• Veröffentlichungsdatum: 20.02.2019

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Die Schlacht um Marawi

Jürgen Scherl, Alexander Böhm

Taktische Lehren für künftige Konflikte

Erster Lokalaugenschein von Behördenvertretern im „Ground Zero“ (Kampfzone) im November 2017. (Foto: Philippine Information Agency, Public Domain)
Erster Lokalaugenschein von Behördenvertretern im „Ground Zero“ (Kampfzone) im November 2017.(Foto: Philippine Information Agency, Public Domain)

Am 23. Mai 2017 besetzten 500 Kämpfer der dschihadistischen Maute-Gruppierung die Stadt Marawi, um, nach dem Vorbild des Islamischen Staates (IS) im Irak und in Syrien, auch auf den Philippinen ein Kalifat zu errichten. Die Rückeroberung der Großstadt durch die philippinischen Streitkräfte führte zu einer fünf Monate andauernden Schlacht, in der mehr als 10.000 Soldaten die Stadt letztlich nur durch ihre großflächige Zerstörung befreien konnten. Ähnlich der Schlacht um Mossul im Irak von 2016 bis 2017 wurden den nationalen Streitkräften Ausbildungs- und Ausrüstungsmängel für den Kampf im urbanen Umfeld nachgesagt. Eine militärische Niederlage konnte nur durch den unbeugsamen Willen zum Sieg, durch kurzfristige Anpassungen in der taktischen Einsatzführung und der internationalen militärischen Unterstützung abgewendet werden.

Marawi (auch „Islamic City of Marawi“) ist eine Großstadt mit rund 200.000­ Ein­wohnern auf der Insel Mindanao im Süden der Philippinen. Als Hauptstadt der Provinz Lanao del Sur ist Marawi Teil der Autonomen Region Muslimisches Mindanao (ARMM), in der der Großteil der muslimischen Bevölkerung auf den Philippinen beheimatet ist. Marawi selbst ist das islamische Zentrum der Philippinen mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil von etwa 92 Prozent.

Konfliktgeschichte der ARMM

Die Lage der Stadt Marawi im Distrikt Lanao del Sur. (Grafik: Mike Gonzalez, CC BY-SA 3.0)
Die Lage der Stadt Marawi im Distrikt Lanao del Sur. (Grafik: Mike Gonzalez, CC BY-SA 3.0)

Der Ausbreitung des Islam auf den Philippinen ab dem 14. Jahrhundert wird durch die spanisch-christlichen Kolonisten von Anbeginn entgegengewirkt. Die systematische Unterdrückung der muslimischen Bevölkerung, der Moro (spanisch für Mauren), führt zu einem jahrhundertelangen blutigen Aufstand und Kampf gegen die Staatsführung. Die Loslösung der muslimischen Regionen auf Minda-nao von der Republik der Philippinen und die Gründung eines eigenen Staates (der Bangsamoro genannt werden sollte) bleibt bis in die Gegenwart unerfüllt.

In den 1970er-Jahren formierten sich während der bewaffneten muslimischen Rebellion zwei radikal-islamische Gruppierungen - die Moro National Liberation Front (MNLF) und aus ihr in der Folge die Moro Islamic Liberation Front (MILF). Jahrelange gewalttätige Auseinandersetzungen gegen die philippinische Verwaltung und deren Sicherheitskräfte führen in den 1980er-Jahren zu ersten Friedensverhandlungen und 1990 schließlich - nach Zustimmung der MNLF - zur Errichtung einer muslimischen Autonomieregion auf Mindanao, zur Autonomen Region Muslimisches Mindanao. Während sich die MNLF und später auch die MILF als Teil der politischen Lösung sahen und den militärischen Aufstand beendeten, führen abgespaltene irreguläre „Kleingruppen“ - wie die Maute - die Rebellion weiter fort. Der Autonomiestatus griff für sie zu kurz.

Aufstieg der Maute-Gruppierung

Ein Gründer der Maute-Bewegung: Abdullah Maute. (Foto: Philippine National Police, Public Domain)
Ein Gründer der Maute-Bewegung: Abdullah Maute.
(Foto: Philippine National Police, Public Domain)
Ein Gründer der Maute-Bewegung: Omar Maute. (Foto: Philippine National Police, Public Domain)
Omar Maute, Mitbegründer der Maute-Gruppierung.
(Foto: Philippine National Police, Public Domain)

Die einflussreiche Familie Maute aus der Provinz Lanao del Sur entwickelte sich in wenigen Jahren von einem kriminellen Familienclan zu einer kampfkräftigen irregulären Gruppierung. Inspiriert durch den IS, gründeten die Brüder und ehemaligen MILF-Kämpfer Omar und Abdullah Maute im Jahr 2012 die Maute-Gruppierung. Der Ursprung der Maute lag in Butig, einer Kleinstadt 40 km südlich von Marawi. Zur Machtausweitung schloss die Gruppe Verbindungen zu indonesischen und malaysischen irregulären Gruppen und zu Al Kaida sowie zur Abu Sayyaf-Terrorgruppierung. Im Jahr 2015 schwörte die Maute medienwirksam dem IS die Treue, verkündete für die Provinz Lanao del Sur die Gründung eines Kalifates (Islamic State of Lanao) und machte den Gründer der Abu Sayyaf, Isnilon Hapilon, zum Emir des Kalifates. Durch die Vernetzung mit anderen Akteuren entwickelte sich der Maute-Clan zur einflussreichsten und durchsetzungsstärksten irregulären Gruppierung auf Mindanao mit mehreren hundert Kämpfern.

