• Veröffentlichungsdatum: 09.03.2017

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  • 1277 Wörter

Digital voll vernetzt

Franz Kraßnitzer, Martin Moser

Das Waffeneinsatzsystem "Combat New Generation" in einer Rechenstelle M109. (Foto: Christian Kickenweiz)
Das Waffeneinsatzsystem "Combat New Generation" in einer Rechenstelle M109. (Foto: Christian Kickenweiz)

Mit dem Waffeneinsatzsystem „Combat New Generation“ (WES CNG) ist das Aufklärungs- und Artilleriebataillon (AAB) ganz im Sinne von Führung, Aufklärung und Wirkung digital vernetzt. Damit ist das AAB einer der modernsten Verbandstypen des Österreichischen Bundesheeres.

Das Waffeneinsatzsystem „Combat New Generation“ (WES CNG) realisiert den Einsatz modernster Technik unter Gefechtsfeldbedingungen und ersetzt das „Elektronische Artilleriefeuerleitsystem“ (EAFLS) aus den 1990er-Jahren. Die individuellen Ansprüche der Führungs-, Informations- und Kommunikationsstruktur des 21. Jahrhunderts fordern eine individuell anpassbare und erweiterungsfähige Hard- und Software.

Analog wird digital

So sah die Rechenstelle M109 ohne dem Waffeneinsatzsystem "Combat New Generation" aus. (Foto: Christian Kickenweiz)
So sah die Rechenstelle M109 ohne dem Waffeneinsatzsystem "Combat New Generation" aus. (Foto: Christian Kickenweiz)

Dieser Schritt ins 21. Jahrhundert ist mit den Anfängen der Mobiltelefonie hin zum modernen Smartphone vergleichbar. Es werden große Datenmengen rasch und sicher transportiert und nahezu in Echtzeit entscheidungsrelevante Führungsinformationen für einen optimierten truppenübergreifenden Waffeneinsatz geliefert.

Systemdefinition

Der Enhanced Tactical Computer (ETC) ist ein robuster taktischer Computer der neuesten Generation. Er wurde für die Anwendung von taktischen Applikationen für den Einsatz entwickelt. (Foto: Christian Kickenweiz)
Der Enhanced Tactical Computer (ETC) ist ein robuster taktischer Computer der neuesten Generation. Er wurde für die Anwendung von taktischen Applikationen für den Einsatz entwickelt. (Foto: Christian Kickenweiz)

 Das WES CNG ist ein leistungsstarkes Informations- und Kommunikationssystem, ,,maßgeschneidert“ für das Aufklärungs- und Artilleriebataillon zur Unterstützung von Kampfverbänden/-einheiten in ,,high/low intensity conflicts“. Es verknüpft idealtypisch den aufeinander abgestimmten Verbund von Führung, Aufklärung und Wirkung und trägt somit wesentlich zur Gewinnung entscheidungsrelevanter Informationen bei, wie zur Optimierung des weitreichenden Einsatzes von Steilfeuerwaffen.

Dieses Waffeneinsatzsystem wurde speziell für den mobilen Einsatz entwickelt und stellt einen echtzeitnahen Informationsaustausch auf dem Gefechtsfeld über Datenfunk - auch in einem sich ständig ändernden Kommunikationsnetz - sicher.

Es erfasst ein digitales Lagebild von eingesetzten Kräften und ermöglicht einen vernetzten Datenaustausch zur Planung und Durchführung von militärischen Einsätzen. Dies gewährleistet einen optimierten, schnellen und truppenübergreifenden Waffeneinsatz. Die Kartenapplikation unterstützt den Bediener nicht nur in der Planung von Einsätzen durch zahlreiche Analysefunktionen, sondern es können auch aus der Lagekarte heraus Befehle unmittelbar erstellt, erteilt und verfolgt werden. Dies erfolgt unter Einbindung und Verwendung verschiedener Kartenformate, dreidimensionaler Luftbilder, variabler Filter und Anzeigeoptionen sowie von Navigation und Simulation.

Kernfunktionalitäten

Gemeinsames taktisches Lagebild (Common Operational Picture)

Eine wesentliche Kernfunktionalität des Waffeneinsatzsystems „Combat New Generation“ ist die Darstellung des führungsebenenübergreifenden, gemeinsamen taktischen Lagebildes. Hierbei werden geografische Informationen mit taktischen und gefechtstechnischen Informationen derart verknüpft und dargestellt, dass ein gemeinsames Lagebild für alle entsteht.

