• Veröffentlichungsdatum: 07.12.2017

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Der Syrische Bürgerkrieg - Update 06 12 2017

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BMP-2-Schützenpanzer der Hisbollah/Libanon beim Vormarsch im Raum Dayr az-Zawr.  (Foto: Hisbollah-TV)
BMP-2-Schützenpanzer der Hisbollah/Libanon beim Vormarsch im Raum Dayr az-Zawr. (Foto: Hisbollah-TV)

Vielfachen Veröffentlichungen zufolge nähert sich der Bürgerkrieg in Syrien rasch dem Ende. Dementsprechend dürfte die Militärintervention Russlands, gekoppelt mit einem Rückzug der USA, anderer westlicher Mächte und ihrer Verbündeten im Nahen Osten aus diesem Konflikt, entscheidend zu einer raschen Beruhigung der Situation beitragen.

Tatsächlich spitzt sich die Lage immer weiter zu. Die Intensität der Kämpfe nahm in den vergangenen zwei Monaten deutlich zu. Die russische Intervention dauert beträchtlich länger und ist deutlich teurer als zuvor erwartet, und die Lage wird immer verworrener. Bestenfalls kann erwartet werden, dass in Zukunft ein Großteil Syriens von einer von Teheran angeführten Koalition kontrolliert wird, bei der Organisationen, die im Westen als „terroristisch“ angesehen werden das Sagen haben - wie das „Jerusalem Korps“ der Islamischen Garden Irans (IRGC-QF) und die Hisbollah/Libanon.

Düsterer Sieg in Raqqa

Mitte Oktober erreichte die Schlacht um Raqqa ihren vorläufig letzten Höhepunkt. Wie zuvor berichtet, befand sich die „Hauptstadt“ des so genannten „Islamischen Staates“ (IS, auch „Daesh“), schon seit Monaten unter Belagerung durch das von den USA unterstützte PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerat. Trotz bis zu 50 Luftangriffen täglich durch Flugzeuge der U.S. Air Force (USAF), U.S. Navy (USN) und von Alliierten und trotz Artillerieunterstützung durch die U.S. Marines, kam der Vormarsch im September 2017 nur noch schleppend voran. Die Situation änderte sich Mitte Oktober dramatisch, als - ursprünglichen Meldungen zufolge - sich eine verbliebene Schar von IS-Kämpfern ihrem letzten Gefecht stellte, während sich etwa 400 Kämpfer ergaben.

Erst nachträglich wurde bekannt, dass das PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerat einen Waffenstillstand und die Evakuierung des IS aus Raqqa vereinbarte, in dessen Folge mehr als 4.000 Extremisten und deren Familienangehörige - allen voran Ausländer - in den Osten Syriens geflüchtet sind.

Die Stadt, die somit unter die Kontrolle der von Kurden dominierten Organisation geriet, wurde im Verlauf der Kämpfe vollkommen verwüstet und ein Großteil der Bevölkerung zur Flucht gezwungen. Trotz einiger Ankündigungen und Versprechungen bleibt unklar, wie Raqqa jemals wiederaufgebaut werden soll. Noch weniger sicher ist, ob auch nur ein Teil ihrer vormals von Arabern dominierten Bevölkerung zurückkehren darf: Jene, die die Möglichkeit fanden die Stadt seither zu besuchen, fühlen sich nicht im geringsten „befreit“.

Blutiges Ende des Rennens um Dayr az-Zawr

In der zweiten Septemberhälfte waren Streitkräfte der IRGC-QF, der Hisbollah sowie russische Kräfte und Kräfte des Assad-Regimes vor allem mit dem Aufräumen und Sichern der Stadt Dayr az-Zawr beschäftigt. Obwohl bedeutend geschwächt, schlug der IS immer wieder heftig zurück und verursachte teils schwere Verluste. So wurde selbst der russische Kommandeur des so genannten „V. Corps“ der Assad-Streitkräfte, Generalleutnant Valery Asapov, in der Umgebung von Dayr az-Zawr, Ende September getötet. Unbestätigten Meldungen zufolge erlitten Teile des russischen Privatmilitär-Unternehmens „Wagner“ schwere Verluste, mit bis zu 100 Toten (dies zusätzlich zu jenen, in einem der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Dokument des russischen Konsulats in Damaskus, das schon zuvor die Anzahl an Russen, die 2017 bei Kämpfen in Syrien umkamen mit 131 bezifferte).

