• Veröffentlichungsdatum: 29.09.2020
  • – Letztes Update: 30.09.2020

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Die Unruhen im Nordkosovo 2011 - Teil 1

Matthias Resch

Ausgangslage im Großen für das ORF-Bataillon als "letzte" KFOR Reserve

(Foto: Archiv Autor)
(Foto: Archiv Autor)

Das in dieser Artikelserie beschriebene Gefechtsbeispiel des ORF-Bataillons (Operational Reserve Forces) im Nordkosovo 2011 stellt einen Ausreißer in einem Einsatzgebiet mit grundsätzlich niedriger Bedrohungslage dar. Es zeigt, wie rasch sich die Lage ändern und wie sich dabei vor allem gut ausgebildete Truppen bewähren können.

Der erste Teil stellt die Ausgangslage bei Austrian Contingent 8/Operational Reserve Forces (AUTCON8/ORF) im Großen dar. Der zweite Teil geht detailliert auf den Einsatz des ORF-Bataillons im Nordkosovo ein. Der dritte Teil behandelt das Gefecht im November 2011, und der abschließende vierte Teil beleuchtet die (Aus-)Wirkungen des Einsatzes. Ziel ist es, den Einsatz bei AUTCON8/ORF als Gefechtsbeispiel des Bundesheeres zu erhalten und einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Gefechtsbildes zu leisten. Insbesondere kommt es darauf an, den Einsatz und die Gefechtseindrücke aus verschiedenen Perspektiven wiederzugeben – vom Schützen bis zum Bataillonskommandanten.

Operational Reserve Force

Mit einer Eskalation der Lage ist in militärischen Einsätzen jederzeit zu rechnen. Diese Eskalationen können temporär und zeitlich limitiert, anlassbezogen oder aufgrund einer generellen Lageänderung erfolgen. Das Österreichische Bundesheer (ÖBH) nimmt vorwiegend an Auslandseinsätzen teil, in denen das Sicherheitsrisiko einen „mittleren Grad“ nicht übersteigt. Dennoch stehen immer wieder auch österreichische Soldaten im Gefecht.

Die NATO (North Atlantic Treaty Organization) hält für unvorhergesehene Lageentwicklungen in ihren Einsatzräumen auf allen Führungsebenen Reservekräfte bereit. Diese weisen geringe Auslösezeiten und eine hohe materielle, personelle und ausbildungsmäßige Einsatzbereitschaft auf. Für den Balkan und im Speziellen für die Kosovo Force (KFOR) gab es die Operational Reserve Force (ORF), die aus drei Bataillonen mit unterschiedlichem Bereitschaftsgrad bestand, sowie die „Strategic Reserve Force“ (SRF).

Im zweiten Halbjahr 2011 stellte das Österreichische Bundesheer Teile der von Deutschland geführten ORF, die im Kern aus einem gepanzerten Infanteriebataillon bestand. Die Kaderpräsenzeinheit des Panzergrenadierbataillons 13 aus Ried im Innkreis war als vierte Kompanie des kleinen Verbandes eingesetzt, und auch das Jägerbataillon 25 aus Klagenfurt stellte Personal im deutschen Bataillonsstab. Neben diesen Truppenteilen waren noch eine Vielzahl weiterer Dienststellen des ÖBH eingebunden, unter anderem in den Sanitäts- und Instandsetzungselementen.

Friedliche serbische Demonstration im Nordkosovo zu Beginn des Jahres 2011. (Foto: Archiv Autor)
Friedliche serbische Demonstration im Nordkosovo zu Beginn des Jahres 2011. (Foto: Archiv Autor)

Ausgangslage im Kosovo 2011

Der Bundesstaat Jugoslawien bestand aus den sechs Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien und Mazedonien und aus den beiden autonomen Provinzen Vojvodina im Norden und Kosovo im Süden Serbiens. Nach dem Zerfall Jugoslawiens im Zuge der Bürgerkriege in den 1990ern änderte sich dies. Die neu entstandene Bundesrepublik Jugoslawien bestand aus Serbien und Montenegro und umfasste die beiden Regionen Vojvodina und Kosovo, die ein Teil Serbiens waren.

