• Veröffentlichungsdatum: 20.05.2020
  • – Letztes Update: 18.05.2020

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In der Zukunft angekommen

Horst Treiblmaier

Das Future Tactical Communication Network

(Foto: ÖBH, Maximilian Fischer)
(Foto: ÖBH, Maximilian Fischer)

Nach fast 30 Jahren Nutzung der Integrierten Fernmeldeinfrastruktur (IFMIN) war ein neues verlegbares Fernmeldesystem für das Österreichische Bundesheer notwendig. Unter der Bezeichnung Future Tactical Communication Network (FTCN) erfolgte die Einführung dieses neuen Systems. Technische Möglichkeiten und die Anforderungen einer modernen  Sprach- und Datenkommunikation verbunden mit militärischer Robustheit dominierten die Planungsüberlegungen bis zum Vertragsabschluss. Ab 2023 soll das System bei der Truppe in Betrieb gehen.

In den TD-Heften 3 und 4/2019 (online abrufbar) wurde über die Einführung von IFMIN und die Entwicklung hin zu einem Vermittlungssystem berichtet. Das Ende des technischen Lebensalters fast aller Komponenten im verlegbaren Fernmeldesystem war mit Beginn 2019 erreicht. Daher wurden im Jahr 2011, federführend durch die Abteilung Informations- und Kommunikationstechnik Planung (IKTPl), erste Überlegungen unter Einbindung des Bedarfsträgers „Truppe“ zur Ablöse durch ein neues System angestellt und ein Zeitplan zur Implementierung mit den verantwortlichen Stellen fixiert. Die Vorlage der erforderlichen militärischen Pflichtenhefte war bis zum Ende des ersten Quartals 2015 und die der Leistungsbeschreibung sowie Ausschreibung bis zum Ende des ersten Quartals 2016 vorgesehen. Damit sollte der Systemwechsel mit 2018 sichergestellt werden.

Planungsüberlegungen

Das Fernmeldesystem des Österreichischen Bundesheeres (FMSys ÖBH) wird in Analogie zu internationalen Strukturen in das

  • ortsfeste FMSys (ofFMSys),
  • verlegbare FMSys (vlgbFMSys) und
  • mobile FMSys (mblFMSys) unterteilt.

Ortsfeste FMSys

Das ofFMSys wird – da es hauptsächlich mit ziviler Technologie ausgeführt ist – in einem permanenten Vorgang den technischen Anforderungen angepasst. Derzeit erfolgt mit Schwergewicht der Tausch der Router und die Leistungssteigerung des ortsfesten Richtfunksystems auf Übertragungsraten mit bis zu 800 Mbit/s. Zusätzlich befindet sich die Ablöse des Nebenstellenverbundes Österreich im Bewertungsverfahren.

Mobile FMSys

Im mblFMSys mit der Hauptkomponente Truppenfunksystem wurde ab 2008, beginnend mit der Einführung des Truppenfunksystems CONRAD, die wesentlichste Fähigkeit der Sprach- und Datenfunkkommunikation auf taktischer Führungsebene umgesetzt. Die Erneuerung des Kurzwellenfunksystems ist zwar eingeleitet, aber die Umsetzung erfolgt aufgrund der technischen Probleme und finanziellen Einschränkungen zeitlich verzögert. Zahlreiche andere Funkanwendungen erfordern einen Austausch bzw. eine Harmonisierung, wobei die Einführung des TETRA-Funksystems der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS-Netz AUSTRIA) und das Soldatenfunkgerät – im ÖBH auch als Gruppenfunkgerät bezeichnet – zu einer deutlichen Leistungssteigerung beigetragen haben.

(Grafik: ÖBH)
(Grafik: ÖBH)

Verlegbares FMSys

Mit dem Vorhaben FTCN wird das verlegbare FMSys als Ganzes abgelöst. Das verlegbare und mobile FMSys muss aufgrund der Arbeitskapazität in Planung, Bereitstellung, Technik, Logistik und Ausbildung sowie des verfügbaren Budgets asynchron erneuert werden. Probleme der Technologiezyklen werden dabei bewusst in Kauf genommen. In der Grafik Rahmenzeitplan (Seite 90) für die Erneuerung des gesamten FMSys ist dieser generelle Vorgang über zwei Jahrzehnte dargestellt. Zusätzlich müssen laufend neue Anforderungen an Kommunikationsservices erfasst und in den Planungs- und Bereitstellungsprozess integriert werden.

