• Veröffentlichungsdatum: 16.12.2016
  • – Letztes Update: 31.01.2017

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Menschlich handeln und dienen!

Christoph Stranner

(Foto: Bundesheer, Grebien)

Als sich das Schwergewicht der Flüchtlingsbewegungen im Jahr 2015 von Nickelsdorf nach Spielfeld verlagerte, waren die dort eingesetzten Kräfte mit tausenden Flüchtlingen konfrontiert. Kurz nach dem Beginn des Sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsatzes übernahm das vor Ort stationierte Jägerbataillon 17 das Kommando unter der Führung des Militärkommandos Steiermark. Im Gespräch mit Hauptmann Christoph Stranner blickt Oberst Bernhard Köffel, Kommandant des Jägerbataillons 17, auf die Ereignisse vom Herbst 2015 zurück.

Themenschwerpunkt Migration

Spielfeld, November 2015

Vor einem Jahr verlagerte sich das Schwergewicht der Flüchtlingsbewegungen nach Spielfeld. Welche Maßnahmen haben Sie damals gesetzt?

Wir konnten die damalige Entwicklung mitverfolgen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits Kräfte unter der Führung des Militärkommandos Steiermark vor Ort. Anlässlich des Jahrestages des Durchbruches bei Flitsch-Tolmein am 24. Oktober jährte sich der Traditionstag des Jägerbataillons 17. Die Durchführung blieb fraglich, ich entschloss mich aber den Traditionstag zu begehen. Während des Festaktes konnten wir Flüchtlinge beobachten, die entlang der Hauptstraßen, bei der angetretenen Truppe vorbeigingen.

Der Brigadekommandant, der bei dem Festakt vor Ort war, stellte die Frage, ob das Jägerbataillon 17 bereit wäre, als führendes Kommando im Raum Spielfeld tätig zu werden. Meine Antwort war klar: Wenn wir den Auftrag erhalten, führen wir ihn aus. Erstens ist ein sicherheitspolizeilicher Assistenzeinsatz eine Inlandsaufgabe nach dem Wehrgesetz und zweitens ist Spielfeld nur einige Kilometer von Straß, der einzigen Garnison im Süden der Steiermark, entfernt. Ich konnte mir jedoch eine Vorbereitungszeit von drei Tagen aushandeln. Dadurch gab es keinen Zeitdruck und es konnte eine gediegene Lagebeurteilung durchgeführt werden.

(Foto: Keusch)

Wie sah der Ersteinsatz Ihrer Kräfte aus?

Der Ersteinsatz sah zwei Kompanien im Schwergewicht Spielfeld vor, vier weitere Kompanien wurden zur Überwachung der grünen Grenze und zum Herstellen der Schichtfähigkeit verwendet. Die wesentliche Leistung des Jägerbataillons 17 bei der Übernahme des Führungsauftrages war die Beruhigung der Lage vor Ort. Diese konnte vor allem durch das Einführen eines Dienstrades gewährleistet werden. Das führte zu einer Planbarkeit des Einsatzes, aber auch der Freizeit für die Soldaten. Obwohl Diensträder Routine herbeiführen, war die Implementierung eines solchen wichtig für die Soldaten, um sich auf Phasen der Be- und Entlastung einstellen zu können. Damals hatten wir keine Rekruten im Einsatz. Mittlerweile steht eine steirische Kompanie mit Rekruten im Assistenzeinsatz.

Gab es Friktionen?

Friktionen kann man nicht sagen. Es gab viele Herausforderungen, die sich durch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Einheiten und Elementen ergaben. Nachdem die Leute beim Reden zusammenkommen, wurde vieles ausdiskutiert.

Gab es kritische Situationen?

In den Zeiten als der Hauptandrang der Flüchtlinge seine Spitzen erreichte, hätte eigentlich alles passieren können. Wir erfuhren von mitgeführten und gefährlichen Gegenständen und konnten den Medien entnehmen, dass auch gefährliche Personen eingeschleust wurden. Wir sind froh, dass der eingesetzten Truppe nichts Gravierendes passiert ist. Das Gefahrenpotenzial war durchaus gegeben, beispielsweise im Straßenverkehr durch die vielen gefahrenen Kilometer.

Was waren die Aufgaben während des Einsatzes am Grenzübergang?

Den geordneten Ablauf im Bereich des Grenzüberganges Spielfeld sicherzustellen, der zeitweise mit Zivilisten überfüllt war. Dabei war eine räumliche Ordnung für einen geregelten Ablauf unbedingt notwendig. Am Anfang war die Situation schwierig, da die große Menge an Menschen im Bereich des Grenzüberganges nicht abfließen konnte. Die größte Herausforderung war der koordinierte Abtransport der Flüchtlinge. Man erinnere sich an Nickelsdorf und die unzähligen Taxifahrer. Es kamen Taxis, Flüchtlinge stiegen ein und waren weg. Niemand wusste wohin sie fuhren.

