• Veröffentlichungsdatum: 13.10.2017

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Der Syrische Bürgerkrieg - Update 30 09 2017

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Ein russischer Su-25 Jagdbomber beim Einsatz in Syrien. (Foto: RUS MOD CC BY-4.0)
Ein russischer Su-25 Jagdbomber beim Einsatz in Syrien. (Foto: RUS MOD CC BY-4.0)

Die letzte - insgesamt sechste Runde der Verhandlungen in Astana führte zu einer Einigung über die Erstellung von sechs so genannten „Deeskalationszonen“ in Syrien. Die meisten der ausländischen Beobachter betrachteten den Syrischen Bürgerkrieg deshalb schon als „beendet“. Stattdessen geht der Krieg mit unverminderter Härte weiter.

Neue Details über den Su-22-Abschuss vom 18. Juni 2017

In den vergangenen zwei Monaten wurden zusätzliche Details zum Abschuss eines Suchoi Su-22M-4 Jagdbombers der Luftwaffe des Assad-Regimes durch eine Boeing F/A-18E „Super Hornet“ der US Navy (USN) veröffentlicht.

Demnach bestand die amerikanische Formation aus insgesamt vier Kampfflugzeugen (zwei F/A-18E der Staffel VFA-87, und zwei F/A-18C der Staffel VFA-37), die vollkommen alleine - ohne Unterstützung von Plattformen wie Northrop-Grumman E-2 „Hawkeye“ oder Boeing E-3 „Sentry“ - in einem sehr komplexen Umfeld agierte. Die Flieger der USN waren dabei, die Truppen des PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerates zu unterstützen, als die Suchois auftauchten, begleitet von mindestens einem Su-27-Kampfflugzeug der russischen Luftwaffe, das in einer Höhe von etwa 10.000 Metern unterwegs war.

Die Su-22, die von den Amerikanern angegriffen wurde, steuerte direkt auf die Positionen der von US-Sondereinsatztruppen unterstützten Alliierten zu. Der Anführer der US-Navy-Formation wies seine Nummer drei (ein Pilot der VFA-37) an, den syrischen Piloten mittels Funk zu warnen. Ebenfalls versuchte er den Su-22-Piloten durch energische Manöver und den Abwurf von Störfackeln zum Abdrehen zu zwingen. Als alle Warnungen und Manöver keine Wirkung zeigten, wurde das Feuer eröffnet.

Zuerst feuerte der amerikanische Pilot eine AIM-9X „Sidewinder“ und anschließend eine AIM-120C „Slammer“ ab. Diese erzielte einen Direkttreffer, woraufhin die Suchoi abstürzte. Aus den seither veröffentlichten Aufnahmen des ATFLIR-Systems der beteiligten US-Navy-Kampfflugzeuge geht hervor, dass der syrische Pilot keine Gegenmaßnahmen aktivierte, sondern mit vollem Nachbrenner auf einer Höhe von etwa 7.000 Metern unterwegs war. Anscheinend erzielte schon die AIM-9X einen Treffer, der aber nicht ausreichte, um die Suchoi von ihrem Kurs abzulenken. Da diese Rakete sehr klein ist und keine Rauchspur hinterlässt, ist es für den Piloten so gut wie unmöglich, ihre Flugbahn zu verfolgen. Außerdem feuerte der Anführer der US-Navy-Formation seine zweite Rakete weniger als zwei Sekunden nachdem die AIM-9X ihr Ziel traf ab, was darauf hindeutet, dass er den Treffer der „Sidewinder“ nicht abwartete.

Ebenfalls stellte sich heraus, dass sich der Pilot der abgeschossenen Su-22 zwar mit seinem Schleudersitz rettete, aber entgegen anderslautender Berichte aus Damaskus, immer noch als „vermisst“ gilt.

ATFLIR-Aufnahme der Syrischen Su-22, kurz bevor diese abgeschossen wurde, am 18. Juni 2017. (Foto: USN)
ATFLIR-Aufnahme der Syrischen Su-22, kurz bevor diese abgeschossen wurde, am 18. Juni 2017. (Foto: USN)

Niedergang des IS

Im Verlauf des Sommers 2017 teilte sich der so genannte „Bürgerkrieg“ in Syrien in zwei vollkommen getrennte Konflikte. Das Hauptsegment des Konflikts - jener der Syrer gegen das Regime des Präsidenten Bashar al-Assad - stagnierte. Dafür wurden die Operationen gegen den so genannten „Islamischen Staat“ (IS) intensiviert.

