• Veröffentlichungsdatum: 02.09.2022
  • – Letztes Update: 01.09.2022

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Meinung oder Fakt? Denken überdenken!

Bianca Pröll

Warum erinnern wir uns falsch? Warum sind wir trotzdem überzeugt, dass es genauso war? Warum glauben wir lieber einem sympathischen oder bekannten Laien als einem Experten? Warum nehmen wir so gern „mentale Abkürzungen“? Wie schaffen wir es, trotzdem gute Entscheidungen zu treffen?

Das menschliche Gehirn kann nicht immer alles gleichzeitig schaffen. Multitasking ist eine Illusion, das wissen wir spätestens seitdem unser Gehirn neurobiologisch untersucht wird. Es strömen ständig Informationen auf uns ein, die sofort bearbeitet werden müssen. Um damit umzugehen, hat unser Gehirn ein paar erstaunliche Tricks entwickelt. 

Manchmal gibt es zu wenig oder zu viele Informationen, um eine durchdachte Entscheidung zu treffen. Manchmal muss man sehr schnell entscheiden und hat für den nötigen Denkprozess schlicht keine Zeit. Manchmal erinnern wir uns an belanglose Dinge, während die wichtigen Informationen verloren gehen. Unser Gehirn benutzt also mentale Abkürzungen. Ohne sie wären wir in den meisten Situationen überfordert und handlungsunfähig. Die mentalen Abkürzungen bergen aber einige Gefahren und sorgen dafür, dass wir nicht immer rationale Entscheidungen treffen. Durch dieses Wissen fällt es uns leichter, unser Denken zu überdenken.

Mentale Abkürzungen: Schnell, aber nicht unbedingt die beste Wahl

Eine dieser mentalen Abkürzungen ist der sogenannte Bestätigungsfehler (confirmation bias). Er beschreibt unsere Tendenz, von Informationen angezogen zu werden, die unsere bereits vorgefasste Meinung bestätigen, während wir gegensätzliche Informationen einfach „ausblenden“. So wird unsere Meinung immer wieder bestätigt und verstärkt und wir lassen keine andere mehr zu. Werden wir dennoch mit einem Gegenbeispiel konfrontiert, hilft immer noch: „Das ist nur die Ausnahme!“. 

Wir erinnern uns besonders gut an Informationen, die wir schon sehr oft vorgesetzt bekommen haben. Dazu gehören der Effekt des wiederholten Kontakts (mere exposure effect) und die Verfügbarkeitsheuristik (availability heuristic). Wir müssen eine Information nicht einmal bewusst verarbeitet haben; der reine Kontakt reicht aus, sodass wir beim nächsten Mal die Glaubwürdigkeit oder Auftretenswahrscheinlichkeit des Inhalts überschätzen. Je leichter es fällt, den wiederholt dargebotenen Inhalt abzurufen, desto positiver wird er bewertet. Das funktioniert nicht nur in der Werbung, sondern auch bei Nachrichten. Höre ich sehr oft von einem angeblichen Ereignis, schätze ich dessen Glaubwürdigkeit mit der Zeit immer höher ein. 

Wir tendieren dazu, Regeln und Muster zu erkennen, auch wenn es in Wirklichkeit sehr wenige Informationen dazu gibt. Im Gegensatz zu wissenschaftlich geprüfter Evidenz gibt es dazu die sogenannte Anekdotische Evidenz (anecdotal evidence). Demnach schließen wir aufgrund eines Einzelberichts oder vom „Hörensagen“ auf eine dahinterliegende Regel in der Grundgesamtheit. Da solche „Beweise“ oft nicht überprüfbar sind, ist es problematisch, wenn sie als allgemeingültiger Fakt angenommen werden. 

Menschen, die wir kennen und mögen, empfinden wir als „bessere“ und vertrauenswürdigere Menschen. Dazu führen uns Effekte wie die Eigengruppenbevorzugung (in-group bias) und der Ähnlichkeitseffekt (similarity effect). Menschen, die uns ähnlich sind – sei es die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, das Geschlecht oder die Werte und Einstellungen – sind uns auf Anhieb sympathischer. Sie gehören zu „unserer“ Gruppe. Diese wird unbewusst mit besseren Eigenschaften dekoriert als eine fremde Gruppe. So kann es sein, dass ich einer ähnlichen Person Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit zuschreibe und ihre Anekdoten als Beispiel für den Regelfall akzeptiere. 

Was tun?

Eine systematische Variante der Entscheidungsfindung ist das Gegenüberstellen und Gewichten von Vor- und Nachteilen oder das Aufstellen einer tabellarischen Entscheidungsmatrix mit zu erfüllenden Kriterien wie beim Autokauf. Sind fünf Sitze eine Pflichtvoraussetzung für das neue Auto? Braucht es unbedingt eine Sitzheizung oder wäre das nur ein zusätzlicher Faktor? Je nachdem, wie gut die einzelnen Kriterien erfüllt werden und welcher Summenscore sich für die Alternativen ergibt, kann man systematisch entscheiden, welche Option die geeignetste ist. 

Die vorgestellten mentalen Abkürzungen sind nur ein kleiner Teil der Bemühungen, die unser Gehirn unternimmt, um uns Entscheidungen zu erleichtern. Niemand kann sich diesen Abkürzungen komplett entziehen, aber das Wissen um sie ist ein bedeutender Schritt. Das Denken zu überdenken erfordert aktive Anstrengungsbereitschaft. Wenn es wichtig ist, Informationen in glaubwürdig und weniger glaubwürdig zu unterteilen, zahlt es sich jedenfalls aus, nicht sofort die Abkürzung zu nehmen, sondern die Fakten zu prüfen!

Bianca Pröll, MSc; Klinische und Gesundheitspsychologin i. A. im Heerespsychologischen Dienst.

 

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