Neben den sozialen und verwaltungstechnischen Besonderheiten existierte auch ein starkes wirtschaftliches Gefälle zwischen den Teilstaaten. Während der Norden vergleichsweise florierte, kam es in den südlichen Regionen zu starker Bevölkerungsabwanderung. Im Kosovo entstand über die Jahrzehnte eine kosovarisch-albanisch dominierte Kultur, welche die historisch serbische mit ihren Denkmälern, Klöstern und geschichtlichen Stätten zurückdrängte. Verstärkend kam der Umstand hinzu, dass der Kosovo in einer geografischen „Geländeschüssel“ liegt und von Gebirge umgeben ist. Der heutige „Nordkosovo“ wird aus den Gemeinden Leposavic, Zvecan, Zubin Potok sowie dem Nordteil von Mitrovica gebildet. Die Stadt ist die informelle Hauptstadt des Nordens und das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Region.

1998/99 entflammte der Konflikt im Kosovo, in dem sich die lokale militante Bevölkerung und die serbischen Polizei- und Militärstrukturen blutige Gefechte lieferten. Dieser wurde auf Grundlage der Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrates (UNSCR 1244) durch den Einmarsch und die dauerhafte Etablierung der internationalen Schutztruppe KFOR unter Führung der NATO gewaltsam beendet. Dabei wurde in der UNSCR 1244 festgehalten, dass der Kosovo zwar unter internationaler Verwaltung stehen, jedoch weiterhin ein Teil Serbiens bleiben sollte.

Bereits kurz nach Ende der Gewalt begann die Staatengemeinschaft mit der Stabilisierung und dem Wiederaufbau der Region. Im Laufe der Jahre wandelte sich die Mission hin zu einem Einsatz zur Friedenssicherung, jedoch weiterhin mit einem Mandat zur Friedensschaffung. Die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovos 2008 und die darauffolgenden unterschiedlichen internationalen Reaktionen verschärften den Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo erneut.

Die internationalen KFOR-Truppen wurden in den Jahren des Einsatzes laufend umstrukturiert und vor allem in ihrer Stärke reduziert. In der ersten Phase des Einmarsches wurden alle Teilstreitkräfte, also Land-, Luft-, See- sowie Sondereinsatzkräfte in einer Gesamtstärke von 60.000 Mann eingesetzt. Die über die Jahre hinweg erfolgte stete Truppenreduktion geschah angepasst an die sich verbessernde Sicherheitslage im Land. Jedoch kam es dabei immer wieder zu temporären Eskalationen der Lage.

Im Jahr 2008 bestand die KFOR noch aus fünf brigadestarken Task Forces, die Raumverantwortung besaßen und von Italien, den USA, Frankreich, Großbritannien sowie Deutschland und Österreich geführt wurden. 2011 wurde diese Struktur wiederum angepasst. Die ursprüngliche räumliche Verantwortung ging auf fünf Joint Regional Detachments (JRD) über, die mit Liaison Monitoring Teams (LMT) den Kontakt zur Bevölkerung zu halten und damit das Lagebild für KFOR zu erzeugen hatten, zwei Multinational Battlegroups (MNBG; East and West, durch Italien und die USA geführt), einem Reservebataillon und einem verminderten Bataillon Militärpolizei. Im August 2011 erreichte die Truppenstärke mit 5 800 Mann einen vorläufigen Tiefststand.

(Grafik: Bundesheer)
(Grafik: Bundesheer)

Gründe für eine Entsendung der Operational Reserve Force

Die international nicht vollständig anerkannte Regierung des Kosovos verfolgte im zweiten Halbjahr 2011 drei wesentliche Absichten.

Zum Ersten sollte das Grenzregime zu Serbien umgesetzt werden, um aus Sicht Prištinas den unkontrollierten Waren-, Devisen- und Personenfluss vom Nordkosovo nach Serbien zu unterbinden. Dazu war jedoch der Einsatz der kosovarischen Polizei an den Grenzübergängen im serbisch dominierten Norden notwendig. Erschwerend kam hinzu, dass das unübersichtliche Gelände im Nordkosovo den Übertritt über die interimsmäßige Grenze nicht nur an den vier autorisierten Übertrittstellen, sondern auch an vielen weiteren Stellen erlaubt.

