• Veröffentlichungsdatum: 06.07.2020

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Der Marinesanitätsdienst der Deutschen Bundeswehr

Jürgen R. Draxler

(Foto: Volker Hartmann)
(Foto: Volker Hartmann)

Weltweite Einsatzfähigkeit auf See

Der Marinesanitätsdienst ist für die sanitätsdienstliche Unterstützung auf See - bei einer Übung und im Einsatz - weltweit verantwortlich. Die Bandbreite reicht dabei von der truppenärztlichen (hausärztlichen) Versorgung der Soldaten an Bord über präventiv- und arbeitsmedizinische Aufgaben sowie die Schifffahrt-, Tauch- und Flugmedizin bis hin zur Notfall- und klinischen Akutmedizin.

Ihren landgebundenen Sanitätsdienst verlor die Deutsche Marine mit der Umstrukturierung der Bundeswehr im Jahr 2014. Einzige Ausnahmen sind das Seebataillon und die Kampfschwimmer. Die truppenärztliche Versorgung aller anderen Marinedienststellen und -einheiten an Land erfolgt seither durch den Zentralen Sanitätsdienst. An dessen Spitze steht der Inspekteur des Sanitätsdienstes mit seinem Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr in Koblenz. Das ihm nachgeordnete Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung in Diez ist für die 13 Sanitätsunterstützungszentren der Bundeswehr zuständig – darunter die (für die Flotte relevanteren) in Kiel, Wilhelmshaven und Neubrandenburg –, denen unter anderem an unterschiedlichen Marinestandorten Sanitätsversorgungszentren unterstellt sind. Diese sind für die truppenärztliche Versorgung an Land verantwortlich.

Admiralarzt

Die Abteilung Marinesanität wird im Marinekommando in Rostock vom Admiralarzt der Marine geführt. Neben dem Sanitätsdienst der Flotte untersteht ihm truppen- und fachdienstlich das Schifffahrtsmedizinische Institut der Marine in Kronshagen bei Kiel. Fachlich unterstellt sind ihm das gesamte Sanitätspersonal der Marine und die Truppenfachlehrer Sanitätsausbildung an den Schulen der Marine sowie alle Taucherärzte der Deutschen Bundeswehr.

Der Admiralarzt ist fachlicher Berater des Inspekteurs der Marine und des Befehlshabers der Flotte. Im Auftrag des Inspekteurs des Sanitätsdienstes ist er Inspizient für Tauch- und Überdruck- sowie Schifffahrtsmedizin in der Bundeswehr. Die Abteilung Marinesanität des Marinekommandos verfügt (Stand: April 2020) über insgesamt 38 Dienstposten. Sie gliedert sich in ein Referat (Planung und Evaluation) sowie eine Gruppe, der fünf Dezernate zugeordnet sind: Heilfürsorge und Maritime Medizin, Medizinische Operation und Planung, Wehrpharmazie und Sanitätsmaterialbewirtschaftung, -Ausbildung/-Organisation/-Forschung sowie Medizinische Informationstechnologie.

Der Einsatzgruppenversorger "Berlin" (vorne) und die Fregatte "Hessen" (hinten) im Mittelmeer vor Lampedusa. (Foto: Bundeswehr/Ricarda Schönbrodt)
Der Einsatzgruppenversorger "Berlin" (vorne) und die Fregatte "Hessen" (hinten) im Mittelmeer vor Lampedusa. (Foto: Bundeswehr/Ricarda Schönbrodt)

Leiter der Sanitätsdienste

Auf Truppenebene ist der Marinesanitätsdienst in den beiden Einsatzflottillen, die sich in Kiel und Wilhelmshaven befinden, beheimatet. Dort führen die Leiter der jeweiligen Sanitätsdienste ihren nachgeordneten Bereich nach den Vorgaben des Admiralarztes. Sie beraten die Flottillenführungen und bringen sanitätsdienstliche Gesichtspunkte in die operative Planung ein. Den Geschwaderkommandeuren sowie Kommandanten der Schiffe und Boote stehen sie ebenfalls beratend zur Seite. Zu ihren weiteren Aufgaben gehören die Koordination der Aus- und Weiterbildung des Sanitätspersonals, die Sanitätsausbildung der Soldaten und die Überwachung des sanitätsdienstlichen Meldewesens sowie des Sanitätsmaterials der Einheiten.

Der Leiter der Sanitätsdienste der Einsatzflottille in Wilhelmshaven ist für die Schiffsärzte und im Bedarfsfall für die personelle sowie materielle Einsatzbereitschaft der Rettungszentren See (früher Marineeinsatzrettungszentren) auf den Einsatzgruppenversorgern verantwortlich. Diese Flottille hat eine spezielle Bedeutung für den Marinesanitätsdienst: Infolge ihrer vielfältigen Einsätze rund um den Globus ergeben sich eine Fülle von Erkenntnissen und Erfahrungen, die in die Weiterentwicklung der Maritimen Medizin und der medizinischen Leistungserbringung an Bord einfließen.

Der Leiter der Sanitätsdienste der Einsatzflottille in Kiel führt die Schiffs- und Geschwaderärzte – den vielseitigsten Sanitätsdienst der Marine. In dessen Fokus stehen – über die klassische Maritime Medizin (für die Korvetten, Minensucher und Tender) hinaus – die hoch spezialisierte U-Boot-Medizin (mit dem Schwerpunkt Tauch- und Überdruckmedizin) sowie die gleichfalls hochspezielle taktische Verwundetenversorgung der Kampfschwimmer und des Seebataillons, der „grünen Verbände“ der Marine.

