• Veröffentlichungsdatum: 06.02.2017
  • – Letztes Update: 08.05.2018

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  • 1807 Wörter

Die Umarmung der Sieger

Gerold Keusch

(Foto: U.S. Army/Archiv Ziervogl)

Nur wenige Menschen werden zufällig zu Zeugen von historischen Ereignissen und sind schon kurz darauf persönlich mit deren Folgen konfrontiert. Hermann Groißböck war dabei, als die Sieger des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 in Strengberg zusammentrafen und die Rote Armee in seine Heimat kam.

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„Der 8. Mai 1945 war ein schöner Frühlingstag. Ich und andere Buben aus dem Ort waren auf dem Marktplatz an der Bundesstraße und haben die deutschen Militärkolonnen beobachtet.“ Hermann Groißböck wurde als Vierzehnjähriger Zeuge eines historischen Ereignisses. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Das haben die Bewohner von Strengberg bereits aus dem Radio erfahren. Viele von ihnen hörten verbotene alliierte Sender und waren deshalb gut über die militärische Lage informiert. Nun sammelten sie sich an der Bundesstraße die den Ort durchzieht. Sie sahen die zurückflutenden Reste des deutschen Militärs und endlose Flüchtlingskolonnen, die schon seit vielen Tagen das Ortsbild prägten. Nun warteten sie darauf, was der Tag noch bringen sollte. 

Die „Amis“ kommen

„Zwischen 0900 und 1000 Uhr am Vormittag sind aus dem Westen amerikanische Soldaten nach Strengberg gekommen. Sie haben am östlichen Ortsrand ein Maschinengewehr in Stellung gebracht. Dort haben sie deutsche Soldaten aufgehalten, damit sie ihre Waffen wegwerfen. Die amerikanischen Soldaten waren ein Vorposten. Ihr Auftrag war es, die deutschen Soldaten noch vor der Enns zu entwaffnen.“ Der Platz wurde aufgrund der Engstelle beim Ortseingang in Strengberg gewählt, die man passieren muss, wenn man Richtung Westen will.

Die Strengberge waren damals einer der gefährlichsten Streckenabschnitte, die man auf dem Weg von Wien nach Salzburg passieren musste. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts wurde bei der Durchfahrt durch den Ort eine Maut eingehoben. Die ersten US-Soldaten waren bereits am Nachmittag des 7. Mai in Strengberg, um mit den deutschen Truppen Kontakt aufzunehmen. Dabei handelten sie aus, dass sich das deutsche Militär nicht gegen die Amerikaner stellt und wie die Entwaffnung aussehen soll.

Jagdtiger der Panzerjägerabteilung 653 in Strengberg. (Foto: U.S. Army)
Jagdtiger der Panzerjägerabteilung 653 in Strengberg. (Foto: U.S. Army)

„Wir Kinder waren bei dem Posten der Amerikaner; die meiste Zeit vor ihnen. Wie gefährlich es war, vor den Läufen der Gewehre der US-Soldaten herumzulaufen, war uns zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Wir sind einfach vor einem Bauernhaus kurz nach der Ortseinfahrt gestanden und haben uns nichts dabei gedacht. Zwischen 1500 und 1600 Uhr hörten wir das Rattern von Panzerketten. Kurz darauf waren sie da: sowjetische Panzer. Langsam kamen sie auf uns zu. Bei dem Bauernhaus vor dem wir standen, blieben sie an der Hausecke stehen. An der anderen Ecke des Hauses war das amerikanische Maschinengewehr postiert. Dazwischen waren wir. Von einer Sekunde auf die andere wurde es ganz still. Ein unheimliches Gefühl stieg in mir hoch und eine angespannte Atmosphäre lag in der Luft.

Beim ersten sowjetischen Panzer bewegte sich die Luke am Turm. Vorsichtig öffnete sich ein kleiner Spalt, dann ging die Luke wieder zu. Plötzlich wurde sie mit einem Ruck aufgerissen. ‚Amerikanski! Amerikanski!’ schrie der Soldat, dessen Kopf aus dem Panzer sah. Die sowjetischen Soldaten sprangen auf die Straße. ‚Wojna (Krieg; Anm.) kaputt!’ riefen sie. ‚War is over!’ entgegneten ihnen die Amerikaner. Dann lagen sie sich in den Armen, haben getanzt und gefeiert. Uns fiel ein Stein vom Herzen, und wir waren erleichtert, dass nichts passiert ist. Noch ein paar Minuten bevor die Sowjets kamen, hatte uns ein deutscher Soldat gewarnt: ‚Mensch haut ab! Der Russe kommt.’ Jetzt waren sie da.“ Auf dem Platz, an dem sich die Amerikaner und Sowjets am Nachmittag des 8. Mai 1945 die Hände reichten und in die Arme fielen, steht seit 2005 ein Gedenkstein.

