• Veröffentlichungsdatum: 21.04.2021

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Die Unruhen im Nordkosovo 2011 - Teil 3

Klaus Gaab, Franz J. Pirker, Matthias Resch

(Foto: ORFBtl)
(Foto: ORFBtl)

Der dritte Teil der Serie zum Einsatz des aus deutschen und österreichischen Einheiten gestellten Operational Reserve Force Bataillons im zweiten Halbjahr 2011 beschreibt die dramatische Lageeskalation bei Zupce am 28. November 2011. Die Operation „Going Home“ beendete die gewaltsamen Unruhen und stellte die Voraussetzungen für die darauffolgenden politischen Verhandlungen zur friedlichen Konfliktlösung her.

Hier gelangen Sie zu Teil 1 und Teil 2

Im ersten Teil der Serie (TD-Heft 3/2020) wurde die generelle Situation im Kosovo im Jahr 2011 beschrieben und die Besonderheiten des Einsatzes des ORF-Bataillons (Operational Reserve Forces) dargestellt. Der zweite Artikel (TD-Heft 4/2020) befasste sich mit der grundlegenden Einsatzführung des Bataillons, mit permanenten und temporären Aufgaben, der Zusammenarbeit mit den anderen Verbänden der KFOR sowie der Synchronisation innerhalb des kleinen Verbandes. Dieser Teil betrachtet das Gefecht am 28. November 2011 aus unterer taktischer und gefechtstechnischer Sicht. Das Gefechtsbeispiel zeigt eine dramatische Lageeskalation in einem eher ruhigen Einsatzgebiet mit grundsätzlich niedriger Bedrohungslage für die eingesetzten Kontingente. Es liefert ein Beispiel dafür, dass die Verfügbarkeit von glaubwürdigen, robusten und durchsetzungsfähigen Kräften in allen Einsätzen von zentraler Bedeutung für die erfolgreiche Einsatzführung ist. Der vierte und abschließende Teil dieser Serie wird die wesentlichen Erkenntnisse aus dem Einsatz zusammenfassen.

Ausgangslage auf Seite der serbisch-kosovarischen Bevölkerung

Die international nicht anerkannte Regierung des Kosovo verfolgte im zweiten Halbjahr 2011 drei Ziele:

  • Umsetzung des Grenzregimes zu Serbien, um den Waren-, Devisen- und Personenverkehr zwischen dem Nordkosovo und Serbien zu unterbinden;
  • zwangsweise Durchsetzung von Strafverfolgungen gegen kosovo-serbische Bürger;
  • Einschränkung bzw. Zurückdrängung des serbischen Einflusses in der Region durch die beiden zuvor genannten Maßnahmen.

Diese Vorgehensweise löste im mehrheitlich serbisch bevölkerten Nordkosovo gewalttätige Demonstrationen der Bevölkerung gegenüber den „offiziellen“ kosovarischen Sicherheitsorganen aus. Im Zuge dieser Unruhen wurden durch die Zivilbevölkerung entlang der Hauptbewegungslinien massive Straßenblockaden errichtet sowie Angriffe auf die kosovarischen Polizeieinheiten ausgeführt. Innerhalb kurzer Zeit formierte sich ein harter Kern aus politisch radikalisierten serbischen Hardlinern, die durch bis zu 500 Mitläufer aus der lokalen Bevölkerung ergänzt wurden. Während die Hardliner mit Handfeuerwaffen, Handgranaten und Schutzausrüstung ausgestattet waren, verfügten die meisten Mitläufer über keine besondere Ausrüstung. Die Lage spitzte sich zu, und es gab in der zweiten Jahreshälfte bereits mehrfach gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien. Auch das ORF-Bataillon war beim Räumen von verschiedenen Roadblocks auf Widerstand gestoßen. Trotzdem konnten die meisten Straßensperren beseitigt werden, jedoch blieben die Bedeutenden bestehen. (Siehe Teil 1 und Teil 2).