Südwestlich von Dayr az-Zawr kam es zu einer besonders bemerkenswerten Entwicklung. Durch den schnellen Vormarsch der IRGC-QF, Hisbollah/Libanon und der russischen Streitkräfte auf die Stadt Dayr az-Zawr im September 2017 blieb eine kampfstarke Gruppe des IS im Raum südlich der Stadt Suknah abgeschnitten. Anfang Oktober unternahmen die auf diesem Gebiet verbliebenen IS-Kämpfer eine „Flucht nach vorn“. Sie überrannten zwei Checkpoints auf der Strasse zwischen Khan Nasser im Norden und Ihtria im Süden - wobei sie auch zwei russische Soldaten gefangen nahmen - und drangen in den von HTS gehaltenen Teil im Südosten der Provinz Aleppo vor.

Seither hält diese Gruppe des IS einen sich „langsam Richtung Westen bewegenden Kessel“. Trotz teils heftigem Widerstand der HTS erreichte dieser Mitte Oktober auch die Gegend um Sarujah, östlich von Hama, wo er sich seither befindet. Interessanterweise wird dieser Kessel ausschließlich von der HTS bekämpft: IRGC-QF, Assad-Streitkräfte und russische Streitkräfte ignorieren ihn fast vollkommen.

Im Gegenteil verbrachte vor allem die VKS einen Großteil des Oktobers damit, die noch von syrischen Aufständischen gehaltenen Teile Idlibs zu bombardieren. Beim Aufsteigen zu einem dieser Einsätze stürzte am 10. Oktober 2017 eine Su-24M der VKS kurz nach dem Start vom Stützpunkt Hmemmem ab, wobei ihre Besatzung ums Leben gekommen ist.

Rote Zonen und Graue Zonen

Der weitere Vormarsch der „Achse des Widerstandes“ - wie sich die Kämpfer der IRGC-QF und der Hisbollah und ihre syrischen Verbündeten bezeichnen - wurde durch immer neue Hinterhalte, Fahrzeugbomben, aber auch heftige Gegenangriffe des IS verlangsamt. Am 25. Oktober 2017 griff eine von den Extremisten eingesetzte Drohne das wichtigste Versorgungsdepot im Fußballstadion von Dayr az-Zawr an. Dabei gingen hunderte Tonnen an Munition und Verpflegung in Flammen auf. Gleichzeitig lockte der IS eine Kampfgruppe der IRGC-QF, Quwwat Nimr und der Qamahana Tigers Miliz, in einen Hinterhalt nördlich Mayadin, vernichtete zwei BMP-1 und erbeutete einen intakten Kampfpanzer T-90. 

Ein im Raum Mayadin von der IRGC-QF erbeuteter Kampfpanzer T-90, der seither vom IS eingesetzt wird. (Foto: via FB)
Ein im Raum Mayadin von der IRGC-QF erbeuteter Kampfpanzer T-90, der seither vom IS eingesetzt wird. (Foto: via FB)

Dies soll nicht bedeuten, dass der IS wieder dabei ist, siegreich zu werden. Im Gegenteil, die Extremisten haben in diesen Kämpfen ebenfalls schwere Verluste erlitten. Vielmehr ist es so, dass der „Islamische Staat“ in seinem Todeskampf heftig um sich schlägt und jeder Sieg extrem teuer erkauft wird.

Ähnliches gilt für das Vorgehen der VKS sowie der US- und der alliierten Luftstreitkräfte. Schon im Februar 2017, als das PKK/PYD/YPG/SDF-Konglomerat dabei war, seinen Vormarsch in den Raum um Raqqa zu beginnen, warnte das U.S. Central Command (CENTCOM) die lokale Bevölkerung mittels Flugblättern, keine Boote über den Euphrat zur Evakuierung der Stadt zu benutzen. Da beide naheliegenden Brücken in den folgenden Luftangriffen vernichtet wurden, blieb der Bevölkerung aber kein anderer Ausweg aus Raqqa, als Schmuggler zu bezahlen, um sie mit Booten auf das südliche Ufer zu bringen. Mehrere Monate später erklärte Generalleutnant Stephen Townsend, Kommandeur der Operation Inherent Resolve (CJTF-OIR), in einem Interview für die Los Angeles Times, „Wir feuerten auf jedes Boot, das wir finden konnten“.

