• Veröffentlichungsdatum: 31.08.2017

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Der Syrische Bürgerkrieg - Update 15 07 2017

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F-15E „Strike Eagle“ der US-Air Force schossen im Verlauf des Juni 2017 insgesamt zwei Aufklärungsdrohnen der IRGC über Syrien ab. (USAF Photo)

In den Monaten Juni und Juli erreichte die Komplexität des Krieges in Syrien noch nie dagewesene Ausmaße. Hauptgrund dafür sind gegenteilige Absichten so gut wie aller Beteiligter, aber auch Fehleinschätzungen westlicher Politiker und Militärs.

Angesichts der wachsenden Anzahl an blutigen Terrorangriffen in der Europäischen Union überrascht es nicht, dass das Hauptaugenmerk der USA und ihrer Alliierten in Syrien weiterhin der Bekämpfung des Islamischen Staates (IS) gilt. Dementsprechend scheint die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump vom Februar 2017, den Krieg gegen den IS „innerhalb von 30 Tagen“ zu einem Abschluss zu bringen, als logisch. Es steht außer Zweifel, dass dies - auch wegen einer großangelegten Offensive der US-Verbündeten gegen den IS im Irak - zu einer deutlichen Steigerung der Intensität an US-Kampfoperationen in Syrien führte.

Anders als von den Militärs der USA und zahlreicher westlicher Verbündeter erwartet - jedoch genauso wie vielfach von gut informierten Beobachtern vorhergesehen - führte dies zu wiederholten Zusammenstößen mit den vom Iran kontrollierten Streitkräften und auch zu Spannungen zwischen Washington und Moskau. Die Gründe für derartige Fehleinschätzungen westlicher Militärs sind zahlreich und bedürfen einer genaueren Erklärung vor einer Übersicht der Kampfhandlungen in Syrien der vergangenen zwei Monate.

Westliche Interessen und Vorgehensweise

Wie bereits berichtet, entschied sich das Pentagon - und somit alle an den Kampfhandlungen in Syrien beteiligten US-Alliierten - für die Bekämpfung des IS in Syrien eine direkte Kooperation mit der Organisation, die als „Syrische Demokratische Streitkräfte“ (SDF) bezeichnet wird, einzugehen. Die SDF wurde im Herbst 2015 gegründet und besteht, zumindest laut offiziellen Stellen in Washington, vor allem aus Milizen syrischer Aufständischer sunnitischer Abstammung, wie auch aus kurdischen Milizen aus dem Norden Syriens, vor allem der YPG.

Die YPG ist eine Miliz der von syrischen Kurden organisierten PYD-Partei. Allerdings machen vor allem die Funktionäre der PYD keinen Hehl daraus, dass so gut wie die gesamte Führung der PYD und auch bis zu 60 Prozent der Kämpfer von der YPG von der Kurdischen Arbeiterpartei PKK sind. Aufgrund ihrer Vorgehensweise während des 30 Jahre dauernden Krieges gegen den NATO-Verbündeten Türkei und ihrer Zusammenarbeit mit der ehemaligen Sowjetunion sowie dem Assad-Regime in Syrien, gilt die PKK in der NATO und bei einem Großteil der EU als eine „terroristische Organisation“, mit der jegliche Zusammenarbeit verboten ist.

Allerdings dominiert die PKK/PYD - entgegen wiederholtem Beteuern aus Washington - das PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerat: PKK-Kommandeure führen die PYD und die YPG an. Seit dem Rückzug der Liwa Thuwar ar-Raqqa aus dieser Allianz Anfang des Jahres 2017 beinhaltet dieses Konglomerat so gut wie keine nennenswerten Milizen syrischer Aufständischer mit arabisch-sunnitischem Hintergrund. Diese Tatsache ist umso bedeutender, als die Streitkräfte des PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerates seit dem Beginn der im März begonnenen Großoffensive gegen die „Hauptstadt“ des IS, Raqqa, in einen Teil Syriens vorgedrungen sind, wo eine Mehrheit der Bevölkerung aus sunnitischen Arabern zusammengesetzt ist.