Die Straßen „Chicken“ (gelb) und „Romeo“ (blau) wurden durch den Roadblock (Kreuz in rot) gesperrt. Der Zugang aus dem westlichen Ibar-Tal nach Mitrovica und in das nördliche Ibar-Tal war somit nicht mehr unter Kontrolle der KFOR. (Foto: ORFBtl)
Die Straßen „Chicken“ (gelb) und „Romeo“ (blau) wurden durch den Roadblock (Kreuz in rot) gesperrt. Der Zugang aus dem westlichen Ibar-Tal nach Mitrovica und in das nördliche Ibar-Tal war somit nicht mehr unter Kontrolle der KFOR. (Foto: ORFBtl)

 

Roadblock an der „Chicken“

Der für die kosovo-serbische Bevölkerung wichtigste Roadblock war an der im KFOR-Sprachgebrauch „Chicken“ genannten Nebenstraße beim Weiler Jagnjenica, nahe der Ortschaft Zupce. Die Nebenstraße ermöglichte eine Umfahrung der Hauptbewegungslinie aus dem westlichen Ibar-Tal nach Mitrovica und in das nördliche Ibar-Tal. Sie war durch die Sperre zu diesem Zeitpunkt nicht unter Kontrolle der KFOR. Somit nutzte nicht nur die Bevölkerung die Umfahrung, sondern auch Akteure mit unterschiedlichen Interessen. Nahezu der gesamte Verkehr wurde über diese Straße abgewickelt, ob Transport von Versorgungsgütern aus dem nördlichen Ibar-Tal, der Berufsverkehr, Schulfahrten, der tägliche Einkauf, Krankentransporte oder die Amtswege von und nach Mitrovica. Die Bedeutung dieses Roadblocks war daher in den Verhandlungen zwischen der KFOR und den Aufständischen für beide Seiten entsprechend groß.

Im Bereich dieses Roadblocks hatten sich die Hardliner mit ihren lokalen Unterstützern eine Infrastruktur zum längerfristigen Einsatz aufgebaut. Im unmittelbaren Umfeld der vielgenutzten Kreuzung wurden mehrere Zelte, Unterstände aus Holz, Steinkörbe etc. von den Aufständischen aufgestellt. Diese bildeten auch die Unterziehräume für die Demonstranten. In den nahegelegenen Häusern wurde das Material, das zur Eskalation der Lage benötigt wurde, untergebracht. Der Roadblock an sich wurde durch das örtlich verfügbare Gerät und Material errichtet. Schulbusse und Lastwagen der gemeindeeigenen Betriebe wurden mit Steinen und anderem Ballast beladen und mit Stahlseilen verbunden. Des Weiteren wurden im unmittelbaren Umfeld auf den Anhöhen Beobachtungsstellungen eingerichtet, um die Einsatzführung der KFOR zu beobachten. An den anderen Roadblocks stellte sich die Situation grundsätzlich ähnlich dar, wenn auch das verwendete Material zum Sperrenbau recht unterschiedlich war.

Planung der Operation

Die fortschreitende Eskalation im Norden des Kosovo und die nur bedingt erfolgreichen Roadblock-Räumungen durch die KFOR führten zu einer stetig ansteigenden Aufmerksamkeit im internationalen politischen Umfeld. Der politische Druck auf die NATO zu einer Konfliktlösung nahm zu. Das Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE) ordnete Anfang November 2011 an, die Straßensperren bis zum Ende des Jahres 2011 vollständig aufzulösen und Freedom of Movement für EULEX (European Union Rule of Law Mission – Rechtsstaatkommission der EU), KFOR und die zivile Bevölkerung vollständig wiederherzustellen.

Der Kommandant der KFOR (COM KFOR) beauftragte das Operational Reserve Force Bataillon II/2011 (ORFBtl II/2011) mit der Operationsplanung zu beginnen. Die lange Anmarschzeit zu dem Roadblock aus dem Camp Novo Selo, von zumindest einer Stunde, würde keinen Überraschungseffekt erzielen und der Gegenseite zu viel Reaktionszeit einräumen. So wurden eine verdeckte Verlegung von Truppen im Kleinstrahmen, unauffälliges Verhalten sowie die Durchführung unter absoluter Geheimhaltung geplant. Selbst innerhalb der KFOR-Truppe waren das Ziel, der Ort und die Zeit der zu planenden Operation nur einem kleinen Kreis von involvierten Soldaten bekannt. Neben dem Lessons Identified und Lessons Learned Prozess aus den Operationen der zurückliegenden Wochen sollten drei wesentliche Aspekte für die anstehende Gefechtsführung berücksichtigt werden:

  • Überraschung;
  • überlegene Kräfte und Mittel;
  • unbeugsamer Wille zum Erfolg!
Entschluss und Truppeneinteilung des Kommandanten des Operational Reserve Force Bataillon  II/2011 für die Durchführung der Operation „Going Home“ zur Inbesitznahme der Kreuzung OP. (Foto: ORFBtl)
Entschluss und Truppeneinteilung des Kommandanten des Operational Reserve Force Bataillon
II/2011 für die Durchführung der Operation „Going Home“ zur Inbesitznahme der Kreuzung OP. (Foto: ORFBtl)

 

Operation „Going Home“

Nach der Planung und dem „war gaming“ der geplanten Einsatzführung sowie der Genehmigung des Einsatzplanes beim Backbrief durch den COM KFOR befahl der ORF-Kommandant den Beginn der Operation „Going Home“ zur Räumung des Roadblocks bei Zupce und die Wiederinbesitznahme der Kreuzung Jagnjenica für Montag den 28. November 2011, 0900 Uhr. Dem Einsatz vorangegangen waren:

  • Aufklärung und Profiling des Gegenübers unter Ausnutzung der bataillonseigenen und KFOR-Mittel;
  • Verschleierung der eigenen Absicht durch verschiedene Täuschungsmanöver und gezielte Verbreitung von Desinformation;
  • Geheimhaltung während der Planungsphase auf den unbedingt notwendigen Personenkreis;
  • Einnahme der Truppeneinteilung zur schnellen Schaffung einer örtlichen Überlegenheit an Kräften und Einsatzmitteln bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Überwachung des Verantwortungsbereiches und das rasche Heranführen von Reserven und Verstärkungskräften;
  • versorgungsmäßige Vorbereitung der Einsatzführung durch Bereitstellung von Kampfmitteln und Sicherstellung der Sanitätsversorgung;
  • Ausstattung mit einer ausreichenden Anzahl an Verbindungsmitteln.

Räumen des Roadblocks aus Sicht des deutschen Bataillonskommandanten

Die unmittelbaren Vorbereitungen für den Beginn der Operation „Going Home“ verliefen wie geplant. Der zeitlich gestaffelte und verschleierte Aufmarsch der Stoßkräfte und des Führungselementes wurde während der Nacht und in den frühen Morgenstunden durchgeführt und die Reserve- und Verstärkungskräfte im Camp Novo Selo wurden in sofortiger Marschbereitschaft gehalten. Die zur Überwachung des Verantwortungsbereiches und Sicherung des Grenzüberganges „Dog31“ eingesetzten Kräfte meldeten keine besonderen Vorkommnisse. Das Lagebild im Raum der gesperrten Kreuzung deckte sich mit der erfolgten Beurteilung des Gegenübers. Letzte Maßnahmen zur Koordinierung vor Ort wurden eingeleitet. Der Bataillonskommandant gab den Funkspruch zur Lage, zum Auftrag sowie zur Durchführung und startete den Einsatz mit dem klaren Befehl: „4. Kompanie, antreten zum Nehmen Kreuzung, jetzt!

Die verdeckt bereitgestellte Stoßkompanie rückte in CRC-Ausrüstung (Crowd and Riot Control – Schutzausrüstung für den Ordnungseinsatz) auf Befehl unverzüglich und rasch an die Sperre vor, drängte die zahlenmäßig unterlegenen, überraschten „Bewacher“ des Roadblocks zurück und nahm den Raum vorwärts der Sperre in Besitz. Zeitgleich mit dem Vorrücken der CRC-Kräfte erfolgte in der Landessprache die wiederholte Ankündigung der Sperrenräumung durch die KFOR mit Lautsprechern des Tactical Psychological Operations Team (TPT). Als weitere Botschaft an die Gegenseite wurde ebenso wiederholt angekündigt, bei Widerstand Reizgas und weitere verhältnismäßige Gewalt zur Auftragserfüllung einzusetzen.