Kampfweise der Maute

Konfiszierte Waffen der Maute-Gruppe. (Foto: Army's 1st Infantry Division Public Information Office, gemeinfrei)
Konfiszierte Waffen der Maute-Gruppe. (Foto: Army's 1st Infantry Division Public Information Office, gemeinfrei)

Ein Kalifat auf Mindanao erfordert auch die Inbesitznahme von urbanen Räumen zur Untermauerung der eigenen Absicht. Angesichts der eigeschränkten personellen und logistischen Möglichkeiten, bedient sich die Maute subkonventioneller Kampfweisen. Urbane Räume werden dabei handstreichartig in Besitz genommen. Nach erfolgter Infiltration wird die wichtige Infrastruktur (u. a. Rathaus, Moscheen, Schulen) angegriffen und die Kontrolle durch das Aufziehen der Flagge des IS sichtbar gemacht. Kampferprobte Verfahren und Techniken des IS (siehe dazu auch TD-Heft 1/2018, „Rückeroberung der IS-Hochburg Mossul“) werden dabei erfolgreich angewendet. Die anschließende Verteidigung der Räume basiert auf ausgebauten Stützpunkten sowie auf dem Einsatz von Improvised Explosive Devices (IED) und Scharfschützen im „Zwischengelände“. „Off the shelf“-Drohnen werden zu Aufklärungszwecken genutzt; (Suicide) Vehicle Bourne Improvised Explosive Devices ([S]VBIED) werden nicht eingesetzt. Die Abkehr vom „traditionellen“ Dschungelkampf und die vermehrte Nutzung des urbanen Raumes stellen die philippinischen Streitkräfte (AFP) vor große Herausforderungen bei der Wiederherstellung der Kontrolle des Raumes. Ausbildung und Ausstattung der AFP sind auf den Kampf im Dschungel und im Gebirge, den „traditionellen“ Rückzugsräumen der irregulären Kämpfer, ausgerichtet.

Als Vorbote für Marawi kann die Besetzung der Kleinstadt Butig durch die Maute im Februar und November 2016 angesehen werden. Zwar gelang es der AFP, die Stadt nach Tagen zurückzuerobern, die Masse der Maute-Kämpfer konnte sich jedoch absetzen. Während die Maute zu wichtigen Erkenntnissen für den Kampf gegen die AFP gelangte, verabsäumten es die philippinischen Streitkräfte, sich an das Einsatzumfeld und den Gegner anzupassen.

Marawi als urbane Kampfzone

Die Maute wählte Marawi 2017 bewusst als Angriffsziel. Die Stadt unterscheidet sich deutlich von den übrigen Großstädten auf Mindanao. Mit einer Ausdehnung von etwa 2,5 x 3,5 km (vergleichbar mit Bregenz) und etwa 200.000 Einwohnern (vergleichbar mit Linz) hat die Stadt eine hohe Bevölkerungsdichte mit einer geschlossenen und „robusten“ Bauweise, die eine Verteidigung begünstigt. Bei nahezu allen Gebäuden handelt es sich um eng aneinandergereihte massive Stahlbetonbauten mit einer Höhe von bis zu fünf Stockwerken. Ein- und Mehrfamilienhäuser sind, aufgrund der „traditionellen“ Clan-Kriege in der Region, in Form von kleinen Festungen (mit Gartenmauern) angelegt.

Strukturell ist die Stadt sektorenartig angeordnet. Die Hauptverbindungslinien laufen im Stadtzentrum zusammen. Markant ist die Nord-Süd-Teilung der Stadt durch den ausfließenden Agus (vergleichbar mit dem Donaukanal in Wien), der an drei leistungsfähigen Brücken überschreitbar ist. Marawi liegt zudem am nördlichen Ufer des Lanao-Sees. Das hügelige Stadtgebiet weist unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten und Höhenunterschiede von bis zu 100 Metern auf.

Die Stadt lässt sich in vier Bereiche gliedern: den Stadtrand, das Stadtzentrum, das Agus-Flussbett sowie das Wohn- und Glaubenszentrum im Osten. Der Stadtrand setzt sich aus dünn besiedelten Räumen und hügeligem Ackerland zusammen. Lose ein- bis zweistöckige Einzelbauten (aus Blech und Beton) liegen an breiten Schotterwegen und Straßen. Hervorzuheben in diesem Raum ist die wichtige Infrastruktur, wie die Mindanao State University, der Provinzregierungssitz von Lanao del Sur sowie das Camp Ranao mit der dislozierten 103. Infanteriebrigade der AFP.