Die wesentlichsten Fähigkeitstreiber zur Weiterentwicklung des FMSys ergeben sich aus technologischen und militärischen Umfeldbedingungen. Die vernetzte Einsatzführung erfordert die Einbindung von Sensoren (z. B. Radar, Drohnen, Elektronische Kampfführung), Wirkmitteln (z. B. Artillerie) und Führungsfunktionen aller Ebenen in ein Netzwerk. Die Digitalisierung schafft die Voraussetzung für eine technisch einfach zu realisierende Vernetzung, für ein effektives Datenmanagement und die künftige Nutzung künstlicher Intelligenz. Letztlich erfordern die Vielfältigkeit der Szenarien, vor allem deren schwierig kalkulierbare Abläufe und die hohe Dynamik, ein hohes Maß an Flexibilität.

Aus diesen Fähigkeitstreibern ergibt sich für das Vorhaben FTCN:

  • Ausrüstung auch der Einheitsebene und anderer wichtiger Stellen zur Einbindung in ein breitbandiges Kommunikationsnetz (bisher nur Ebene kl. Verband);
  • Nutzung von Internetprotokoll(IP)-Technologie als Standard;
  • Reduzierung des Zeitbedarfes für die Herstellung einer breitbandigen Netzwerkeinbindung bzw. Gewährleistung dieser auch in der Bewegung;
  • Flexibilisierung der Möglichkeiten der Kommunikationsnetzbildung zur Abdeckung unterschiedlicher Szenarien (Änderungen von Truppeneinteilungen, Sicherstellung der zivil-militärischen Zusammenarbeit);
  • Autarkie des FMSys auf allen Führungsebenen für Schlüsselfähigkeiten (Minimalbedarf).

Die Ausplanung des FTCN

Zur Gewährleistung der Zukunftssicherheit und Truppentauglichkeit des neuen vlgbFMSys wurden parallel zur Erstellung des militärischen Pflichtenheftes nachfolgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Beauftragung einer Studie bei einem führenden Technologieunternehmen in Österreich zur Klärung von Zukunftstechnologien im Kommunikationsbereich;
  • Tests von einzelnen Technologien auf „truppentaugliche Funktionalität“, z. B. von Voice over IP, Softphone-Nutzung und neuen Verteilersystemen für Kommunikationsnetze.
  • Besuch von Messen, Firmenkontakte und Informationsaustausch mit anderen Armeen;
  • Abklärung und Festlegung von zukünftigen IT-Anforderungen bzw. IT-Services, wie die Entwicklung der 3.VE zu einem autark nutzbaren sicheren militärischen Netz (SMN),
  • Einführung eines Führungsinformationssystem (FüIS),
  • Einführung eines Battlemanagementsystems mit Schnittstelle zum Führungsinformationssystems und
  • eines autarken Mailservices,
  • Einführung von Informationsservices für andere Führungsgrundgebiete sowie
  • Schnittstellen zu anderen Informationsbereichen (Domänen) wie zivile und militärische Netze anderer Nationen.

Aus diesen Festlegungen, Beurteilungen und Ableitungen wurde ein gesamtes Bündel an Maßnahmen inklusive Mengengerüst und ergänzenden Dokumenten für zusammengehörende Vorhaben erstellt. Im militärischen Pflichtenheft des Future Tactical Communication Network wurden die Zielsetzungen und die allgemeinen Anforderungen an das Kommunikationssystem festgelegt. Darin sind auch die generellen Anforderungen an Härtung, Verfügbarkeit, Ausbildung (Schulungsanlage) sowie Materialerhaltung für alle Komponenten des neuen Kommunikationssystems niedergeschrieben. Eine Optimierung der IKT-Kräfte des Bundesheeres unter Berücksichtigung offener (z. B. Energieversorgung) und neuer Anforderungen war ebenfalls zu veranlassen.

