• Veröffentlichungsdatum: 08.11.2018

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Kampfmittelabwehr mit Militärhunden

Otto Koppitsch

Eine Militärhundeführerin übt das Aufspüren von Kampfmitteln mit ihrem Militärhund. (Foto: Archiv MilHuz)
Labrador Retriever werden als Kampfmittelspürhunde für das Bundesheer ausgebildet. (Foto: Archiv MilHuz)

Seit 1964 gibt es im Österreichischen Bundesheer das Militärhundezentrum, wo Militärhunde gezielt für verschiedene Einsatzarten ausgebildet werden. Internationale Ereignisse und die allgemeinen globalen Entwicklungen führten zu neuen Aufgaben und Einsatzfeldern. 

Der 11. September 2001 oder kurz „9/11“ hat die Welt verändert - auch hinsichtlich der Präventivmaßnahmen im Zusammenhang mit Sprengstoffbedrohungen, die mit dem internationalen Terror zunahmen. Unter anderem setzt man nun international vermehrt auf die Unterstützung durch Diensthunde. Viele aktuelle Sicherheitsmaßnahmen haben ihren Ursprung in den Ableitungen und Folgen von 9/11. Sicherheit wurde seitdem weitgehend neu definiert, die Wege dorthin jedoch oft nur halbherzig beschritten. Ein aktuelles Beispiel ist die heimische politische Diskussion über ein Sicherheitspaket.

Der Blick zurück auf die Bedrohungsanalysen der Teilstrategie Verteidigungspolitik aus dem Jahr 2005 stellt sich heute wie ein Katalog „erfüllter Prophezeiungen“ dar. Dies spricht für die Qualität dieser Analysen, denen in der zivilen Welt kaum jemand Glauben geschenkt hatte. „Dem Militär ist der Gegner abhandengekommen, weshalb Migration, Islamismus und Terrorismus als Feindbilder konstruiert werden!“ war vielerorts von Kritikern zu hören. 

Militärhundeführerin des Bundesheeres mit Labrador. (Foto: Archiv MilHuZ)
Retriever-Rassen eignen sich besonders für anspruchsvolle Distanzarbeit wie etwa das Aufspüren von Kampfmitteln. (Foto: Archiv MilHuZ)

Zurück ins Jahr 2005. Damals haben Strategen unter anderem folgende Szenarien und Bedrohungen definiert:

  • Krisen an der europäischen Peripherie;
  • Internationaler Terrorismus;
  • Unkontrollierte Migrationsbewegungen;
  • Cyber Warfare.

Die Auswirkungen auf unsere Zivilgesellschaft sind aufgrund der Vorgänge in Nordafrika, Syrien und der Ukraine, sowie der Anschläge und Proteste in Paris, London, Madrid, Brüssel, Berlin etc. heute Realität. Die Priorisierung von Kampfmittelabwehr & Counter-Improvised Explosive Device (C-IED) im Bundesheer sind eine direkte Folge dieser Entwicklungen, die im In- und Auslandseinsatz ihre Berechtigung haben. Seit der Umsetzung der Vorgaben aus der Bundesheerreform ÖBH 2010 vor mehr als zehn Jahren beschäftigt sich das Militärhundezentrum (MilHuZ) mit dieser Thematik und einer möglichen kynologischen (Kynologie: Wissen um den Hund; Anm.) Umsetzung.

Erste Schritte

Das Militärhundezentrum Kaisersteinbruch ist die größte Rottweilerzucht der Welt. (Foto: RedTD/Barthou)
Das Militärhundezentrum des Bundesheeres befindet sich in Kaisersteinbruch/Burgenland. (Foto: RedTD/Barthou)

Das Reformkonzept ÖBH 2010 kann als Quantensprung in der österreichischen Militärkynologie seit 1914 bezeichnet werden. Wurden vor dem Ersten Weltkrieg die Fähigkeiten der Hunde zur Unterstützung der Soldaten im Feld durch Gründung der k.k. Kriegshundeschule in Wien-Währing gewürdigt, so wurde 2007 das Militärhundewesen des Bundesheeres grundlegend evaluiert. Als Folge der Beurteilungen aus ÖBH 2010 entstand das Militärhundezentrum mit einer neuen Organisation, Investitionen in die Infrastruktur zur Hundehaltung, mehr Fachpersonal und vor allem mit neuen Aufgaben - darunter auch Maßnahmen zur Risikominimierung durch Unterstützung mit Militärhunden. Das geschah zu einer Zeit, in der Kasernen geschlossen und Dienststellen aufgelöst wurden. Die Implementierung von Militärhunden in den Organisationsplänen des Jagdkommandos und des Kommandos Militärstreife & Militärpolizei (KdoMilStr&MP) war ein weiteres Ergebnis von ÖBH 2010 und ein wichtiger Schritt bei der Weiterentwicklung spezieller Fähigkeiten.