Zum Zweiten sollten zeitgleich Strafverfolgungen gegen serbische Bürger zwangsdurchgesetzt werden. Hierzu wurden die kosovarisch dominierten Spezialeinheiten der Polizeikräfte verstärkt eingesetzt. Diese sollten überfallsartig in den Norden entsendet werden, dort Verdächtige verhaften und im Süden vor Gericht bringen. Die Einsätze hatten meist eine lokale und temporäre, aber nichtsdestotrotz gefährliche Gewalteskalation zur Folge.

Zum Dritten sollte mit diesen beiden Maßnahmen nach Vorstellung der kosovarischen Regierung der serbische Einfluss in der Region eingeschränkt und bestenfalls zurückgedrängt werden.

Diese drei Maßnahmen lösten im mehrheitlich serbisch bevölkerten Nordkosovo gewalttätige Demonstrationen sowie Straßenblockaden aus und verschärften die ethnischen Spannungen. Es bildete sich ein Kern aus politisch radikalisierten serbischen Hardlinern und eine Masse aus bis zu 500 Mitläufern, die sich aus der jeweiligen lokalen Bevölkerung zusammensetzte. Verstärkungen für diese Kräfte aus dem außer-kosovarischen Raum wurden vermutet. Auf Seite der serbischen Konfliktpartei konnte auf ein Netz aus politischen, zivilen, wirtschaftlichen (u. a. auch durch Elemente der Organisierten Kriminalität) sowie militärischen Akteuren zurückgegriffen werden. Die politischen Interessen wurden mit dem Wohl der serbischen Gemeinschaft gegenüber einem gemeinsamen Gegner, der kosovarischen Regierung, begründet. Dies führte zu erhöhter Mobilisierungsfähigkeit, Informationsaustausch und Solidarisierung der serbischen Bevölkerung mit den gewalttätigen Radikalisierten. Während die Hardliner mit Handfeuerwaffen, Handgranaten und Schutzausrüstung ausgestattet waren, verfügte die Bevölkerung über keine besondere Ausrüstung.

Die serbischen Straßenblockaden waren die Antwort auf die kosovarischen Versuche, ihren Machtbereich faktisch auf den Norden auszudehnen und führten zum Verlust der Bewegungsfreiheit der KFOR-Soldaten sowie des sicheren Umfeldes. Dadurch drohte KFOR die Verschlechterung der eigenen Verhandlungsposition, nachdem über einen längeren Zeitraum aufgrund der Truppenreduktion keine aktiven Gegenmaßnahmen erfolgen konnten. Der Verlust der Durchsetzungsfähigkeit zur Aufrechterhaltung des Grundauftrages veranlasste den Kommandanten der KFOR, den deutschen Generalmajor Erhard Bühler, den Einsatz des ORF-Bataillons zu beantragen. Oberste Zielsetzung war es, durch ausreichend durchsetzungsfähige Manöverelemente die Oberhand in den Verhandlungen mit beiden Seiten des Konfliktes wiederzuerlangen.

Aufgrund der sich verschlechternden Sicherheitssituation und den nicht ausreichend verfügbaren Truppen im Einsatzraum nach der kurz zuvor erfolgten Truppenreduktion wurde der Einsatz der operativen Reserve der NATO für den Balkan genehmigt. Das ORF-Bataillon, das im zweiten Halbjahr 2011 aus deutschen und österreichischen Kräften gebildet wurde, erreichte fünf Tage nach Auslösung noch im August die volle Einsatzbereitschaft im Einsatzraum.