Pi-Panzer Marsch!“ mit diesem Befehl rückte der deutsche Pionierpanzer „Dachs“ vor und schob die aus LKW und Bussen gebildete Barrikade zur Seite. Unmittelbar dahinter rückten Pioniere vor und begannen unverzüglich mit der Errichtung von Drahtsperren, um einen Puffer vorwärts der umgestürzten Fahrzeuge zu schaffen. Zwei Wasserwerfer „Yak“ gingen in Stellung, um bei Bedarf die Einsatzführung zu unterstützen. Währenddessen waren die mit Angriffsbeginn abgerufenen Reserve- und Verstärkungskräfte auf dem Marsch von Camp Novo Selo zum Einsatzort. Nach dem Überraschungseffekt begannen sich die an der Sperre anwesenden Demonstranten der Gegenseite zu formieren und rückten gegen KFOR vor. Steine und Feuerwerkskörper flogen auf die CRC-Kräfte. Schläge mit Stangen und Knüppeln prallten auf die Schilde der ORF-Soldaten. Diese setzten dem Verhältnis entsprechend Reizgas ein, um die gewalttätigen Demonstranten zurückzudrängen.

Die eigene Einsatzführung verlief planmäßig, das erwartete Verhalten des Gegenübers deckte sich mit den vorher beurteilten gegnerischen Handlungsmöglichkeiten. Die Lage im Verantwortungsbereich des Bataillons blieb – mit Ausnahme des Hotspots Kreuzung – ruhig. Soweit schien alles „planmäßig“, dann fielen plötzlich Schüsse aus Handfeuerwaffen. Der deutsche Bataillonskommandant wurde verletzt, und der österreichische stellvertretende Kommandant übernahm aus der Bewegung.

Das Gefecht aus taktischer Sicht

Aus der vorangegangenen Einsatzführung bis zum 28. November 2011 konnten durch die Kompanie Erkenntnisse gewonnen werden, die entscheidend zum Erfolg der späteren offensiven Aktion beitrugen. Eine dieser Lehren war die Feststellung, dass die Geheimhaltung der geplanten Einsatzführung selbst auf unterer taktischer und gefechtstechnischer Ebene von zentraler Bedeutung ist. Daher wurde in der Vorbereitung des Gefechtes darauf verzichtet, die Elemente unterhalb des Zugskommandanten in die eigene Absicht einzuweisen. Die Befehlsausgabe der Kompanie wurde in den Tagen vor der geplanten Räumung des Roadblocks noch im Feldlager durchgeführt. Die Gruppenkommandanten und Soldaten erfuhren von der bevorstehenden Aufgabe erst, als sie bereits verdeckt in ein Zeltlager unmittelbar bei dem zu räumenden Roadblock verlegt worden waren. Der Transport der Kompanie wurde dabei am Vortag als Patrouillen getarnt durchgeführt. Am Tag des Einsatzes selbst wurde ähnlich verfahren – in den Morgenstunden wurden die nun bereits auf die Aufgabe vorbereiteten Soldaten in unzähligen Lifts getarnt direkt zum Roadblock gebracht, wo sie in nahen Verfügungsräumen unterzogen.

Der zur standardmäßigen Überwachung am Roadblock eingesetzte Unterstützungszug hatte die Aufgabe, den Frühverkehr zu beobachten und Lagemeldungen über die Situation im Einsatzziel zu übermitteln. Die österreichische Kompanie war zum Zweck der Räumung des Roadblocks mit zwei deutschen Infanteriezügen verstärkt worden und hatte einen Panzerpionierzug sowie einen Militärpolizeizug auf Zusammenarbeit angewiesen bekommen. Unterstützt wurde sie zusätzlich durch das Tactical Psychological Operations Team (TPT) des Bataillons, das relevante Informationen an die örtliche Bevölkerung per Lautsprechertrupp weitergeben sollte. Nachdem der Unterstützungszug zeitgerecht um 0900 Uhr eine günstige Möglichkeit zum Wirksamwerden gemeldet und der Bataillonskommandant den Einsatzbefehl erteilt hatte, gab der Kompaniekommandant per Funk den Befehl zum Antreten.

Trennen der Hardliner von den Mitläufern

Daraufhin wurde der Bereich des Roadblocks mit Tränengas belegt, um die anwesenden Hardliner von den Mitläufern zu trennen und damit die bevorstehende Gewalt gegenüber den KFOR-Kräften zu minimieren. Es befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa 30 Personen auf der Kreuzung. Nach dem Angriffsbefehl stürmte die Kompanie in Ordnungseinsatz-Adjustierung mit Schilden und Schlagstöcken sowie den Sonderwaffen wie Pumpguns und Granatgewehren (jeweils mit nicht-letaler-Munition) die Kreuzung von mehreren Seiten und überrannte den überraschten Gegner. Die befohlenen Endpunkte der Bewegung um den Roadblock herum konnten rasch genommen werden. Es kam zu den erwarteten Auseinandersetzungen und den ersten Verletzten durch Stockschläge. Die überrannten Hardliner konnten schließlich durch den Zug in der Tiefe abtransportiert werden.