Der Teddybär auf dem Panzer

Die Fotos auf denen die sowjetischen und amerikanischen Soldaten gemeinsam zu sehen sind, zeigen sie auf einem großen Panzer. Auf diesem ist neben der Kanone ein Teddybär aufgemalt. Bei dem Panzer handelt es sich um einen Jagdtiger, dem größten und schwersten Tank, der im Zweiten Weltkrieg in Deutschland produziert wurde. Auch weltweit ging nie wieder ein schwererer Panzer, als dieser 72-Tonnen-Koloss, in Serie. Seine 12,8-cm-Kanone konnte jeden alliierten Panzer vernichten. 88 Stück davon wurden im Nibelungenwerk in St. Valentin, einem der größten deutschen Panzerwerke, nur etwa zehn km von Strengberg entfernt gebaut.

Jagdtiger während der Fertigung im Nibelungenwerk von St. Valentin. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Jagdtiger während der Fertigung im Nibelungenwerk von St. Valentin. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Zerstörte Jagdtiger nach dem Bombenangriff vom 23. März 1945 auf das Nibelungenwerk. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Zerstörte Jagdtiger nach dem Bombenangriff vom 23. März 1945 auf das Nibelungenwerk. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Der zerstörte Jagdtiger zeigt die Stärke seiner frontalen Panzerung. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Der zerstörte Jagdtiger zeigt die Stärke seiner frontalen Panzerung. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Der Motorraum und der Kampfraum eines zerstörten Jagdtigers. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Der Motorraum und der Kampfraum eines zerstörten Jagdtigers. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Die 12,8-cm-Kanone und die Frontpanzerung hielten dem Druck der Bomben stand. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)
Die 12,8-cm-Kanone und die Frontpanzerung hielten dem Druck der Bomben stand. (Foto: Stadtarchiv St. Valentin)

 

Der Jagdtiger auf den Fotos gehörte zur Schweren Panzerjäger-Abteilung 653. Dieser 1943 in Bruck/Leitha aufgestellte Verband war ein Teil der Waffen-SS Division „Leibstandarte Adolf Hitler“. Die Leibstandarte war die ehemalige Leibwache Hitlers und die Keimzelle der späteren Waffen-SS. 1945 war sie ein Teil der Heeresgruppe Süd bzw. Ostmark und operierte im Alpenvorland. Am 30. April 1945, der Tag an dem sich ihr Namensgeber in Berlin selbst tötete, holten Soldaten der Schweren Panzerjäger-Abteilung 653 vier neue Jagdtiger aus dem Nibelungenwerk ab. Daraufhin wurden sie auf Wagons verladen und per Bahn in den Raum St. Leonhard am Forst bei St. Pölten gebracht. Dort sollten die neuen Panzer dabei helfen, den sowjetischen Vormarsch aufzuhalten. Dazu kam es aber nicht mehr.

Der Teddybär auf dem Panzer. (Foto: U.S. Army/Archiv Ziervogl)
Der Teddybär auf dem Panzer. (Foto: U.S. Army/Archiv Ziervogl)

Am 8. Mai, dem letzten Tag des Krieges, zog sich die Panzerjäger-Abteilung 653 entlang der Bundesstraße 1 Richtung Westen zurück. Darunter auch der Zug, der mit den neuen Jagdtigern ausgerüstet war. Ein Panzer blieb bei einer Brücke über die Ybbs, in der Nähe von Amstetten, aufgrund eines technischen Defektes liegen. Die restlichen drei Jagdtiger versuchten, sich bis zu den Amerikanern durchzuschlagen. Bei der Ortseinfahrt von Strengberg versperrten ihnen zwei sowjetische Panzer den Weg. Kurz bevor die Jagdtiger in dem Ort ankamen, trafen dort sowjetische und amerikanische Soldaten zusammen.

