• Veröffentlichungsdatum: 17.04.2020

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Die Nähmaschinen laufen auf Hochtouren

Erwin Gartler

(Foto: RedTD/Gartler)
(Foto: RedTD/Gartler)

Mit der aktuellen Corona-Pandemie steigt der Bedarf an Mund-Nasen-Masken für die eigenen Bediensteten. Die Entwicklung, Produktion und Verteilung innerhalb kurzer Zeit zeigen, wie flexibel und leistungsfähig das Österreichische Bundesheer auf Herausforderungen reagieren kann. Schlüsselelement dazu ist ein gut ausgebildetes und motiviertes Personal.

Schwarze Schwäne sind selten und deswegen ein Synonym für höchst unwahrscheinliche Ereignisse mit massiven Auswirkungen auf das Zusammenleben. Sie stellen Gesellschaften auf den Prüfstand und zeigen, wie leistungs- und anpassungsfähig selbst hierarchisch gegliederte Organisationen sein können. Das Österreichische Bundesheer (ÖBH) schützt die Bevölkerung als strategische Handlungsreserve. Doch wer andere schützt muss sich auch selbst schützen. Das heimtückische Coronavirus bedingt einen Schutz vor Tröpfchenübertragung, um eine Verbreitung einzudämmen. Dazu geeignet sind Mund-Nasen-Masken. Sie schützen andere und sind dadurch indirekt auch ein Eigenschutz. Doch der Virus hat uns überrascht, der Markt ist von solchen Masken leergefegt. Das ÖBH zeigt sich flexibel – wie schon öfters in der Vergangenheit. Material, Knowhow und Personal sind vorhanden, der Wille ebenfalls. Selbst wenn uns der Virus zum physischen Abstand zwingt, so verbindet er doch mehr als gedacht.

Vor der Produktion der Mund-Nasen-Masken wurden beim Bundesheer handelsübliche Masken verwendet, die rasch zur Mangelware wurden. (Foto: Bundesheer/Rainer)
Vor der Produktion der Mund-Nasen-Masken wurden beim Bundesheer handelsübliche Masken verwendet, die rasch zur Mangelware wurden. (Foto: Bundesheer/Rainer)

Planung im Schnellschritt

Während der vergangenen Grippeepidemien sah man in Österreich nur vereinzelt, was in China und Japan schon längst zum gewohnten Bild gehörte: Gesichtsmasken. Neben dem Abstandhalten, der Händehygiene und der Nies-Etikette sind sie ein Eckpfeiler zum Schutz vor Tröpfcheninfektionen. Binnen zwei Wochen hat sich auch in Österreich das Bild völlig verändert: Mund-Nasen-Masken sind nun allgegenwärtig.

Am 30. März 2020 verkündete Bundeskanzler Sebastian Kurz, dass ab 1. April in Österreich eine Maskenpflicht gilt – zunächst nur in Supermärkten. Das ÖBH reagierte rasch. Die Streitkräftebasis fragte unmittelbar danach in der Heeresbekleidungsanstalt an, ob eine Eigenproduktion von Mund-Nasen-Masken möglich wäre. Damit begann ein Prozess, der so nie vorgesehen war – Auftragstaktik in Reinkultur. Das funktioniert aber nur, wenn die handelnden Personen im Sinne des Auftrages nicht nur reagieren, sondern auch in der Lage sind zu agieren.

Die Produktentwicklung legte bis zum folgenden Tag um 0800 Uhr die ersten Entwürfe und Prototypen vor. Technisch war das eine Herausforderung, gab es dazu weder eine Blaupause noch Erfahrungswerte. Eine kurze Marktanalyse, selbst ausprobieren der Masken, vergleichen. Die technische Entwicklung musste trotz der kurzen Zeit viele Faktoren berücksichtigen. Mit nur einer Größe soll jede Kopfform abgedeckt werden. Eine zusätzliche Herausforderung ist es, ein Anlaufen der Brillen bei Brillenträger zu verhindern. Daher ist im Nasenbereich ein Drahtstück eingebaut. Außerdem muss eine einfache und rasche Produktion möglich sein: eine Maske, ein Modell. Eine Gebrauchsanleitung erklärt neben der Handhabung, wie eine einfache Anpassung möglich ist.

Um 1000 Uhr fiel bereits die Entscheidung, welcher Maskentyp produziert werden soll. Innerhalb von 24 Stunden wurde ein Prototyp angefertigt und die Produktionskette aufgebaut. Auf Basis von Homeoffice wurden gelernte Schneiderinnen und Schneider zusammengefasst, unabhängig von deren derzeitigen Verwendungen. Am Mittwoch um 0800 Uhr gab es in der Heeresbekleidungsanstalt eine Befehlsausgabe und eine Einweisung an etwa 20 Personen – in einem großen Saal unter strikter Einhaltung der Abstände. Das schon vorbereitete Rohmaterial konnte danach bereits mitgenommen werden. Innerhalb von 48 Stunden nach Vorliegen des Prototyps begann dann die Produktion.