In den vergangenen zwölf Monaten wurde der IS in Syrien durch die Angriffe des von den USA unterstützten PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerates, wie auch die von der Türkei angeführte Gruppe syrischer Aufständischer um al-Bab, bedeutend geschwächt. Russland, wie auch der Iran und das Assad-Regime nutzten diese Gelegenheit, um den IS auch aus Ost-Syrien zu vertreiben.

Belagerung Raqqas

Im Norden Syriens geht die Belagerung der vom IS gehaltenen Stadt Raqqa, der Hauptstadt des selbsternannten Kalifats, in ihren fünften Monat über. Nach wochenlangen Kampfhandlungen um jedes Haus - teils um jedes Zimmer - kontrolliert das von den USA und westlichen Verbündeten unterstützte PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerat unterdessen fast 60 Prozent von Raqqa, inklusive der Altstadt. Die verbliebenen 300 bis 400 IS-Terroristen leisten aber weiterhin erbitterten Widerstand.

Taktisch gehen die von US-Sondereinsatztruppen, Artillerie-Einheiten der US Marines, Boeing AH-64 „Apache“-Kampfhubschraubern der US Army, und Kampfflugzeugen der US-Navy und der US-Luftwaffe unterstützten Kommandeure des PKK/PYD/YPG-SDF-Konglomerates sehr zurückhaltend vor. Sie haben großes Interesse daran, die Anzahl der Opfer unter kurdischen Kämpfern bei der „Befreiung einer arabischen Stadt“ so gering wie möglich zu halten. Aus diesem Grund unternehmen ihre Truppen nur wenige Direktangriffe gegen den Südteil der Stadt. Dabei gehen sie entlang der Hauptstraßen vor, mit dem Ziel, Widerstandsnester des Gegners voneinander zu isolieren, bevor diese - vor allem aus der Luft - niedergekämpft werden.

Die Zugänge zu den meisten der teils schwer befestigten Widerstandsnester, sind durch umfangreiche Minensperren blockiert, außerdem sind sie durch unterirdische Tunnels verbunden. Eine Isolierung jeder einzelnen dieser Stellungen bedarf umfangreicher Artillerie- und Luftunterstützung. Durch viele Sprengfallen und Selbstmordanschläge des IS, mittels verschiedener Arten von Fahrzeugbomben, wird der Vormarsch verlangsamt und werden immer wieder schwere Verluste verursacht.

Es überrascht daher nicht, dass die Bekämpfung des IS alleine in Raqqa etwa 20 Kampfeinsätze der US- und alliierter Kampfflugzeuge und Hubschrauber täglich bedarf. Tragischer Weise, auch weil der IS sich weigert, die verbliebenen Zivilisten aus der Stadt flüchten zu lassen, wurden durch die Luftangriffe Hunderte Unschuldige getötet und ein Großteil der Stadt Raqqa vollkommen verwüstet.

Das Rennen um Dayr az-Zawr

Ein T-72-Kampfpanzer der IRGC, aufgenommen während einer Pause beim Vormarsch auf Dayr az-Zawr, Ende August 2017. (Foto: via TOC)
Ein T-72-Kampfpanzer der IRGC, aufgenommen während einer Pause beim Vormarsch auf Dayr az-Zawr, Ende August 2017. (Foto: via TOC)

Südlich von Raqqa und des Euphrats drängten die von der Hisbollah/Libanon angeführten und von russischen Streitkräften unterstützten Bodentruppen der Achsenmächte von dem im Juni eroberten Raum Dayr Hafer in Richtung Dayr az-Zawr.

Im Juli und August, drangen die Achsenmächte tief in den Osten Syriens vor. Dabei versuchten sie, ständig in Bewegung zu bleiben, um dem IS wenige Möglichkeiten für seine typischen Gegenangriffe zu bieten, aber auch, um die am stärksten verteidigten Gegenden durch Zangenbewegungen voneinander zu isolieren. Ein derartiges Vorgehen bedarf eines riesigen Aufgebotes an Bodentruppen, da gleichzeitig in mehrere Richtungen und an dutzenden Stellen heftig gekämpft wird. Bis zum 20. August konnten die Achsenmächte aber die IS-Verbände südlich von Raqqa und westlich Dayr az-Zawr auf insgesamt drei „Kessel“ reduzieren.

Dass der IS immer noch zurückschlagen kann, wurde am 24. August im Raum etwa 70 km südlich Raqqa klar. Dabei unternahmen die Extremisten einen heftigen Gegenangriff auf eine mit dem Assad-Regime alliierte „Brigade“ des Raqqawi-Stammes, die vollkommen zerschlagen wurde. Mehr als 60 der Raqqawis wurden getötet, bis zu 300 gelten bis heute als vermisst, und sie verloren auch etwa ein halbes Duzend Panzer und Schützenpanzer.

