• Veröffentlichungsdatum: 11.08.2020
  • – Letztes Update: 10.08.2020

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Going International

Werner Kernmaier

in Munitions- und Waffenlagersicherung

(Foto: Werner Kernmaier)
(Foto: Werner Kernmaier)

Internationale Operationen und Missionen sind seit Beginn der Jahrtausendwende einem fundamentalen Wandel unterworfen. Neben der klassischen Aufgabe der Friedenserhaltung und Friedensdurchsetzung rücken immer stärker auch die Beratung und Ausbildung sowie das Training in den Mittelpunkt. Die sichere Verwahrung von Waffen und Munition ist ein wesentlicher Beitrag zur Stabilisierung eines Krisengebietes nach einem Konflikt.

Aufgrund des steigenden Bedarfes an sicherer Verwahrung von Waffen und Munition wurde in der Heereslogistikschule (HLogS) des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) der Fachbereich Waffen- und Munitionslogistik etabliert. Der Fachbereich entwickelte sich aus dem zivil-militärischen Fähigkeitspool für einsatzrelevante Spezialaufgaben gemäß der Österreichischen Sicherheitsstrategie. Internationale Standards zum Schutz der Zivilbevölkerung, gegen die illegale Verbreitung von Waffen und Munition und als Beitrag zum Umweltschutz sind dabei übergeordnete Ziele.

In diesem Zusammenhang wurde 2011 bei der EU-Operation in Bosnien und Herzegowina (EUFOR ALTHEA) ein umfassendes Unterstützungsprogramm zur Reduzierung der Risiken bei der Lagerung von Waffen und Munition in den Streitkräften von Bosnien und Herzegowina (BiH) entwickelt und in den darauffolgenden Jahren mit dessen Streitkräften und internationalen Partnern umgesetzt. Durch die dabei gewonnenen Erfahrungen und die weiteren Aufgabenstellungen in anderen Einsatzländern wurde 2015 das Referat „Internationaler Kapazitätenaufbau“ in die Struktur der HLogS implementiert und der damit verbundene Aufgabenbereich festgelegt.

Innere Strukturanpassung

Eine erste notwendige Strukturanpassung erfolgte durch die Eingliederung des neuen Referates „Internationaler Kapazitätenaufbau“, das aus zwei Mitarbeitern besteht. In Übereinstimmung mit der Österreichischen Sicherheitsstrategie liegt der geografische Fokus auf den Schwerpunktregionen Westbalkan, Schwarzmeerregion/Kaukasus und Westafrika.

Bei den Aktivitäten werden je nach Bedarf die Experten des zivil-militärischen Fähigkeitspools des ÖBH, abhängig von der jeweils notwendigen Fachexpertise, mit eingebunden. Der Fähigkeitsbereich Waffen- und Munitionslogistik umfasst derzeit 24 Experten aus dem Amt für Rüstung und Wehrtechnik (ARWT), den Munitionslagern Großmittel und Stadl Paura sowie dem Personal der Streitkräfte.

(Grafik: ÖBH)
(Grafik: ÖBH)

Aufgabenbereich

Der Aufgabenbereich des Referates „Internationaler Kapazitätenaufbau“ besteht aus der Gesamtverantwortlichkeit für die Durchführung von Programmen zu Beratungs- und Ausbildungsmaßnahmen im Fachbereich Waffen- und Munitionslogistik. Die damit verbundenen zielgerichteten, bedarfsorientierten und nachhaltigen Programme werden in Form von nationalen, multinationalen oder multilateralen Beratungs- und Trainingsteams (Mobile Advisory & Training Teams – MATT) in Kooperation mit Experten aus anderen Geberstaaten in den jeweiligen Einsatzgebieten umgesetzt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen werden permanent gesammelt und ausgewertet, in der nationalen Ausbildung berücksichtigt und in die relevanten Vorschriften eingearbeitet. Die Einsätze der MATT erfolgen in Post-Konflikt- bzw. post-autoritären Szenarien. Waffen und Munition werden in derartigen Situationen aus verschiedenen Gründen und unterschiedlichen Ausprägungen mangelhaft unter Außerachtlassung internationaler Standards gelagert und verwaltet. Der Großteil der vorhandenen Munition ist älter als 40 Jahre. Die Stabilität der Munition reduziert sich damit um ein Vielfaches. Dieser Umstand bringt das hohe Risiko unkontrollierter Explosionen in Munitionslagern mit sich.