Schiffsarzt

Die an Bord als Schiffsarzt eingesetzten Sanitätsoffiziere sind auf diese Verwendung gezielt vorbereitet. An ihre zweijährige klinische Ausbildung an einem Bundeswehrkrankenhaus schließen weitere zwölf Monate unter Federführung des Schifffahrtmedizinischen Institutes der Marine an. Dort absolvieren sie Lehrgänge zu Rettungsverfahren, Tropen- und Arbeitsmedizin, Gynäkologie, Sonografie und Stressmanagement sowie Telemedizin. Darüber hinaus werden Basiskenntnisse der Zahnmedizin vermittelt. Ergänzt wird diese Ausbildung durch das Training „Überleben auf See“. In diesen Ausbildungsabschnitt fällt auch die Flieger- und Taucherarztausbildung für die Schiffsärzte.

Minentaucher vor der Fregatte "Bayern". (Foto: Bundeswehr)
Minentaucher vor der Fregatte "Bayern". (Foto: Bundeswehr)
Boardingteams der Bordeinsatzkompanie des Seebataillons mit Festrumpfschlauchbooten. (Foto: Bundeswehr)
Boardingteams der Bordeinsatzkompanie des Seebataillons mit Festrumpfschlauchbooten. (Foto: Bundeswehr)
Der Einsatzgruppenversorger "Frankfurt am Main" auf See. (Foto: Bundeswehr)
Der Einsatzgruppenversorger "Frankfurt am Main" auf See. (Foto: Bundeswehr)
Die U 34 in Fahrt. (Foto: Bundeswehr)
Die U 34 in Fahrt. (Foto: Bundeswehr)

Assistenzpersonal

In Anlehnung an die Bestimmungen des zivilen Gesundheitssektors wurde die Ausbildung der Sanitätsmeister („San-Meister“) modifiziert und ihre Berufsbezeichnung in „Schifffahrtsmedizinischer Assistent“ geändert. Für eine entsprechende Verwendung vorgesehene Portepeeunteroffiziere (Stabsunteroffiziere; Anm.) absolvieren zunächst eine zweijährige Ausbildung zum Rettungsassistenten. Ihr folgt eine eineinhalbjährige Vorbereitung auf den Einsatz an Bord, die neben marinespezifischen Lehrgängen zu Schiffsicherung, Tauchmedizin, Sanitätsmateriallogistik und Heilfürsorge auch zivil anerkannte Fortbildungen im Instrumentieren und Röntgen sowie in Narkose, Sterilisation, Labormedizin, Telemedizin und Medizinprodukte-Betreiberverordnung umfasst.

Versorgungsebenen

Die sanitätsdienstliche Versorgung der Marine findet auf zwei Behandlungsebenen statt, die als Role 1 beziehungsweise Role 2 klassifiziert sind.

Role 1 bezeichnet die notfallmedizinische Erstversorgung und Stabilisierung von Verwundeten. Sie wird durch die Schiffsarztgruppe abgedeckt, zu der auf einer Fregatte ein Schiffsarzt, ein Schifffahrtsmedizinischer Assistent und bis zu drei weitere Sanitätsunteroffiziere beziehungsweise -mannschaften gehören. Bei längeren Seereisen oder Einsätzen können Bordfacharztgruppen (je ein Chirurg und Anästhesist mit Assistenzpersonal) sowie eine Bordzahnarztgruppe (ein Zahnarzt plus ein zahnmedizinischer Fachangestellter) eingeschifft werden, die alle vom Zentralen Sanitätsdienst gestellt werden.

Role 2 beinhaltet die fachärztliche (chirurgische und klinische) Erstversorgung, die ein Rettungszentrum See gewährleistet. Das gesamte klinische Fachpersonal, bestehend aus bis zu zwei Operationsgruppen – mit Fachärzten für Anästhesie, Chirurgie, Innere Medizin, Zahn- und Labormedizin sowie einem Apotheker – kommt aus dem Zentralen Sanitätsdienst. Neben der notfallmedizinischen Erstversorgung ist es möglich, bis zu 45 Patienten in einem Rettungszentrum See zur Überbrückung sowohl intensivmedizinisch wie auch pflegerisch zu betreuen und unter Umständen lebensnotwendige Folgeeingriffe vorzunehmen. Für spezielle Einsätze können, je nach Bedarf, andere fachliche Qualifikationen hinzugenommen werden.

Fregattenkapitän d.R. Mag. Jürgen R. Draxler ist Militärjournalist und Publizist.

Fliegendes Personal im Mehrzweckhubschrauber "Sea Lynx". (Foto: Bundeswehr)
Fliegendes Personal im Mehrzweckhubschrauber "Sea Lynx". (Foto: Bundeswehr)
Der Behandlungsraum der Fregatte "Bayern". (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
Der Behandlungsraum der Fregatte "Bayern". (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
Eine medizinische Operation zur See. (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
Eine medizinische Operation zur See. (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
Die Bettenstation eines Rettungszentrums See. (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
Die Bettenstation eines Rettungszentrums See. (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
Der Sanitätsbereich der Fregatte "Braunschweig". (Foto: Bundeswehr/Björn Wilke)
Der Sanitätsbereich der Fregatte "Braunschweig". (Foto: Bundeswehr/Björn Wilke)
Die Fregatte "Bayern" mit Evakuierungssystem während einer Bordübung. (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
Die Fregatte "Bayern" mit Evakuierungssystem während einer Bordübung. (Foto: Bundeswehr/Volker Hartmann)
 

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