Um weitere Überfälle zu verhindern, gingen die Hisbollah und die russische Armee daraufhin zu einem Angriff direkt auf Dayr az-Zawr über. Diese Stadt wurde seit 2014 größtenteils vom IS eingenommen und ihre Garnison unterdessen in zwei kleine Kessel gespalten. Der nördliche davon wurde von Überresten der ehemaligen 137. Artillerie-Brigade der syrischen Armee, wie auch Angehörigen des Schteitat-Stammes, der südliche - um den Luftwaffenstützpunkt Dayr az-Zawr - von Überresten der 104. Brigade der Republikanischen Garde sowie einem Bataillon der Hisbollah gehalten. Über die offene und relativ flache, steinige Wüste Ost-Syriens geführt, kam dieser Vormarsch recht zügig voran. Er startete am 30. August etwa 65 km westlich von Dayr az-Zawr und erreichte den nördlichen Kessel schon am 4. September 2017.

Indirekter Beleg fragwürdiger russischer Truppenpräsenz in Syrien: Eine Landkarte Syriens auf der die Bezeichnung für ein „147. Regiment“ der russischen Streitkräfte eingetragen wurde (schwarzer Kasten Mitte oben im Bild). Eine derartige Einheit ist beim gesamten russischen Militär nicht bekannt. Aus diesem Grund wird vermutet, dass dieses Regiment eine Tarnbezeichnung für eine Einheit der privaten russischen Militäreinheit „Gruppe Wagner“ darstellt. (Foto: Fotanka.ru)
Indirekter Beleg fragwürdiger russischer Truppenpräsenz in Syrien: Eine Landkarte Syriens auf der die Bezeichnung für ein „147. Regiment“ der russischen Streitkräfte eingetragen wurde (schwarzer Kasten Mitte oben im Bild). Eine derartige Einheit ist beim gesamten russischen Militär nicht bekannt. Aus diesem Grund wird vermutet, dass dieses Regiment eine Tarnbezeichnung für eine Einheit der privaten russischen Militäreinheit „Gruppe Wagner“ darstellt. (Foto: Fotanka.ru)

Im weiteren Verlauf konnte am 10. September, nach heftigen und beiderseits verlustreichen Kämpfen (bis zu 40 russische Soldaten und Söldner der privaten Militäreinheit Gruppe Wagner kamen dabei um), auch eine Verbindung zum südlichen Kessel hergestellt werden. Daraufhin zog sich der IS aus einem Großteil Syriens südlich des Flusses Euphrat zurück, und die „Belagerung“ von Dayr az-Zawr wurde offiziell für beendet erklärt.

Von russischen und verbündeten Medien wurde dieser Vormarsch vielfach zu einem „Rennen um Dayr az-Zawr“ stilisiert. Ein Grund dafür waren Ankündigungen über einen ähnlichen Vormarsch seitens der Führung des PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerats. Tatsächlich war die US-unterstützte Gruppe vor allem mit dem Kampf um Raqqa beschäftigt und war daher nicht in der Lage, mehr als einen Angriff in den schwach verteidigten Raum nördlich Dayr az-Zawr zu unternehmen, um das nördliche Ufer des Euphrats abzusichern.

Russische Kommandeure der Achsenmächte kümmerten sich deutlich besser als zu früheren Zeiten darum, die Einheiten des Assad-Regimes sowie der IRGC unter Kontrolle zu halten. Sie schlugen eine Pontonbrücke über den Euphrat, stoppten aber ihren Vormarsch am Ostufer. Es ist zu befürchten, dass der Fluss daher in der Zukunft eine Art „Grenze“ zwischen dem von PKK/PYD/YPG/SDF gehaltenen Norden und Nord-Osten Syriens und dem größtenteils von IRGC gehaltenen Osten Syriens darstellen wird.

Idlib: Machtspiele der HTS

Seit dem Inkrafttreten eines von Russland und der Türkei ausverhandelten und Anfang Juli in Kraft getretenen Waffenstillstandes stieg die Spannung zwischen der HTS und verschiedenen Gruppen syrischer Aufständischer weiter an.