Der Zeitplan der Entwicklung des Fernmeldesystems mit einer langfristigen Perspektive. (Grafik: ÖBH)
Der Zeitplan der Entwicklung des Fernmeldesystems mit einer langfristigen Perspektive. (Grafik: ÖBH)

Zielsetzung

Ziel des Future Tactical Communication Network ist es, die Basisanforderungen der Führungsunterstützung an Führungseinrichtungen 2018 und danach

  • durch ein modulares, IP-basierendes,
  • mit hoher Datenübertragungskapazität verbundenes,
  • durch drahtgebundene und drahtungebundene Teilnehmereinbindung,
  • rasch betriebsfähiges,
  • mit Truppenfunk verbundenes,
  • einfach zu bedienendes und erlernendes und weiterentwickelbares Vermittlungs- und Verteilungssystem abzudecken,

um die einsatzspezifischen Services in einem Netzwerk für alle eingesetzten Kräfte bedarfsorientiert verfügbar zu machen.

Komponenten des FTCN

Nachfolgend werden die wichtigsten Komponenten des Future Tactical Communication Networks beschrieben.

Taktischer Router

Der taktische Router als Kernkomponente im vlgbFMSys hat die Einbindung aller Weitverbindungen (WAN - Wide Area Network) und lokalen Verbindungen (LAN - Local Area Network) sicherzustellen. Die wesentlichsten Funktionalitäten des Routers sind:

  • Verschlüsselung der Weitverbindungen sowie Sicherstellung der Sicherheitsfeatures; 
  • Möglichkeit der gleichzeitigen Anschaltung von sechs Weitverbindungen (Datenfunksysteme, Mehrkanalsatellitenkommunikationsanlagen, gemietete Leitungen, Lichtwellenleiterverbindungen);
  • Möglichkeit der Anschaltung von fünf lokalen Verbindungen in Kupfer- und Lichtwellenleitertechnologie;
  • Anschaltung eines Mediagateways zur Übernahme von Anschlüssen in einer öffentlichen Telefonnetztechnologie im derzeitigen Standard;
  • Anschaltung des Funkanschlusspunktes (RAP - Radio Access Point);
  • Anschaltung von WLAN (Wireless LAN) und Kupferleitungen (Feldkabel) zur Nutzung für die Datenübertragung (DSL - Digital Subscriber Line);
  • Sicherstellung eines Anschlusses für das Managementsystem;
  • Übertragungsbandbreite an den Schnittstellen von min. 100 MBit/s;
  • Anschaltung und Betrieb von bis zu 150 Datenteilnehmern;
  • Anschaltung von bis zu 100 Sprachteilnehmern mit aktivem Betrieb von 50 Prozent.

Der taktische Router wird in gepanzerten Ketten- und Radfahrzeugen sowie in Sheltern und Betriebs-, Transport- sowie Lagerbehältern eingebaut. Bis zu 500 taktische Router müssen in einem Gesamtnetz unter Verwendung von standardisierten Routingprotokollen betrieben werden. Die elektrische Energieversorgung hat sich am Standard von Fahrzeugen zu orientieren und ist mit einer unterbrechungsfreien Stromversorgung gegen Ausfälle abzusichern.

Die Struktur des künftigen Fernmeldesystems, wie es im militärischen Pflichtenheft definiert ist. (Grafik: ÖBH)
Die Struktur des künftigen Fernmeldesystems, wie es im militärischen Pflichtenheft definiert ist. (Grafik: ÖBH)

Semimobiler Datenfunk

Der semimobile Datenfunk (zusammengefasster Begriff aller zu beschaffenden militärischen Weitverkehrskomponenten) hat die Aufgabe, die Kommunikation in der Fernebene (zwischen Führungseinrichtungen, zur Anschaltung von Sensoren wie Radar sowie zur Anschaltung an das ofFMSys) sicherzustellen. Dabei kommen Datenfunkgeräte mit Punkt-zu-Punktverbindungen mit Richtantennen, Datenfunkgeräte mit Punkt-zu-Multipunktverbindungen mit Sektoralantennen und Datenfunkgeräte mit Rundstrahlantennen – auch Mesh-Verbindungen genannt (vermaschte Netzinformationen werden weitergeleitet) – zum Einsatz. Die dem ÖBH zugeordneten Frequenzbänder in den standardisierten Frequenzbändern I, III+ und IV der NATO werden dabei auch mit unterschiedlichen Antennen und Antennenmasten genutzt, um ein Höchstmaß an Flexibilität zu erzielen.