Ähnlich erging es den Menschen im Raum Dayr az-Zawr durch Angriffe der VKS, als die Bevölkerung jener Stadtteile, die noch vom IS gehalten wurden, auf das Ostufer des Euphrats zu flüchten versuchte. Die Russen gingen dabei noch einfacher vor als die Amerikaner: das gesamte Gebiet außerhalb der von befreundeten Truppen gehaltenen „Roten Zone“ wurde als eine „Graue Zone“ definiert, in der jedes Fahrzeug - ob Auto oder Boot - als Ziel betrachtet wird.

Dreifach-Schlacht um al-Bukamal

Ende Oktober 2017 konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der „Achse des Widerstandes“ auf den Raum zwischen Mayaden und al-Bukamal. Anfangs wurde dieses Gebiet tagelangen Luftangriffen der VKS ausgesetzt.

Die Stadt al-Bukamal befindet sich am westlichen Rand des Euphrat-Tales, weniger als 15 km nördlich der Grenze zum Irak. Das Gelände westlich und südlich der Stadt ist eine weitgestreckte, wellige Schotterwüste, die relativ wenig Deckung bietet, jedoch gut für den Einsatz gepanzerter Fahrzeuge - aber auch von Panzerabwehrlenkwaffen - geeignet ist. Nördlich und östlich der Stadt befindet sich das intensiv kultivierte Tal des Euphrat-Flusses. Viele kleine Felder und Bewässerungskanäle, alle von Dickicht umgeben, wie auch der sumpfige Boden, machen den Einsatz mechanisierter Streitkräfte in dieser Gegend so gut wie unmöglich.

In den Jahren 2011 und 2012 war al-Bukamal eine der Hochburgen des Aufstandes gegen den Diktator Bashar al-Assad. So erzielten lokale Aufständische im August 2012 den ersten bestätigten Abschuß eines Jagdbombers im syrischen Bürgerkrieg. Ein Jahr später wurden die Aufständischen vom IS zerschlagen. Trotz der weitverbreiteten Meinung, dass sich die lokale Bevölkerung darüber freute und sich größtenteils den Extremisten anschloß, war dies nicht der Fall. Schon Anfang 2014 konnte der IS einen lokalen Aufstand des Shteitat-Stammes nur mühsam niederringen.

Ende Oktober 2012 war al-Bukamal die letzte Stadt Syriens mit mehr als 10.000 Einwohnern in den Händen des IS. Somit wurde sie zum Ziel einer Operation, die vielerorts als „letzte Schlacht im Krieg gegen den IS“ angekündigt wurde.

Beteiligte Streitkräfte

Die Kämpfe um al-Bukamal im November 2017 verdeutlichten vor allem die derzeitige Zusammenstellung dessen, was Medien als „Streitkräfte des Assad-Regimes“ bzw. „Syrische Streitkräfte“ bezeichnen. Der Kampf wurde ausschließlich vom Jerusalem-Korps der Islamischen Garden Irans (IRGC-QF) und seinen Verbündeten aber kaum von Syrern geführt (dazu siehe die Übersicht hier). Selbst der Codename der Operation, Fajr-3, (Morgendämmerung-3) war typisch für die IRGC, sicher nicht für syrische Streitkräfte.

Für dieses Unternehmen konzentrierte die IRGC-QF folgende Einheiten im Gebiet zwischen der T-2-Station im Westen und Dayr az-Zawr im Norden:

  • 1 motorisierte Brigade der Hisbollah/Libanon
  • 1 mechanisierte Brigade der Liwa Fatimiyoun (Afghanische Hazara)
  • 12. (motorisierte) Brigade der Harakat an-Nujba (Irak)
  • 1 motorisierte Brigade der Kataib Hezbollah (Hisbollah/Irak)
  • Kafeel Zaynab Brigade der Assaib Ahl al-Haq Organisation (Irak)
  • 1 Brigade der Kataib Imam Ali (Irak)
  • 2 Brigaden der Hisbollah/Syrien
  • 1 Brigade der Liwa al-Qods