Liaison Monitoring Teams (LMT) halten den Kontakt zur Bevölkerung, zu der Verwaltung und der Politik. Sie liefern Beiträge zur "Stimmung" im Einsatzraum und ergänzen dadurch das Lagebild von KFOR. (Foto: HBF)
Liaison Monitoring Teams (LMT) halten den Kontakt zur Bevölkerung, zu der Verwaltung und der Politik. Sie liefern Beiträge zur "Stimmung" im Einsatzraum und ergänzen dadurch das Lagebild von KFOR. (Foto: HBF)

Personalstärke versus Reduktion

Wesentlich für die untere taktische Ebene ist das angepasste Umsetzen der Führungsgrundsätze und taktischen Prinzipen. Diese gelten in allen Einsatzarten (Angriff, Verteidigung, Verzögerung und Schutz) und sind unabhängig vom Einsatzszenario. Was sich jedoch ändern kann, sind die Umfeldbedingungen, und damit auch die Art und Weise, wie Effekte erzielt werden können. In stabilisierenden Einsätzen kann z. B. der Ordnungseinsatz als Sonderform in den Einsatzarten angewandt werden, der zwar spezielle Gefechtstechniken berücksichtigt, sich aber in denselben Parametern bewegt. Diese sind zumeist die Einschränkungen des Waffeneinsatzes zur Auftragsdurchsetzung – daher werden unterschiedliche Methoden und Techniken verwendet. So ist z. B. im klassischen Gefecht eine Kreuzung mit wenigen Soldaten vor allem durch Feuer (Maschinengewehr und Panzerabwehrwaffen) beherrschbar – in stabilisierenden Einsätzen hingegen braucht das Beherrschen einer Kreuzung vorwiegend eine große Anzahl an Soldaten (Infanteriezug aufwärts), die physisch diesen Raum besetzen und dadurch eine Nutzung durch andere verhindern kann.

Roadblock

Im Sommer 2011 eskalierte die Situation im Kosovo. Die selbsternannte kosovarisch dominierte Zentralregierung in Priština setzte gegen den Willen der serbischen Mehrheit das Grenzregime zu Serbien in den vier nördlichen Gemeinden des Landes um. Es sollten der unkontrollierte Waren-, Devisen- und Personenverkehr vom Nordkosovo nach Serbien unterbunden und der serbische Einfluss zurückgedrängt werden. Die serbischen Bevölkerungsteile reagierten mit Demonstrationen, Roadblocks und Angriffen auf die in den Norden „eindringenden“ kosovarischen Polizeieinheiten – vor allem entlang des Flusses Ibar.

Die offene Gewalt im nördlichen Kosovo flammte somit wieder auf. Die von der NATO geführte KFOR war nach einer erst unmittelbar zuvor abgeschlossenen Umstrukturierung (Verminderung der Kräfte; Anm.) nicht in der Lage, die notwendigen Kräfte zur Wiederherstellung der Bewegungsfreiheit und eines sicheren Umfeldes im Einsatzraum zu bilden. Daher beantragte der damalige deutsche Kommandant der KFOR, Generalmajor Erhard Bühler, den Einsatz der ORF. Das Bataillon wurde daraufhin im August in den Kosovo entsandt und hatte in den folgenden Monaten den Auftrag, die Durchsetzungsfähigkeit von KFOR zu demonstrieren und eine Deeskalation der Lage durch alle Konfliktparteien zu erzwingen. Das Bataillon war dabei fix in einem Einsatzraum im Norden von der Stadt Mitrovica bis zum Gazivode-Stausee mit dem dazugehörenden Grenzübergang zu Serbien (DOG 31) eingesetzt. Es hatte den Auftrag, dort für ein sicheres Umfeld und die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Bewegungsfreiheit (Freedom of Movement) aller Akteure im Kosovo zu sorgen.

Roadblocks wurden rund um die Uhr (24/7) von Einheimischen bewacht. (Foto: Archiv Autor)
Roadblocks wurden rund um die Uhr (24/7) von Einheimischen bewacht. (Foto: Archiv Autor)

