• Veröffentlichungsdatum: 03.09.2018
  • – Letztes Update: 12.09.2018

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Die sowjetische Invasion der Tschechoslowakei 1968

Prokop Tomek

Sowjetpanzer in Prag, August 1968. (Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag/Montage: Rizzardi)
(Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag/Montage: Rizzardi)

2018 wird dem 50-jährigen Jahrestag der größten militärischen Operation nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa gedacht. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei trug in den Plänen des sowjetischen Oberkommandos den Decknamen „Dunaj“ (Donau) und beendete im August 1968 den bemerkenswerten Versuch, das kommunistische Regime in der CSSR zu liberalisieren und zu demokratisieren.

Mit der Vorbereitung der Operation begann sich das sowjetische Oberkommando bereits Anfang April 1968 zu beschäftigen. Im Zeitraum von Juni bis Juli 1968 wurde die gemeinsame Übung „Šumava“ (Böhmerwald) von Truppen des Warschauer Paktes auf tschechoslowakischem Boden durchgeführt. Die sowjetische Armee wollte mit 16.000 Soldaten unter dem Vorwand der Übung möglichst lange auf tschechoslowakischem Territorium verbleiben, was bei der tschechoslowakischen Öffentlichkeit Unruhe hervorrief. Nach und nach war es möglich, Anzeichen einer drohenden Invasion auszumachen. Die politische und staatliche Führung der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) wollte die Bedrohung jedoch nicht wahrhaben und ergriff keinerlei Maßnahmen.

Die letzten Besprechungen des sowjetischen Oberkommandos vor der Invasion fanden am
23. Juli 1968 in Moskau statt. Die Operation „Dunaj“ wurde als eine Aktion der Streitkräfte des Warschauer Paktes präsentiert. Tatsächlich wurde sie von den Vertretern der höchsten sowjetischen militärischen Führung initiiert, organisiert und geleitet. Die (eher symbolische) Teilnahme von Streitkräften der anderen Länder des Paktes sollte das Unterfangen vor allem mit breiterer politischer Unterstützung und Legitimität ausstatten.

Sowjetisch geführte Operation

Der oberste Kommandant der Operation war der Verteidigungsminister der UdSSR, Marschall Andrei Antonowitsch Gretschko. Die Armeen wurden ursprünglich durch den ersten stellvertretenden Verteidigungsminister der UdSSR und Oberbefehlshaber der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Paktes, Marschall Iwan Ignatjewitsch Jakubowski, vorbereitet. Die eigentliche Operation führten aber der Oberkommandierende der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Paktes, General Iwan Grigorjewitsch Pawlowskij, der Stabschef der Sowjetarmee, Generaloberst Nikolaj Wassilijewitsch Ogarkow, und der ständige Vertreter der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Paktes bei der Tschechoslowakischen Volksarmee, Generaloberst Alexander Michailowitsch Jamschtschikow, durch. Ogarkow und Jamschtschikow hielten sich während der kritischen Phase in Prag auf.

Die sowjetische Handschrift der Operation wird unter anderem durch die Tatsache belegt, dass die tschechoslowakischen Vertreter über die Operation nie mit Vertretern der Streitkräfte des Warschauer Paktes verhandelten, sondern ausschließlich mit sowjetischen Militärvertretern. Auch die Gespräche über einen Teilabzug der Truppen aus dem ukrainischen Mukatschewo fanden lediglich mit diesen statt. Schlussendlich verhandelte die tschechoslowakische politische Führung vom 23. bis 26. August 1968 in Moskau nicht mit den Vertretern der fünf Länder des Warschauer Paktes, sondern ausschließlich mit der politischen Führung der Sowjetunion.