Bis zu 8.000 Kämpfer in diesen Verbänden wurden - außer mittels Artillerie der Liwa Fatimiyoun (insgesamt vier Batterien) - durch eigene schwere Waffen (jeweils eine Batterie pro Brigade) und mindestens zwei Batterien gezogene Artillerie der Armee der Russischen Föderation, wie auch einer Batterie der TOS-1A-Mehrfachwerfer auf T-72-Fahrgestell, unterstützt. Dazu setzten die russischen Streitkräfte mehrere motorisierte Gruppen ihrer vorgeschobenen Beobachter ein, die für die Koordination mit den Luftstreitkräften verantwortlich waren. Während die gesamte Operation von IRGC-Offizieren geleitet wurde, waren es ebenfalls die Russen, die den Fuhrpark für das vorgeschobene Hauptquartier zur Verfügung stellten.

Fahrzeuge des vorgeschobenen Hauptquartiers für die Operation Fajr-3, aufgenommen um den 10. November 2017 westlich von al-Bukamal. (Foto: Hisbollah TV-Kanal)
Fahrzeuge des vorgeschobenen Hauptquartiers für die Operation Fajr-3, aufgenommen um den 10. November 2017 westlich von al-Bukamal. (Foto: Hisbollah TV-Kanal)

Hingegen konnten seitens des Assad-Regimes lediglich drei kleine Verbände für diese Operation aufgeboten werden. Der größte davon ist Quwwat Nimr („Tiger Force“). Durch fortdauernde Einsätze und schwere Verluste schrumpfte die Gesamtstärke dieses Verbands von etwa 1.500 bis 1.600 Anfang 2017 auf knapp 1.000 Kämpfer, von denen sich lediglich 450 direkt an Kampfhandlungen beteiligen.

Die 124. Brigade der Republikanischen Garde Division (RGD), die nach zwei Jahren Belagerung in Dayr az-Zawr auf weniger als 300 Kämpfer geschrumpft ist, wurde durch das 800. Bataillon der 125. Brigade RGD verstärkt - eine der letzten drei Einheiten unter Assads Kontrolle, die noch mit etwa 6-7 T-72 Kampfpanzern ausgestattet sind. Alle sonstigen T-72 und BMP-2 wurden schon 2014 an die IRGC-QF und alliierte Verbände abgegeben.

Der Dritte Verband ist ein Element der berüchtigten 4. Panzerdivision: die 42. Brigade (auch „Gayth-Streitkraft“ genannt). Die Bezeichnung „Brigade“ ist dabei fehl am Platz. Dieser Verband zählt kaum 300 Kämpfer, die mit 3-4 T-72, je 2-3 ZSU-23-4 und BMP-1 und verschiedenen „Technicals“ ausgerüstet sind.

Der niedrige Mannschaftsstand dieser drei Einheiten dürfte keinen aufmerksamen Beobachter dieses Krieges überraschen. Die Gesamtstärke der vom Assad-Regime direkt kontrollierten Einheiten ist unterdessen auf etwa 25.000 bis 30.000 Soldaten, Angehörige der Luftwaffe, Marine und verschiedener Sicherheitsdienste geschrumpft. Mehr kann sich Damaskus auch nicht leisten. Nicht nur, dass die Assad-Regierung schon seit November 2011 bankrott ist und nur mittels umfassender Darlehen des Irans überlebt: im Jahresbudget 2016 klaffte ein derart riesiges Loch, das Damaskus nicht aus eigener Kraft stopfen konnte. Etwa 60 Prozent des Budgets für das Jahr 2016 hat Teheran beisteuern müssen, obwohl der Realwert des Budgets von 15 Milliarden US$ im Jahr 2011 auf kaum 5.67 Milliarden US$ schrumpfte. Genauere Angaben zum Budget für das Jahr 2017 sind unbekannt. Angesichts des katastrophalen Zustandes der syrischen Wirtschaft dürfte sich die Lage auf keinen Fall verbessert haben.

Es überrascht daher nicht, dass laut Angaben der iranischen Opposition nicht weniger als 250.000 Kämpfer in Syrien von der IRGC-QF bezahlt werden. Etwa 88.000 davon sind zwar syrische Staatsbürger, jedoch Mitglieder der so genannten „Lokalen Verteidigungskräfte“ (LDF). In der Öffentlichkeit üblicherweise als „Lokale Stämme“, nur manchmal als „Islamischer Widerstand“ bezeichnet, sind dies die Kämpfer der von der IRGC-QF kontrollierten Hisbollah/Syrien, die auf Drängen Teherans unterdessen von Damaskus auch offiziell als „Mitglieder syrischer Streitkräfte“ anerkannt wurden. Dabei diente keine der LDF-Einheiten jemals unter dem Kommando des Assad-Regimes und wird dies wohl auch in der Zukunft nicht tun.

