogistikschule absolvieren. Military Light-Contact Boxing heißt das Boxtraining offiziell, bei dem Grundtechniken des Boxsports vermittelt werden. Das dient zur Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit und ist ein Teil der Selbstverteidigung - einer Grundkompetenz des Soldaten. Das Ziel der Ausbildung ist es nicht, boxen zu lernen, wozu auch die Ausbildungszeit zu kurz wäre. Vielmehr sollen die Teilnehmer Berührungsängste überwinden, das individuelle Aktivitätspotenzial heben und ein praktisches Verständnis für den Kampf Mann gegen Mann erhalten.

Allgemeines Aufwärmen

Vizeleutnant Gerald Pelikan, staatlich geprüfter Trainer für Boxen und allgemeine Körperausbildung, leitet das Boxtraining. (Foto: Sascha Harold)
Vizeleutnant Gerald Pelikan, staatlich geprüfter Trainer für Boxen und allgemeine Körperausbildung, leitet das Boxtraining. (Foto: Sascha Harold)

„Tempo halten! Abstand halten! Locker laufen!“  Zehn Minuten später ist es mit der Stille in der Sporthalle vorbei. Die Teilnehmer sind eingetroffen, und nach einer kurzen Begrüßung laufen sie bereits im Kreis, um sich aufzuwärmen. Vizeleutnant Pelikan steht daneben und gibt kurze und klare Kommandos, die die Soldaten ausführen. Das Aufwärmen bereitet den Körper auf das Training vor. Dazu laufen die Soldaten im Kreis und bewegen ihre Arme.

Pelikan klatscht: Richtungswechsel. Damit wird die Komponente Reaktion, die für das Boxen wesentlich ist, in das Aufwärmen eingebaut. „Stopp!“ , der Vizeleutnant hüpft am Stand, um ihn herum die Auszubildenden, die nun ebenfalls am Stand hüpfen. „Faust machen! Handkreisen!“  Nicht nur der Kreislauf und die großen Muskelgruppen müssen auf das Training vorbereitet werden sondern auch die Handmuskulatur.

„Halt! Herhören! Beim Boxen ist die Körperspannung wesentlich!“  Pelikan klopft mit der flachen Hand auf seine angespannte Bauchmuskulatur. „Liegestütz! Beim runtergehen einatmen - beim hinaufdrücken ausatmen! Eins!“  Kontrolliert und dennoch dynamisch absolvieren die Soldaten diese Übung. „Auf! Blick zu mir! Schulterbreiter Stand. Hände hinter den Kopf. Gewicht auf die Fersen und - Kniebeuge!“  Der Trainer macht die Übung vor und erklärt sie gleichzeitig. „Jeder selbstständig üben!“

Spezielles Aufwärmen: Kampf-Kraft-Koordination

Nach etwa zehn Minuten ist der erste Teil, das allgemeine Aufwärmen, geschafft. Nun beginnt der zweite Teil, die Kampf - Kraft - Koordinationsübungen. Dabei werden nicht nur konditionelle und koordinative Fähigkeiten trainiert, sondern auch jene speziellen Fähigkeiten und Fertigkeiten geschult, die die Voraussetzungen für den militärischen Nahkampf darstellen.

„Zum Sport öffnen!“  Die Teilnehmer, die soeben noch dicht an dicht in Formation gestanden sind, vergrößern mit raschen Schritten ihren Seitenabstand, um genug Platz für die folgenden Übungen zu haben. In der Sportgrundstellung warten sie im schulterbreiten Stand mit den Händen am Rücken auf die nächsten Anweisungen. „Kampfhaltung!“, lautet das erste Kommando von Vizeleutnant Pelikan. Das bedeutet: hüftbreiter Stand, linkes Bein vor, mit der linken Ferse auf Höhe der rechten Fußspitze, abgewinkelte Knie, einen leicht abgesenkten Körperschwerpunkt, die Hände eine halbe Armlänge vom Kopf entfernt auf Nasenhöhe zur Faust geballt, Körperspannung und Konzentration. Pelikan und Janisch gehen an den Soldaten vorbei und bessern etwaige Fehler aus.