  • Blue-Force Darstellung von eigenen/befreundeten Kräften via satellitengestützter Positionsverfolgung;
  • Red-Force Darstellung von erkannten/aufgeklärten Konfliktparteien;
  • Environment Darstellung von zusätzlich vorhandenen geografischen Informationen aus Aufklärungs-/Erkundungsergebnissen das Umfeld betreffend (Gelände, Bevölkerung etc.).
Der ETC ist in verschiedene Systeme eingebaut wie dem geschützten Mehrzweckfahrzeug "Husar". (Fotomontage: Christian Kickenweiz)
Der ETC ist in verschiedene Systeme eingebaut wie dem geschützten Mehrzweckfahrzeug "Husar". (Fotomontage: Christian Kickenweiz)
... oder in den Panzerhaubitzen M109 ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)
... oder in den Panzerhaubitzen M109 ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)
... oder den Radpanzern "Pandur" ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)
... oder den Radpanzern "Pandur" ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)
... oder dem Gefechtsfeldaufklärungsradar ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)
... oder dem Gefechtsfeldaufklärungsradar ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)
... oder in den Rechenstellen M109 ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)
... oder in den Rechenstellen M109 ... (Fotomantage: Christian Kickenweiz)

Führung, Auftragssteuerung, Einsatz- und Führungsunterstützung

Der Common Layer ist die Basissoftware für alle weiteren waffengattungsübergreifenden Applikationen (Teilanwendungen). Der Common Layer unterstützt den gesamten taktischen Führungsprozess - das taktische Führungsverfahren sowie die Unterstützungsverfahren „Targeting“ und „Intelligence“.

Im Detail unterstützt das System unmittelbar und nahezu in Echtzeit:

  • Einsatzplanung (taktische und gefechtstechnische Führungsebene);
  • Befehlserstellung (Plan der Durchführung, Feuerunterstützungsplan, Aufklärungsplan);
  • Befehlsgebung/-verteilung;
  • Auftragssteuerung (verfügbarer Informationsstand zur Durchführung, Umsetzung und Möglichkeit der Nachjustierung);
  • Statusabfragen und Maßnahmen der Einsatzunterstützung (z. B. Munition, Betriebsmittel, Einsatzbereitschaft);
  • Statusabfragen und Führungsunterstützung (z. B. Status Netzwerk).

Interoperabilität (internationale Zusammenarbeitsfähigkeit)

Das Waffeneinsatzsystem „Combat NG“ verfügt zurzeit über eine internationale Schnittstelle MIP_B 3.0 (Military Interoperability Program) und wird im Jahr 2017/2018 hochgerüstet auf MIP_B 3.1. Damit wird für das Bundesheer eine zukünftige multinationale Zusammenarbeit mit Führungsinformations- und Waffeneinsatzsystemen anderer Nationen im Rahmen von NATO/MIP möglich sein.

Verwendung im sicherheits­polizeilichen Assistenzeinsatz

Der ETC wird/wurde auch zur Überwachung der Grenze im Assistenzeinsatz verwendet. (Foto: Christian Kickenweiz)
Der ETC wird/wurde auch zur Überwachung der Grenze im Assistenzeinsatz verwendet. (Foto: Christian Kickenweiz)

Das System WES CNG wurde im sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsatz von März bis Mai 2016 an der steirischen Grenze als Führungsmittel erfolgreich eingesetzt. Da das WES CNG für alle Einsatzarten verwendbar ist, war es naheliegend, die analoge Einsatzführung der Assistenzkompanie um die digitale Einsatzführung zu ergänzen.

Der Plan der Durchführung für den Einsatz der Assistenzkompanie wurde digitalisiert. Die eingesetzten Kräfte hatten dadurch die Möglichkeit, ihren konkreten Kräfteeinsatz in der digitalen Handkarte darzustellen.

Erfahrungsbericht AssE

Das WES CNG stellte eine wesentliche Unterstützung für die Einsatzführung auf Kompanieebene dar. Die digitale Lagekarte führte zu einer Verringerung des Funksprechverkehrs, indem jedes Organisationselement seinen eigenen Standort selbstständig aktualisierte. Die Ergebnisse­ der Gesprächsaufklärung, verdächtige Wahrnehmungen und Aufgriffe konnten direkt an den Kompaniegefechtsstand gemeldet und der Informationsfluss zum vorgesetzten Kommando ohne Zeitverzögerung garantiert werden. Den eingesetzten Kräften bot sich zudem die Möglichkeit, den Sichtbereich der jeweiligen Beobachtungsstellungen und sichttote Räume grafisch darzustellen. Diese sichttoten Räume wurden durch bewegliche Kräfte überwacht.