Räumen des Roadblocks

Am 28. November 2011 räumte das ORF-Bataillon gewaltsam einen Roadblock im Norden bei der Ortschaft Zupce. Dies erfolgte nach den Grundsätzen der Einsatzform „Angriff nach Bereitstellung“. Eine wesentliche Vorgabe war dabei die Regelung des Waffeneinsatzes. Das „gelindeste Mittel zur Auftragsdurchsetzung“ sollte angewandt werden. Daher wurde auf Ebene der Gefechtstechnik der Ordnungseinsatz (Crowd and Riot Control – CRC) zum Bewältigen von Massenunruhen angewandt. Dieser Einsatz fand unter Berücksichtigung der Führungs- und Einsatzgrundsätze der Infanterie auf unterer taktischer und der gefechtstechnischen Ebene statt. Im Laufe dieser Aktion der KFOR-Soldaten gegen phasenweise 500 Personen, unter denen sich ein harter Kern aus etwa 30 serbischen Hardlinern befand, wurden unter anderem Schlagstöcke, Pfeffersprays und Rauchkörper von der CRC-Kompanie eingesetzt. Die Aktion begann in den Morgenstunden und war im Wesentlichen nach einer Stunde erfolgreich zu Ende geführt. Das Halten des Angriffsziels der Kreuzung, auf der ein serbischer Roadblock eingerichtet war, dauerte jedoch bis in die Nachtstunden. Im Laufe der Gefechts- und Kampfhandlungen zwischen den serbischen Hardlinern, den zivilen Mitläufern, der lokalen Bevölkerung und den deutschen und österreichischen Soldaten kam es zu Verwundeten auf allen Seiten. Die eskalierende Lage führte zu Verletzungen, die durch Sturmgewehrprojektile, Handgranatensplitter, Molotowcocktails und Schlagstöcke verursacht wurden. Aber keiner der schwer Verwundeten blieb dauerhaft geschädigt. Nach der erfolgreichen Einsatzführung gelang dem Kommandanten der KFOR eine friedliche Streitbeilegung.

Umfeldbedingungen des Einsatzes des Bataillons

Das ORF-Bataillon war von August 2011 bis Jänner 2012 im Kosovo eingesetzt. Es wurde am Ende dieses Zeitraumes durch nationale Rotationen zeitlich gestaffelt herausgelöst. Das ablösende von Italien geführte ORF-Bataillon blieb noch einige Wochen vor Ort und wurde dann ohne weitere Ablöse zurück in die Heimatländer beordert. Eine Besonderheit des Einsatzes einer operativen Reserve des NATO Joint Force Command ist es, dass eine Entsendung jeweils nur für 30 Tage genehmigt werden kann. Im Konkreten wurde die Verwendung des ORF-Bataillons im Einsatzraum Kosovo einmal grundsätzlich genehmigt und anschließend fünfmal für jeweils einen Monat verlängert. Dieser Umstand erschwerte die österreichischen Planungen und führte zu anhaltenden Unklarheiten für das Kontingent, ob am Ende eines Monats die Rückverlegung mit allen logistischen und administrativen Begleitmaßnahmen durchzuführen wäre. Das war auch eine Herausforderung für das private Umfeld der entsendeten Soldaten.

Das ORF-Bataillon als verstärkter, gepanzerter Infanterieverband stand der NATO als operative Reserve grundsätzlich für den gesamten Balkan zur Verfügung, insbesondere für die beiden Einsatzräume Bosnien und Herzegowina sowie für den Kosovo. Der Verband wird nach einer gemeinsamen Einsatzvorbereitung zentral evaluiert und steht danach mit einer Auslösezeit von 15 Tagen in den Heimatstaaten zum Abruf bereit. Die Durchhaltefähigkeit beträgt, abhängig von den nationalen Bestimmungen, mindestens vier bis maximal sechs Monate.

Das ORF-Bataillon gliedert sich in ein Bataillonskommando, eine Stabskompanie sowie drei gepanzerte Infanteriekompanien. Des Weiteren stehen verstärkte Kampfunterstützungselemente wie ein Pionierzug oder Wasserwerferfahrzeuge sowie verstärkte Logistikteile, wie etwa ein Feldlagerbetriebselement oder ein Wasseraufbereitungszug, zur Verfügung. Aufgrund der zeitlichen Nähe zur Truppenreduktion des deutschen Kontingentes stand dem Bataillon 2011 der Großteil des Gerätes der vormals im Einsatzraum befindlichen von Deutschland geführten Brigade zur Verfügung. Dadurch konnten die Durchhaltefähigkeit und die Kampfkraft nachhaltig erhöht werden.