Die IRGC-QF kümmerte sich unterdessen darum, den gleichen Status für etwa 70.000 Kämpfer fremder Staatsbürgerschaft von Damaskus zu erpressen, die sie aus dem Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan, der West Bank und anderswo nach Syrien brachte.

Zuletzt verlangte Teheran das Gleiche von Damaskus für zumindest einen Teil von etwa 100.000 Kämpfern der Nationalen Verteidigungskräfte (NDF), die ebenfalls von IRGC-QF bezahlt und kontrolliert werden. Eine offizielle Stellungnahme dazu seitens des Assad-Regimes ist nicht bekannt.

Zangenangriff

Das russische U-Boot "Kolpino" beim Verladen der "Kalibr"-Marschflugkörper in Tartus, im Oktober 2017. (Foto: Verteidigungsministerium Russische Föderation)
Das russische U-Boot "Kolpino" beim Verladen der "Kalibr"-Marschflugkörper in Tartus, im Oktober 2017. (Foto: Verteidigungsministerium Russische Föderation)

Der Großangriff auf al-Bukamal begann am 31. Oktober 2017, nachdem die im Mittelmeer operierenden russischen Angriffs-U-Boote „Welikij Novgorod“ und „Kolpino“ bereits am 14. September sieben Marschflugkörper vom Typ „Kalibr“ auf den IS im Raum Dayr az-Zawr abfeuerten. Am 31. Oktober 2017 feuerte die „Welikij Novgorod“ weitere drei Marschflugkörper auf die Stadt ab. Am folgenden Tag rückten IRGC-QF-Truppen in einer Zangenbewegung vor. Aus westlicher Richtung aus dem Raum um die T-2 Station und aus nördlicher Richtung aus dem Raum um Dayr az-Zawr (Stadt).

Nach einer wuchtigen Artillerievorbereitung durchbrach ein Bataillon der Hisbollah/Libanon die dünn besetzte Vorhaltelinie des IS östlich von T-2. Daraufhin fuhr eine etwa kompaniestarke Gruppe T-72-Panzer, die von BM-21 Raketenwerfern und 2S1 „Gvozdika“-Haubitzen unterstützt wurden, bis zu 20 Kilometer tief in das vom IS kontrollierte Gebiet hinein. Einmal in Bewegung wurde die Hisbollah-Einheit durch Liwa Fatimiyoun der IRGC-QF verstärkt, die durch eigene M46-, D-20- und D-30-Haubitzen, T-72-Panzer und BMP-1-Schützenpanzer unterstützt, antrat. Gleichzeitig bombardierten insgesamt 6 Tupolev Tu-22M-3-Bomber der VKS unbekannte Ziele in einem Umkreis von bis zu 30 Kilometern um al-Bukamal.

Die Luftangriffe der Tu-22M-3 auf das Gebiet wurden am Morgen des 2. Novembers fortgesetzt. Dazu feuerte das vor der syrischen Küste operierende U-Boot „Kolpino“ 6 weitere „Kalibr“-Marschflugkörper ab.

Am 3. November bombardierten 6 Tu-22M-3 verschiedene Dörfer um al-Bukamal. Wieder blieb die Natur ihrer Ziele unbekannt. Sicher ist nur, dass eine der vom Stützpunkt Mozdok in Südrussland operierenden Maschinen 6 FAB-500M-62 Bomben (Kaliber 500 kg) auf ein Gebiet etwa 28 Kilometer nördlich der Stadt abwarf. Zusätzlich feuerten entweder russische Streitkräfte oder Hisbollah/Libanon mindestens 2 Boden-Boden-Raketen vom Typ SS-21 oder SS-26 auf al-Bukamal ab.