Im Verantwortungsbereich eines kleinen Verbandes kommen das Band I Datenfunkgerät in Mesh-Technologie mit typischen Reichweiten von vier Kilometern (ohne Antennenmast) und Datenraten von fünf MBit/s zum Einsatz. Diese Datenfunkgeräte verbinden den Gefechtsstand kleiner Verband, die Einheiten, die bewegliche Befehlsstelle und die Netzfunkgruppe – bisher Radio Access Point (RAP) genannt – bei Bedarf auch während der Fahrt (eingeschränkt durch die Fahrzeugantenne).

Zur Sicherstellung der Rückwärtsverbindung verfügt der kleine Verband auf dem Gefechtsstand und an der Netzfunkstelle über je ein Datenfunkgerät Band III+. Damit ist in einem Standardeinsatz der kleine Verband ohne Verstärkung durch andere Kräfte in das Kommunikationsnetz einbindbar.

Im Verantwortungsbereich des großen Verbandes kommen das Band III+ Datenfunkgerät in Punkt-zu-Multipunkt- und Punkt-zu-Punkttechnologie mit Reichweiten von zehn bis 60 Kilometer und Datenraten von 20 MBit/s zum Einsatz. Darüber hinaus steht das Datenfunkgerät Band IV mit Punkt-zu-Punkttechnologie mit Reichweiten bis zu 80 km und Datenraten von bis zu 40 MBit/s zur Verfügung.

Durch Nutzung von Antennen und Antennenmasten, die in der Einführung erprobt und flexibel zugeordnet werden können, ist ein hohes Maß an Bedarfsdeckung für alle Szenarien möglich. Zusätzlich ist die Verwendung von eingeführten Antennenmasten aus dem Truppenfunksystem bzw. des bestehenden Richtfunksystems und das Herstellen der Kommunikation innerhalb von 20 Minuten nach Marschhalt eine wesentliche Anforderung. Der Einbau in gepanzerten Ketten- und Radfahrzeugen, in Sheltern und in Betriebs-, Transport- und Lagerbehältern sowie die Energieversorgung hat in Analogie zu den obenstehenden Anforderungen des taktischen Routers zu erfolgen. Die Absetzbarkeit der semimobilen Datenfunkgeräte im Gelände von den Führungseinrichtungen mittels Lichtwellenleiter muss im Bedarfsfall (Gelände, elektronische Bedrohung) gewährleistet werden.

IKT-Verteilersystem mit WLAN Access Point

Ein taktischer Router mit zahlreichen Anschlussmöglichkeiten. (Foto: Kapsch Business Com)
Ein taktischer Router mit zahlreichen Anschlussmöglichkeiten. (Foto: Kapsch Business Com)

Das IKT-Verteilersystem wird an den verlegbaren und mobilen Führungseinrichtungen des ÖBH zur Sicherstellung der Teilnehmereinbindung (Sprache/Daten) bis einschließlich der Klassifizierungsstufe „Eingeschränkt“ eingesetzt. Es muss daher

  • P-basierend sein,
  • einen modularen Aufbau aufweisen,
  • auf Ethernet-Schnittstellen basieren,
  • die Anbindung an den taktischen Router über Lichtwellenleiter (LWL) ermöglichen,
  • acht bis zwölf Teilnehmeranschlüsse über Kupfer sicherstellen,
  • die Verkabelung in der Stern- und Ringtopologie erlauben,
  • die Verdichtung der LAN-Struktur über LWL-Verteilereinheiten zulassen und über einen Access Point für drahtlose Teilnehmer verfügen.

Im IKT-Verteilersystem müssen nachfolgende Komponenten verfügbar sein:

  • militärisch gehärtete IKT-Standardverteiler für den Einsatz an Gefechtsständen, in Zelten oder Fahrzeugen;
  • handelsübliche IKT-Standardverteiler für 19 Zoll Rack in Shelter;
  • militärisch gehärtete Lichtwellenleiter (LWL)-Verteiler;
  • Analogadapter zum Absetzen bis zu sechs analoge Sprachteilnehmer Bundesheerfeldkabel auf Entfernungen von bis zu zwei Kilometer;
  • Erweiterungsmodul xDSL zum Absetzen von Sprach- und Datenteilnehmern mit Bundesheerfeldkabel bis zu vier Kilometer;
  • WLAN-Access Point gemäß dem gültigen Standard absetzbar vom taktischen Router oder Verteiler bis zu 400 m mittels Lichtwellenleiter.