Das radial angeordnete Stadtzentrum westlich des Agus ist das Verwaltungszentrum der Stadt. Entlang schmaler Straßen finden sich zwei- bis vierstöckige Gebäude sowie bedeutende Infrastruktur, wie das Rathaus, das Krankenhaus, das Agus-Wasserkraftwerk und zwei Moscheen.

Das Agus-Flussbett stellt aufgrund seiner tiefen Einschneidung und der dichten Uferbebauung einen eigenen Stadtbereich dar. Die drei leistungsfähigen Brücken sind zweispurig, massiv in ihrer Bauweise und bis zu 100 Meter lang.

Ost-Marawi, das Wohn- und Glaubenszentrum, ist mit einer Ausdehnung von ca. 850 x 850 m der am dichtesten besiedelte Stadtteil mit drei- bis fünfstöckigen Wohnblöcken und mehreren Moscheen (darunter die Grande Mosque). Der Stadtteil ist schachbrettartig mit schmalen Gassen und verwinkelten Wegen angelegt. Die Bevölkerung von Marawi lebt großteils unter ärmlichen Bedingungen. Die Entwicklungshilfe aus Manila fällt zu gering aus, um der Armut entgegenzuwirken. Das Dasein und Handeln der Maute wird geduldet und vielfach unterstützt.

Struktur der Stadt sowie Grad der Zerstörung nach der Schlacht um Marawi. (Grafik: Ervin Malicdem/CC BY-SA 4.0)
Struktur der Stadt sowie Grad der Zerstörung nach der Schlacht um Marawi. (Grafik: Ervin Malicdem/CC BY-SA 4.0)

Die Inbesitznahme von Marawi durch die Maute

Unter Führung von Omar und Abdullah Maute wurde die Inbesitznahme von Marawi über Monate vorbereitet. Kämpfer der Maute, der Abu Sayyaf und anderer Gruppierungen (Bangsamoro Islamic Freedom Fighters, Ansar Khalifa Philippines, IS) wurden in Marawi zusammengeführt und begannen mit den Vorbereitungen. Neben der Aufklärung des Raumes wurden Gefechtsstände vorwiegend in Ost-Marawi eingerichtet sowie Lager für Waffen, Munition, Gerät und Verpflegung (auch unter Nutzung von Moscheen) angelegt. Mit der Unterstützung durch Teile der Bevölkerung erfolgte bereits frühzeitig der Ausbau von Stützpunkten. Tunnelsysteme wurden angelegt, um gedeckte Bewegungen zu ermöglichen und sich der Aufklärung und der Luftunterstützungsmittel der AFP zu entziehen. Ebenso wurden Hinterhalte, Baumsperren - vor allem im Bereich der Agus-Brücken - sowie Stellungen für Waffensysteme (RPG-7, Maschinengewehre, Scharfschützen, Granatwerfer) im Zwischengelände angelegt.

Das Überraschungsmoment nutzend, gelang der Maute die handstreichartige Inbesitznahme von Marawi im Mai 2017. Die Erkenntnisse aus Butig, die Infiltration von „foreign fighters“ sowie die Vorbereitungen der Maute wurden durch die AFP schlichtweg negiert.

Nachdem die Maute die Planungen zur Gefangennahme von Isnilon Hapilon durch die AFP für den 23. Mai in Ost-Marawi aufklärte, wurden die eigenen Angriffsplanungen kurzfristig angepasst. Die Absicht der Maute war es, in der ersten Phase die zur Gefangennahme von Isnilon Hapilon eingesetzte Task Force der AFP in einem Hinterhalt zu vernichten, in der Folge wichtige Geländeteile und Infrastruktur gleichzeitig in Besitz zu nehmen und anschließend in die Verteidigung überzugehen.

In einem vorbereiteten Hinterhalt wurde am 23. Mai die aus dem Camp Ranao anmarschierende Task Force der AFP (Teile der 103.InfBrig) und Philippinische Nationalpolizei (PNP) im Bereich des Banggolo Marktes in Ost-Marawi überfallsartig angegriffen. Nahezu zeitgleich griffen kompaniestarke Maute-Kräfte das Camp Ranao unter Einsatz von Sprengstoff, Scharfschützen, Panzerabwehrwaffen und Granatwerfern an, um ein Zuführen von AFP-Verstärkungskräften in die Stadt zu verhindern. Zu diesem Zweck wurden auch die Agus-Brücken in Besitz genommen und blockiert. Des Weiteren erfolgte der Angriff von jeweils etwa zugsstarken Elementen auf die wichtige Infrastruktur am westlichen Stadtrand und im Stadtzentrum. Die Universität, das Rathaus, das Krankenhaus sowie die Gebäude der Provinzregierung wurden rasch in Besitz genommen und Zivilisten als menschliche Schutzschilde an den Angriffszielen belassen. In Ost-Marawi erfolgte die Inbesitznahme von zwei Gefängnissen, vom Polizeihauptquartier, von einer Schule, einer katholischen Kirche sowie von vier Moscheen. Die wichtigen Stadtausfahrten wurden abgeriegelt und Kontrollpunkte eingerichtet. Religiös motivierte Ermordungen werden an der fliehenden christlichen Bevölkerung verübt.