(Auszug aus dem Erfahrungsbericht von Hauptmann Mag.(FH) Martin Maier, Kommandant der Assistenzkompanie Bad Radkersburg.)

Flüchrlingsstrom in Ungarn Richtung Österreichs Ostgrenze im September 2015. (Foto:  Joachim Seidler, <a href="https://www.flickr.com/people/67820677@N07?rb=1" target ="_new">photog_at</a> from Austria, CC BY 2.0)
Flüchrlingsstrom in Ungarn Richtung Österreichs Ostgrenze im September 2015. (Foto: Joachim Seidler, <a href="https://www.flickr.com/people/67820677@N07?rb=1" target ="_new">photog_at</a> from Austria, CC BY 2.0)

Ausbildung

Der Umstieg von EAFLS zu WES CNG ist durchaus vergleichbar mit dem Technologiesprung vom einfachen Cell-Phone zum Smartphone. So gesehen bringt die „Generation Smartphone“, die durch eine tägliche Anwendung in das digitale Zeitalter hineingewachsen ist, ideale Ausbildungsvoraussetzungen mit.

Den Kaderanwärtern der Waffengattungen Artillerie und Aufklärung wird in der waffengattungsspezifischen Ausbildung (Dauer vier bis sechs Monate) das Waffeneinsatzsystem Combat NG in integrierter Form vermittelt. Für das bereits ausgebildete Kommandanten- und Funktionspersonal ist eine Modulausbildung (Dauer fünf bis sieben Wochen) in gestraffter Form vorgesehen.

Für die Durchführung der zukünftigen Ausbildung wurden durch das Kernprojektteam WES CNG nachstehende Ausbildungsgrundlagen/-unterlagen erstellt:

  • Entwurf der Curricula für den User, den Instruktor sowie den Administrator;
  • Handbücher für die Nutzung der Basissoftware Common Layer und System-Manager sowie für die jeweiligen Applikationen: Artillerie, Aufklärung, ISTAR/BAA (Beobachter-Aufklärer-Ausstattung);
  • Beispiellagen sowohl für die gefechtstechnische als auch für die taktische Führungsebene. Somit kann im Feld und unter Nutzung der vorhandenen Ausbildungsanlagen an der Heerestruppenschule (BTS, ETS, Steal Beast, FüSim) idealtypisch geschult werden.
Vom Kader des AAB7 erstelltes Handbuch zur Ausbildung am Waffensystem Combat New Generation. (Grafik: Christian Kickenweiz)
Vom Kader des AAB7 erstelltes Handbuch zur Ausbildung am Waffensystem Combat New Generation. (Grafik: Christian Kickenweiz)
Vom Kader des AAB7 erstelltes Handbuch "Modul Aufklärung". (Grafik: Christian Kickenweiz)
Vom Kader des AAB7 erstelltes Handbuch "Modul Aufklärung". (Grafik: Christian Kickenweiz)
Handbuch "Common Layer". (Grafik: Christian Kickenweiz)
Handbuch "Common Layer". (Grafik: Christian Kickenweiz)
Handbuch "Systemmanager ETC". (Grafik: Christian Kickenweiz)
Handbuch "Systemmanager ETC". (Grafik: Christian Kickenweiz)

Chronik

Die Software für das Waffeneinsatzsystem „Combat New Generation“, bestehend aus dem Common-Layer und dem Artilleriemodul, wurde im Jahr 2010 angekauft. Der Grund war, das bereits in die Jahre gekommene Waffeneinsatzsystem EAFLS aus den 1990er-Jahren zu ersetzen. Nach zahlreichen Hardware-Implementierungsmaßnahmen an Geschützen, Führungs- und Feuerleitfahrzeugen sowie am GMF „Husar“ wurde das System den Streitkräften im Jänner 2012 zur Truppentestung übergeben.

2012/2013

Mit Weisung BMLVS (WSM) wurde das AAB7 als Referenzbataillon eingeteilt und gemeinsam mit dem AAB4 beauftragt, die Truppenerprobung durchzuführen. Noch im Jahr 2012 wurde in enger Abstimmung mit dem Personal des Führungsunterstützungszentrums (FüUZ) der Common Layer als Basis für das Artilleriemodul überprüft und teilabgenommen, parallel dazu Testpersonal geschult und Handbücher erstellt.