Vizeleutnant Gerald Pelikan erklärt die Kampfhaltung. (Foto: Sascha Harold)
Vizeleutnant Gerald Pelikan erklärt die Kampfhaltung. (Foto: Sascha Harold)
Bewegung in der Kampfhaltung nach vorne und hinten. (Foto: Sascha Harold)
Bewegung in der Kampfhaltung nach vorne und hinten. (Foto: Sascha Harold)

 

„Sportgrundstellung! - Kampfhaltung!“  Die erste Übung ist das rasche und korrekte Einnehmen dieser Position, das ein paar Mal geübt wird. Dazwischen bessert der Trainer aus. „Nächste Übung! Bewegung in der Kampfhaltung nach vorne und hinten. Eins - linkes Bein vor. Zwei - rechtes Bein zieht nach. Drei - linkes Bein vor. Vier - rechtes Bein zieht nach. Fünf - rechtes Bein zurück. Sechs - linkes Bein zurück. Sieben - rechtes Bein zurück. Acht - linkes Bein zurück. Angesagte Übung - übt!“  Pelikan verwendet klare und deutliche Kommandos, die den Soldaten bekannt sind, eine einfache Sprache sowie einen straffen militärischen Ordnungsrahmen.

Die Teilnehmer, die erst zum zweiten Mal am Boxtraining teilnehmen, wissen was zu tun ist, auch wenn die Übungen motorisch fordernd sind. Die beiden Trainer haben die Auszubildenden immer im Blick, korrigieren und bessern aus. Häufig reicht ein Blick oder ein Handzeichen, und die Soldaten wissen, was sie machen müssen.

Vizeleutnant Pelikan beginnt mit einfachen Übungen und steigert diese kontinuierlich, hinsichtlich Schwierigkeit und Intensität. So kommt beispielsweise nach der Bewegung in der Kamphaltung nach vorne und zurück die Bewegung in der Kampfhaltung zur Seite. Als nächsten Schritt werden zusätzlich zu den Beinen die Arme in die Übung integriert und dabei gestoßen. Das spezielle Aufwärmen verfügt über wesentliche Elemente des Boxtrainings und ist ein Bindeglied zwischen dem allgemeinen Aufwärmen und dem Hauptteil im Training.

Kampfsportspiele

Vizeleutnant Pelikan erklärt eine Partnerübung. (Foto: Sascha Harold)
Vizeleutnant Pelikan erklärt eine Partnerübung. (Foto: Sascha Harold)

Neben Einzelübungen werden nun auch Partnerübungen in das Training integriert. „Ich will nicht, dass ihr einfach hinhaut. Ich will, dass ihr ein Rhythmusgefühl enwickelt. Wenn der Partner ein Schlag ansetzt, will ich, dass ihr darauf reagiert. Block - Schritt zurück - Schlag! Leicht schlagen - nur andeuten!“  Nachdem Pelikan mit einem Soldaten, der selber Boxer ist, die Übung erklärt und vorgezeigt hat, geht es los. Zwei Soldaten stehen sich gegenüber, bewegen sich in der Kampfhaltung und versuchen einen leichten Schlag anzubringen, zu reagieren und zu kontern.

Das Muster bei den Übungen lautet „Sicherung - Verteidigung - Gegenangriff“. Ein Ablauf, der jedem Soldaten bekannt ist und einem militärischen Muster folgt. Das Boxtraining ist auch deshalb wertvoll, da es neben dem Kampf Mann gegen Mann das grundsätzliche Verständnis von Taktik schult. „Disziplin, Leistungsbereitschaft und Härte - das gilt für das Boxen genauso wie für das Militär“ , erklärt Pelikan.