Achse des Widerstandes

Auf der anderen Seite des entstehenden „Konfliktes innerhalb des Konfliktes“ steht - nominell - das Regime des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad. Generell wird im Westen weiterhin davon ausgegangen, dass dieses Regime das Sagen in Syrien hat und seine Streitkräfte größtenteils intakt bleiben. Tatsächlich sind die Streitkräfte schon 2011 und 2012 zerfallen. Das Regime ist schon seit Sommer 2012 nicht mehr im Stande, eine Fortsetzung des Krieges zu finanzieren. Bis zu 50 Prozent des jährlichen Haushaltes werden seither durch den Iran zur Verfügung gestellt, und Teheran startete 2013 eine großangelegte Militärintervention auf Seiten des Assad-Regimes, die ausschließlich gegen syrische Aufständische gerichtet ist.

Im Verlauf der vergangenen vier Jahre ersetzten die durch die Islamische Revolutionsgarden (IRGC) kontrollierten Einheiten einen Großteil des verlorengegangenen Militärs des Assad-Regimes. Dazu unternahmen die Iraner umfangreiche Bemühungen, eine „syrische Filiale“ der Hisbollah Miliz aufzubauen, die - laut Angaben aus Teheran - schon Ende 2015 deutlich größer wurde als ihr libanesisches „Original“. Was vom Militär des Assad-Regimes übriggeblieben ist, wurde unterdessen von der IRGC in zahlreiche Milizen mit ethnischen, konfessionellen und anderen Hintergründen umstrukturiert. Dies resultierte in einer Situation in der das Verteidigungsministerium in Damaskus vollkommen die Kontrolle über die nominell eigenen Streitkräfte verloren hatte.

Das Ergebnis dieser Entwicklung war, dass das Assad-Regime schon seit Jahren kein Herr im eigenem Haus mehr ist: es hat vor allem eine repräsentative Funktion, die im Interesse Irans und neuerdings auch Moskaus ist. Um zumindest den Anschein einer Funktionalität des Assad-Regimes in der Öffentlichkeit zu erhalten sowie der „Loyalität der Streitkräfte dem Regime gegenüber“, wird von offiziellen Stellen in Syrien - aber auch im Iran und Libanon - weiterhin auf einer Existenz der „Syrisch Arabischen Armee“ (SAA) insistiert, ihre Loyalität Bashar al-Assad gegenüber betont und dementsprechend in der Öffentlichkeit berichtet.

Als Moskau 2015 seine Militärintervention in Syrien startete, fanden russische Militärs daher so gut wie keinen syrischen Militär, mit dem sie zusammenarbeiten konnten. Stattdessen gab es die auf nicht weniger als 2.000 verschiedene Kontrollpunkte versprengten Teile der ehemaligen SAA. Da es Moskau bevorzugt, mit offiziellen Stellen anstatt mit lokalen Warlords und Milizen mit konfessionellem Hintergrund zusammenzuarbeiten - aber auch weil die politischen und somit die militärischen Ziele Moskaus und Teherans in Syrien deutlich auseinander gehen - bemühen sich russische Militärs seither die alte Kommandostruktur der SAA wieder aufzubauen und zu stärken sowie neue Einheiten aufzustellen. Entsprechende Maßnahmen konnten schon seit Herbst 2015 im Raum Latakia und Nord-Hama verfolgt und neuerlich in Homs und Nordost-Aleppo beobachtet werden. Russische Militärs gehen dabei so vor, dass ihre Hauptquartiere das Kommando über eine der Abteilungen der Quwwat Nimr übernimmt, die wiederum die Kontrolle über die vor Ort vorhandenen Milizen und/oder IRGC-Truppen übernehmen.

Die IRGC weigert sich aber ihre blutig erkämpfte und teuer erkaufte Vormachtstellung in Syrien aufzugeben. Teheran machte zwar vielfach und deutlich publik, dass es eine Allianz aus zwei gleichberechtigten Partnern mit Moskau anstrebt, die russische Regierung sieht aber den iranischen Einfluss in Syrien als Konkurrenz an. Aus diesem Grund bleibt der IRGC wenig übrig, als ihre kampfstärksten Kontingente - vor allem die im Raum Damaskus und West-Aleppo - weiterhin ausschließlich unter dem Kommando des als „Glashaus“ bekannten Hauptquartiers der IRGC in Syrien zu halten (das Gebäude befindet sich neben dem Internationalem Flughafen von Damaskus).