Die mit al-Qaeda verbundene HTS wandte sich zuerst ihrem bedeutendsten Gegner zu: Der von der Türkei unterstützten Ahrar ash-Sham Gruppe, die weitgehend als die militärisch und politisch bedeutendste in diesem Teil Syriens galt. Innerhalb von drei Tagen konnte durch eine Reihe kleinerer Angriffe ein Großteil von Ahrar ash-Sham zerschlagen und aus ihren Stützpunkten im Nord-Westen der Provinz Idlib verjagt werden. Als Hauptgrund für den raschen Kollaps der Ahrar wird vor allem die in früheren Berichten beschriebene Uneinigkeit in der Führung angeführt.

Um seinen Einfluss in Idlib zu retten, bemühte sich Ankara anschließend eine neue Koalition aller syrischen Aufständischen in dieser Provinz aufzubauen. Wachsender Unmut der HTS gegenüber, aber auch die Enttäuschung über den Verlauf der von Russland und der Türkei geführten Verhandlungen in Astana, Kasachstan, führten dazu, dass es immer mehr Anhänger dieser Idee gab. Anfang September spalteten sich einige der syrischen Aufständischen von der HTS-Koalition ab.

Verunsichert bot die HTS daraufhin an, sich aufzulösen, „um eine Vereinigung der Kräfte der syrischen Revolution möglich zu machen“. Ebenfalls bot ihr Anführer Golani („Julani“) an, die zivile Administration der Stadt Idlib offiziell anzuerkennen. Das Angebot kam zu spät und wurde von einigen der Aufständischen als Farce betrachtet. Gleichzeitig mehrten sich Berichte über eine bedeutende Truppenkonzentration der türkischen Streitkräfte in der Provinz Hatay, jenseits der von Dschihadisten gehaltenen Teile Idlibs.

Schein-Offensive in Nord-Hama

Tatsächlich zeigten die darauffolgenden Ereignisse, dass es beträchtliche Uneinigkeit innerhalb der HTS gibt, und mehrere - vor allem ausländische - Gruppen von Dschihadisten auf eigene Initiative handeln.

Schon zuvor fand sich die HTS im internationalen Plan fast vollkommen isoliert: sie wird von fast allen am Krieg in Syrien beteiligten Parteien als eine „terroristische Organisation“ angesehen. Aus diesem Grund wurde die HTS von den von Russland und der Türkei geführten Verhandlungen in Astana ausgeschlossen. Seit Anfang 2017 lässt die Türkei auch so gut wie keinen Nachschub für Dschihadisten in Idlib mehr über ihr Territorium hinein und drohte außerdem mit einem Angriff. Aus diesem Grund befahl Golani am 15. September eine „Großoffensive“ im Nord-Osten Hamas und versuchte, andere syrische Aufständische zur Zusammenarbeit und Unterstützung zu bewegen.

Der Angriff, der am Morgen des 19. September gestartet wurde, erwies sich als schwach. Tatsächlich beteiligt waren lediglich zwei Gruppen ausländischer Dschihadisten: die „Islamische Partei Turkistans“ sowie die Tawid wa’l-Jihad aus Usbekistan. Diese versuchten ein enges, von Assad-Truppen gehaltenes Gebiet einzunehmen, das sich zwischen Ma’an, Abu Dali und Qassr Abu Samrah befindet. Trotz Teilerfolgen wurde der Angriff innerhalb von 24 Stunden abgewehrt.

Anders als bei Bekämpfung des IS, reagierten die Achsenmächte mit wuchtigen Luftangriffen. Zwischen 19. und 21. September flogen sie mehr als 200 Kampfeinsätze. Die meisten davon trafen allerdings nicht die HTS-Stellungen im Nord-Osten Hamas oder die von Dschihadisten gehaltenen Teile Idlibs, sondern Hochburgen der syrischen Revolution wie Ma’arat an-Nauman und Kfar Zita. Lediglich das ar-Rahma Hospital und Zivilschutz-Zentrum im HTS-gehaltenen Khan Sheykoun wurden bisher bombardiert. Ebenfalls schwer getroffen wurden vor allem verschiedene Gebäude der zivilen Administrationen in anderen, von Aufständischen gehaltenen Ortschaften Idlibs.

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Einer von zwei T-90-Kampfpanzern, die vom HTS im Verlauf der Kämpfe mit IRGC im Raum Aleppo im Jahr 2016 erbeutet wurden. Beide gingen während der Scheinoffensive im Nord-Osten Hamas noch am 19. September 2017 verloren. (Foto: Wael al-Hussaini)
Einer von zwei T-90-Kampfpanzern, die vom HTS im Verlauf der Kämpfe mit IRGC im Raum Aleppo im Jahr 2016 erbeutet wurden. Beide gingen während der Scheinoffensive im Nord-Osten Hamas noch am 19. September 2017 verloren. (Foto: Wael al-Hussaini)
 

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