Eine von zwei SS-21 oder SS-26 Boden-Boden-Raketen, die Anfang November auf al-Bukamal  abgefeuert wurden. (Foto: Hisbollah-TV)
Eine von zwei SS-21 oder SS-26 Boden-Boden-Raketen, die Anfang November auf al-Bukamal abgefeuert wurden. (Foto: Hisbollah-TV)

Um die Aufmerksamkeit des IS vom Vormarsch auf al-Bukamal abzulenken, setzte die 124. Brigade RGD (inkl. 800. Bataillon) am 3. November zu einem Ablenkungsangriff auf die Hawijat-Kati-Insel, südöstlich Dayr az-Zawr, an. Trotz Luft- und Unterstützung durch die russischen TOS-1A Mehrfachwerfer schafften es Assads Truppen seither lediglich den nördlichen Teil der von Dickicht bedeckten Insel zu sichern.

Der Angriff aus dem Raum um die T-2-Station geriet am 4. November ins stocken, weshalb Kommandeure der beteiligten Verbände (zu denen unterdessen auch die irakische Miliz Kataib Imam Ali hinzustieß) ihre gesamte Feuerkraft auf einen relativ kleinen Raum konzentrierten und auch um Luftunterstützung seitens Aero L-39-Jagdbombern des Assad-Regimes ersuchten. Bis zum 5. November konnten T-72 und BMP-1 der Liwa Fatimiyoun, unterstützt durch Aerospatiale SA.342 „Gazelle“-Kampfhubschrauber des Assad-Regimes, bis knapp 30 Kilometer vor al-Bukamal vorstoßen.

Da der IS immer heftigeren Widerstand leistete, erlitten die von der IRGC-QF kontrollierten Einheiten in diesem Gebiet einen Verlust von mindestens 30 Toten und noch mehr Verwundeten. Noch schlimmer wurde es, als die Quwwat Nimr zum zweiten Teil des Zangenangriffs - einem Vorstoß von Dayr az-Zawr (Stadt) Richtung Süden auf die Stadt Mayaden - angesetzt wurde. Bis zum 5. November, als dieses Unternehmen vorläufig gestoppt werden musste, hatten die „Besten der Besten“ des Assad-Regimes eigenen Angaben zufolge etwa 250 Tote - darunter zwei Brigadegeneräle - und über 280 Verletzte zu beklagen.

Die Schlappe in al-Bukamal

Es überraschte nicht, dass die Kommandeure der IRGC-QF in den darauffolgenden Tagen beträchtliche Verstärkungen zuführten. Am 7. November erreichte die aus dem Irak kommende 12. Brigade der Harakat an-Nujba den Raum um al-Bukamal. Aus dem Raum Aleppo wurde die von der IRGC-QF unterhaltene Brigade der Palästinenser aus Syrien - Liwa al-Qods - in das gleiche Gebiet verlegt. Daraufhin zog sich der IS schnell Richtung al-Bukamal zurück.

Nur einen Tag später erreichten Elemente der Hisbollah/Libanon, Kataib Hezbollah, Liwa Fatimiyoun, Liwa al-Qods und Hisbollah/Syrien die Stadt und drangen rasch in das Zentrum vor. Am Morgen des 9. November meldete selbst das Verteidigungsministerium in Moskau euphorisch - aber voreilig - die „Befreiung“ al-Bukamals.

Der schnelle Rückzug des IS erwies sich als Falle. Wie schon so oft zuvor (siehe Khan Nassir im Februar und Westaleppo im Oktober 2016, Nordhama im März und Ostaleppo im September 2017), versagte nicht nur die russische, sondern auch die Aufklärung der IRGC-QF. Tatsächlich versteckten sich die Extremisten in einem ausgedehnten Tunnelsystem innerhalb der Stadt und warteten auf ihre Gelegenheit. Diese kam am Abend des 9. Novembers, als der IS plötzlich aus mehreren Richtungen gleichzeitig die IRGC-QF Verbände innerhalb al-Bukamals mit mehreren Fahrzeugbomben und zahlreichen Hinterhalten überfiel. Die Berichte darüber, was genau in der Stadt danach passierte, sind unvollständig. Es gilt aber als sicher, dass die fliehenden Überlebenden der IRGC-QF erst mehrere Kilometer außerhalb der Stadt aufgehalten werden konnten.

Bisher wurde der Verlust von 17 Kämpfern der Hisbollah/Syrien, 9 der Hisbollah/Libanon, 7 der Liwa al-Qods und 5 der Kataib Hezbollah bekannt. Dabei handelt es sich nur um jene Gefallenen, deren Überreste vom Schlachtfeld evakuiert und „zu Hause“ begraben werden konnten.