Die Energieversorgung hat analog zu den obenstehenden Anforderungen des taktischen Routers zu erfolgen. Dabei kommt aufgrund der IP-Technologie die Energieversorgung der Teilnehmer mit Power over Ethernet (PoE) zum Einsatz. Dabei wird der benötigte Strom direkt über das Netzwerkkabel geliefert. Der Einsatz von WLAN erfordert aufgrund der elektronischen Bedrohung eine Kommandantenentscheidung. Die Verwendung innerhalb des Tactical Operation Center ist auf jeden Fall untersagt.

Das IKT-Verteilersystem bringt in Verbindung mit den Endgeräten für die IKT-Truppe und Nutzer (hauptsächlich Stäbe) die größte Veränderung in der Anwendung. Derzeit ist eine eigene Sprachverkabelung zum zentralen IFMIN-Knoten erforderlich, wobei die IFMIN-Telefone bis jetzt zentral bereitgestellt wurden. Die Datenverkabelung wurde vom Teilnehmer bis zu einem zentralen Verteiler (genannt LAN-Box) hergestellt und dieser an den Router im Vermittlungssystem angeschlossen. Mit dem neuen IKT-Verteilersystem wird ein LWL-Ring zu einzelnen IKT-Verteilern für Gruppen von Teilnehmern (z. B. Führungsgrundgebieten) an den Führungseinrichtungen gelegt. An diesen Verteilern sind Sprach- und Datenanschlüsse gleichzeitig verfügbar und durch den Teilnehmer selbstständig anschließbar (analog dem Betrieb in Lehrsälen). Durch den Einsatz von Softphone-Lösungen für Sprache sind Sprach- und Datenservices gleichzeitig verfügbar. Unter zusätzlicher Nutzung von WLAN kann das Herstellen der ersten IKT-Betriebsbereitschaft an Führungseinrichtungen und beim Wechsel der Führungseinrichtungen auf eine Dauer unter 30 Minuten gedrückt werden.

Für die Einbindung von äußeren Gefechtsstandeinrichtungen (z. B. Wachen) sowie Einrichtungen in Anlehnung an Gefechtsstände (z. B. Stabskompanie) und beim Betrieb von Feldlagern erlauben der Analogadapter und das Erweiterungsmodul xDSL eine nahezu vollwertige Vernetzung.

Das internetfähige Telefon MIL 2. (Foto: Kapsch Business Com)
Das internetfähige Telefon MIL 2. (Foto: Kapsch Business Com)

Endgeräte und Sprachservice

Für den Bereich der Endgeräte ist die Bedarfsdeckung durch mehrere Lösungen anwenderspezifisch sichergestellt. Diese Nutzung erfolgt durch

  • Softphone mit Headset,
  • Softphone mit drahtlosem Headset,
  • handelsüblichen IP-Telefonen und
  • militärisch gehärteten IP-Telefonen (meist mit Zusatzfunktionen).

Der Sprachservice muss am taktischen Router oder auf den FTCN-Server dezentral verfügbar sein. An Grundfunktionalitäten ist zu gewährleisten:

  • Persönliche Mobilität (ortsunabhängige Teilnehmeranmeldung);
  • Dienstemobilität (Teilnehmerleistungsmerkmale nach Funktion und Bedarf);
  • Sessionsmobilität (die Umleitung einer laufenden Verbindung – einer Session – auf ein anderes Endgerät, z. B. von einem militärischen auf ein ziviles Telefon);
  • Endgerätemobilität (Art von Roaming- funktion in Mobilfunknetzen, z. B. WLAN).

FTCN Server

Der FTCN-Server muss für den Betrieb im Bereich der verlegbaren 3.VE (heute SMN) auf Basis des eingeführten Serverklons bzw. auf Basis eines Folgeklons (soweit bereits bekannt) geeignet sein. Die FTCN-Server müssen je nach Betriebsumfeld in einem klimatisierten Shelter, in einem Transportbehälter oder in einem Gefechtsfahrzeug während der Fahrt betrieben werden können. Zusätzlich zu den im Serverklon vorhandenen Services müssen ein autarkes Mail-Service, die Verwendung des IBM-Notes Client, das Sprachservice gemäß militärischem Pflichtenheft, ein Dokumentenmanagementservice Einsatz, ein Content-Management-System (gemeinsame Erstellung, Bearbeitung, Organisation und Darstellung von digitalen Informationen, zumeist in Webseiten) und der Service Logis/Einsatz und LOGFAS lauffähig sein.