Der Pionierpanzer „Dachs“ der Deutschen Bundeswehr rückte vor und räumte die Barrikade. (Foto: ORFBtl)
Der Pionierpanzer „Dachs“ der Deutschen Bundeswehr rückte vor und räumte die Barrikade. (Foto: ORFBtl)

Nach dem Nehmen der Kreuzung wurde unverzüglich mit dem Errichten der Sperren zum Halten des Geländes unter Einbeziehung der Mannschaftstransportpanzer (MTPz) begonnen. Bereits nach einer halben Stunde wurde mit dem Räumen des Roadblocks begonnen. Ein Pionierpanzer schob die beladenen LKW soweit wie möglich von der Kreuzung in die Straßengräben. Parallel dazu wuchs die Anzahl der Demonstranten rasch auf etwa 100 Personen an, was zum Einsatz des Reservezuges führte. Damit waren vier der fünf Elemente der Kompanie eingesetzt. Die Lage an den Sperrketten eskalierte weiter und wurde unter Einsatz aller nicht-letalen Waffen unter Kontrolle gehalten. Um 0945 Uhr waren etwa 150 Personen vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt war allen Beteiligten klar, dass das ORFBtl die Kreuzung vollständig unter Kontrolle gebracht hatte und diese auch nicht mehr aus der Hand geben würde. Daher griffen die Demonstranten zu drastischen Maßnahmen: Verdeckte Schützen eröffneten mit Sturmgewehren das Feuer auf die Soldaten des ORFBtl, die unverzüglich mit Warnschüssen der Bord-MGs antworteten. Durch das gegnerische Sturmgewehrfeuer wurden KFOR-Soldaten verwundet. Aufseiten der eingesetzten Züge führte der Einsatz von Schusswaffen durch die Demonstranten zum vermehrten und rascheren Einsatz der verfügbaren nicht-letalen Waffen. Das Bataillon reagierte mit dem Einsatz des gepanzerten Wasserwerfers „Yak“, der mit verschiedenen Wasser/Wirkstoff-Mischungen auf die Menschenmenge „feuerte“, um die Mitläufer von den Hardlinern zu trennen und so die Anzahl der Personen vor Ort zu reduzieren.

Deutscher Bataillonskommandant verwundet

Eineinhalb Stunden nach Beginn des Gefechtes waren über 450 Demonstranten vor Ort, die weiterhin versuchten, die durch das ORFBtl geräumte und gehaltene Kreuzung gewaltsam wieder in Besitz zu nehmen. Diese Versuche scheiterten allerdings allesamt. Aufgrund der Verwundung des Bataillonskommandanten übernahm dessen Stellvertreter die Führung.

Verhandlungspause

Unter Einbeziehung eines sprachkundigen Soldaten des TPT als Dolmetscher verhandelte dieser nachhaltig mit dem politischen Führer im Verantwortungsbereich (Bürgermeister der Verwaltungseinheit Zubin Potok) über den Abzug der Demonstranten und das Ende der Gewalt. Unterdessen wurde innerhalb des Bataillons reorganisiert und eine „saubere“ Gefechtsordnung mit zwei Kompanien an der Kreuzung und starken internen Reserven eingenommen. Bis 1530 Uhr wurden die Stellungen an der Kreuzung sowie im Angelände an den Flanken so angepasst, dass die Durchhaltefähigkeit über die Nacht gegeben war. Es blieb in etwa eine Hälfte der Kompanie am geräumten Roadblock, während die andere ihre Kampfkraft in unmittelbarer Nähe mit Notice to Move null Minuten (also sofort) so gut es ging erhielt. Die Anzahl der Demonstranten nahm infolge der sichtbaren Aussichtlosigkeit von über 450 Personen auf eine Stärke von etwa 250 ab.