Dass der Schlag, den die IRGC-QF in al-Bukamal erhalten hatte, tief saß, zeigte sich in den darauffolgenden Tagen. Die Iraner und ihre Verbündeten benötigten eine Woche, um weitere Verstärkungen vom Westen und Norden nach al-Bukamal zu verlegen. In der Folge zeigte der Militär-TV-Kanal der Hisbollah/Libanon immer wieder neue Videos langer Fahrzeugkolonnen vor der Stadt.

Der IS nutzte diese Pause, um eine Reihe weiterer Anschläge zu verüben. Am Sonntag, den 12. November, fuhr ein Fahrzeug mit 5 Extremisten aus Tschetschenien - angeblich trugen alle russische Militäruniformen - vor die Haupteinfahrt des Luftwaffenstützpunktes Dayr az-Zawr vor. Einer von ihnen zündete seinen Sprengstoffgürtel und tötete die Wachen Die anderen 4 fuhren dann auf das Vorfeld, wo sie 3 Aero L-39 „Albatros“-Jagdbomber vernichten konnten, bevor sie neutralisiert wurden. Am 12. November meldeten Extremisten auch den Abschuss eines russischen Kampfhubschraubers nahe des al-Ward Nord Ölfeldes bei Salihiyah.

Als „Vergeltung“ für diese Verluste setzte die russische Luftwaffe 6 ihrer Tu-22M-3 ein, um Dörfer in der Umgebung von al-Bukamal zu bombardieren. Dieselben Ortschaften wurden auch wiederholt von der Artillerie der IRGC getroffen. Innerhalb von etwa 36 Stunden wurden bei derartigen Angriffen am 13. und 14. November mindestens 50 Zivilisten getötet.

Artillerie der  IRGC-QF’s Liwa Fatimiyoun in Stellung vor al-Bukamal, 16. November 2017.  (Foto: Hisbollah TV)
Artillerie der IRGC-QF’s Liwa Fatimiyoun in Stellung vor al-Bukamal, 16. November 2017. (Foto: Hisbollah TV)

Zweite Runde

Ein neuer Zangenangriff der IRGC-QF-Streitkräfte auf al-Bukamal - Operation Fajr-3 - wurde erst am 16. November angesetzt. Bei diesem wurde im Gebiet um Mayaden die Liwa Kafeel Zaynab der Organisation Assaib Ahl al-Haq aus dem Irak eingesetzt. Die Infanterie dieser irakischen Schiiten-Miliz wurde mittels T-90-Kampfpanzern, D-20-Haubitzen Kaliber 152 mm, AZP S-60-FlaK Kaliber 57 mm und zahlreichen ZU-23-FlaK Kaliber 23 mm unterstützt. Ihr erster Angriff wurde aber nach dem Verlust eines T-90 abgewehrt. Ein General der IRGC-QF kam dabei um.

Ähnlich erging es den Angreifern der Liwa Fatimiyoun, die vom Westen her auf al-Bukamal vordrangen. Und zwar trotz Unterstützung durch eine beträchtliche Konzentration an BM-21 und IRMA-Mehrfachwerfern, M101A1, D-20-, D-30-, und 2S1-Haubitzen. Ebenso wirkungslos zeigte sich ein weiterer Anflug von 6 Tu-22M-3 der VKS. Dies war um so weniger überraschend, da die meisten der dabei abgeworfenen Bomben wieder umliegende Dörfer anstatt der Stellungen der Extremisten trafen.

Erst am 18. November schafften es die IRGC-QF-Truppen wieder in die Stadt einzudringen. Verfügbaren Berichten zufolge spielten Hisbollah/Libanon und Liwa Fatimiyoun dabei die wichtigste Rolle. Einen Tag später räumten die Extremisten al-Bukamal endgültig.

Sporadische Kämpfe in den Vororten und außerhalb dauerten noch mindestens zwei Tage an. Dabei wurde am 20. November eine L-39 derart schwer vom Boden aus getroffen, dass sie bei der Notlandung in Dayr az-Zawr abstürzte, wobei beide Besatzungsmitglieder getötet wurden.