Managementsystem

Eine Besonderheit in der Beschaffung stellt das Managementsystem dar. Das Managementsystem ist Teil der Ausschreibung und damit des Vertrages, kann aber erst mit Vertragsabschluss entwickelt werden, da es eine maßgeschneiderte Lösung für das ÖBH darstellt. Es stellt damit acuh den zeitkritischen Pfad für die Lieferung dar. Die nachfolgenden Vorgaben wurden seitens ÖBH definiert, damit auch eine Kostenabschätzung bei der Angebotslegung erfolgen konnte. Das Managementsystem wird zur Planung, Konfiguration, Überwachung und Fehlerbehebung im FTCN eingesetzt. Dabei muss das Managementsystem plattformunabhängig auf dem Serverklon und auf dem Arbeitsplatzklon des ÖBH installiert werden können. Das Global User Interface (GUI) muss nachfolgende Systemkomponenten (taktischer Router, semimobiler Datenfunk, Mediagateway, Sprachvermittlung, Endgeräte, Verteiler) unter einer Managementoberfläche vereinen.

TCN Planungssicht

Das Tactical Communication Network Management (TCNM) muss die Netzwerkplanung auch ohne Anschluss an das Netzwerk für Einsätze bzw. Phasen von Einsätzen ermöglichen. Dabei sollen Grundkonfigurationen oder bereits vorhandene Einsatzkonfigurationen nutzbar sein.

TCN Betriebssicht

Das TCNM muss die Überwachung des Netzwerkbetriebes lokal und nach Rechtevergabe über ein gesamtes Netzwerk oder einen Netzwerkbereich ermöglichen. Dabei kommt der Netzwerkperformancekontrolle und im Fehlerfall das Einleiten von Maßnahmen durch den Operator eine besondere Bedeutung zu.

Das Datenfunkgerät mit Richtfunkantenne. (Foto: Kapsch Business Com)
Das Datenfunkgerät mit Richtfunkantenne. (Foto: Kapsch Business Com)

Administrationssicht

Die Komponenten Netzwerk und Endgeräte einer Vermittlungseinheit sind administrativ einem TCNM zugeordnet und werden von diesem für die Benutzer verfügbar gemacht sowie überwacht.

Sicherheit im TCNM

Da das TCNM die Führungfähigkeit in einem Einsatz wesentlich unterstützt, kommt dem Sicherheitsmechanismus im TCNM besondere Bedeutung zu. Durch eine rollenbasierende Vergabe von Rechten und ein entsprechendes Passwortmanagement, basierend auf der Smartcard, sind die entsprechenden Vorgaben zu treffen. Ergänzend dazu ist ein Berechnungstool für die Funkabdeckung im jeweiligen Einsatzraum erforderlich. Durch ein zusätzliches Tool im TCN-Managementsystem oder durch Adaption des für den Truppenfunk vorhandenen Tools kann diese Anforderung abgedeckt werden.

Mengengerüst für die Heeresentwicklung

Im militärischen Pflichtenheft wurde ein Mengengerüst zur Abdeckung eines Minimalbedarfes festgelegt (Ausrüstung jedes aktiven kleinen Verbandes mit einer Einheit, keine Reserven). Durch den damaligen Chef des Generalstabes wurde eine Ausrüstung für die Milizverbände angeordnet. Der damalige Bundesminister verfügte schließlich eine Vollausrüstung der präsenten Kräfte des Bundesheeres der damals eingenommenen Heeresgliederung. Über die aktuelle Gerätezuordnung und die erforderliche Anpassung der Personalstruktur in der Heeresgliederung 2019 wird in einer kommenden TD-Ausgabe berichtet.

Ausschreibung und Zuschlag für Beschaffung FTCN

Mit der Genehmigung des militärischen Pflichtenheftes wurde mit der Erarbeitung der Leistungsbeschreibung zur Ausschreibung für das System begonnen. Bereiche des Pflichtenheftes wurden gesondert – aufgrund von Geheimhaltungsanforderungen oder praktischen Erfahrungen – realisiert. Die Ausschreibung erfolgte im Februar 2016 in der Vergabenorm „Verhandlungsverfahren nach dem Bundesvergabegesetz 2012“. Die Ausschreibung verursachte großes internationales Interesse. Insgesamt zehn Bewerber holten die Ausschreibungsunterlagen ab. Drei Erstangebote wurden im September 2016 abgegeben. Zur selben Zeit begannen die Angebotsprüfung und Angebotsbewertung, die im April 2017 abgeschlossen wurden. Im nachfolgenden Verhandlungsverfahren wurde dann am 8. September 2017 das „Best and Final Offer“ abgegeben.