In den Abendstunden des 23. Mai war Marawi unter der Kontrolle von etwa 500 Maute-Kämpfern, die Stadteinfahrten und wichtige Geländeteile waren genommen. Gegenstöße der AFP-Einheiten aus dem Camp Ranao konnten unterbunden werden.

Gliederung der für die Terroristenbekämpfung gebildeten Task Force. (Grafik: Autor, Montage: Rizzardi)
Gliederung der für die Terroristenbekämpfung gebildeten Task Force. (Grafik: Autor, Montage: Rizzardi)

Rückeroberung von Marawi durch die AFP

Die Rückeroberung der Stadt durch die AFP wurde noch am selben Tag eingeleitet. Der Einsatz lässt sich dabei in fünf Phasen unterteilen:

  1. Kräfteformierung und Inbesitznahme des Stadtzentrums;
  2. Kampf um das Agus-Flussbett und Integration der Verstärkungskräfte;
  3. Isolierung der Stadt und Konsolidierung
  4. Einbruch in Ost-Marawi und Inbesitznahme der Agus-Brücken
  5. Inbesitznahme von Ost-Marawi.
Lagedarstellung der JTFM. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)
Lagedarstellung der JTFM. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)

Phase 1 - Kräfteformierung und Inbesitznahme des Stadtzentrums

Philippinischer Soldat der 2nd Mechanized Infantry Brigade 3. (Foto: Philippine Information Agency, gemeinfrei)
Philippinischer Soldat der 2nd Mechanized Infantry Brigade 3. (Foto: Philippine Information Agency, gemeinfrei)

Die Kräfte der AFP und der PNP konnten sich erst in den Abendstunden des 23. Mai konsolidieren. Auf strategischer Ebene reagierte Staatspräsident Duterte mit der Verhängung des Kriegsrechtes über ganz Mindanao. Aufgrund des Angriffsausmaßes wurde das Western Mindanao Command (WMC) aktiviert, das als Territorialkommando der philippinischen Streitkräfte für die Teilstreitkräfte-übergreifende Führung von Einsätzen im Rahmen von Counter-Insurgency, Counter-Terrorism und von Counter-Guerilla-Operationen spezialisiert ist. Verbände und Einheiten des WMC verlegten noch am 23. Mai ins Camp Ranao. Durch das WMC wurde die Joint Task Force Marawi (JTFM) als führendes operativ-taktisches Kommando aufgestellt. Der Kampfwert der JTFM konnte als „mittel bis niedrig“ bewertet werden. Die Verbände waren personell nur zum Teil befüllt, es mangelte an Gerät bzw. gepanzerten Kampf- und Gefechtsfahrzeugen (GKGF), und die Ausrüstung war veraltet sowie nicht für den Einsatz im urbanen Gelände ausgelegt.

Ohne Vorbereitung wurde am 24. Mai in Phase 1A (siehe Grafik unten) der Angriff vom Camp Ranao auf das Stadtzentrum über vier nicht-zusammenhängende Angriffsachsen geführt. Die Infanteriebataillone (InfB) traten in West-Marawi rasch in den Kampf mit der Maute, wobei Angriffsrichtung und -zeitpunkt durch Drohnen frühzeitig aufgeklärt wurden. Das Vorgehen abgesessener Infanterie ohne vorgestaffelte Aufklärung führte den Infanteriebataillonen rasch die Schwächen in der eigenen Kampfführung vor Augen. IED sowie der Einsatz von Scharfschützen und Panzerabwehrwaffen aus vorbereiteten Stellungen führten zu erheblichen Verlusten. Stützpunkte konnten vielfach nur durch den Einsatz von Luftnah- und Artillerieunterstützung genommen werden, und die Einsatzführung wurde durch Flüchtlingsströme stark eingeschränkt. Aufgrund mangelhafter Synchronisation und fehlender präziser Wirkmittel der Kampfunterstützung stiegen die Kollateralschäden rapide an. Nur durch die Zuführung von weiteren Kräften, vor allem von Sondereinsatzkräften (SEK) aus Manila, konnten die Angriffsziele am westlichen Stadtrand und im Stadtzentrum - die Universität, das Rathaus, das Krankenhaus und der Provinzregierungssitz - am 26. Mai 2017 rückerobert werden.