Vom Problembewusstsein zu neuen Fähigkeiten

Im Auslandseinsatz bei UNDOF (UN Disengagement Observer Force) auf den Golanhöhen befanden sich seit 1987 bis zum Abzug 2013 durchgehend Spürhunde des ÖBH. Dabei handelte es sich um Militärhunde zum Aufspüren von Suchtgift und Sprengstoff, einerseits zur Risikominimierung bei der eingesetzten Truppe, andererseits als Präventivmaßnahme im Sinne der Sicherheit. Viele Jahre versahen die österreichischen Militärhunde unter den Augen der beiden Streitparteien (Syrien, Israel) erfolgreich ihren Dienst in der Truppentrennungszone. In diesem mehr als 25 Jahre dauernden Ersteinsatz von Militärhunden konnten jene Erfahrung und Kompetenz aufgebaut werden, die es heute ermöglichen, komplexere Aufgaben und Auslandseinsätze mit der Unterstützung von Hunden zu planen und durchzuführen. Die gewonnene Erfahrung fand in Folge bei den Einsätzen im Kosovo, in Bosnien und im Tschad eine weitere praktische Anwendung. Der Einsatz von Militärhunden bei AUTCON/KFOR im Zeitraum von 2005 bis 2010 ist dabei ein weiterer Meilenstein. Durch die intensive Zusammenarbeit mit der Truppe bei der Suche nach Waffen, Sprengstoff und Munition erhielt der „Biosensor-Hund“ einen neuen Stellenwert, abgesehen von der Kompetenzerweiterung, die sich durch die Zusammenarbeit mit militärischen Hundeausbildungsinstitutionen anderer Nationen - vornehmlich mit Deutschland -­ ergab. In dieser Zeit wurde die Basis für das heute erfolgreiche Kooperationsprogramm mit der Deutschen Bundeswehr gelegt. Dieses besteht aus regelmäßigem Erfahrungsaustausch, Expertengesprächen, Kursteilnahmen und gemeinsamen Hundeausbildungen in Deutschland und Österreich.

Alle jungen Hunde im Militärhunde­zentrum sind bis zur endgültigen Auswahl in modernen und artgerechten Zwingern untergebracht. (Foto: RedTD/Barthou)
Alle jungen Hunde im MilHuZ sind bis zur endgültigen Auswahl in modernen und artgerechten Zwingern untergebracht. (Foto: RedTD/Barthou)
Etwa 1.500 Rottweiler stammen aus Eigenzucht. Das MilHuZ Kaisersteinbruch ist die größte Rottweilerzucht der Welt. (Foto: RedTD/Barthou)
Etwa 1.500 Rottweiler stammen aus Eigenzucht. Das MilHuZ Kaisersteinbruch ist die größte Rottweilerzucht der Welt. (Foto: RedTD/Barthou)

Bereits 2007 zeichnete sich die Notwendigkeit einer Erweiterung des Einsatzspektrums für Sprengstoffspürhunde ab. Neben der Fähigkeit, Waffen und Munition aufzuspüren, ergab sich auch der Bedarf, mithilfe von Hunden Verdachtsflächen abzusuchen, um Kampfmittel und Selbstlaborate aufzufinden. 2013 wurde dann die Vorhabensabsicht C-IED vom Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport erlassen, um der erkannten Bedrohung systematisch zu begegnen. 2014 folgten die Durchführungsbestimmungen für die Ausbildung. Das Vorwort dazu beginnt folgendermaßen: „Der in den letzten Jahren kontinuierliche Anstieg der Bedrohung durch IED in Auslandseinsätzen gegen die vor Ort eingesetzten Kräfte, erfordert zwingend die Entwicklung der Fähigkeit C-IED als Mittel der Force Protection zum Schutz der Soldaten. Die Fähigkeit C-IED ist als ganzheitlicher Systemansatz zur Verhin­derung von Anschlägen mit IED zu verstehen. Zur Abdeckung der Auslandsambition des ÖBH ist die Fähigkeit C-IED (…) für künftige Einsätze ebenenbezogen mit der notwendigen Struktur/Fähigkeit abzubilden und durch die Implementierung der notwendigen Ausbildung im ÖBH weiterzuentwickeln.“

Eine Militärhundeführerin mit ihrem Kampfmittelspürhund. (Foto: Archiv MilHuZ)
Eine Militärhundeführerin mit ihrem Kampfmittelspürhund. (Foto: Archiv MilHuZ)

Kampfmittelspürhunde und kynologische Umsetzung

Bereits während des Einsatzes des österreichischen Kontingentes bei KFOR zeichnete sich vor 2010 der Bedarf von weiträumig und selbstständig arbeitenden Spürhunden ab. Bisher waren im ÖBH für Spüraufgaben nur Schäferhunde im Einsatz und als Diensthunderasse eingeführt.