Aufgrund der Weisung des Chefs des Generalstabes erfolgte jedoch kein sofortiger Zuschlag an den Bestbieter. Es wurde das weitere Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Finanzen hergestellt sowie eine Prüfung der Preisgestaltung und Preisangemessenheit durch ein anerkanntes Wirtschaftsprüfungsinstitut durchgeführt. Erst am 18. Dezember 2018 – also nach 15 Monaten – erfolgte der Zuschlag an den Bestbieter. Die Kerndaten des Auftrages an den Bestbieter KAPSCH Business Com sind: Auftragsvolumen von 2019 bis 2023 zirka 70 Millionen Euro, Betrieb von 2023 bis 2035 rund zwölf Millionen Euro, vorgesehene Nutzungsdauer: 15 bis 20 Jahre.

Der Beschaffungsumfang der Hauptkomponenten umfasst

  • mehr als 300 Stück taktische Router,
  • 388 Systeme semimobiler Datenfunk im Meshed Netzwerk (NATO Band I), Zubringer Netzwerk (NATO Band III+) und im Backbone Netzwerk (NATO Band IV),
  • mehr als 1 300 Stück militärischer Lichtwellenleiter (100 m, 400 m und 1 000 m),
  • mehr als 500 Stück Verteiler (IP),
  • mehr als 1 600 Stück IP-Telefone,
  • Sprachservice,
  • Managementsystem,
  • Ausbildungsanlage
  • Containerlösung,
  • Einrüstung der Komponenten in Wechselaufbauten und sonstige Shelter,
  • Betriebs-, Transport- und Lagerbehälter,
  • Führungsfahrzeuge,
  • Materialerhaltung und Support über die vorgesehene Nutzungsdauer,
  • Ausbildung des Betriebslehr- und des Instandsetzungspersonales.

Weitere Vorhaben

Zum Beschaffungsprozess müssen zahlreiche begleitende Vorhaben in Planung und Bereitstellung mit Bezug zum TCN erledigt werden, um die Grundbefähigung im Feldeinsatz herstellen zu können. Im Einzelnen sind dies die

  • Beschaffung von Funktionsfahrzeugen als Nachfolge der Führungsfahrzeuge auf Basis „Pinzgauer“,
  • Ergänzungsbeschaffung der Wechselaufbau-Shelter Funk,
  • Materialerhaltungsmaßnahmen der vorhandenen Wechselaufbau-Shelter,
  • Beschaffung und Einführung der Mehrkanalsatellitenanlagen, 
  • Beschaffung und Einführung der Feld-USV zur Gewährleistung der Energieversorgung,
  • Adaptierung der vorhandenen Truppenanschaltekästen bzw. Neuerrichtung von Truppenanschaltepunkten in allen Liegenschaften zur Gewährleistung sowohl einer Redundanz der Liegenschaftseinbindung als auch einer permanenten Ausbildungsinfrastruktur,
  • Realisierung des Vorhabens Tunnelbox zur Sicherstellung der Netztrennung unterschiedlicher Informationsdomainen (z. B. Land und Luft) bzw. unterschiedlicher Sicherheitsdomainen (z. B. eingeschränkt und geheim),
  • Einführung von autark zu betreibenden Services (ohne Rückwärtsverbindung ab Ebene kleiner Verband) sowie die
  • Einführung von Information Exchange Gateways zur internationalen Zusammenarbeit.

Fazit

Informationsüberlegenheit ist der Grundstein heutiger und in naher Zukunft erfolgreicher Einsatzführung. Die breitbandige Vernetzung im verlegbaren Bereich stellt dabei das Rückgrat dar. Anstrengungen im mobilen Bereich müssen folgen. Mit dem Vorhaben FTCN wurde ein erster großer Schritt zur planerischen Informationsüberlegenheit getan. Die Realisierung FTCN wird eine Herkulesaufgabe, die nur durch Zusammenarbeit aller Beteiligten gelingen kann.

Oberst dhmfD Ing. Horst Treiblmaier, MSD MA ist Leiter Referat Informationsübertragung & Elektronische Kampfführung.

 

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