Schlagserien und Sparring

Nach den Kampfsportübungen sind die Teilnehmer aufgewärmt und konzentriert. Jetzt beginnt der Hauptteil der Ausbildung - das eigentliche Boxtraining. Dazu treten die Soldaten an und fassen nach ein paar einführenden Worten ein Paar Boxhandschuhe aus, wodurch ebenfalls sichtbar wird, dass der nächste Ausbildungsschritt beginnt.

Schattenboxen 

Die erste Übung ist das lockere Hüpfen und Bewegen in der Kampfhaltung, wie es schon zuvor gemacht wurde. Nun wird es aber dynamischer, rascher und mit Boxhandschuhen ausgeführt. „Vor! Zurück! Links! Rechts! Hopp, hopp, hopp, hopp!“  tönt es durch die Halle. „Schwerpunkt tief! Gewicht in die Mitte! Hüftbreiter Stand! So ist es gut!“ , korrigiert Pelikan die Soldaten bevor er eine kurze Pause macht und den nächsten Abschnitt erklärt.

„Bei der nächsten Übung müsst ihr euch einen Gegner vorstellen, der vor euch steht. Führhand - Schlaghand! So sieht eine Schlagverbindung aus. Nicht vergessen: Bei der Schlaghand die Hüfte mitdrehen, damit der Schlag noch mehr Kraft hat. Alles klar? Boxen!“  So lautet die knappe Erklärung und die Anweisung zur nächsten Trainingssequenz. Die Auszubildenden beginnen die Übung und schlagen mit kontrollierten Schlägen auf den imaginären Gegner. Nach etwa einer Minute folgt die nächste Übung. Nun wird die Schlagverbindung Führhand - Führhand - Schlaghand geübt. Der Vizeleutnant macht die Übung wieder vor und gibt danach das Startsignal.

Vizeleutnant Pelikan erklärt die Übung. (Foto: Sascha Harold)
Vizeleutnant Pelikan erklärt die Übung. (Foto: Sascha Harold)
Zwei Soldaten bei der Partnerübung. (Foto: Sascha Harold)
Zwei Soldaten bei der Partnerübung. (Foto: Sascha Harold)
Ein Soldat schlägt, der andere versucht dem Schlag auszuweichen. (Foto: Sascha Harold)
Ein Soldat schlägt, der andere versucht dem Schlag auszuweichen. (Foto: Sascha Harold)

Partnerübungen

Danach sammelt Pelikan die Soldaten im Halbkreis und erklärt den nächsten Schritt. Um diesen anschaulich zu machen, hat er einen Rekruten, der Amateurboxer ist, als Sparringpartner. „Bei der nächsten Übung stellt ihr euch in Schlagdistanz gegenüber auf. Wichtig: Beim Military-Light-Contact Boxing gibt es nur Schläge auf die Stirn und auf den Körper. Es wird ohne Härte geschlagen - so, dass der Partner gerade noch berührt wird - nicht stärker. Dazu müsst ihr wissen, wie groß die Schlagdistanz ist.“

Vizeleutnant Pelikan zeigt die Übung vor. Blitzschnell, geradlinig und kräftig bewegen sich seine Fäuste, die den Partner locker und ohne Härte treffen. Seitenwechsel: Nun schlägt der Rekrut auf den Vizeleutnant. Auch er boxt sauber und mit kräftigen Schlägen. Er berührt Pelikan nur leicht, der die Schläge kommentiert und seinen Partner lobt. „Alles klar? Zwei und zwei zusammen - und boxen!“

Neben dieser werden noch weitere Partnerübungen durchgeführt, die immer dem gleichen Prinzip folgen. Der Trainer erklärt die Übung und macht sie vor, danach geht es in die praktische Umsetzung, die er gemeinsam mit Offiziersstellvertreter Janisch überwacht und ausbessert. Das Abwehren eines Faustschlages, Schlagserien oder das Üben eines Körperhakens (ein Aufwärtshaken zum Rumpf) werden nun ausgeführt. Dabei werden Angriffs- und Abwehrtechniken wechselseitig trainiert.

