• Veröffentlichungsdatum: 25.07.2018

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Gebirgsdienst und Hygiene

Martin Fricker

Gebirgsjäger auf der Seetaler Alpe. (Foto: Martin Fricker)
Gebirgsjäger auf der Seetaler Alpe. (Foto: Martin Fricker)

Scheinbar „unwichtige Dinge“ wie hygienische Maßnahmen werden unter Belastung vernachlässigt. Escherichia-Coli-Bakterien, Legionellen, Noroviren, Adenoviren, Nitrate und Pestizide zerren an der Einsatzbereitschaft des Soldaten. Eine genaue Anleitung, um mit dieser Situation umzugehen, ist wichtig.

Hygiene ist im Alltag ein persönliches Bedürfnis des geistig gesunden Menschen. Im täglichen Leben trägt sie dazu bei, die Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Im Normalfall besteht die Hygiene aus dem täglichen Zähneputzen, dem Duschen und Händewaschen genauso wie dem Essen von hygienisch zubereiteten Mahlzeiten. Zur Einnahme der Verpflegung besucht der Soldat die Truppenküche. Die Trinkwasserversorgung im Normbetrieb ist problemlos. Alle Kasernen sind an das öffentliche Wassernetz angeschlossen. Findet die Ausbildung über einen längeren Zeitraum im Gelände statt, ergeben sich bereits hygienische Herausforderungen.

Das Nachführen von warmen Speisen ist durch Vorschriften streng reglementiert. Die Körperpflege wird auf eine tägliche Wäsche im improvisierten Waschbecken reduziert. Das Bereitstellen von Wasser für diese Zwecke sollte im Tal kein Problem darstellen. Im Gebirgsdienst hingegen wird die persönliche Hygiene zum Problem, denn auch im alpinen Gelände darf für die Körperpflege sowie im Tal nur Trinkwasser verwendet werden.

Trinkwasser zum Waschen

Verordnungen regeln in Österreich den Gebrauch von Trinkwasser. Im Österreichischen Bundesheer (ÖBH) ist das im Verlautbarungsblatt I, 46/2012 Veterinärwesen, „Gebrauch von Trinkwasser im ÖBH“, geregelt. Ausschließlich Trinkwasser ist für den menschlichen Gebrauch zum Trinken und Kochen, zur Körperpflege und zur Reinigung von Gegenständen, die mit dem menschlichen Körper in Kontakt kommen, zu verwenden. Jeder Kommandant ist verpflichtet hygienische Maßnahmen und Standards einzuhalten. Die Umsetzung dieser Bestimmungen im ÖBH stellt die Kommandanten vor mögliche Schwierigkeiten in der Umsetzung. Das ÖBH hat bei Trinkwasser keinerlei Ausnahmebestimmungen. Vereinzelt gibt es zeitlich befristete Sonderbestimmungen, um etwa in Einsätzen die Verwendung einer Trinkwasseraufbereitungsanlage zu ermöglichen.

Im Gebirge ist wegen dem unwegsamen Gelände und der fehlenden Infrastruktur wie Straßen und Unterkünfte die Versorgung der eingesetzten Kräfte aufwändig oder zeitweise nicht durchführbar. Der Gebirgssoldat muss als zusätzliche Aufgabe für seine Versorgung phasenweise selbst aufkommen. Das Finden und Aufbereiten von Trinkwasser verlangt vom Gebirgssoldaten eine genaue Planung und ist mit Mühen verbunden. Im Sommer ist es schwierig, Wasser zu finden, da die Kalkalpen eher wasserarm sind. Im Winter ist das Schmelzen und Abkochen von Schnee ein übliches Prozedere. Die Versorgung mit fertigem Essen aus einer Truppenküche ist im Gebirgsdienst ohne Hubschrauber fast unmöglich. Deshalb ist das Verwenden von dehydrierter Nahrung zweckmäßig. Der Einfluss von Witterung, Jahreszeit und Temperatur verlangt dem Gebirgssoldaten „alles“ ab. Zusätzlich sind noch objektive Gefahren wie Lawinen, Steinschlag oder rascher Wetterumschwung ein Risiko.

Warum Hygiene im Gebirgsdienst?