Des Weiteren unternahm der IS am 21. November einen Überfall auf Mayaden, bei dem insgesamt zwei BMP-1 und ein T-90-Kampfpanzer der IRGC vernichtet wurden. Zusammenfassend ist festzustellen, dass al-Bukamal zu früh zur „letzten Bastion“ des IS und zur „Letzten Schlacht“ hochstilisiert wurde. Im Gegenteil: trotz eines Verlustes von etwa 100 eigenen Kämpfern, kamen die meisten Extremisten davon - genauso wie zuvor in Raqqa.

Diese Schlacht sollte eher als ein „typischer Zusammenstoß“ des „Syrischen Bürgerkrieges“ im Jahr 2017 verstanden werden: als ein Kampf, an dem fast ausschließlich fremde Truppen beteiligt waren. Die wenigen Syrer, die mitkämpften, dienen bei Terror-Organisationen ausländischen Ursprungs (IS, IRGC-QF und Hisbollah), die nur den religiösen Fanatismus gemeinsam haben.

Auch die beteiligten Kommandeure zeigten wenig taktische Finesse. Der Plan für den Angriff der IRGC sah zwar eine Umfassung al-Bukamals von zwei und dann drei Seiten vor. Allerdings scheiterte der Angriff vom Norden am erbitterten Widerstand in Mayaden, der die geschwächte Quwwat Nimr fast ein Drittel ihrer Kämpfer kostete. Der Angriff vom Westen erreichte zwar die Stadt, wurde dann aber mittels wuchtiger Gegenangriffe zurückgeschlagen und führte zu einer panikartigen Flucht.

Seit dieser bitteren Erfahrung beschränkt sich die IRGC vor allem auf „Vormärsche mittels Feuerkraft“. Ihre Kommandanten konzentrieren Truppen, Panzer und Artillerie auf einem möglichst engen Raum und beschießen gegnerische Stellungen, bis diese aufhören zurückzufeuern. Die Extremisten haben sich in das Dickicht entlang des Euphrat-Flusses zurückgezogen, wo es noch Wochen und Monate dauern dürfte, sie zu finden und zu neutralisieren.

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Einer von 6 Tu-22M-3 Bombern, die an den Luftangriffen auf die Gegend um al-Bukamal am 18. November 2017 beteiligt waren, beim Abwurf von 6 FAB-500M-62 Bomben. (Foto: VKS)
Einer von 6 Tu-22M-3 Bombern, die an den Luftangriffen auf die Gegend um al-Bukamal am 18. November 2017 beteiligt waren, beim Abwurf von 6 FAB-500M-62 Bomben. (Foto: VKS)
 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Michael Kauf // 12.12.2017, 16:01 Uhr Sehr geehrte Redaktion!
    Ein erschreckender Artikel, der in seiner Deutlichkeit und Genauigkeit ein Bild des Chaos zeigt, in dem sich alle möglichen Interessengruppen bekriegen - für Außenstehende nicht wirklich zu durchschauen, wer hier welche Interessen verfolgt. Es scheint nur klar zu sein, dass Russland seine Stützpunkte am Mittelmeer/arabischen Raum sichern will und der Iran seinen Fuß auf ein sonst wahrscheinlich von Saudi-Arabien beanspruchtes Interessensgebiet stellt.
    Die Melange der Interessensgruppen aus religiösen Bereichen, Stammesgruppen, versteckter Auslandskontingente etc... wird einen Frieden sehr unwahrscheinlich machen. Eher kann auf einen Waffenstillstand gehofft werden, wenn alle einen halbwegs akzeptablen Kompromiß gefunden haben.
    Für mich als Europäer zeigt diese Situation aber eine erschreckende Zukunft, die sich auch hier abspielen könnte - es braucht nur genügende Fanatiker unterschiedlichster Interessen mit (vermutlich von außen gelieferten) Waffen. Diese Personen können sich problemlos verstecken/untertauchen, der Rechtsstaat samt Polizei und Justiz hinkt da hoffnungslos hinterher. Falls die heutige große Explosion im Gasverteilerknotenpunkt Baumgarten nicht wirklich ein Unglücksfall war, so zeigt das, daß man nie vorhersehen kann, wo dann solche Extremisten zuschlagen.
    Na ja, lassen wir uns überraschen...
    Mit besten Grüßen!
    Michael Kauf, ObldRes