Der Teddybär auf dem Jagdtiger war ein Symbol für den ehemaligen Kommandanten der Leibstandarte, Theodor „Teddy“ Wisch. Er war der Nachfolger von Sepp Dietrich, dessen Symbol der Dietrich war.Der Teddybär war jedoch nur auf wenigen Panzer dieser Division zu sehen; der Dietrich blieb das offizielle Abzeichen. Die drei deutschen Panzer waren eine besondere und symbolträchtige Trophäe an diesem Tag. Soldaten der Division, die den Namen des personifizierten Kriegsgegners, Adolf Hitler trugen, waren Zeugen des Zusammentreffens der Alliierten in Österreich geworden. Selbst Hollywood hätte die totale deutsche Niederlage nicht treffender in Szene setzen können.

Einer der Jagdtiger von Strengberg hat „überlebt“. Als einer von drei Jagdtigern die noch existieren, steht der Panzer mit der Fahrgestellnummer 305083 heute im Moskauer Kriegsmuseum Kubinka. Dort ist dieser eiserne Zeuge des vergessenen Treffens von Strengberg eine besondere Trophäe und ein Symbol für das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Einer der Jagdtiger von Strengberg steht heute im Kubinka-Museum in Russland. (Foto: Galin Vladimir Petrovic)
Einer der Jagdtiger von Strengberg steht heute im Kubinka-Museum in Russland. (Foto: Galin Vladimir Petrovic)
Einer der Jagdtiger von Strengberg im Kubinka-Museum in Russland. (Foto: Mike1979_Russia; cc-by-sa 3.0)
(Foto: Mike1979_Russia; cc-by-sa 3.0)

Die Alliierten sind da

„Die Russen waren freundlich zu uns Kindern. Ich dachte mir: Die sind ja ganz anders, als es die Propaganda gezeigt hat. Die Amerikaner waren uns gegenüber reserviert. Nur einer gab mir ein Stück Schokolade. Das war sein Dank, weil ich ihm gezeigt habe, wo eine Waffe liegt, die er als Souvenir haben wollte. Wir Kinder waren froh, dass an diesem Tag alles so problemlos gelaufen ist. Als ich nach Hause ging fragte mich jemand: ‚Was ist los im Markt?’. ‚Die Russen und Amerikaner sind da’, antwortete ich. ‚Die Russen sind gar nicht so, wie es uns in der Propaganda gesagt wurde’“.

Am Abend des 8. Mai kamen sowjetische Soldaten in das Haus der Familie Groißböck. Sie waren auf der Suche nach versteckten deutschen Soldaten. Ein Soldat setzte dem Vater eine Maschinenpistole an. Bei der Durchsuchung gingen sie auch in das Zimmer von Hermann. Er und sein Bruder hatten Flugzeuge gebastelt und an die Zimmerdecke gehängt. Dabei war zu sehen, wie deutsche Maschinen ihre sowjetischen Gegner abschießen. Die Sowjetsoldaten waren darüber erbost und wollten Schnaps und Tee als Wiedergutmachung.

„Meine Mutter begann zu beten. Als ein Soldat meine Schwestern sah, ging er zu meiner Mutter. ‚Mädchen weg!’, hat er ihr zugeflüstert“. Die vier Schwestern konnten sich verstecken. Die Tochter einer Flüchtlingsfamilie, die in dem Haus untergebracht war, schaffte das jedoch nicht mehr. Das Mädchen wurde mehrmals vergewaltigt, während ihre Eltern, die daneben standen, mit Maschinenpistolen bedroht wurden. Die Vergewaltigungen und Plünderungen im Ort hatten begonnen.

Der Eiserne Vorhang geht nieder

„Am nächsten Tag wurden wir aus unserem Haus vertrieben. Es wurde das Feldpostamt im Ort und ein Lazarett. Wir mussten uns jeden Tag eine neue Bleibe für die Nacht suchen. Eine Woche nachdem wir aus dem Haus mussten, um den 15. Mai herum, richteten die Russen ihre Kanonen Richtung Westen. Sie haben uns erklärt, dass wäre ,wegen dem Amerikanski’. Offensichtlich gab es Probleme bei den Verhandlungen bezüglich der Besatzungszonen. Angeblich wegen der Grenzziehung im Mühlviertel.“

Die Zonengrenze an der Enns; hier die sowjetische Seite. (Foto: HGM)
Die Zonengrenze an der Enns; hier die sowjetische Seite. (Foto: HGM)

Nach dem Ende des Krieges häuften sich die Probleme unter den Alliierten. Der gemeinsame Gegner war erfolgreich bekämpft, und die Einzelinteressen der jeweiligen Staaten gerieten wieder in den Vordergrund. Auch die Westalliierten waren weit nicht so geschlossen in ihren Vorstellungen der Nachkriegsordnung, die dominante Rolle der USA verhinderte jedoch größere Konflikte. Erschwerend für das Verhältnis der Verbündeten gegen das nun geschlagene Deutsche Reich war, dass die Grenzen der Besatzungszonen Österreichs noch nicht endgültig festgelegt waren.