Somit operieren die in Syrien eingesetzten Streitkräfte der sogenannten „Achse des Widerstandes“ (Russland-Iran-Hisbollah-Assad-Regime) weiterhin ohne ein Oberkommando. Dieser Konkurrenzkampf geht so weit, dass es Ende Januar 2017 Gerüchte gab, wonach russische Truppen in Damaskus im letzten Moment einen von der IRGC unterstützen Staatstreich gegen Bashar al-Assad verhindert haben. Immer wieder ignorieren IRGC und Hisbollah auch die von Russland ausverhandelten Waffenstillstandsvereinbarungen mit der Türkei und verschiedenen syrischen Aufständischen.

Wer bekämpft den IS?

Mindestens genauso wichtig für die neuesten Entwicklungen im Syrien-Krieg ist die Tatsache, dass IRGC und Hisbollah, aber auch das Assad-Regime und Moskau die US- und alliierte Militärpräsenz in Syrien als eine „Aggression“ ansehen. Offizielle Stellen in Damaskus und Teheran bekündeten mehrfach ihre Absicht diese bekämpfen zu wollen - obwohl das offizielle Washington wiederholt bekanntgegeben hat, dass die von den USA angeführte Militärintervention in Syrien ausschließlich der Vernichtung des IS gilt. Des Weiteren beschuldigen das Assad-Regime sowie die Regierungen in Moskau und Teheran die USA und seine Verbündeten nicht nur einer Konspiration zur Absetzung von Bashar al-Assad, sondern auch der Kooperation mit dem IS.

Im Gegensatz dazu berichten US- und andere westliche Nachrichtendienste, die aus Russland in den Westen geflüchtete Mitglieder verschiedener russischer Geheimdienste sowie politische Flüchtlinge aus dem Irak und Iran zitieren, dass Damaskus und Teheran schon seit Mitte der 2000-er Jahre, mit der vormaligen „al-Qaeda im Irak“ (AQI) - dem Vorgänger des IS - kooperieren. Des Weiteren bezieht das Assad-Regime bis heute einen Großteil seiner „Importe“ an Öl und Gas aus den Gebieten, die sich immer noch unter der Kontrolle des IS befinden bzw. hat es einen direkten Link zu Extremisten.

Unterdessen ist es offensichtlich, dass der von den USA und ihren Alliierten unterstützte Kampf des PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerates die IS im Norden Syriens bedeutend geschwächt hat. Kombiniert mit den türkischen Operationen zur Sicherung von Azaz und al-Bab, Ende 2016 und Anfang 2017, brach er das Rückgrad der Extremisten in Syrien. Genau diese zwei Operationen machten es den Achsenmächten möglich, einen Vormarsch gegen den IS im Südosten des Verwaltungsbezirks Aleppo und östlich von Palmyra zu starten - wobei es dem Assad-Regime und der IRGC vor allem darum geht, so viel Boden unter eigene Kontrolle zu bringen wie nur möglich, und gleichzeitig einen zusätzlichen Erfolg im Propagandakrieg zu erzielen.

Offensive auf Raqqa

Die Ende April 2017 angesetzte, von US- und alliierten Streitkräften unterstützte Großoffensive des PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerates auf die selbsternannte „Hauptstadt“ des IS, Raqqa, kommt ständig wenn auch langsam voran. Nachdem Ende März 2017 die US- und SDF-Streitkräfte den Luftwaffenstützpunkt Tabqa südwestlich der Stadt und südlich des Euphrats eingenommen haben, konnten Ende Mai der größte Staudamm Syriens erobert und Ende Juni die vorgeschobenen Stellungen der Extremisten durchbrochen werden, wodurch Raqqa umzingelt wurde. Unterdessen konzentrieren sich die Kämpfe vor allem um Raqqas Bezirke ad-Dariyah, Yarmouk und Hittin - im Osten und Westen der Stadt.