Mit Beginn der Operation „Dunaj“ beherrschten sowjetische Panzerkolonnen das Prager Stadtbild. (Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag)
Der Versuch einen „Sozialismus mit menschlichem Anlitz“ umzusetzen, wurde durch die Operation „Dunaj“ des Warschauer Paktes vereitelt. (Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag)

Illegale Intervention

Die sowjetische politische Führung koordinierte den Beginn der Operation mit einem Teil der konservativen tschechoslowakischen Funktionäre der Kommunistischen Partei. Diese wünschten das Stilllegen der Reformen des Prager Frühlings und die Erneuerung eines strikt zentral gelenkten Staates. Es gelang diesen Kollaborateuren nicht, wie nach Plan, die Macht in der politischen Führung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSC) während einer der regelmäßigen Verhandlungen am 20. August 1968 zu übernehmen. Das Zentralkomitee der KSC gab hingegen in der Nacht eine Stellungnahme heraus, dass die Intervention ohne das Wissen und gegen den Willen der politischen und staatlichen Führung der CSSR passierte. Somit wurde die ganze Intervention illegal. Es wurde nur allein der Präsident Ludvík Svoboda mündlich vom sowjetischen Botschafter vor Mitternacht des 20. August darüber informiert. Er protestierte, nahm die Situation aber als Tatsache an.

Der gewaltsame Vorstoß der Armeegruppen aus den Gebieten der Deutschen Demokratischen Republik, der Polnischen Volksrepublik, den ukrainischen Teilen der Sowjetunion und aus der Ungarischen Volksrepublik begann am 20. August 1968 eine Stunde vor Mitternacht. Aus den Gebieten der DDR stieß die 1. Gardepanzerarmee (vier Panzer- und zwei motorisierte Schützendivisionen) mit Generalleutnant Konstantin Grigorjewitsch Koschasnow als Kommandanten vor. Seine Aufgabe war es, die nördlichen und westlichen Teile der tschechischen Länder zu besetzen. Die zweite, aus der DDR vorrückende Armeegruppe, war die 20. Gardearmee (drei motorisierte Schützendivisionen) mit Generalleutnant Iwan Leontjewitsch Welitschek, der den Norden Böhmens und Prag besetzen sollte. Ihm war auch vorübergehend die 7. Luftlandedivision unterstellt, die im Laufe der Nacht direkt auf dem Flughafen Ruzyne in Prag abgesetzt wurde. Die Nationale Volksarmee der DDR stellte für die Intervention die 7. und die 11. motorisierte Schützendivision bereit. Diese verblieben aber als Reserve auf dem Gebiet der DDR. Die Teilnahme der deutschen Armee an der Besetzung der Tschechoslowakei war in Anbetracht der geschichtlichen Konnotationen nicht erwünscht (Münchner Abkommen und in Folge die Besetzung der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich 1938; Anm.), da sie zu schwer vorhersehbaren Folgen hätte führen können. Paradoxerweise waren es zwei ostdeutsche Panzer, begleitet von gepanzerten Transportfahrzeugen, die als erste fremde Bodeneinheiten auf tschechoslowakischem Gebiet am 20. August um 2140 Uhr auftauchten. Höchstwahrscheinlich handelte es sich dabei um eine Gefechtsaufklärung der Nationalen Volksarmee der DDR, die früher und tiefer eindrang, als sie es gemäß Befehl sollte.

Tschechoslowakische Passanten reden auf einen sowjetischen Soldaten ein. Letztlich blieben sowjetische Truppen bis 1991.
(Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag)
Der Versuch einen „Sozialismus mit menschlichem Anlitz“ umzusetzen, wurde durch die Operation „Dunaj“ des Warschauer Paktes vereitelt.
(Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag)