Erste Angriffsphase der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)
Erste Angriffsphase der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)

In Phase 1B erfolgte der weitere Vorstoß an drei selbstständigen Angriffsachsen auf das Stadtzentrum. Je weiter sich die verstärkten Infanteriebataillone im objektbezogenen Ansatz dem Agus näherten, desto nachhaltiger wurde die Verteidigung der Maute, die im Stadtzentrum tiefgestaffelt zugsstarke Stützpunkte besetzte. Aufgrund der hohen Baudichte musste in Verbindung mit der IED- und RPG-Bedrohung auf eine Unterstützung durch gepanzerte Kampf- und Gefechtsfahrzeuge verzichtet werden. Die Schutzklasse der Fahrzeuge war zu gering. Vernachlässigt wurden zu diesem Zeitpunkt die Koordinierung des Angriffes unter den Infanteriebataillonen als auch die Isolierung der Stadt. Der Maute wurde es dadurch ermöglicht, Kräfte und Mittel über den Land- und Seeweg aus Butig nachzuführen. Es dauert bis zum 31. Mai, bis das Stadtzentrum in Besitz genommen werden konnte. Durch die hohen Verluste stand allerdings ein Abbruch und Scheitern der Operation im Raum. Die durch die JTFM kalkulierte Einsatzdauer von zehn bis 15 Tagen bekräftigt die Fehleinschätzung der Lage.

Phase 2 - Kampf um das Agus-Flussbett und Integration der Verstärkungskräfte

Trotz der Zuführung weiterer Verbände und einem Kräfteverhältnis von 10:1 waren die Fortschritte der vorgehenden InfB und Spezialeinsatzkräfte nur kleinräumig und verlustintensiv. Durch den steigenden Kräftebedarf zum Halten des genommenen Geländes vergingen zwei Wochen nach Einsatzbeginn. Unterstützungsansuchen durch die AFP an die MNLF, die der JTFM leichte Infanteriebataillone bereitstellte, und an die MILF. Diese Verbände übernahmen in weiterer Folge die Isolierung der Stadt. Dadurch konnte eine Infiltration durch Maute-Kämpfer über den Landweg nach Ost-Marawi unterbunden werden. Zum Schutz der Bevölkerung wurden Flüchtlingskorridore errichtet sowie humanitäre Hilfe bereitgestellt.

Als entscheidender „Gamechanger“ stellte sich die internationale militärische Unterstützung heraus. Die USA und Australien verlegten Spezialeinsatzkräfte zu Trainings- und Ausbildungszwecken, qualifiziertes Fachpersonal (wie Joint Terminal Attack Controller - JTAC, taktischer Fliegerleittrupp), taktische Drohnen (RQ-11 „Raven“), luftgestützte Aufklärungssysteme (P-3 „Orion“) sowie Präzisionswirkmittel für die Unterstützung der AFP. Durch diese Elemente wurde die Effektivität der JTFM rasch erhöht. Die weiterhin bestehende mangelnde Fähigkeit der Infanteriebataillone zur urbanen Kampfführung musste durch den Einsatz von Artillerie- und Luftnahunterstützung ausgeglichen werden. Der Zunahme von Kampfunterstützungsmitteln wurde seitens der Maute durch In-Brand-Setzungen und das Erzeugen von schweren Rauchentwicklungen entgegengewirkt, um die Zielaufklärung und Feuerbeobachtung der AFP zu hemmen.

Nach mehr als einem Monat standen Ende Juni 2017 die Infanteriebataillone weiterhin im Kampf um das Agus-Flussbett.

Phase 3 - Isolierung der Stadt und Konsolidierung

Die vollständige Isolierung der Stadt in Phase 3  war der Wendepunkt in der Einsatzführung der JTFM. Elemente der Naval Forces Western Mindanao schlossen den fehlenden Teil des äußeren Sicherungsringes über den Lanao-See. Marawi war nunmehr isoliert.

Angriffsphase 3 der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)
Angriffsphase 3 der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)

Durch eine Umgruppierung und den Einsatz von verstärkten Bataillonskampfgruppen (BKG) konnte die nördliche Agus-Brücke am 20. Juli 2017 genommen werden. Das Lagebild der Bodentruppen verbesserte sich durch die Verdichtung der Aufklärung und führte zur Erhöhung des Einsatztempos sowie zur Reduktion von Verlusten. Mit der Verbesserung der Drohnenabwehr konnte auch die Reaktionsfähigkeit der Maute reduziert werden.

Nach Inbesitznahme der nördlichen Agus-Brücke und der Schaffung eines ersten „Brückenkopfes“ nach Ost-Marawi, ging die JTFM zum Zweck der Versorgung und Ausbildung in eine dreiwöchige Konsolidierungsphase über. US- sowie australische Spezialeinsatzkräfte und Spezialisten leiteten die Häuserkampfausbildung der Kompanien und Züge sowie die taktische Führungsausbildung der Bataillons- und Brigadestäbe. Die Konsolidierungsphase endete Mitte August 2017. Am Ende der Phase 3 befanden sich noch etwa 300 Kämpfer und 1.000 eingeschlossene Zivilisten in Ost-Marawi. Der Grad der Zerstörung der Stadt lag zu diesem Zeitpunkt bereits bei über 50 Prozent.