Zwei Soldaten üben eine Schlagserie - einer schlägt, der andere wehrt ab. (Foto: Sascha Harold)
Zwei Soldaten üben eine Schlagserie - einer schlägt, der andere wehrt ab. (Foto: Sascha Harold)

Ein Soldat schlägt, der andere wehrt ab. Nach einigen Schlagserien wechseln die Übenden die Position. „Locker schlagen! Nur leicht berühren!“  lautet die Anweisung von Vizeleutnant Pelikan, denn „wer locker schlagen kann, kann auch hart schlagen. Wichtig ist, dass jede Aktion entschlossen und kontrolliert bis zum Abschluss geführt wird!“  Der Partner soll nur leicht berührt werden - Wirkungstreffer sind verboten. Deshalb soll der Partner eine Rückmeldung geben, wenn die Schläge zu stark sind, da Schlaghärte subjektiv empfunden wird.

Bei den Partnerübungen „kämpfen“ zwei etwa gleich große und gleich starke Soldaten gegeneinander. Das Ziel ist es, Schlagsequenzen zu trainieren, auszuweichen und einen Gegenangriff zu setzen. Das soll so realistisch wie möglich erfolgen und ähnelt dem Sparring. Etwa eine Minute dauert eine Sequenz, was länger ist, als es sich anhört, da die Teilnehmer konzentriert sind und das Training anstrengend ist. „Boxen bedeutet kontrolliertes Schlagen, es ist eine Abfolge von Angriff und Verteidigung bzw. Aktion und Reaktion. Dazu braucht es Rhythmusgefühl und Koordination. Automatisierte Abläufe und das Antizipieren gegnerischer Aktionen sind wichtige Voraussetzungen für den Erfolg.“

Parallelen zum Militär

Military Light-Contact Boxing ist eine Zubringerleistung der Körperausbildung, die den Soldaten auf den militärischen Nahkampf vorbereitet. Das Boxen ist in vielerlei Hinsicht mit einer militärischen Aktion - am treffendsten mit dem Angriff - vergleichbar. Dort wie da versucht der Angreifer möglichst viele Informationen über den Gegner zu erhalten. Dabei sollen die Schwachstellen genauso erkannt werden wie die Stärken. Das Ergebnis dieser „Aufklärung“ ist wesentlich für das Führungsverfahren. Es dient, so wie die Beurteilung der eigenen und gegnerischen Stärken und Schwächen, dazu, den Kampfplan zu entwickeln.

Beim Kampf wird versucht diesen Plan so gut wie möglich umzusetzen. Zuerst soll der Gegner mit Schlägen geschwächt werden, was mit dem Niederhalten des Gegners vergleichbar ist. Zum richtigen Augenblick ist der entscheidende Angriff durchzuführen - beim Boxen ist das der Schlag, beim Angriff der Sturm oder Stoß. Wenn der Gegner angezählt ist, ist der Kampf jedoch noch nicht beendet. Der Sieg ist erst errungen, wenn der Gegner tatsächlich k.o. ist. Hinsichtlich einem Angriff lässt sich das mit dem Sichern des Angriffszieles übersetzen, um feindliche Gegenangriffe abzuwehren.

Nicht nur hinsichtlich der Gefechtstechnik und Taktik gibt es Parallelen, sondern auch bei der Kampfführung. Beim militärischen Angriff werden zwar andere Waffen eingesetzt, dennoch sollte man sich dabei an Regeln halten und keine „Tiefschläge“ anbringen. Der Gegner sollte immer ernst genommen und nie unterschätzt werden. Abschließend lässt sich auch für das Verhalten nach einer Auseinandersetzung eine Parallele formulieren: Egal wie hart der Kampf war, danach reicht man sich die Hand und versucht die Rivalität zu überwinden.

Ausbildungsbehelf Military Light-Contact Boxing

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

(Foto: Sascha Harold)
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