Durch den Einsatz von Bussen, vor allem des Bundesheeres, hat sich das geändert. Nun wusste man, wohin die Menschen gebracht werden. Wenn der Abtransport nicht funktionierte, stand alles. Wenn die Menschen nicht weiter konnten, kam es zum Stau. Sie wurden unruhig und es bestand die Gefahr, dass das System zusammenbricht. Sobald die Flüchtlinge jedoch wussten, dass es weitergeht, war die Situation ruhig. Dann gab es keine Probleme.

(Foto: Keusch)

Slowenien betreibt in Sentilj ein Flüchtlingslager. Wurde der Einsatz mit Slowenien koordiniert?

Die Koordinierung mit den slowenischen Kräften erfolgte vor allem über die Polzei. Besonders gut funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Slowenen und Österreichern auf dem Grenzübergang Bad Radkersburg. Von slowenischer Seite wurden Personengruppen von bis zu 450 Flüchtlingen gebildet und in Absprache mit den Österreichern über die Grenze geschickt. In Spielfeld hat das nicht funktioniert. Die sich auf slowenischem Boden befindliche Sammelstelle wurde bei Bedarf geleert und bis zu 1.000 Personen gleichzeitig in Richtung Grenze losgeschickt. Die Slowenen haben dann gesagt: „Jetzt kommen sie!“

Was fiel Ihnen als besonders positiv auf?

Hier möchte ich das Engagement der eingesetzten Soldaten hervorheben. Der österreichische Soldat legt sich ins Zeug, wenn er sieht, dass es um etwas geht. Alle Soldaten haben ihre Sache hervorragend gemacht. Es gab keine Zwischenfälle. Darüber hinaus war die Zusammenarbeit mit der Polizei, mit den unterstellten Kräften und mit den NGOs positiv. Bei den NGOs befanden sich interessante Menschen, wie Studenten aus Wien, aus dem Ausland angereiste Personen oder Helfer aus der Gegend.

Was würden Sie einem Kommandanten raten, der mit seinem Bataillon in den Sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsatz geht?

Ein Bataillonskommandant hat seine Funktion nicht gewonnen, sondern aufgrund seiner Kenntnisse und seiner Ausbildung erworben. Diese beginnt an der Theresianischen Militärakademie, setzt sich in Führungs- und Stabslehrgängen fort und findet ihre Anwendung im täglichen Dienstbetrieb, bei Übungen und Einsätzen im In- und Ausland. Wenn man anwendet, was man gelernt hat, ist man in der Lage, einen Auftrag zu erfüllen. Das Abarbeiten der uns zur Verfügung stehenden Verfahren reicht dabei aus. Dazu zählen:

  • Beurteilungsverfahren,
  • Lagevorträge,
  • Befehlserstellung,
  • Koordinierungsbesprechungen,
  • Lagebesprechungen,
  • Befehlsausgaben mit Einblick ins Gelände etc.

„Frisch ans Werk!“ wäre mein kurz zusammengefasster Tipp. Den Auftrag erfassen und umsetzen. Das taktische Planungsverfahren ist dazu geeignet, sich jeglicher Lebenssituation zu stellen. Man kann damit ein Haus bauen oder seinen Urlaub organisieren, aber vor allen Dingen kann man damit seinen Auftrag erfüllen.

Was möchten Sie Ihren Soldaten mitgeben, wenn sie wieder in den Sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsatz gehen?

Menschlich handeln und der Republik Österreich dienen! Es ist ein Assistenzeinsatz und kein Schießkrieg. Hirn einschalten, Lagebeurteilung durchführen, die soldatische Arbeit erfüllen und erkennen, was zu tun ist. Das dann korrekt durchführen, sich um die Menschen kümmern und versuchen, die Bedürfnisse zu erkennen. Ich würde es so zusammenfassen: Wenn jemand eine gediegene militärische Ausbildung, Erfahrungen bei Übungen oder Einsätzen im Inland und im Ausland gesammelt hat, wird er nicht überrascht. Der Assistenzeinsatz ist die Anwendung des Erlernten, bei dem man mit militärischen Kräften und militärischem Gerät, gemeinsam mit anderen Elementen eine Aufgabe zu erfüllen hat. Dafür haben wir ausgebildetes Personal, Einsatzerfahrung, entsprechendes Gerät und Kenntnisse.

Ich bin stolz, dass ich 45 Tage Kommandant der Assistenzkräfte in Spielfeld war, mit einer Aufgabe, die erfolgreich gelöst wurde, auch wenn es nicht immer einfach war.

(Foto: Keusch)
 

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