Phase 4 - Einbruch in Ost-Marawi und Inbesitznahme der Agus-Brücken

Anfang September 2017 war eine Kampfwertsteigerung der JTFM erkennbar. Unter Abriegelung der Räume entlang des Agus und der nordöstlichen Stadtausgänge durch jeweils brigadestarke Kräfte erfolgte in Phase 4A (siehe Grafik unten) der Einbruch in Ost-Marawi aus einer geänderten Angriffsrichtung. Entlang von drei zusammenhängenden Angriffsachsen nahmen verstärkte Bataillonskampfgruppen, aus Osten antretend, im abschnittsweisen Vorgehen wichtige Geländeteile in Besitz - die katholische Kirche, das Polizeihauptquartier sowie eine Schule. Danach erfolgten die Einstellung der dortigen Angriffsführung und das Halten des Raumes. Das Schwergewicht verlagerte sich in Phase 4B nunmehr auf den Stadtkern, konkret auf die Agus-Brücken. Die beiden südlichen Brücken wurden am 24. September in Besitz genommen.

Mit Ende September waren etwa 50 Kämpfer sowie 200 Geiseln um das Maute-Hauptquartier, die Grande Mosque und die angrenzenden Gebäude verblieben. Trotz Einschließung wurde an der Verteidigung festgehalten. Nahezu 80 Prozent von Ost-Marawi waren mittlerweile zerstört. In den äußeren Stadtteilen begannen bereits die ersten Wiederaufbautätigkeiten.

Angriffsphase 4 der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)
Angriffsphase 4 der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)

Phase 5 - Inbesitznahme von Ost-Marawi

Der finale Angriff (siehe Grafik unten) auf die Grande Mosque erfolgte Anfang Oktober 2017 aus Richtung Westen. Im Verfahren zu zwei Staffeln und einer allgemeinen Reserve griff eine Infanteriebrigade mit vier verstärkten BKG entlang von zwei Straßen im objektbezogenen Vorgehen an. Aufgrund der Geländeverstärkung und der nachhaltigen Kampfweise der Maute konnte das Angriffsziel erst am 23. Oktober eingenommen werden. Die Maute-Führer Abdullah und Omar Maute sowie Isnilon Hapilon kamen bei den Kämpfen in Marawi ums Leben. 90 Prozent von Ost-Marawi wurden zerstört. Etwa 1.000­ Maute-Kämpfer und Unterstützer, mehr als 550 Soldaten und Polizisten sowie über 2.000 Zivilisten wurden dabei getötet und über 250.000 Menschen vertrieben.

Angriffsphase 6 der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)
Angriffsphase 6 der JTFM gegen die radikalen Islamisten. (Grafik: Rizzardi nach Vorgaben Autor)

Taktische Analyse der urbanen Einsatzführung der JTFM

Die Entwicklung der Maute steht stellvertretend für gegenwärtige Krisenregionen. Hohe Komplexität durch eine Vielzahl an Akteuren, globale Vernetzung, Nutzung von „Off the shelf“ (kommerzielle)-Technologie, regionale und globale Partnerschaften, die Verlagerung der Einsatzführung in das urbane Umfeld sowie die Anwendung kampferprobter Verfahren und Techniken kennzeichnen die gegenwärtigen Einsatzbedingungen für westliche Streitkräfte.

Marawi stellte, für die auf Counter Guerilla-Operationen ausgerichtete AFP, eine Trendwende dar. Die Besonderheiten lagen in der Größe und Dichte des urbanen Raumes, in den Fähigkeiten und Kapazitäten der Maute sowie in der hohen Kampfmoral und der Intensität der Kämpfe. Die dschungel- und gebirgskampfaffine AFP war in ihrer Ausbildung und Ausrüstung weder auf den urbanen Raum noch auf die Fähigkeiten des Gegners ausgerichtet. Die Maute wurde unterschätzt, Erfahrungen waren aus vorangegangen Gefechten nicht umgesetzt worden.

Die Raumgewinne am Beginn des Angriffes blieben weit unter den gesteckten Erwartungen. Die Einsatzdauer betrug letztlich fünf Monate. Der zahlenmäßig unterlegene, subversiv kämpfende Feind konnte den Vorteil der Verteidigung im urbanen Gelände nutzen. Der intensive Stellungsbau verwandelte die Betonhäuser Marawis in eine Vielzahl an Stützpunkten, die „Bunkern“ glichen. Waffen, Munition und Versorgungsgüter wurden während der Vorbereitungen ausgelagert und ermöglichten eine selbstständige und nachhaltige Kampfführung bei minimaler Notwendigkeit der Bewegung auf dem Gefechtsfeld. Ein Abbrechen des Gefechtes erfolgte zum spätest möglichen Zeitpunkt, gefolgt vom Ausweichen über vorbereitete Tunnelsysteme, um den Kampf in der Tiefe wieder aufzunehmen. Die AFP war gezwungen, Raum für Raum, Etage für Etage und Haus für Haus in zeit- und verlustintensiven Angriffen zu erobern. Die Waffensysteme der AFP, allen voran jene der direkten und indirekten Feuerunterstützung sowie der Pioniermittel, erwiesen sich als nur bedingt geeignet, um das Vorgehen und das Eindringen der Infanterie in Gebäude zu unterstützen. Verstärkt wurde dieser Umstand durch das Fehlen eines akkuraten Lagebildes für die Ebenen Kompanie und Zug. Auf Bedrohungen durch IED sowie Scharfschützen-, Panzerabwehr- und Granatwerferbeschuss reagierte man seitens der AFP vorrangig mit Improvisationen an den unterschiedlichen Fahrzeugen sowie mit dem Einsatz von Artillerie- und Luftnahunterstützung. Mangels fachlicher Qualifikation und dem anfänglichen Fehlen an Präzisionsmunition stiegen die Kollateralschäden rasant. Mehrfach kam es auch zum Beschuss eigener Kräfte.