Durch die taktischen Einsatzerfordernisse waren die regulär verfügbaren KFOR-Truppen, die mit Raumverantwortung betrauten Joint Regional Detachements (JRD) sowie die beiden MNBG gebunden. Die einzigen verfügbaren Kräfte waren folglich in der taktischen Reserve zu finden. Das KFOR Tactical Maneuver Battalion, gestellt durch portugiesische und ungarische Kräfte, wurde durch den Kommandanten der KFOR nicht mit der Einsatzführung im Norden betraut, sondern stand weiterhin als zentrale Reserve in der Nähe von Priština bereit. Das entsandte ORF-Bataillon wurde während des gesamten Einsatzes direkt vom Kommandanten KFOR (zu diesem Zeitpunkt war das bereits der deutsche Generalmajor Erhard Drews) geführt. Unmittelbar nach dem Erlangen der vollen Einsatzbereitschaft wurde das Bataillon in ein Feldlager im Norden verlegt.

Im weiteren Verlauf der Einsatzführung kam es zur Übernahme von Raumverantwortung durch das Bataillon des Joint Regional Detachments North. Ziel war es, im Nordkosovo die Handlungsfreiheit wiederherzustellen.

Abriss der Geschichte des Kosovos

Der Kosovo war seit dem Beginn eines serbischen Staatsgebildes das Kernland Serbiens, in dem sich eine Vielzahl von Klöstern befindet, die aufgrund der serbisch-orthodoxen Staatskirche identitätsstiftend sind. Darüber hinaus liegt das Amselfeld (Kosovo Polje bei Priština) im Kosovo, das einen speziellen Serbenmythos begründet. Dort verlor die serbische Armee am 28. Juni 1389 die Schlacht auf dem Amselfeld gegen die Osmanen. In der serbischen Geschichte gilt dieses Ereignis als Opfer des serbischen Volkes, das die Schlacht und den Staat verlor, jedoch die osmanische Streitkraft so weit schwächen konnte, dass diese Europa nicht mehr angreifen konnte, wodurch es christlich blieb. Obwohl dieses Ereignis vor mehr als 600 Jahre stattfand, ist es für das serbische Nationalitäts- und Identitätsbewusstsein von großer Bedeutung.

Während des großen Türkenkrieges 1690 versuchte ein habsburgisches Heer im Zuge eines Balkan-Feldzuges auch den Kosovo zu erobern. Obwohl das kurzfristig gelang, ging der Raum bei einem osmanischen Gegenangriff verloren. Im Zuge dessen begann die erste große Fluchtwelle der Serben aus dem Kosovo, der in den kommenden Jahrhunderten noch mehrere kleinere folgten. Das frei gewordene Land wurde von Albanern besiedelt, womit jene demografische Entwicklung begann, die in einer albanischen Bevölkerungsmehrheit endete. Aufgrund der Herrschaft der Osmanen in der Region flammten jedoch keine wesentlichen Konflikte auf und selbst in den späteren Staatsgebilden (Königreich Serbien, SHS-Staat, Jugo-slawien) blieb es weitgehend ruhig in diesem Raum.

In der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien wurde der Kosovo in den darauffolgenden Jahrzehnten zusehends zu einem Brennpunkt. Obwohl die Region eine autonome Provinz war, wollten kosovo-albanische Kräfte den formellen Status einer Teilrepublik erreichen. Das wurde ihnen jedoch verwehrt, wodurch es ab den 1980er-Jahren zu Unruhen im Kosovo kam. Diese gipfelten in der Aberkennung des Autonomiestatutes, wodurch der Kosovo zwar ein Teil Serbiens war, jedoch nur mit einer enormen Militärpräsenz kontrolliert werden konnte. Während der Balkankriege in den 1990er-Jahren begann der Kampf der UÇK (albanische paramilitärische Organisation) gegen die Jugoslawische Volksarmee und schließlich kam es zur Vertreibung der Kosovo-Albaner aus dem Kosovo. Daraufhin begann das Eingreifen der NATO ohne UN-Mandat zur Herstellung des Status quo wie vor der Vertreibung, jedoch mit dem Ziel, den Kosovo als Teil Serbiens zu befrieden. Im Jahr 2008 kam es zur einseitigen Erklärung der Unabhängigkeit des Kosovos, womit die gesellschaftlich-ethnische Realität eine politische Dimension erhielt, die bis heute jedoch nur von 114 Staaten anerkannt wird. Selbst die EU konnte noch keine einheitliche Position formulieren, da beispielsweise Spanien die Anerkennung bis dato verweigert.