Vorstoß aus allen Richtungen

Aus dem östlichen Teil Polens rückten die Kräfte der Nordgruppe der Sowjetarmee (Panzer- und motorisierte Schützendivisionen) vor. Der Kommandant Generaloberst Iwan Nikolajewitsch Schkadow sollte Teile Mittel- und Ostböhmens besetzen. Zwei Panzer- und eine motorisierte Schützendivision der 2. Polnischen Armee unter dem Kommandanten Brigadegeneral Florián Siwicky besetzten Ostböhmen und Nordmähren. Aus der Ukraine über Polen setzte sich die 38. Sowjetarmee des Generalleutnants Alexander Michailowitsch Majorow (zwei Panzer- und zwei motorisierte Schützendivisionen) in Bewegung mit dem Ziel, den Großteil der Slowakei sowie Nord- und Südmähren zu besetzen. Die bulgarische Armee beteiligte sich symbolisch an der Invasion mit der Entsendung des 12. und 22. motorisierten Schützenregimentes. Das erste wurde in die 38. Sowjetarmee eingegliedert, und das zweite zur Besetzung und Sicherung der Flugplätze Praha-Ruzyne und Praha-Vodochody entsendet.

Aus Ungarn trat die Südgruppe der Sowjetarmee (eine Panzer- und zwei motorisierte Schützendivisionen) an, deren Kommandant den Westen der Slowakei und Südmähren sichern sollte. Die 8. Division der Ungarischen Volksarmee besetzte den Süden der Slowakei. Zur Gruppe gehörten vorübergehend auch die 103. Garde-Luftlandedivision, die an den Flughäfen in Brünn (Brno) und Namiescht abgesetzt wurde, sowie die 48. motorisierte Schützendivision, die nach Einnahme der Positionen in Südmähren der 1. Gardepanzerarmee unterstellt wurde.

Die 24. Luftarmee der sowjetischen Luftstreitkräfte sowie die 4. und 9. Fliegerdivision unterstützten die Operation von den Fliegerbasen aus der DDR und aus Polen. Außer den Transportflugzeugen An-12 tauchten in der Nacht auch Tu-16P-Flugzeuge aus der Ukraine sowie weitere Flugzeuge für die elektronische Kampfführung auf, welche die tschechoslowakischen Flugabwehrsysteme stören sollten. Die sowjetischen Flieger Tu-126 mit dem LIANA-System überwachten den Luftraum, wobei beim Aufsteigen eines tschechoslowakischen Jagdflugzeuges im Gegenzug bis zu 100 MiG-21- oder MiG-19-Jagdflugzeuge eingegriffen hätten, die sich laufend im Luftraum ablösten.

400.000 Besatzungssoldaten

Insgesamt waren es bei der ersten Welle 20 Divisionen, deren Anzahl in den folgenden Tagen auf ungefähr 28 Bodendivisionen anstieg. Es handelte sich um bis zu 400.000 Soldaten. Kurz nach dem 21. August kamen fortlaufend neue Kräfte, wobei viele der in der Operation „Dunaj“ eingesetzten Unterstützungskräfte die tschechoslowakische Grenze gar nicht überschritten hatten. Die Invasionsarmeen hatten rund 6.300 Panzer, 5.000 gepanzerte Fahrzeuge, 2.000 Geschütze, 550 Kampf- und 250 Transportflugzeuge sowie weiteres schweres Gerät. Von der Bulgarischen Volksarmee beteiligten sich insgesamt 2.168 Soldaten. Die Ungarische Volksarmee hatte 17.000 Soldaten entsendet und die Polnische Volksarmee stellte insgesamt an die 28.000 Soldaten. Die Sowjetarmee entsendete zwanzig Divisionen und weitere zehn mit der zweiten Welle, also zwischen 300.000 und 350.000 Rotarmisten. Die Nationale Volksarmee der DDR hatte ungefähr 20.000 Soldaten auf ihrem Gebiet in Reserve. Jedes militärische Gerät der Interventionsstreitkräfte wurde mit breiten weißen Streifen markiert, um es vom typengleichen Gerät der Tschechoslowakischen Volksarmee (CSLA) unterscheiden zu können.