Der Soldat wird an seine körperliche und geistige Leistungsgrenze geführt. Er überschreitet in Ausbildung und Einsatz die ihm aus dem zivilen Leben bekannten Grenzen und benötigt genaue Anleitung, um mit dieser Situation umzugehen. Es werden scheinbar „unwichtige Dinge“ wie hygienische Maßnahmen vernachlässigt. Durch mangelnde Hygiene steigt jedoch die Gefahr der Soldaten im Gebirge zu erkranken oder ihre Leistungsfähigkeit zu verlieren. Durch den Genuss von mangelnd aufbereitetem Wasser kann es zu Krankheiten wie Durchfall, Erbrechen, Infekten der oberen Atemwege, schlechter Wundheilung und Infektionen von Wunden kommen. Die im Wasser befindlichen Bakterien, Viren und Keime wie Escherichia-Coli-Bakterien (E-Coli), Legionellen, Noroviren, Adenoviren, um nur einige zu nennen, bleiben ohne fachgerechte Aufbereitung des Wassers aktiv. Bei Kontakt über mehrere Tage kann es bereits zu Problemen kommen, da der Körper durch die Anstrengung und die dadurch herabgesetzte Immunabwehr geschwächt und deshalb anfälliger ist. Damit die Hygiene nicht in Vergessenheit gerät, muss bereits bei Übungen über 24 Stunden ein Augenmerk darauf gelegt und diese überwacht werden.

Hygienische Maßnahmen

Wichtige hygienische Maßnahmen im Gebirgsdienst sind:

  • Persönliche Hygiene, speziell im Genitalbereich und an den Füßen;
  • Zahnpflege;
  • Wasseraufbereitung zur Trinkwassergewinnung;
  • Zubereitung von Speisen.

Bei der persönlichen Hygiene ist besonders auf die Reinigung des Oberkörpers und der Füße mit Seife Wert zu legen. Bei schlechten Witterungsverhältnissen und tiefen Temperaturen bietet sich dafür ein Waschlappen an. Dieser wird mit vorbereitetem warmen Wasser getränkt. Somit kann eine Reinigung der notwendigen Körperareale auch im Zelt oder Biwak durchgeführt werden. Ist kein Waschlappen vorhanden, kann ein Dreieckstuch oder ähnliches dazu verwendet werden. Die Füße sollten im Anschluss die Möglichkeit zum Trocknen erhalten. Erst am nächsten Morgen soll die Marschprophylaxe durchgeführt werden. Das Duschen ist das optimale Mittel zum Zweck. Durch eine fehlende Infrastruktur ist das jedoch für den Gebirgssoldaten nur in Lagern und Berghütten möglich. Daher muss auf Alternativen zurückgegriffen werden.

Die Pflege der leicht bis stark schwitzenden Körperareale wie der Achselhöhlen, Hautfalten und im Schritt sind zur Vermeidung von Pilz- und Infektionserkrankungen notwendig. Auch auf Zahnpflege sollte genauso wie in der Kaserne zweimal täglich Wert gelegt werden. Damit die Leistungsfähigkeit der Soldaten aufrechterhalten werden kann, ist für ausreichend Wasser zu sorgen. Der tägliche Wasserbedarf eines Gebirgssoldaten liegt bei mindestens zehn Litern pro Tag und setzt sich wie folgt zusammen:

  • 4 bis 5 Liter Trinkwasser;
  • 2 Liter für Mahlzeiten;
  • 4 bis 5 Liter für Körperhygiene.

Diese Mengen stellen gemäß der Dienstvorschrift „Einsatz im gebirgigen Gelände“ die minimale Wassermenge zur Sicherstellung der notwendigen Körperpflege dar. Das Duschen ist dabei nicht vorgesehen.

Wasser muss kochen und etwa sieben Minuten wallen, damit Keime abgetötet werden. (Foto: Martin Fricker)
Wasser muss kochen und etwa sieben Minuten wallen, damit Keime abgetötet werden. (Foto: Martin Fricker)

Wasseraufbereitung

Im alpinen Gelände ist die Wasserversorgung die Herausforderung der Versorgung. Das Nachführen gestaltet sich schwierig. Deshalb wird auf Wasser der Gewässer und im Winter auf Schnee zurückgegriffen. Bei dieser Art der Trinkwassergewinnung ist Folgendes zu beachten. Im Oberflächenwasser von Bächen und im Schnee befinden sich Keime und Gifte (Viren, Bakterien, Nitrate und Pestizide). Durch das korrekte Abkochen des Wassers werden zwar Keime deaktiviert und abgetötet, Nitrate und Pestizide bleiben aber vorhanden. Eine genaue Feststellung der Belastung durch Nitrate und Pestizide kann nur durch eine Wasseranalyse erfolgen. Im ÖBH ist der Veterinärmedizinische Dienst dafür zuständig.