2014/2015

Das auf den Common Layer aufsetzende Modul Artillerie wurde nach österrei­chischen Normen (hinsichtlich taktischer, gefechtstechnischer und sicherheitsrelevanter Vorschriften, z. B. Handakt Taktik, Merkblatt Sicherheitsbestimmungen für das Scharfschießen mit Steilfeuerwaffen etc.) im Detail spezifiziert und gemeinsam mit der zivilen Firma in mehreren Kontrollschritten zwischenüberprüft. Begleitend hierzu wurde die Kommunikationssoftware (Firmware CONRAD) in mehreren Stufen getestet und für die Besonderheiten feuerleittechnischer Verfahren und Abläufe Schritt für Schritt optimiert.

2016

Im Jänner wurde als notwendiger Zwischenschritt das WES CNG mit eingeschränkter Artilleriefunktionalität erstmalig auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig im scharfen Schuss getestet. Im Oktober fand nun die finale Güteprüfung für das Gesamtsystem mit voller Artillerie- und Aufklärer-Funktionalität statt. Vier Scharfschießen im Batterierahmen und zwei Scharfschießen im Aufklärungs- und Artillerieverbund wurden gemeistert. Ergebnis: „Wirkung in Ziel!“

Way ahead (2017/2018)

  • Unterstützung der Regressionstests im Feld und im scharfen Schuss (Fehlerbehebung durch die Firma);
  • Vorbereitung und Durchführung der Systemschulung für die Nutzerverbände;
  • Integration und Truppenverifikation der Beobachter-/Aufklärer Ausstattung und weiterer Sensoren (z. B. Bodenüberwachungsradar);
  • Teilnahme an den internationalen Schnittstellentests im Rahmen der CWIX (Coalition Warrior Interoperability Exercise) in Polen 2017.
Das Waffeineinsatzsystem "Combat New Generation" in der Panzerhaubitze M109. (Foto: Christian Kickenweiz)
Das Waffeineinsatzsystem "Combat New Generation" in der Panzerhaubitze M109. (Foto: Christian Kickenweiz)

Zusammenfassung

„Trotz einer relativ weit fortgeschrittenen internationalen Standardisierung sind Führungsinformationssysteme keine Konfektionsware, sondern müssen an die vorhandene Informations- und Kommunikationsinfrastruktur, an geltende nationale Vorschriften und an die organisatorischen und kulturellen Besonderheiten einer Armee angepasst werden“, schreibt Dr. Manfred Pöckl im TRUPPENDIENST-Heft 5/2013 zum Thema ,,Phönix - das FüIS des ÖBH“.

Das gilt auch für Waffeneinsatzsysteme. Seit knapp fünf Jahren sind die Landstreitkräfte dabei, das Waffeneinsatzsystem WES CNG den österreichischen Bedürfnissen anzupassen und auf Truppentauglichkeit zu testen. Eine Vielzahl an Maßnahmen waren notwendig, um die Voraussetzungen für die Nachfolge des EAFLS aus den 1990er-Jahren durch ein hochmodernes, leistungsstarkes WES CNG zu schaffen - insbesondere:

  • Hardware-Implementierungen/ETC in Gefechts- und Führungsfahrzeuge;
  • Software-Integration in die bestehende Kommunikationsumgebung CONRAD;
  • Angleichung der Basissoftware Common Layer an den Taktischen Führungsprozess;
  • Detailspezifizierung und Anpassung der Teilanwendung Artilleriemodul für indirekte Feuerunterstützung/Joint Fire Support.

Den wohl größten Nutzen aber tragen jene Soldaten und Bedienstete, die mit großen Fleiß und Durchhaltevermögen und v. a. viel Praxisnähe das Projekt aktiv mitgestaltet haben. Sie können in Zukunft wesentlich zum Fähigkeitenaufbau im Österreichischen Bundesheer im Hinblick auf digitale Einsatzführung auf gefechtstechnischer und taktischer Führungs­ebene beitragen.

Oberstleutnant Franz Kraßnitzer, MSD ist Kommandant des Aufklärungs- und Artilleriebataillons 7;
Hauptmann Ing. Martin Moser ist Offizier für Öffentlichkeitsarbeit beim AAB7.

 

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