Die in der Stadt verbliebenen Banden der IS sind kontinuierlichen Luftangriffen und Artilleriebombardments ausgesetzt; tragischer Weise verursachen diese auch schwere Verluste unter der Zivilbevölkerung. Bedingt durch das schlechte Wetter im Mai 2017, vor allem aber durch den massiven Einsatz von Minen und Scharfschützen des IS, wie auch den Versuch, die Verluste des PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerates so gering wie möglich zu halten, bleibt der Vormarsch recht bedächtig, trotz ausgiebiger Luftunterstützung der USA, darunter auch mittels AH-64 „Apache“ Kampfhubschraubern. Zusammen mit mehreren UH-60 „Black Hawk“ und CH-47 „Chinook“ Transporthubschraubern operieren die „Apache“ der US Armee vom Luftwaffenstützpunkt Tabqa, der unterdessen von US-Streitkräften größtenteils wiedererrichtet werden konnte.

Abschuss der syrischen Su-22

Dieses im April 2016 entstandene Foto zeigt Major Ali Fahed dessen Su-22M-4 am 18. Juni 2017 durch eine F/A-18E der US-Navy abgeschossen wurde. (Foto: via TOC)

Bemüht, sich in der Öffentlichkeit als die Hauptkraft im Krieg gegen die IS darzustellen, starteten die Achsenmächte Anfang März 2017 ebenfalls eine Offensive gegen die Extremisten im Südosten des Verwaltungsbezirks Aleppo, vor allem um das Städtchen Dayr Hafer. Obwohl dieses Ende April 2017 eingenommen werden konnte, zeigten sich die beteiligten Kräfte als unfähig, vor der SDF nach Tabqa vorzudringen. Nachdem sie das „Rennen“ um Tabqa verloren haben, wandten sich die Achsenmächte den IS-Stellungen weiter südlich von Dayr Hafer zu und haben bis Ende Juni die Grenze zum Verwaltungsbezirk Raqqa erreicht. Dabei ignorierten sie wiederholt die zwischen den USA und Russland vereinbarte Demarkationslinie, die südlich Tabqa verläuft. Aus diesem Grund war es wenig überraschend, als es Mitte des Monats zu einem schweren Zwischenfall im gleichen Raum kam. Gegen 1430 Uhr am 18. Juni 2017 stießen SDF-Streitkräfte mit jenen der Achsenmächte nahe des Dorfes JaDen zusammen. Durch Hilferufe der Kurden alarmiert und daran interessiert, die Anführer des PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerates auf den Kampf gegen den IS konzentriert zu halten, entsandten die US-Streitkräfte mehrere Kampfflugzeuge in das betroffene Gebiet.

Unterdessen startete die Luftwaffe des Assad-Regimes fünf weitere Sukhoi Su-22 Jagdbomber von den Stützpunkten Shayrat und Tiyas (T.4) aus in Richtung JaDen. Der letzte davon, der um 1830 Uhr Lokalzeit aufgestiegen war, näherte sich - aus westlicher Richtung kommend - etwa zehn Minuten später den SDF-Stellungen nördlich des Dorfes. Wohl wissend, dass Assads Piloten zuvor türkische Stellungen und russische Piloten die Stellungen der US-Verbündeten bombardierten, versuchten zwei Piloten der F/A-18E „Super Hornet“ Kampfflugzeuge der VFA-87 Staffel der US-Navy alles Mögliche, um den Su-22-Piloten von seinem Kurs abzubringen. Nachdem dieser aber in den Sturzflug ging und seine Bomben in Richtung SDF-Stellungen abwarf, gab es kein Zurückhalten mehr. Der führende US-Pilot feuerte einen AIM-9X Luft-Luft-Lenkflugkörper aus kaum 900 Meter Entfernung ab. Dieser verfehlte sein Ziel. Um 1843 Uhr feuerte der gleiche US-Navy Pilot einen AIM-120C Luft-Luft-Lenkflugkörper ab und traf die Sukhoi direkt.

Obwohl sich der syrische Pilot, Major Ali Fahed von der Staffel 827, mit Schleudersitz und Fallschirm rettete, wurde er kaum zwei Stunden später vom Verteidigungsministerium in Damaskus für tot erklärt und - wie üblich in solchen Fällen - „posthum“ um einen Rang zum Oberstleutnant befördert. Tatsächlich wurde er von der SDF gefangengenommen und zwei Tage später an das Assad-Regime übergeben. Dies war der erste Abschuss eines feindlichen bemannten Kampfflugzeuges durch US-Flugzeuge seit 1999.