Am Beispiel der E-Coli-Bakterien wird nun erklärt, wie es zu einer Infektion kommen kann. E-Coli-Bakterien befinden sich im Darm von Mensch und Tier. Durch Düngen bzw. Kot-Ablagerungen kommen diese Bakterien in das Wasser. Wird das Wasser nicht sorgfältig aufbereitet, gelangen diese Fäkalkeime in den Körper und verursachen Durchfälle. Ein Flüssigkeitsverlust von ca. zwei Prozent bedeutet in höheren Lagen einen Leistungsverlust von 20 Prozent der persönlichen Leistungsfähigkeit. Eine mögliche Erkrankung des Magen-Darmtraktes ohne Abkochen des Wassers kann keineswegs ausgeschlossen werden. Die Wasseraufbereitung muss also konsequent durchgeführt werden.

Korrektes Abkochen

Wasser kocht auf Meeresniveau bei einem Siedepunkt von 100°C. Durch den veränderten Luftdruck oder höhere Lagen muss man je 150 Höhenmeter das Wasser eine Minute länger kochen lassen. Das Wasser wird zum Kochen gebracht und dann ca. sieben Minuten gewallt, damit alle möglichen Keime im Wasser abgetötet und deaktiviert werden. Dadurch steigt zwar nicht die Temperatur des Wassers, aber die Dauer der Hitzeeinwirkung. Natürlich ist damit ein höherer Gasbedarf erforderlich, und der Zeitaufwand steigt. Am Mount Everest siedet Wasser bereits bei etwa 70°C.

Die Zusammenstellung der Verpflegung muss dem erhöhten Kalorienverbrauch im Gebirgsdienst angepasst werden. Das Nachführen von warmer Verpflegung ist aufgrund der Hygienebestimmungen schwierig. Die Abfülltemperatur beträgt mindestens 75°C, aber die Aufbewahrung der Speisen im Behälter darf nicht länger als drei Stunden dauern. Naheliegend ist die Versorgung in Form von dehydrierter Nahrung. Diese wird mit einem halben Liter heißem Wasser aufgegossen und mit dem Löffel gut vermengt. Im Anschluss wird der Beutel verschlossen, fünf Minuten ziehen gelassen und noch einmal umgerührt. Damit der Soldat den Flüssigkeitsverlust ausgleichen kann, ist die dehydrierte Nahrung mit etwas mehr Flüssigkeit anzurichten. Durch den höheren Wassergehalt können die Nährstoffe leichter vom Darm aufgenommen werden.

Die Befragung ergab, dass im Verhältnis mehr Grundwehrdiener eigenverantwortlich Maßnahmen der Hygiene setzten als Kadersoldaten. (Grafik: Martin Fricker)
Die Befragung ergab, dass im Verhältnis mehr Grundwehrdiener eigenverantwortlich Maßnahmen der Hygiene setzten als Kadersoldaten. (Grafik: Martin Fricker)

Dienstaufsicht/Verantwortung

Eine Befragung von Grundwehrdienern und Kadersoldaten im Gebirgsdienst stellte Unterschiede bei der Hygiene zwischen diesen beiden Personengruppen fest. Beispielsweise wurde beim Abkochen von Schmelz- oder Gebirgswasser herausgefunden, dass die notwendige Kontrolle durch das Kader nach Ansicht der Rekruten zu selten durchgeführt wurde. Die Kontrolle der richtigen Wasseraufbereitung ist notwendig und kann durch einfache Mittel überwacht werden. So sollten beim Biwakbau alle Soldaten die zum Wasserkochen eingeteilt sind, sich an einer Stelle befinden. Das erleichtert die Kontrolle durch die Kommandanten.