Vor allem in Wien gab es erhebliche Schwierigkeiten. Hier legten sich die Briten quer, da sie fürchteten, die eigenen Truppen inmitten der sowjetischen Zone nicht versorgen zu können. Der britische Premier Churchill formulierte bereits am 12. Mai 1945 gegenüber dem US-Präsidenten Truman, dass ein Eiserner Vorhang in Europa niedergehe, hinter dem sich die Sowjets abschotten würden. Die britischen Truppen hätten sich hinter diesem Vorhang befunden. Wie realistisch diese Bedenken waren, zeigte sich bei der Berlinblockade 1948. Die Sowjets sperrten damals die Landroute in die Westzone von Berlin, die Bevölkerung war auf die Versorgung über den Luftweg durch die Westalliierten angewiesen.

Am 9. Juli 1945 konnte für Österreich dennoch das Zonenabkommen ausgehandelt werden. Es war das Ergebnis langwieriger und zäher Verhandlungen in London, die bereits 1944 begannen. In drei Gesprächsrunden wurden dabei die Kompetenzen der Besatzungmächte, aber auch jene der österreichischen Verwaltung festgelegt. Ab Juli 1945 zogen die Alliierten in ihre Zonen ein, bzw. übergaben diese gemäß dem Abkommen. Am 1. September 1945 übernahmen die Westalliierten schließlich ihre Verwaltungsbereiche in Wien. Die Besatzung Österreichs wandelte sich von einer provisorischen zu einer organisierten Form. Ein wichtiger Schritt zur Stabilität und Normalisierung der jungen Republik nach den Kriegswirren.

Der Ort an dem die sowjetischen und amerikanischen Truppen in Österreich zusammentrafen. (Foto: Keusch)
Der Ort an dem die sowjetischen und amerikanischen Truppen in Österreich zusammentrafen. (Foto: Keusch)
Die Ortseinfahrt von Strengberg heute. (Foto: Keusch)
Die Ortseinfahrt von Strengberg heute. (Foto: Keusch)
Dieser Gedenkstein erinnert an das Zusammentreffen der Sowjets und Amerikaner in Strengberg. (Foto: Keusch)
Dieser Gedenkstein erinnert an das Zusammentreffen der Sowjets und Amerikaner in Strengberg. (Foto: Keusch)
(Foto: Keusch)

Erlebnisreiche Zeit

„Nach vier Wochen war die sowjetische Militärverwaltung im Ort installiert, die Kontrollen bei den eigenen Truppen durchführten und die Situation so in den Griff bekamen. Es gab zwar noch einzelne Übergriffe, das waren aber nur mehr wenige. Ab diesem Zeitpunkt wurde es deutlich ruhiger.“ Auch US-Soldaten waren im Ort stationiert und in einem ehemaligen Hotel untergebracht. Sie betrieben Funkstationen entlang der Bundesstraße 1, der Hauptversorgungsroute für den amerikanischen Sektor in Wien.

Alle 20 bis 30 km waren solche Einrichtungen, um die Verbindung zu und innerhalb der Konvois sicherzustellen. Eine davon war in Strengberg. „Es blieb auch nicht aus, dass Frauen zu den Amerikanern gingen. Ständig waren junge Frauen dort, viele davon waren Flüchtlinge. Für ein Stück Schokolade haben die Amerikaner damals alles bekommen.”

Im November 1945, kurz vor der ersten freien Nationalratswahl in Österreich seit 1930, können Hermann Groißböck und seine Familie wieder in ihr Haus einziehen. „Im Rückblick war die Zeit nach dem Krieg erlebnisreich. Wir hatten leider das Pech zehn Jahre zu früh geboren worden zu sein, denn zu den Kindern waren die Russen wesentlich freundlicher, als zu uns Jugendlichen.“

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur bei TRUPPENDIENST.

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