Der Vorfall löste in Damaskus wütende Proteste aus. Moskau drohte gar alle US- und alliierten Flugzeuge, die westlich des Euphrats fliegen würden, als „Ziele“ zu behandeln. Trotz gegenteiliger Kommentare in westlichen Medien halten seither nicht nur die Flieger, sondern auch die Bodentruppen der Achsenmächte einen deutlichen Abstand von den Stellungen der SDF in diesem Teil Syriens.

Dies ist wenig überraschend: Das russische Militärkontingent in Syrien ist eigentlich isoliert und de-facto umzingelt von Stützpunkten der US- und alliierten Streitkräfte. Trotz des Einsatzes einer ihrer S-300 Fliegerabwehrraketenstellungen zwischen Kweres und as-Safira, kaum 50 Kilometer nordwestlich von Tabqa, fehlt es den Russen an Mitteln zur Früherkennung und somit an der Lageübersicht im Luftraum über dem Nordosten Syriens. Unabhängig davon schoss der Iran am gleichen Tag insgesamt sechs Zulfiqar Boden-Boden-Raketen von einem Stützpunkt innerhalb seiner Grenzen auf das IS-Hauptquartier in Mayadeen, im Verwaltungsbezirk Dayr az-Zawr ab. Soweit bisher bekannt wurde, traf nur eine davon ihr Ziel, eine andere verfehlte es knapp während vier andere unterwegs versagten und irgendwo im Irak und Ostsyrien abgestürzt sind.

Von einer F/A-18E der US Navy Staffel VFA-87 „Golden Warriors“ wurde die Syrische Sukhoi am 18. Juni 2017 abgeschossen. (US-Navy Photo)

Idlib: Ausbreitung der HTS

Seit dem Inkrafttreten eines zwischen Russland und der Türkei ausverhandelten Waffenstillstandes, der den Kämpfen an den Frontlinien im Nordosten des Verwaltungsbezirkes Latakia, im Süden des Verwaltungsbezirkes Idlib und im Norden des Verwaltungsbezirkes Hama ein - vorläufiges - Ende bereitete, herrscht zunehmende Spannung zwischen dem HTS und verschiedenen Gruppen syrischer Aufständischer. Dabei mehren sich Berichte über Überfälle und Attentate vor allem auf Anführer lokaler Einheiten der Freien Syrischen Armee und von Ahrar ash-Sham. In einem Versuch, Rache für Angriffe der HTS zu üben, wurde am 8. Juni 2017 eine der führenden Figuren der HTS, der saudische Prädiger Abdullah al-Muhaysini, auf einem Kontrollpunkt der Faylaq ash-Sham nahe Ma’arat an-Nauman angeschossen und verletzt. Daraufhin verstärkte der HTS ihre Angriffe auf Stützpunkte um die Stadt, deren Bevölkerung durch fast tagtägliche Demonstrationen deutlich ihren Standpunkt gegen den HTS bekanntgegeben hatte.

Aus entsprechenden Berichten ist zu entnehmen, dass sich der HTS derzeit einer ähnlichen Strategie bedient, die vom IS dazu eingesetzt wurde, Ende 2013 und Anfang 2014 große Teile im Nordosten Syriens von den Aufständischen zu übernehmen. Dabei herrscht zwar vorgeblich ein „Frieden“ mit Aufständischen an der Oberfläche, hinterrücks werden aber ihre politischen und militärischen Anführer nacheinander ausgeschaltet und ihre Basen eine nach der anderen, in überfallsartiger Weise übernommen.

Diese Vorgangsweise machte es dem HTS möglich, einen Großteil des Verwaltungsbezirkes Idlib von der türkischen Grenze bis nach Sarqib und bis nach Khan Sheykhoun im Süden unter seine Kontrolle zu bringen. Es ist daher davon auszugehen, dass der HTS weitere Überfälle auf die Aufständischen sowie auf lokale Zivilbehörden unternehmen wird, bis er die Kontrolle über ganz Idlib und ganz Westaleppo übernimmt.