Sanitätspersonal

Das Sanitätspersonal im Gebirgsdienst muss die Gesundheitsförderung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen. Dies muss vor Übungen und Ausbildungen durch Unterrichte zum Verständnis für Hygiene sowie während der Übungen durch anwesendes qualifiziertes Sanitätspersonal ständig überprüft und eingefordert werden. Ein Soldat, der im Gebirge erkrankt, beansprucht viele Ressourcen der Versorgung. Bereits der Abtransport bindet viele Soldaten. Der Sanitäter soll als Aufsichtsperson eingesetzt werden und die Kommandanten im Gebirgsdienst unterstützen. Er soll dabei die Umsetzung gegebener Befehle hinsichtlich persönlicher Hygiene überprüfen. Schließlich sind nur Befehle, deren Umsetzung kontrolliert werden, auch „gute Befehle“ (Kommandieren - Kontrollieren - Korrigieren). Die Einteilung von Grundwehrdienern im Sanitätsdienst ist aufgrund der Befehlshierarchie nicht anzustreben. Ein Sanitätssoldat ohne alpine Kenntnisse ist eine Hilfe mit Einschränkungen. Eine Einteilung von Sanitätsunteroffizieren mit Gebirgsausbildung ist daher zweckmäßig.

Sager über Gebirgsdienst. (Grafik: RedTD/Rizzardi)
(Grafik: RedTD/Rizzardi)

Planung

Eine umsichtige Planung erleichtert die Umsetzung von Ausbildungsvorhaben, besonders im gebirgigen Gelände. Für die Gesundheit der Soldaten sind die folgenden Fragen vorab zu klären:

  • Versorgungsmöglichkeiten: Muss das Wasser mit Kanistern nachgeschoben oder kann es aus Quellen entnommen werden? Wie viele Gaskartuschen werden zum Abkochen von zehn Liter Wasser benötigt? Welche Art der Verpflegung wird angeordnet (Wärmedosen, dehydrierte Nahrung, Marschkost kalt, warme Getränke).
  • Transportmittel: Welche sind verfügbar und in welcher Qualität (Hubschrauber, Hägglund, Skidoo, Quad oder Tragtiere) vorhanden? - Lagerbereich: Beurteilen von Versorgungswegen, alpinen Gefahren, Wind- und Wetterverhältnissen, Festlegung der Art der Unterkünfte wie Biwak, Kuppelzelt, Gruppenzelte, eventuell Heizmaterial.
  • Personal: Sicherstellen von Personal zur Versorgung von vorne eingesetzten Teilen und Ablöse von Soldaten, die sich für längere Zeit selbst versorgen müssen.

Fazit

Bei Gebirgsausbildungen liegt viel Verantwortung beim Gruppen- und Zugskommandanten. Ein wesentliches Augenmerk des Zugskommandanten muss neben den gefechtstechnischen/taktischen Aufträgen das Erhalten der Kampfkraft und Beschaffen von Trinkwasser sein. Jede Möglichkeit sollte genutzt werden, Wasser aufzubereiten und in Behältnissen abzufüllen, damit bei Bedarf genug Trinkwasser vorhanden ist. Auch das Bereitstellen von warmen, speziell von isotonischen Getränken soll sichergestellt werden. Die beste Möglichkeit zur Überprüfung der persönlichen Hygienemaßnahmen liegt in der Anwesenheit des Gruppenkommandanten bei seiner Gruppe. Dadurch sehen die Soldaten, dass der Kommandant selbst alle Maßnahmen durchführt, die er von jedem Einzelnen verlangt. Der Kommandant ist ein Vorbild und kann jederzeit auf seine Soldaten einwirken.

Vizeleutnant Martin Fricker; war Lehrunteroffizier an der Jägerschule Saalfelden, ist Heereshochalpinist und Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger in der Truppenärztlichen Ambulanz des Gebirgskampfzentrums in Saalfelden.

Dieser Artikelserie liegen die Abschlussarbeiten des Lehrganges „Das Basale und Mittlere Pflegemanagement“ zugrunde. Dieser Lehrgang bereitet den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege auf die Leitung einer Station oder Funktionseinheit in Einrichtungen des Gesundheitswesens vor. Diese Ausbildung wird an der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des ÖBH durchgeführt. Die gesamte Abschlussarbeit liegt in der Bibliothek der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des ÖBH auf.

 

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