Handgranaten und Molotow-Cocktails

Nach der Verhandlungspause gegen 1600 Uhr erhielt die Kompanie die Information, dass angeblich weitere Hardliner aus Mitrovica im Zulauf zum Roadblock sein sollen. Eine halbe Stunde später bestätigte sich diese Meldung – beinahe zeitgleich explodierten im Bereich der Kreuzung Handgranaten und Molotow-Cocktails. Dadurch wurden Soldaten des ORF-Bataillons verwundet. Diese wurden unverzüglich durch ihre Kameraden aus dem Gefahrenbereich gebracht, von Notfallsanitätern erstversorgt, dem Arzt übergeben und in die medizinischen Einrichtungen der KFOR transportiert. Das Bataillon reagierte auf diese Gewalteskalation mit Warnschüssen aus den Bordwaffen der Mannschaftstransportpanzer sowie dem Einsatz von nicht-letalen Waffen inklusive Tränengas. Dabei gerieten auch Zelte, die der Gegenseite als Unterschlupf dienten, in Brand, wodurch die Durchhaltefähigkeit der gewalttätigen Demonstranten nachhaltig herabgesetzt wurde.

Molotow-Cocktails werden auf die KFOR-Truppe geworfen. (Foto: ORFBtl)
Molotow-Cocktails werden auf die KFOR-Truppe geworfen. (Foto: ORFBtl)
Eine Handgranate vom Typ Yugo M75 wird Richtung KFOR-Soldaten geworfen.  (Foto: ORFBtl; Montage: Rizzardi)
Eine Handgranate vom Typ Yugo M75 wird Richtung KFOR-Soldaten geworfen.
(Foto: ORFBtl; Montage: Rizzardi)

 

Ende der Gewalt und Verhandlungen

Die letzten Aggressionen an diesem Tag ebbten gegen 1900 Uhr ab, und es begann eine beinahe ruhige Nacht, in der die Vorfälle überschaubar blieben. Am nächsten Morgen, dem 29. November, kam es kurz zu einem kleinen Übergriff, als unbeteiligte Zivilisten die Sperren öffnen wollten. Diese Situation konnte ohne neuerliche Gewalt gelöst werden. Am späten Vormittag wurden die Kompanien durch die portugiesisch-ungarische Reserve der KFOR, das „KFOR Tactical Maneuver Battalion“ (KTM), abgelöst, wobei die Führung der Kräfte im Raum immer in der Hand des Bataillonskommandanten der ORF verblieb.

Die zeitgleich erfolgreich verlaufenden Verhandlungen vom stellvertretenden Kommandanten des ORFBtl und dem Kommandanten der KFOR, Generalmajor Drews, mit den zivilen Bürgermeistern der serbischen Gemeinden ließen die Räumung des Roadblocks zu einem umfassenden Erfolg für die KFOR werden.

Roadblock wird KFOR-Checkpoint

Der nun ehemalige Roadblock wurde in einen dauerhaften KFOR-Checkpoint mit Camp-Infrastruktur umgewandelt und zum sichtbaren Zeichen der Entschlossenheit der KFOR, die gegebenenfalls das Mandat auch gegen bewaffnete Kräfte durchsetzen kann.

Die Soldaten des ORF-Bataillons verlegten nach der Ablöse für vorerst 48 Stunden in ihr Feldlager, wo sie die Ereignisse miteinander im Kameradenkreis verarbeiteten. Das Gefecht führte zu Verwundeten – glücklicherweise ohne tödlichen Ausgang. Alle Beteiligten wussten das als Wink des Schicksals zu deuten. Im Dezember 2011 wurde der deutsche Anteil des ORFBtl planmäßig durch das Folgebataillon (ORFBtl 2012/I) abgelöst, der österreichische Anteil für einen weiteren Monat dem neuen ORFBtl unterstellt und schließlich im Januar 2012 durch das Nachfolgekontingent abgelöst. Während des gesamten Jahres 2012 verblieben deutsch-österreichische bzw. italienische ORF-Bataillone im Kosovo eingesetzt. Erst im Jänner 2013 wurde der Einsatz der NATO-Reserve im Kosovo schließlich beendet.

Wird fortgesetzt

Oberst i.G. Klaus Glaab; deutsches Bundesministerium der Verteidigung; Oberstleutnant Franz J. Pirker; Kommando 7. Jägerbrigade; Major dG Mag.(FH) Matthias Resch; Kommando 3. Jägerbrigade (Brigade Schnelle Kräfte).

 

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