(Grafik: Rizzardi)

Die Besetzung lief ohne Vorwarnung in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 ab. Im Laufe des Vormittags wurde am 21. August die Masse der geplanten Ziele erreicht. Es beteiligte sich ebenso ein Teil prosowjetischer Mitglieder der tschechoslowakischen Staatssicherheit, die aktiv bei der Besetzung des Flughafens Ruzyne und dem Anlanden der Luftlandedivision halfen. Sie führten auch sowjetische Diplomaten, KGB-Angehörige und die Luftlandetruppen zu strategisch wichtigen Zielen wie staatlichen Behörden, Kommunikationszentren und Medienhäusern. Die Luftlandetruppen überfielen die tagenden Mitglieder der tschechoslowakischen Regierung in Prag und hielten sie fest. Sie besetzten unter anderem das Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, wo sie die faktische Staatsführung - Mitglieder des Parteivorstandes, inklusive des Sekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Alexander Dubcek, - festnahmen und entführten.

Ziel der Intervention

Das Interventionsziel war, die Kontrolle über die Schlüsselstellen des Staates zu übernehmen und die politische Führung der CSSR wieder auf „Linie zu bringen“ oder „auszuwechseln“. Die Interventionstruppen hatten zwar die Kontrolle gewaltsam übernommen, die Schlüsselfiguren der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und des Staates ins Gebiet der UdSSR entführt, sie konnten jedoch in den nächsten Tagen keine politische Veränderung erwirken. Die überraschte Bevölkerung der Städte und auf dem Land versuchte in den Morgen- und Vormittagsstunden des 21. August 1968 die Durchfahrt der Fahrzeuge mit Körpereinsatz oder mit dem Werfen von Steinen zu be- und verhindern. Sie erklärten den Soldaten, dass dem Sozialismus in der Tschechoslowakei keine Gefahr drohe. Sie schrieben und hängten Parolen gegen die Okkupation aus und zerstörten Verkehrszeichen (insbesondere Wegweiser), um Bewegungen der Militärkolonnen zu erschweren. Die Sendungen des Prager Rundfunks im Stadtteil Vinohrady wurden zum Symbol des Widerstandes. Nach der Besetzung des Rundfunkgebäudes und der Unterbindung der Sendungen wurde mit Radioprogrammen aus improvisierten Rundfunkstudios fortgesetzt. In den Straßen Prags, vor allem auf dem Wenzelsplatz und auf der anschließenden Straße Vinohradská, gelang es den Demonstranten, einige sowjetische Panzer anzuzünden. Es handelte sich dabei jedoch um spontane, vereinzelte Angriffe. Mit bloßen Händen konnten die Bürger keinen wirklichen Widerstand leisten. Als Reaktion zerstörten die Bewohner an vielen Orten sowjetische und kommunistische Symbole, vor allem Denkmäler zur sowjetischen Befreiung vom Nationalsozialismus im Jahre 1945.

Mit blutbeschmierter Nationalflagge protestiert die Bevölkerung gegen die Besetzung.
(Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag)

Widerstand und Zwickmühle der Tschechoslowakischen Volksarmee

Die Tschechoslowakische Volksarmee zählte insgesamt an die 200.000 Soldaten. In den zehn elitären Panzer- und motorisierten Schützeneinheiten waren es ungefähr 90.000 Soldaten, die vor allem in Süd- und Westböhmen konzentriert gegen einen vermutlichen westlichen Feind bereitgestellt waren. Den Verteidigungsbefehl konnte ausschließlich die kommunistische Staatsführung geben. Darüber hinaus wurde der Verteidigungsminister, General Martin Dzúr, am Abend des 20. August im Generalstab in Prag de facto von sowjetischen Generälen interniert. Sie versorgten ihn mit gefälschten Informationen, wodurch er annahm, dass die tschechoslowakische politische Staatsführung mit der Intervention einverstanden war. Er gab deswegen in der Nacht der Armee den Befehl, nichts zu unternehmen und den heranfahrenden Fahrzeugen keinen Widerstand zu leisten. Sein zweiter Befehl, den Intervenierenden Hilfe zu leisten, wurde von allen Armeeteilen spontan ignoriert.