Aufgrund erster Versuche im Militärhundezentrum in Kaisersteinbruch stellte sich bald heraus, dass die geforderten Aufgaben mit Schäferhunden zwar erfüllbar sind, jedoch der Aktionsradius bei einer Abstandssuche mit anderen Rassen größer ist. Das NATO Expert Panel on Military Working Dogs (MWD) for C-IED (Arbeitsgruppe betreffend Einsatz von Militärhunden), dem auch Österreich angehört, fordert beim standardisierten Verfahren für Improvised Explosive Device Detection Dogs (IE3D), vergleichbar mit ÖBH-Kampfmittelspürhunden, eine „stand off detect capability“, also eine Fähigkeit zur Abstandssuche. Diese ermöglicht dem Hundeführer, seine Militärhunde zur Suche auch auf größere Distanzen (bis zu 100 m) zum Einsatz zu bringen, wodurch sich eine Risikominimierung für die eingesetzten Soldaten ergibt. Genetisch bedingt eignen sich besonders Hunde wie die Retrieverrassen für eine anspruchsvolle Distanzarbeit, weshalb 2014 innerhalb eines Projektes der Labrador Retriever als Diensthunderasse im ÖBH eingeführt wurde.

Die Kampfmittelspürhunde dürfen sich im Einsatz von anderen Soldaten der Gruppe nicht ablenken lassen. (Foto: Archiv MilHuZ)
Die Kampfmittelspürhunde dürfen sich im Einsatz von anderen Soldaten der Gruppe nicht ablenken lassen. (Foto: Archiv MilHuZ)

Im Militärhundezentrum wurden sodann nach britischem Vorbild Labradore aus jagdlichen Leistungslinien zu Kampfmittelspürhunden (KMSpHu) ausgebildet, die ihre Aufgaben uneingeschränkt mit und ohne Leine, abgesetzt vom Hundeführer, erfüllen können. Die Entscheidung über die Machbarkeit eines Hundeeinsatzes liegt letztendlich beim Hundeführer. Mögliche Aufträge sind

  • das Absuchen von Wegrändern,
  • die Gebäudesuche (innen/außen),
  • die Flächensuche,
  • die Distanzsuche (verdächtige/gefährliche Geländepunkte) sowie
  • die Kfz-Suche.

Kampfmittelspürhunde sind auf die Suche folgender Objekte konditioniert:

  • Militärische und zivile Sprengstoffe;
  • Explosive Chemie; - Selbstlaborate;
  • IED;
  • Kampfmittel;
  • Waffen;
  • Munition;
  • Bodenveränderungen.

Der Einsatz von Kampfmittelspürhunden erfolgt innerhalb der „Erweiterten Suche“  (Intermediate Search - IS), der „Eingehenden Suche“ (Advanced Search -­ AS) und der Kampfmittelbeseitigung von IED.

Ausbildung und Umsetzung

Der Auftrag, Militärhunde für den Einsatz in der Kampfmittelabwehr & C-IED auszubilden und im Force Provider-Prinzip bereitzuhalten, wird durch das Militärhundezentrum erfüllt. 2015 fand in einer Pilotausbildung der erste „Grundkurs Kampfmittelspürhund“ im Militärhundezentrum statt. Nach dem Erstellen der Grundlagen folgte der erste „Erweiterungskurs Kampfmittelspürhund“ in Kooperation mit der Heerestruppenschule. Die Kursdauer betrug jeweils 16 Wochen. Fünf MilHuFü des MilHuZ nahmen daran teil, zwei weitere befinden sich aktuell in Ausbildung. Zurzeit wird nur das Kader des MilHuZ (Force provider) ausgebildet. Die Kursinhalte sind umfangreich. Die Themen beinhalten unter anderem folgende Bereiche:

  • Grundlagen in der MilHu-Basisausbildung;
  • Einzelunterordnung/Gehorsam;
  • Trieb-/Spielverhalten;
  • Grundlagen der Explosiv- und Sprengstoffkunde;
  • Umgang mit Explosiv-/Sprengstoffen;
  • Chemie von Explosiv-/Sprengstoffen (militärisch/gewerblich);
  • Waffen- und Munitionskunde; - Rechtliche Grundlagen/Sicherheitsbestimmungen;
  • Grundlagen in der Kampfmittel-Spürhundeausbildung;
  • Vertiefung der Einzelunterordnung - Distanz/Lenkbarkeit;
  • Geruchsgewöhnung an Chemikalien, Explosiv-/Sprengstoffe und Munition;
  • Spürarbeit in der Theorie;
  • Spürarbeit in der Praxis;
  • Einsatztaktiken;
  • Zusammenwirken der Einsatzkräfte mit dem Militärhunde-Trupp;
  • Beurteilung von Gefahrenbereichen;
  • Grundlagen in der Fachausbildung Veterinär;
  • Veterinärdienst.
Eine Militärhundeführerin trägt ihren Kampfmittel­spürhund. (Foto: Archiv MilHuZ)
Im Militärhundezentrum werden nach britischem Vorbild Labradore aus jagdlichen Leistungslinien zu Kampfmittelspürhunden (KMSpHu) ausgebildet, die ihre Aufgaben uneingeschränkt mit und ohne Leine, abgesetzt vom Hundeführer, erfüllen können. (Foto: Archiv MilHuZ)

Zur schnellen Umsetzung des Kompetenz­erwerbes stellte sich die Dislokation des Institutes Pionier der Heerestruppenschule und des Militärhundezentrums am gleichen Standort in Kaisersteinbruch als großer Vorteil heraus. Die laufend notwendigen Abstimmungen zwischen Pioniertaktik und Hundeeinsatz bei der Kampfmittelabwehr wurden dadurch erleichtert. Gute Kontakte zu den weltbesten Labrador-Hundetrainern sind ein unbezahlbarer Vorteil. So stand der aktuell erfolgreichste Labrador-Trainer - der Brite David Latham -­ dem Militärhundezentrum mit Rat und Tat zur Seite, was den Kompetenzerwerb erheblich verkürzte. 2015 trat die Europäische Verteidigungsagentur (EDA) an Österreich mit dem Wunsch heran, eine Ad hoc-Working Group for Military Working Dogs (AHWG MWD) abzuhalten. Mit der praktischen Durchführung der Hundeausbildung wurde das Militärhundezentrum betraut. Teilnehmer aus neun Ländern nahmen an diesem praktischen Erfahrungsaustausch in Kaisersteinbruch teil, der bis heute jährlich in einem anderen Mitgliedsland stattfindet. Dieser beinhaltet Leistungsdemonstrationen mit Hunden, praktische Hundearbeit an vorbereiteten Kampfmittellagen, Vorstellung technischer Neuerungen sowie den Austausch von Einsatzerfahrungen. Bereits 2016 fand der erste Multinationale Kurs IS (Intermediate Search) unter Einbindung von Militärhunden aus Österreich und Deutschland am Institut Pionier der Heerestruppenschule (HTS) statt. Beginnend mit der Einsatzvorbereitung zur EU-Battlegroup 2018 waren im Jahr 2017 auch österreichische Kampfmittelspürhunde fixer Bestandteil. Durch diese intensive Zusammenarbeit mit der Truppe konnte das Verständnis für den Hundeeinsatz gestärkt und Vertrauen in die Fähigkeiten des „Biosensor-Hundes“ geschaffen werden. Im Bundesheer gab es zuvor keine genormte Zusammenarbeit zwischen Pionierkräften und Kampfmittelspürhunden.

Das ÖBH hat neben Rottweilern und Labradoren auch Schäferhunde im Einsatz. (Foto: RedTD/Barthou)
Das ÖBH hat neben Rottweilern und Labradoren auch Schäferhunde im Einsatz. (Foto: RedTD/Barthou)

Zusammenfassung/Ausblick

Mit der Implementierung von Kampfmittelspürhunden und deren Beistellung für Übungen und Einsätze durch das Militärhundezentrum als Force Provider konnte die Fähigkeit der Kampfmittelabwehr & C-IED im Bundesheer qualitativ verbessert werden. Die guten Kontakte des Militärhundezentrums zu den besten Hundetrainern und -züchtern führten in kurzer Zeit zu einem Kompetenzerwerb in der Kampfmittelabwehr & C-IED mit Unterstützung von Militärhunden und konnten 2014 mit der Einführung von Labradoren als Diensthunderasse bestmöglich umgesetzt werden. Dabei sind auch technische Lösungen zum Hundetransport in Allschutzfahrzeugen sowie mobile Jammer zum Schutz der Hunde im Einsatz erforderlich. Um heute bereits für übermorgen vorbereitet zu sein, ist es unerlässlich, Auslandskontakte und -übungen weiter fortzuführen. Der „Biosensor-Hund“ ist zum unverzichtbaren Bestandteil der Bemühungen des Bundesheeres bei der Kampfmittelabwehr & C-IED zur Begegnung aktueller Bedrohungen im In- und Ausland geworden.

Oberst Otto Koppitsch, MSD ist Kommandant des Militärhundezentrums in Kaisersteinbruch. 

 

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