Der militärische Erfolg ergibt sich letztlich einzig über den koordinierten Kampf der verbundenen Waffen auf den Ebenen Bataillon, Kompanie und Zug. (Foto: RedTD)
(Grafik: RedTD)

Aufgrund der Fehleinschätzung der AFP erfolgten notwendige Anpassungen zur urbanen Kampfführung erst in der laufenden Operation. Die bereitgestellten internationalen Feuerunterstützungselemente, Präzisionswirkmittel sowie Aufklärungssysteme verbesserten das Lagebild und die Durchsetzungsfähigkeit. Durch die Unterstützung konnte eine Kampfkraft- und Kampfwertsteigerung der JTFM erzielt und damit der Grundstein für den militärischen Sieg und die Rückeroberung Marawis gelegt werden. Die vornehmliche Abstützung auf Feuerunterstützungsmittel brachte zwar den taktischen Sieg, die damit einhergehenden Kollateralschäden überschritten jedoch bei Weitem das politisch und menschlich vertretbare Ausmaß und stellen die strategische Ebene nunmehr vor zusätzliche Herausforderungen in einer schon bisher politisch und wirtschaftlich fragilen Region. Der Aufbau der Infrastruktur und die Rückführung der muslimischen Bevölkerung sind zeit- und kostenintensiv.

Taktische Lehren für die Einsatzführung im urbanen Umfeld

Konflikte des 21. Jahrhunderts werden vermehrt im urbanen Umfeld entschieden. Taktische Einsatzauswertungen, wie u. a. der Schlacht um Mossul (siehe TD-Heft 1/2018) sowie der Schlacht um Marawi, lassen Gemeinsamkeiten und Besonderheiten erkennen. Aus diesen lassen sich taktische Grundsätze und Merkmale für die Einsatzplanung und -führung in gegenwärtigen und künftigen Konflikten ableiten.

Aus taktischer Sicht zeigt sich am Beispiel der Schlacht um Marawi im Besonderen:

Aufbereitung des Einsatzumfeldes

Das „Verstehen“ der komplexen Einsatzbedingungen, Bedrohungen und Einschränkungen bedarf ausreichend Zeit und des Einsatzes komplementärer Aufklärungssensoren. Vor allem das Zusammenführen der Informationen im Rahmen einer systemischen Darstellung ist von entscheidender Bedeutung. Diese Aufgabe obliegt hauptsächlich der oberen und mittleren taktischen Führungsebene, bindet erhebliche Personalressourcen und bedarf Zeit.

Führung durch Auftrag: Hoher Komplexität auf engstem Raum gepaart mit ständigen Lageänderungen kann nur durch die konsequente Umsetzung der Führung durch Auftrag begegnet werden. Der Selbstständigkeit von kleinen Verbänden (durch deren Truppeneinteilung als auch deren Befugnisse und Vorgaben) kommt eine besondere Bedeutung zu. Nur die Befähigung zur selbstständigen Auftragserfüllung ermöglicht Initiative. Die richtige Wahl von Raum und Zeit des Kräfte- und Mitteleinsatzes kann nur der Kommandant vor Ort treffen. Zu unterschiedlich sind die Bedingungen in isolierten Abschnitten.

Phasenbildung

Es zeigt sich die Zweckmäßigkeit der Einsatzführung anhand der von der U.S. Army implementierten fünf Phasen für den Kampf im urbanen Umfeld. Diese sind

  • Understand (Aufklärung und systemische Aufbereitung des Umfeldes),
  • Shape (Isolieren des Raumes, Informationsoperationen, Wirkung auf Hochwertziele etc.), 
  • Engage (Nehmen des Raumes),
  • Consolidate (Kontrolle des Raumes) und
  • Transition (Übergabe der Raumverantwortung).

Den Phasen Understand und Shape kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

Kräftebedarf

Bereits subkonventionelle Kräfte mit geringer Kampfkraft, jedoch einer hohen Kampfmoral, erzwingen den Einsatz von Kräften mit einer zumindest zehnfachen (!) Überlegenheit. Der Kräftebedarf ergibt sich (auf taktischer und gefechtstechnischer Ebene) aus der Gleichzeitigkeit notwendiger Aufgaben wie der Isolierung des Raumes, des Angriffes an mehreren selbstständigen Angriffsachsen, des Haltens des rückwärtigen Raumes und des Eigenschutzes.