Das kommunistische und traditionell prosowjetische Kommando der Tschechoslowakischen Volksarmee befand sich in einer Zwickmühle. Für eine Verteidigung gegen die Verbündeten hatte sich die Tschechoslowakische Volksarmee nie vorbereitet. Sie übte immer den Kampf gegen die Armeen der NATO-Staaten in Kooperation mit den anderen Armeen der Staaten des Warschauer Paktes. Die Tschechoslowakei war auch gänzlich von den Erdöllieferungen aus der Sowjetunion abhängig. Ihre Unterbrechung hätte einen maßgeblichen Einfluss auf die Kampffähigkeit der Armee ausgeübt. Bedeutend war aber ebenso die zwanzig Jahre anhaltende autoritäre Unterordnung und die starke innenpolitische Position Moskaus. Einen wirklichen Widerstand hatte das Armeekommando nie in Betracht gezogen.

Trotz der Umstellung der Kasernen und teilweiser Versuche zur Entwaffnung versuchten sowohl die Mannschaften als auch die Offiziere in vielen Fällen, Widerstand zu leisten. Sie verbreiteten die Ausstrahlungen des freien Rundfunks mit Fernmeldemitteln, störten die Verbindungen der Interventionsarmeen, stellten Druckmaschinen zur Herstellung von Flugblättern zur Verfügung, richteten Reservestäbe ein, führten Spionagetätigkeiten gegen die Interventionsarmeen durch, befestigten Objekte in Kasernen, errichteten unterirdische Kommandostrukturen und bereiteten Maßnahmen zum Ausschleusen bedrohter Personen ins Ausland vor. In vielen Fällen beantragten Soldaten bei der oberen Führung die Ausgabe des Befehles zur Befreiung der entführten staatlichen und politischen Vertreter.

Sowjetsoldaten mit dem Prager Hradschin im Hintergrund.
(Foto: Militärgeschichtliches Institut Prag)

Die dramatische Situation hatte alleine in Prag am 21. August den Tod von neunzehn Zivilisten zur Folge. Zum Beispiel verursachte eine Munitionsexplosion in einem brennenden sowjetischen T-55-Panzer nahe des tschechoslowakischen Rundfunkgebäudes den Tod von vier Zivilisten. Auch in Reichenberg (Liberec) wurden hohe Opferzahlen verzeichnet: Am ersten Tag der Intervention starben neun Menschen an Schussverletzungen, acht wurden schwer und fünfzehn leicht verletzt. Im mährischen Proßnitz töteten am 25. August verwirrte Soldaten einer sowjetischen Fahrzeugkolonne durch unbedachtes Feuer drei Bewohner und verletzten weitere neun schwer.

Die Kommandanten der sowjetischen Einheiten, welche die einzelnen Städte besetzten, ernannten sich zu ihren militärischen Kommandanten. Sie erließen gleich am folgenden Abend ein Ausgangs- und Versammlungsverbot und führten die Zensur der Medien durch das sowjetische Militär ein. Laut offizieller Verlautbarungen kamen die Truppen, um brüderliche Hilfe zu leisten, die Errungenschaften des Sozialismus zu retten und die tschechoslowakische Bevölkerung vor der Bedrohung einer Konterrevolution sowie vor äußerer Gefahr aus dem Westen zu schützen. In Wirklichkeit verhielten sich die Interventionssoldaten gegenüber der tschechoslowakischen Bevölkerung wie gegenüber Feinden. Die sowjetischen Soldaten stahlen und bedrohten die Bürger mit Waffen. Das Verhalten der ungarischen und polnischen war genauso feindselig.