Die sichere Verwaltung von Waffen und Munition nach internationalen Standards hat zahlreiche Schnittstellen mit sensiblen und vielschichtigen Bereichen, wie der illegalen Verbreitung von Waffen und Munition, der illegalen Migration sowie Terrorismus und Organisierten Kriminalität, aber auch Umweltschutz. Der Schutz der Zivilbevölkerung, die gerade in Post-Konflikt-Ländern am meisten von etwaigen Katastrophen betroffen ist, steht dabei im Vordergrund.

Besonders in den sicherheitspolitischen Schwerpunktregionen Westbalkan, Schwarzmeerregion/Kaukasus und Westafrika ist die illegale Verbreitung von Waffen und Munition ein erhebliches Problem. Neben den schwerwiegenden nationalen und regionalen Auswirkungen werden dadurch Konflikte wie etwa im Nahen und Mittleren Osten, in der Sahel-Region sowie die Organisierte Kriminalität in Mittel- und Südamerika genährt und angeheizt. Zu den derzeitigen Einsatzgebieten des ÖBH zählen Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Moldawien, Georgien und der Senegal. Beratungen und Kooperationen mit den Vereinten Nationen (VN) und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind ein weiterer Aufgabenbereich im Themenspektrum.

Auf der operativen Ebene erfolgt die Mitarbeit im technischen VN-Beratungsgremium zur Aktualisierung der internationalen technischen Leitlinien für Munition (International Ammunition Technical Guidelines – IATG). Zudem hat sich in den vergangenen Jahren eine aktive Beteiligung an der Validierung von Experten für einen VN-Expertenpool mit weltweiten Einsatzmöglichkeiten entwickelt. Die Fachexpertise des österreichischen Fachpersonals und seine internationale Reputation bestätigen sich auch bei der Mitarbeit der Erstellung, Adaptierung und Überarbeitung von Richtlinien sowie von Praxishandbüchern der OSZE.

Je länger solche Zustände in den Lagern vorherrschen und je älter die Munition wird, desto schwieriger und gefährlicher wird das Wiederherstellen der Lagersicherheit. (Foto: Werner Kernmaier)
Je länger solche Zustände in den Lagern vorherrschen und je älter die Munition wird, desto schwieriger und gefährlicher wird das Wiederherstellen der Lagersicherheit. (Foto: Werner Kernmaier)
Je länger solche Zustände in den Lagern vorherrschen und je älter die Munition wird, desto schwieriger und gefährlicher wird das Wiederherstellen der Lagersicherheit. (Foto: Werner Kernmaier)
Je länger solche Zustände in den Lagern vorherrschen und je älter die Munition wird, desto schwieriger und gefährlicher wird das Wiederherstellen der Lagersicherheit. (Foto: Werner Kernmaier)
Je länger solche Zustände in den Lagern vorherrschen und je älter die Munition wird, desto schwieriger und gefährlicher wird das Wiederherstellen der Lagersicherheit. (Foto: Werner Kernmaier)
Je länger solche Zustände in den Lagern vorherrschen und je älter die Munition wird, desto schwieriger und gefährlicher wird das Wiederherstellen der Lagersicherheit. (Foto: Werner Kernmaier)

Beratungs- und Ausbildungsprogramme

Die Beratungs- und Ausbildungsprogramme gliedern sich in mehrere Phasen und werden an die vorhandene Situation in den jeweiligen Einsatzräumen angepasst. Durch die modulartigen Ausbildungsschritte ist es möglich, ein an die Situation im Einsatzgebiet angepasstes Unterstützungsprogramm zusammenzustellen und zu implementieren. Die Ausbildungsmodule beinhalten unter anderem Grundlagenwissen von Munition und Waffen, Lagertechnik, Stabilitätsprüfung und Untersuchung sowie die Konservierung und sichere Verwahrung von Waffen und Munition. Gezielte Lösungsvorschläge für eine mögliche Implementierung oder Anpassung einer Ausbildungsstruktur sind ein wichtiger Aspekt, um einen nachhaltigen Wissenstransfer zu gewährleisten.