Der Zuschnitt erfolgt in der Heeresbekleidungsanstalt mit Hilfe eines modernen CO2-Lasercutters. (Foto: RedTD/Gartler)
Der Zuschnitt erfolgt in der Heeresbekleidungsanstalt mit Hilfe eines modernen CO2-Lasercutters. (Foto: RedTD/Gartler)
Diese Materialpakete zu je 500 Masken werden österreichweit an die Schneidereien verteilt. (Foto: RedTD/Gartler)
Diese Materialpakete zu je 500 Masken werden österreichweit an die Schneidereien verteilt. (Foto: RedTD/Gartler)
Das Nähen der Masken erfordert handwerkliches Geschick und wird nur durch das Fachpersonal erledigt. (Foto: RedTD/Gartler)
Das Nähen der Masken erfordert handwerkliches Geschick und wird nur durch das Fachpersonal erledigt. (Foto: RedTD/Gartler)

Produktion im Hochbetrieb

Zentral gesteuert wird die gesamte Produktion durch die Heeresbekleidungsanstalt. Das hat einen einfachen technischen Grund: Seit rund zwei Jahren ist ein modernes Laserzuschnittgerät im Betrieb. Damit kann der Stoff für 700 Masken in der Stunde (rund 5.000 Stück am Tag) zugeschnitten werden. Für die erste Tranche waren auch Gummibänder – mittlerweile sind diese am Markt Mangelware – vorhanden. Der Rest ist durch Nachbestellungen gesichert. Der notwendige Elektrikerdraht wurde direkt im Baumarkt gekauft. 100 Packungen á 100 Meter waren selbst für einen Baumarkt keine alltägliche Bestellung.

Soldatin mit der Mund-Nasen-Maske des Bundesheeres. (Foto: Bundesheer/Rainer)
Soldatin mit der Mund-Nasen-Maske des Bundesheeres. (Foto: Bundesheer/Rainer)

Am 5. April erfolgte die erste Weiterentwicklung. Nach durchwegs positiven Rückmeldungen der Truppe gab es nur einen Änderungswunsch: Die Gummibänder sollten um den Kopf und nicht um die Ohren verlaufen. Das verbessert den Tragekomfort. Die Produktion wurde sofort angepasst. Zusätzlich konnte die gesamte Produktion in die Heeresbekleidungsanstalt zurückverlegt werden, was die Produktionszahlen erhöhte. Die Industrienähmaschinen sind den Hausnähmaschinen für einen solchen Einsatz überlegen. Nur Personen mit Vorerkrankungen arbeiten im Heimbetrieb weiter. Viele davon freiwillig, unabhängig von der ursprünglichen Funktion. Die Nähmaschinen wurden auf alle freien Besprechungs- und Aufenthaltsräume verteilt, um die Sicherheitsabstände zu vergrößern. Auf den Schutz des Personals wird besonders Wert gelegt.

Seit 6. April 2020 laufen die Nähmaschinen auf Hochtouren und die Produktion im Vollbetrieb. Ein externer Nähmaschinenmechaniker ist eine gern gesehene Unterstützung. Zu Ostern gab es nur eine kurze Produktionsunterbrechung. Selbst an den beiden Osterfeiertagen setzte das Personal auf freiwilliger Basis die Produktion fort. Die Unterstützung für die Truppe hat Vorrang. Seit der Karwoche sind auch die Schneidereien der Militärkommanden und die Sattlereien der Heereslogistikzentren eingebunden. Das Material wird weiterhin zentral durch die Heeresbekleidungsanstalt verteilt. Die Grundmaterialien (Zuschnitt, Draht, Gummibänder) werden in einem Paket für 500 Masken zur Verfügung gestellt. Bis Mitte April konnten 12.000 Masken genäht werden. Nach der Produktion werden diese an die Lagerwirtschaft übergeben. Von dort erfolgt die Verteilung innerhalb des ÖBH. Von der Produktion über die Logistik zum Endverbraucher: nur in enger Zusammenarbeit ist diese Leistung in dieser kurzen Zeit möglich.

Auf einen Blick

Die Masken werden ausschließlich für den Eigenschutz des ÖBH gefertigt, egal ob Zivilist oder Militär, ob für Personen im Büro oder an der Grenze. Der Virus macht keinen Unterschied. Die Maske ist bei 60 Grad waschbar und kann daher erneut verwendet werden. Das entlastet die Umwelt. Drei Masken pro Person sind vorgesehen. Eine Maske wird getragen, eine ist in Reserve und eine in der Wäscherei. Für die Soldaten im Assistenzeinsatz sind es sogar fünf Stück. Das Material für 130.000 Masken ist vorhanden. Die Nähmaschinen laufen noch länger auf Hochtouren.

Oberst Mag. Erwin Gartler, MBA MPA MSc ist Leitender Redakteur beim TRUPPENDIENST.

Soldaten tragen die Mund-Nasen-Maske während dem Einsatz am Grenzübergang Walserberg. (Foto: Bundesheer/Steger)
Soldaten tragen die Mund-Nasen-Maske während dem Einsatz am Grenzübergang Walserberg. (Foto: Bundesheer/Steger)
(Foto: Bundesheer/Steger)
(Foto: Bundesheer/Steger)
 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Uwe Lauppe // 18.04.2020, 22:54 Uhr Warum verwendet man die Gummis der alten Masken nicht einfach weiter?
    An das ende des Gummibandes, ein Klwttband nähen und an die Maske das andere Teil!
    Somit kann man den Gummi weitwr verwenden!