Verhalten der Besatzungssoldaten

Im Zeitraum von August bis Dezember 1968 kamen, laut letztem Stand der Forschung, aufgrund der militärischen Intervention 137 tschechoslowakische Staatsbürger ums Leben. In den ersten zehn Tagen, also vom 21. bis 31. August, starben die meisten - ungefähr 90 Menschen. Einschränkungen der persönlichen Freiheit kamen massenhaft vor, meistens unter Androhung von Waffengebrauch. Die Besatzungstruppen hielten mindestens 172 Personen fest, interniert oder verschleppten diese sogar ins Ausland. Die Soldaten kontrollierten die Bürger willkürlich und durchsuchten Autos beziehungsweise Häuser und Wohnungen. Sie verhörten die Angehaltenen und zwangen sie, gegen die Besetzung gerichteten Parolen und Plakate zu entfernen. Die schlecht versorgten bewaffneten Soldaten plünderten in Massen Geschäfte oder besetzte Objekte.

Die Zahl der 23 Opfer im September 1968 zeigt zwar eine Verringerung der Opferzahlen, bewies aber zugleich die Tatsache, dass sich die Lage nicht beruhigt hatte. Die Soldaten nutzten auch ihre Waffen in alkoholisiertem Zustand oder bei Überfällen. Es kam zu Verletzungen bei Raufereien und Auseinandersetzungen mit Zivilisten. Viele Opfer forderten Verkehrsunfälle, verursacht durch die ausländische Militärtechnik. Zusätzlich traten hunderte Fälle von Einschränkungen der persönlichen Freiheit auf. Die sowjetische Seite nutzte zur Schikane und Provokation ihre illegal eingerichteten Kommanden in Groß- und Kreisstädten. Im Oktober kamen 18 weitere Menschen zu Tode. Überwiegend handelte es sich dabei um Opfer aus Verkehrsunfällen mit sowjetischen Soldaten. In den Städten kam es wegen der gewaltsamen Verbreitung von Okkupationsdruckschriften wiederholt zu Ausschreitungen. Der Abzug der Besatzungsstreitkräfte aus dem Land hatte ein rapides Sinken der Todesopfer auf vier Personen im November 1968 zur Folge - im Dezember waren es „nur“ noch zwei Tote.

Die tschechoslowakische Bevölkerung leistete Widerstand gegenüber den Invasiontsruppen des Warschauer Paktes. Viele bezahlten mit ihrem Leben. (Foto: CIA/Public Domain)

Sowjetische Quellen geben an, dass ungefähr hundert eigene Soldaten bei der Intervention in der Tschechoslowakei gestorben seien. Für die Behauptung, dass zwölf Soldaten durch die Hand von tschechoslowakischen „Konterrevolutionären“ getötet worden sein sollen, gibt es keine Belege. Die Haupttodesursache waren Unfälle mit militärischem Gerät, falsches Hantieren mit Waffen und Selbstmord. Von der Polnischen Volksarmee sollen zehn Soldaten umgekommen sein, weiters starben ein ungarischer und ein bulgarischer Soldat. Nur der bulgarische Überläufer, Nikolai Cwetkow Nikolow, wurde als Einziger nachweislich von tschechoslowakischen Bürgern ermordet.

Dauerhafte Stationierung sowjetischer Truppen

Die Intervention wurde durch die massive Verbreitung von propagandistischen Flugblättern, Nachrichten, Broschüren und Ausstrahlungen des anonymen Rundfunksenders „Vltava“ aus der DDR sowie dem Stören des freien Rundfunks in der Tschechoslowakei (RFE, VOA, BBC) unterstützt. Trotz tschechoslowakischer Proteste hielt die Verbreitung von falschen Informationen seitens der Besatzer bis zum Frühling 1969 an.