Fokus der Brigade

Die Brigade koordiniert das zeitliche und räumliche Zusammenwirken selbstständiger BKG zur Erzielung von Effekten. Weiters ist zur Ermöglichung der Einsatzführung der BKG der Fokus auf

  • Aufklärung,
  • systemische Aufbereitung des Umfeldes,
  • Kampf in der „Tiefe“,
  • Versorgung und humanitäre Unterstützung sowie
  • Informationsoperationen zu richten.

Der urbane Raum erzwingt den Einsatz von infanteristischen BKG als Träger des Kampfes. Die BKG müssen sowohl zur Einsatzführung im abschnittsweisen als auch im objektbezogenen Vorgehen befähigt sein. Die Wirksamkeit der BKG basiert auf der Qualität der Ausbildung und des Zusammenwirkens der Waffengattungen. Durch die BKG müssen zumeist „Kompanie- und Zugskampfgruppen“ gebildet werden können.

Isolierung der Stadt

Im Sinne des taktischen Prinzips „Gegner trennen“ ist der Raum frühzeitig zu isolieren, um ein Nachführen oder das Herauslösen von Kräften zu verhindern. (Leichte infanteristische) Kräfte müssen für den „Einschließungsring“ vorgesehen werden.

Initiative und Geschwindigkeit durch Gleichzeitigkeit und Tiefe

Durch den Ansatz aus verschiedenen Angriffsrichtungen sowie tief vorgetragenen Angriffen kann der Gegner rascher zerschlagen und eine Schwergewichtsverlagerung vermieden werden (Merksatz „Trennen und Schlagen“). Dessen Anwendung bedarf der Bildung von BKG sowie ausbildungs- und ausrüstungsspezifischer Voraussetzungen.

Einsatzvorbereitung

Die Angriffsvorbereitungen der Verbände sind aufgrund der Komplexität des Raumes ungleich höher und zeitintensiver. Neben dem Zusammenwirken mit anderen Teilstreitkräften ist vor allem den Verbänden und Einheiten die Möglichkeit der selbstständigen Generierung eines lokalen Lagebildes zu geben. Hier muss der Einsatz von Drohnen (u. a. Quadcopter) auf der gefechtstechnischen Ebene hervorgehoben werden.

Häuserkampffähigkeit

Je weniger die Einheiten in ausbildungs- und ausrüstungsspezifischer Hinsicht auf den Häuserkampf vorbereitet sind, desto mehr muss dies durch den Einsatz von Artillerie- und Luftnahunterstützung ausgeglichen werden. Der urbane Raum verlangt die spezialisierte Ausrüstung und Ausbildung und insbesondere (standardisierte) waffengattungsübergreifende Verfahren. Die Ausgeglichenheit in den Faktoren „Feuer-Schutz-Mobilität“ ist maßgeblich für die Kampftruppe.

Faktor Zeit

Einsätze im urbanen Umfeld bedürfen aufgrund der Komplexität und der Gefahr von Kollateralschäden ausreichend Zeit. Dies gilt umso mehr, wenn der Feind ideologisch motiviert ist und den Kampf „bis zum Ende“ führt. Zeitdruck führt unweigerlich zur notwendigen Freigabe von Kampfunterstützungsmitteln.

Subversiv kämpfende, zahlenmäßig weit unterlegene Kräfte weichen zunehmend in Städte aus, um die Kampfkraft und den Kampfwert von Streitkräften drastisch zu minimieren. (Grafik: RedTD)
(Grafik: RedTD)

Fazit

Trotz militärischer Niederlagen in Syrien und im Irak verbreiten sich die Ideologie des IS sowie deren kampferprobte Taktiken und Techniken weltweit. Subversiv kämpfende, zahlenmäßig weit unterlegene Kräfte weichen zunehmend in Städte aus, um die Kampfkraft und den Kampfwert von Streitkräften drastisch zu minimieren. Die Komplexität des Einsatzumfeldes „Stadt“ erfordert mehr denn je den Einsatz von spezialisierten, für den Häuserkampf ausgebildeten und ausgerüsteten Truppen. Der militärische Erfolg führt letztlich einzig über die effektive Umsetzung des Kampfes der verbundenen Waffen auf den Ebenen Bataillon, Kompanie und Zug. Durch den Ansatz von Kampfgruppen werden Initiative und Geschwindigkeit auch im komplexen Umfeld ermöglicht sowie das Ausmaß von Kollateralschäden reduziert. Neben den Verfahren erfordert die Auftragserfüllung ebenfalls die Bereitstellung von spezieller Ausrüstung in den Bereichen geschützte Mobilität, direkte und indirekte Feuerunterstützung, Aufklärungsmittel auf den Ebenen Zug und Kompanie sowie Kräfte und Mittel zur Förderung der eigenen Bewegung. Letztlich liegt es am Ausbildungsstand des Führungspersonals, die Kräfte und Mittel zum Zusammenwirken zu bringen.

Oberstleutnant dG Mag.(FH) Mag. Jürgen Scherl; Leiter (mdFb) Referat Taktik/Institut für Höhere Militärische Führung an der LVAk.

Hauptmann Mag.(FH) Alexander Böhm; derzeit Hörer am 21. Generalstabslehrgang an der LVAk.

 

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