Der Wilde Osten

Während sich die militärische Lage in Idlib und dem Norden des Verwaltungsbezirkes Homs in Folge des von der Türkei und von Russland vereinbarten Waffenstillstandes vom Anfang Mai weitgehend beruhigte, brachen neue Kämpfe im Süden und Südosten Syriens aus. Nachdem sich Mitte Mai 2017 der IS aus dem Osten des Verwaltungsbezirkes Damaskus Richtung Dayr az-Zawr zurückzog, drangen die Streitkräfte der Achse - die in den vergangenen vier Jahren keine einzige offensive Operation gegen den IS in diesem Teil des Landes unternahmen - in insgesamt vier Richtungen gegen die von den USA unterstützten Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSyA) vor.

Im Süden marschierten sie - unterstützt durch das 9. Bataillon der 31. Luftlandebrigade der russischen Armee - von as-Suwayda Richtung Osten entlang der jordanischen Grenze vor. Im Nordwesten schnitten sie das von Aufständischen gehaltene Gebiet um die Stadt Dmeyr von der Verbindung zur jordanischen und irakischen Grenze ab, wodurch ein neuer, großer Kessel zwischen Dmeyr und Qaryatan entstand.

Der bedeutendste Vormarsch wurde vom Luftwaffenstützpunkt as-Sien aus gegen den Grenzübergang Tanf unternommen. Nach mehrmaligen Warnungen von Seiten des Pentagons, bombardierten US-Streitkräfte am 18. Mai 2017 eine Kolonne der Achsenmächte etwa 37 km westlich von Tanf. Dabei wurden vier Kampfpanzer, ein ZSU-23-4 „Shilka“ Fliegerabwehr-Panzer, und mehrere LKWs vernichtet, mindestens sechs Kämpfer getötet und drei verletzt.

Ungeachtet dessen griffen die Achsenmächte am nächsten Tag die von den USA unterstützten aber zahlenmäßig weit unterlegene FSyA-Einheiten - vor allem jene der Quwwat ash-Shahid Ahmad al-Abdo und Jaysh Usoud ash-Sharqiya - weiter nordwestlich an, und drangen bis zur Zarqa und ar-Ruhba Kreuzung vor, kaum 30 Kilometer von Tanf entfernt. Diesmal befahl das Pentagon den FSyA-Einheiten keinen Widerstand zu leisten, sondern sich aus diesem Gebiet zurückzuziehen.

Die Situation änderte sich am 8. Juni 2017, als die Assad-Luftwaffe versuchte, einen Luftangriff auf die FSyA im Raum Tanf zu unternehmen. Zwei US-Kampfflugzeuge zwangen den Piloten der Su-22 seine Bomben vorzeitig abzuwerfen; kurze Zeit später schossen die Amerikaner eine iranische Drohne ab, nachdem diese angeblich die FSyA-Einheiten bombardierte. Eine weitere iranische Kampfdrohne wurde als von US-Jagdbombern vom Typ F-15E „Strike Eagle“ über dem gleichen Gebiet am 20. Juni 2017 als abgeschossen gemeldet.

Ob die Berichte des Pentagons über den Einsatz iranischer Kampfdrohnen in Syrien richtig sind, bleibt derzeit unklar. Nicht nur, dass sich US-Berichte über verschiedene Ereignisse in Syrien - darunter bezüglich der Fähigkeit von Assad-Piloten Kampfeinsätze bei Nacht zu absolvieren - schon viel zu oft als falsch erwiesen: Iranischen Quellen zufolge, verfügt die lokale Industrie über keine Fähigkeit, ihre sonst recht modernen Drohnen zu bewaffnen, da es am dazu nötigen Know how und entsprechender Technologie mangelt.

Häuserkampf in Dera‘a

Die im Februar 2017 wieder aktivierten Frontlinien in der Stadt Dera’a im Süden Syriens kommen weiterhin nicht zur Ruhe. Hauptursache ist die Aktivität der Einheiten der Aufständischen die in der Banyan Marsous Operationszentrale (BMOR) zusammengefasst sind. BMOR hat die Befehlsgewalt über eine nicht näher bekannte Mischung aus Teilen verschiedener FSyA-, AAS-, JAI- und HTS-Einheiten, die sich nicht an den von den USA und Jordanien erzwungenen Waffenstillstand vom Februar 2016 halten möchten.