Leonid Iljitsch Breschnew (* 1906 - † 1982) war ein sowjetischer Politiker und von 1962 bis 1982 Parteichef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), und zugleich Staatschef der UdSSR. 1968 wurde die „Breschnew-Doktrin“ auf einem Parteitag verkündet. Sie schränkte die Souveränität der „Warschauer Pakt“-Staaten weiter ein und sah Interventionen vor, sollte der Sozialismus in einem dieser Staaten bedroht sein. Die Beurteilung des Vorliegens einer Bedrohung lag alleine in der Macht der Sowjetunion.
(Foto: Foto: Bundesarchiv, Bild 183-F0417-0001-011/Kohls, Ulrich/CC BY-SA 3.0)

Nach einigen Wochen zeigte sich, dass offensichtlich die Dislokation der Sowjetarmeen in der Tschechoslowakei das nächste Ziel der Intervention gewesen war. Sie war nämlich das einzige, an einen potenziellen Feind, angrenzende Land des Ostblocks, wo bisher keine sowjetischen Truppen stationiert waren. Gewisse Meinungen der Vertreter der Tschechoslowakischen Volksarmee riefen bei der sowjetischen militärischen Führung zusätzlich Beunruhigung hervor, da sie während des Prager Frühlings die Absicht ankündigten, selbstständig über die Militärpolitik des Staates entscheiden zu wollen und die geringen Befugnisse in der Führung des Warschauer Paktes kritisierten.

Die politische Führung der CSSR hoffte, dass es durch das Beruhigen der Bevölkerung gelingen würde, die „Verbündeten“ vom Missverständnis der ganzen Intervention zu überzeugen und somit ein schnelles Abziehen der Streitkräfte zu erwirken. Sie nahmen im Gegenzug an, dass ein gewaltsamer Widerstand die Besatzungseinheiten zu größerem Nachdruck bei der Wiederherstellung der Ordnung nach sowjetischer Vorstellung verleiten würde. Zum ersten Rückzug der Besatzungstruppen aus den Städten und Parkanlagen in Lager auf dem Land kam es tatsächlich bereits Anfang September 1968. Gleichzeitig begann aber in der Öffentlichkeit die Absicht durchzusickern, dass sowjetische Truppen im Land verbleiben würden. Spätestens am 12. September war bereits über die erste Forderung der sowjetischen Vertreter die Rede, dass drei Divisionen an der Westgrenze der Tschechoslowakei verbleiben sollten. Leonid Breschnew überlegte sogar eine Entsendung von 250.000 Soldaten. Gleichzeitig versprach er inoffiziell, die Streitkräfte sofort abzuziehen, sobald die angebliche Gefahr für den Sozialismus vorbei sei. Im Herbst war die Rede von einer vorübergehenden Dislozierung über den Winter oder bis zu zwei Jahren.

Der „Vertrag zwischen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik und der Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Bedingungen des vorübergehenden Aufenthaltes sowjetischer Streitkräfte auf dem Gebiet der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik“ wurde zum Grunddokument, das den Aufenthalt der sowjetischen Truppen in der Tschechoslowakei regelte. Dieser wurde von der tschechoslowakischen und sowjetischen Delegation am 14. und 15. Oktober in Moskau ausgehandelt und am 16. Oktober in Prag vom Ministerpräsidenten der CSSR, Oldrich Cerník, und dem Ministerpräsidenten der UdSSR, Alexei Kossygin, unterzeichnet.

„Russen, kehrt heim! Tod den Okkupanten“ steht auf dem Graffiti einer Häuserwand. 75.000 Mann Besatzung blieben bis 1991 in der CSSR. (Foto: FORTEPAN/Konok Tamás id/CC BY-SA 3.0)

Ende der Operation „Dunaj“

Der Vertrag legalisierte die Dislozierung der Truppen in der Stärke von circa 75.000 Soldaten mit Ausrüstung und Gerät der Landstreitkräfte sowie 200 Flugzeugen und Hubschraubern. Zum Vergleich: Die Nordgruppe der sowjetischen Truppen in Polen hatte ungefähr 40.000 Soldaten, die Südgruppe in Ungarn 80.000. Die größte Gruppe der sowjetischen Truppen befand sich mit 337.000 Soldaten in der DDR. Im Vertrag über den vorübergehenden Aufenthalt der sowjetischen Truppen in der CSSR vom 16. Oktober 1968 war nichts bezüglich des Abziehens der Truppen angeführt, genauso wie es bei den Verträgen mit den anderen genannten Ländern der Fall war.