Zusätzlich ist eine entsprechende Beratung zur zielgerichteten Anwendung des vermittelten Wissens eine wesentliche Komponente der Programme. Auch die Unterstützung bei der Entsorgung nicht mehr benötigter oder instabiler, überalterter Munition sowie von Waffen ist ein essenzieller Bestandteil. Eine effiziente, professionelle Beratung zur Verbesserung der Infrastruktur, die Anpassung von Standards und die Entwicklung bzw. Anpassung von Vorschriften ermöglichen eine qualitative Implementierung der internationalen Sicherheitsstandards zur nachhaltigen Reduzierung der Risiken bei der Lagerung von Waffen und Munition.

Train the Trainer

Zur Aufrechterhaltung eines nachhaltigen Wissenstransfers werden die einzelnen Ausbildungsmodule in einem Train-the-Trainer-Konzept umgesetzt. Die Ausbildung erfolgt in einem Drei-Stufen-Programm unter Anwendung der 3-M-Methode (Moderating – Mentoring – Monitoring).

Moderating: In der ersten Stufe wird im Einsatzland ein Lehrgang von Experten des MATT durchgeführt. Während des Lehrganges werden aus dem Kreis der Lehrgangsteilnehmer gezielt potenzielle Trainer ausgewählt, die zukünftig als Lehrpersonal eingesetzt werden sollen und in weiterer Folge verschiedene Lehrgänge durchführen können.

Mentoring: In der Stufe zwei wird ein Lehrgang gemeinsam mit den ausgewählten Trainern und dem MATT durchgeführt. Die Hauptaufgabe dabei ist, die noch vorhandenen Wissenslücken zu schließen und die notwendigen ausbildungsmethodischen Konzepte zu implementieren.

Monitoring: In der dritten Stufe wird der Lehrgang in Eigenverantwortung durch jene seitens des MATT vorbereiteten Trainer im Einsatzland geplant und durchgeführt. Der Aufgabenbereich des MATT verändert sich dabei in die Rolle eines Beraters. Dabei werden die Trainer bei ihrer Tätigkeit beobachtet, analysiert und mit regelmäßigem Feedback unterstützt.

(Grafik: ÖBH)
(Grafik: ÖBH)

Sprachen und Ausbildungsunterlagen

Eine der größten Herausforderungen bei Unterstützungsprogrammen sind die Sprachbarrieren in den Ländern. Die verwendeten Arbeitssprachen des MATT sind Deutsch und Englisch, die bei Bedarf von Übersetzern in die jeweilige Landessprache übertragen werden. Die verwendeten Ausbildungsunterlagen werden ebenfalls an die Landessprache angepasst, um den Wissenstransfer fehlerfrei umzusetzen. Diese Übersetzungen werden in enger Zusammenarbeit mit dem Sprachinstitut des Österreichischen Bundesheeres (SIB) durchgeführt. Überdies werden die Sprachexperten des SIB so weit wie möglich in die Arbeit vor Ort eingebunden. Diese Kooperation ist notwendig, um die fachterminologischen Begriffe in der jeweiligen Sprache mit der Sprache des Einsatzraumes abzugleichen und bei Bedarf anzupassen. Durch das präzise Erarbeiten und Festlegen von einheitlichen, eindeutigen und geprüften Fachbegriffen, die gemeinsam von den Experten im Team vorgenommen werden, können alle Beteiligten profitieren. Zusätzlich wird die Qualität der vertraglich engagierten, in der Regel zivilen Übersetzer im Einsatzland überprüft, um mögliche Übersetzungsschwächen von Beginn an hintanzuhalten.