Seit Ende Februar 2017 unternimmt BMOR immer wieder Angriffe in die von Truppen der Achse gehaltenen Teile der Stadt Dera’a. Dabei konnten zwar relativ geringe, dafür aber taktisch bedeutende Geländegewinne erzielt werden. Nach oftmals schweren Verlusten ihrer Einheiten kündigten die Achsenmächte am 21. Mai 2017 eine Gegenoffensive auf den Bezirk Manashiyah an, mit dem Zweck der Wiedergewinnung verlorengegangener Positionen. Dieser Angriff stieß auf erbitterten Widerstand und brach innerhalb von zwei Tagen unter schweren Verlusten - darunter über 50 Tote und mehrere zerstörte gepanzerte Fahrzeuge - zusammen. Am gleichen Tag wurde auch ein Sukhoi Su-24-Jagdbomber der Assad-Luftwaffe über Dera’a durch FlaK-Beschuss beschädigt.

Die Streitkräfte der Banyan Marsous OZ setzten ihren Vormarsch fort und eroberten am 24. Mai etwa 40 Gebäude im Osten von Manashiyah. Des Weiteren belegten Aufständische am 14. und 15. Juni 2017 wiederholt den Luftwaffenstütztpunkt Marj Ruhayyil mit Feuer aus BM-21-Raketenwerfern. Dabei dürften bis zu fünf Kampfhubschrauber vernichtet worden sein und, sofern bekannt, unternahm die Assad-Luftwaffe seither kaum mehr als vier bis fünf Kampfeinsätze von diesem Stützpunkt aus (vor dem Angriff waren es bis zu ein Duzend täglich). Auf Grund dessen kann davon ausgegangen werden, dass der Luftwaffenstützpunkt Marj Ruhayyl bis auf weiteres außer Gefecht gesetzt wurde.

Unfähig einen militärischen Erfolg gegen die Aufständischen in Dera’a zu erzielen, wandten sich die Achsenmächte anderen Zielen zu. Am 15. und 16. Juni 2017 schossen ihre MiG-23MLD-Piloten je eine von Jordanien operierende Selex ES „Falco“-Aufklärungsdrohne innerhalb des syrischen Luftraumes ab - obwohl diese zur Unterstützung der Kämpfe gegen die im Westen Syriens operierenden IS-Verbündeten eingesetzt wurde.

Ebenfalls bombardiert seither die Assad-Luftwaffe wiederholt die Stellungen der von den USA und Jordanien unterstützten Aufständischen in diesem Teil des Landes. Am 28. Juni zum Beispiel trafen nicht weniger als 18 Bomben die FSyA-Stellungen nahe al-Ashari, wobei mindestens ein T-55-Kampfpanzer der Aufständischen vernichtet wurde. Anders als im Norden und Osten Syriens, unternahmen die USA bisher nichts, um derartigen Angriffen ein Ende zu bereiten.

So ist es unter den gegebenen Umständen überhaupt keine Überraschung, dass sich die an diesem Krieg beteiligten Parteien zuletzt so oft in die Quere geraten sind und es zu derart zahlreichen Zusammenstößen zwischen ihren Streitkräften innerhalb Syriens im Juni 2017 kam. Für die EU ist dabei vor allem eines wichtig: Alle angegebenen Gründen legen nahe, dass selbst eine vollständige Vernichtung des IS - die schon im Jahr 2018 recht wahrscheinlich erscheint - kein Ende der Bürgerkriege im Irak und Syrien, und somit auch keine Lösung der Flüchtlingskrise bringen wird. Im Gegenteil: Unterdessen ist es sicher, dass der Krieg gegen den IS durch eine Vielzahl anderer Konflikte ersetzt werden wird - vor allem solche, die die Flucht von Millionen Menschen in Richtung der Europäischen Union verursacht haben.

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Wenig tatsächliche Möglichkeiten: Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit Offizieren der russischen Streitkräfte auf dem Flugplatz Hmemmem, nahe Latakia, im Mai 2017. (Foto: Verteidigungsministerium der Russischen Föderation)
 

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