Am 25. Oktober 1968 wurde feierlich die Aufstellung der Mittelgruppe der sowjetischen Truppen verkündet. Die Tschechoslowakische Volksarmee stellte umgehend einen Teil ihrer Kasernen zur Verfügung, die ab dem 1. November von den sowjetischen Soldaten bezogen wurden. Die Operation „Dunaj“ endete offiziell am 15. November 1968. Nach der Unterzeichnung des Vertrages verließ bis zum 4. November der Großteil der sowjetischen Truppen - und alle polnischen, ungarischen und bulgarischen Truppen - das Gebiet der Tschechoslowakei.

Die Mittelgruppe der sowjetischen Truppen hatte fünf Bodendivisionen und eine Fliegerdivision. Das Kommando war im abgelegenen Ort Milovice (circa 50 km nordöstlich von Prag) angesiedelt, wo sich die 15. Panzerdivision befand. Zusätzlich war auf dem nahe gelegenen Flughafen Boží Dar das Kommando der 131. gemischten Fliegerdivision und ein Jagdfliegerregiment stationiert. Drei weitere Fliegerregimenter befanden sich auf den Flughäfen Kummer (Hradcany), Olmütz (Olomouc) und Altsohl (Zvolen). Die 18. motorisierte Gardedivision war in Jungbunzlau (Mladá Boleslav) und die 185. Raketenbrigade in Turnau (Turnov) stationiert. Dem Kommando des 28. Armeekorps in Olmütz unterstand die 31. Panzerdivision in Freudenthal (Bruntál), die 48. motorisierte Schützendivision in Hohenmaut (Vysoké Mýto) und die 30. motorisierte Gardeschützendivision in Altsohl. Die sowjetischen Truppen waren nicht nahe der westlichen Grenze aufgestellt, sondern eher entlang der Verkehrsverbindungen mit den sowjetischen Truppen in der DDR und Polen, und zuletzt nicht unweit großer tschechoslowakischer Städte, wo sie bei etwaigen Unruhen eingreifen hätten können.

Im Kriegsfall wären die drei sowjetischen Divisionen im Norden und Nordwesten in der Lage gewesen, sich in lediglich 24 Stunden zur Westgrenze zu verschieben. Zwei weitere im Osten dislozierte Divisionen hätten zwar drei Tage zum Erreichen der Westgrenze gebraucht, konnten aber als Reserve oder als Kräfte zur Sicherung der Verkehrsverbindungen dienen. Nahe der West- und Südgrenze mit der BRD und mit Österreich waren nur Truppenteile für die elektronische Kampfführung und Fernmeldeverbindungen stationiert.

Präsenz bis zum Ende des Kalten Krieges

Die Situation beruhigte sich nur langsam. So gab es zum Beispiel während des Jubiläums der sogenannten Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland am 7. November 1968 in vielen tschechoslowakischen Städten Massenproteste. Der Grund dafür war unter anderem die traditionelle Ausschmückung der Straßen mit sowjetischen Flaggen, die an diesem Tag zur Zielscheibe des Zorns der Demonstranten wurden. Die tschechoslowakische Polizei - nicht die sowjetischen Truppen - traten als einschreitendes Organ auf.

Gegen Ende des Jahres 1968 verursachten sowjetische Soldaten in Prag, Jungbunzlau, Olmütz und in weiteren Städten eine Reihe von Vorfällen. Der Vertrag über den vorübergehenden Aufenthalt wurde in vielen Aspekten nicht eingehalten. Die sowjetische Militärpräsenz in der Tschechoslowakei dauerte bis zum Juni 1991.

Dr. Prokop Tomek ist am Militärgeschichtlichen Institut Prags tätig und Autor zahlreicher Fachpublikationen.

 

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