Für die erste Ausbildungsphase war es notwendig, Präsentationen von etwa 950 Seiten zu übersetzen und die benötigten Lehrbücher im Umfang von mehr als 540 Seiten zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der bisher verlaufenen Programme ist der Großteil der Unterlagen bereits in sieben Sprachen vorhanden: Deutsch, Englisch, Französisch, Rumänisch, Bosnisch, Montenegrinisch und teilweise Georgisch. Neben der Erstübersetzung der Unterlagen stellen die – aufgrund von Veränderungen durch neue Erkenntnisse im Fachbereich und Anpassungen von Standards – permanent notwendigen Aktualisierungen in allen vorhandenen Übersetzungen eine Herausforderung für alle Experten dar.

Künftige Aufgaben

Um ein multinationales Unterstützungsprogramm zur Reduzierung der Risiken im Zusammenhang mit Waffen- und Munition durchzuführen, ist die enge Zusammenarbeit mit allen Ebenen des BMLV und des ÖBH unumgänglich. Das Spektrum dieser Zusammenarbeit erstreckt sich von der militärpolitischen Zusammenarbeit über die im Ausland notwendige Unterstützung durch die einsatzrelevanten Abteilungen bis hin zum ausgebildeten und vorbereiteten Fachpersonal und zu einer umfangreichen logistischen Unterstützung.

Neben der fachlichen Expertise des Personals ist es essenziel, vertrauensbildende Maßnahmen durch das Programmmanagement in den Einsatzländern zu entwickeln, um eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu bewirken. Nur dann ist es möglich, zu den spezifischen Problemfeldern vorzudringen und eine der Situation angepasste Kooperation nachhaltig zu gewährleisten.

Ein Erfolgsschlüssel der vergangenen Jahre war es, so weit wie möglich das gleiche Personal für ein Einsatzland zu verwenden und einen Programmverantwortlichen einzuteilen, der die Zusammenarbeit im Einsatzland vom Beginn bis zum Ende begleitet.

Bis zu einem geordneten Lager mit einer vollständigen Bestandsübersicht ist oft eine langjährige Unterstützungsleistung notwendig. (Foto: Werner Kernmaier)
Bis zu einem geordneten Lager mit einer vollständigen Bestandsübersicht ist oft eine langjährige Unterstützungsleistung notwendig. (Foto: Werner Kernmaier)

Ausblick

Ein aktuelles Thema im Bereich der Rüstungskontrolle ist das Gender-Mainstreaming-Konzept in Verbindung mit Waffen- und Munitionssicherheit. Dabei werden vor allem negative Auswirkungen bei der Verbreitung und missbräuchlichen Verwendung von Klein- und Leichtwaffen analysiert und für zukünftige Beurteilungen berücksichtigt. Ein Beispiel dafür ist das Gender Lens for Arms Control Support and Sustainability-(GLASS-)Programm des Small Arms Survey. Im Mittelpunkt steht die Förderung der Teilnahme von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen und die effektive Einbeziehung der Gender-Analyse in den Themenbereich Waffen- und Munitionssicherheit. Durch die HLogS werden diese internationalen Entwicklungen in den Beratungs- und Ausbildungsprogrammen integriert. Der Hauptfokus liegt im Bereich „Frauen, Frieden und Sicherheit“ und in der nachhaltigen Entwicklung und Verbesserung der internationalen Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit SALW/SCA (Small Arms and Light Weapons/Stockpiles of Conventional Ammunition) sowie den damit in Zusammenhang stehenden geschlechtsspezifischen Themen.

Ein weiterer Meilenstein, um den zukünftigen Herausforderungen gewachsen zu sein, ist die Planung und Anpassung der Personalstruktur innerhalb der HLogS. Dabei soll einerseits der Anteil der Ausbildungsaufgaben gestärkt und andererseits die Möglichkeit einer gezielten Grundlagenarbeit sichergestellt werden.

Die Gesamtheit dieser Maßnahmen und die Aufrechterhaltung der Aktualität sind notwendig, um weiterhin im internationalen Umfeld das vorhandene Alleinstellungsmerkmal aufrechtzuerhalten und neue Entwicklungen zu integrieren.

Amtsdirektor Werner Kernmaier ist Referatsleiter und Hauptlehroffizier des Referates Internationaler Kapazitätenaufbau an der Heereslogistikschule.

 

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