Hot Spot der Unruhen um Zubin Potok im Norden des Landes (rot eingezeichnet). (Grafik: Bundesheer)
Hot Spot der Unruhen um Zubin Potok im Norden des Landes (rot eingezeichnet). (Grafik: Bundesheer)

Auf einen Blick

Der seit 2011 laufende Einsatz der NATO im Kosovo führte zu einer verbesserten Sicherheitssituation und reduzierte die Aufgaben der internationalen Schutztruppe und ihres Personals. Diese Entwicklung war im Sinne des Auftrages. Jedoch führte das zur Limitierung der an sich robusten Einsatzrichtlinien (Rules of Engagement – ROE) auf ein Maß, das die proaktive Einsatzführung im Allgemeinen und den Einsatz von letalen Wirkmitteln im Speziellen kaum mehr zuließ. Mit dieser Maßnahme nahm im Laufe der Zeit die Glaubwürdigkeit der KFOR-Truppen zur gewaltsamen Durchsetzungsfähigkeit ab. Dieser Umstand wurde dadurch verstärkt, dass kurz vor den Ausschreitungen im Jahr 2011 die Truppen reduziert worden waren und die nun vor Ort befindlichen Kräfte nicht ausreichten, um den sich abzeichnenden Konflikt rasch, frühzeitig und vor allem robust einzudämmen. Um den geänderten Rahmenbedingungen im Sommer 2011 gerecht zu werden, wurden die ROE für das ORF-Bataillon im Nordkosovo daher wieder robuster ausgelegt.

Im Allgemeinen verfolgte das ORF-Bataillon zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung eine aktive Einsatzführung, die im Gegensatz zu jener der regulären KFOR-Truppen stand. Dies hatte den Zweck, die öffentlich wahrnehmbare Presence, Posture and Profile (PPP) von KFOR zu erhöhen und dadurch eine solide Verhandlungsbasis mit den Konfliktparteien zu erzeugen.

Der Einsatz des ORF-Bataillons fand seinen Höhepunkt Ende November, als der Verband einen zentralen, an einem Verkehrsknotenpunkt gelegenen Roadblock im Norden unter Nutzung aller verfügbaren Wirkmittel offensiv räumte. Dies hatte ein lokal begrenztes, mehrstündiges Gefecht zwischen dem ORF-Bataillon und etwa 500 serbischen Demonstranten mit einem harten Kern serbischer Hardliner zur Folge. Durch den Erfolg des Angriffs konnten die Ziele des Einsatzes des Bataillons erreicht werden und der Kommandant der KFOR konnte in den folgenden Verhandlungen gegenüber beiden Konfliktparteien eine Deeskalation der Lage durchsetzen.

Die in den kommenden TD-Heften folgenden Artikel gehen auf den Einsatz des ORF-Bataillons im zweiten Halbjahr 2011 im Detail ein. Sie geben einen Einblick in die gefechtstechnische und untere taktische Führungsebene und sollen einen Eindruck vermitteln, wie die offensive Einsatzführung in einem Ordnungseinsatzgefecht aussieht. Des Weiteren soll gezeigt werden, warum sich auch in augenscheinlich ruhigen Einsatzräumen die Lage rasch gewaltsam ändert, und wie eine temporäre Deeskalation im Großen herbeigeführt werden kann.

Das Gefecht liefert ein Beispiel dafür, dass die Verfügbarkeit von glaubwürdigen, durchsetzungsfähigen, robusten Kräften in allen Einsätzen von zentraler Bedeutung für eine erfolgreiche Einsatzführung ist.

Major dG Mag.(FH) Matthias Resch ist Leiter der Generalstabsabteilung 5 der 3. Jägerbrigade (Brigade Schnelle Kräfte).

 

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