• Veröffentlichungsdatum: 31.01.2020

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Das "Königgrätz Museum" in Chlum

Gabor Orban

(Foto: Gabor Orban)
(Foto: Gabor Orban)

Inmitten der „Erinnerungszone“ für den preußisch-österreichischen Krieg 1866 mit nahezu 500 Kriegerdenkmälern und Grabanlagen auf kleinstem Raum wird der 3. Juli 1866 im Königgrätz-Museum für alle Besucher hautnah erlebbar. Dieses stellt die gewaltige Schlacht bei Königgrätz aus der Sicht des einfachen Soldaten in den Mittelpunkt. 

Die Schlacht bei Königgrätz zählt zu einer der größten militärischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts, an der schätzungsweise 420.000 bis 430.000 Soldaten teilnahmen. Dadurch sorgt Königgrätz noch heute für reges Interesse beim historisch interessierten Publikum. Die Schlacht ist seither zu einem Symbol der Niederlage Alt-Österreichs und dessen Armee geworden und bedeutete zugleich eine militärhistorische Zäsur. Königgrätz führte einerseits zur endgültigen Abkehr vom Glauben an die Unbesiegbarkeit geschlossener Formationen – wie jene der k. k. Infanterie – gegenüber der Feuerkraft neuartiger Hinterlader-Systeme. Sie beflügelte aber zugleich die Annahme, dass die Artillerie die Hauptrolle auf dem Gefechtsfeld der Zukunft übernehmen würde.

Die Schlacht forderte an nur einem Tag über 13.000 Tote. (Foto: Gabor Orban)
Die Schlacht forderte an nur einem Tag über 13.000 Tote. (Foto: Gabor Orban)

Gemäß der erlassenen Disposition des Armee-Oberkommandos gingen am 3. Juli 1866 etwa 200.000 Soldaten der k. k. österreichischen Nordarmee und der verbündeten Sachsen unter dem Befehl des populären Feldzeugmeisters Ludwig von Benedek nordwestlich der Festungsstadt Königgrätz in Stellung, um den Vormarsch dreier preußischer Armeen aufzuhalten und im Fall eines günstigen Ausgangs der Schlacht selbst in die Offensive überzugehen. Noch bevor die ersten Schüsse gefallen waren, schrieb Benedek aus seinem Hauptquartier an seine Frau: "Nun gewärtige ich heute und längstens morgen eine entscheidende große Schlacht. Wenn mein altes Glück mich nicht ganz verläßt, kann’s zum guten Ende führen, kommt es jedoch anders, dann sage ich in Demuth: ‚wie Gott will‘. – Du, mein Kaiser und Oesterreich werdet meine allerletzten Gedanken und Gefühle beherrschen. Bin ruhig und gefaßt, und wenn erst die Kanonen in rechter Nähe donnern werden, wird mir wohl werden."

Nach einem etwa zehnstündigen Kampf und einer Reihe taktischer Fehler war die Nordarmee geschlagen. Fast 43.000 österreichische Offiziere und Soldaten, darunter 13.000 Tote und Vermisste, standen am Ende des Tages auf den Verlustlisten. Solche Zahlen – und das nur nach einem einzigen Kampftag – waren bis dahin beispielslos. Allein das k. k. I. Korps büßte in kürzester Zeit 50 Prozent seiner Stärke ein. Mit welcher Heftigkeit die Schlacht tobte, lässt sich bis heute nachvollziehen. Rund um das "Epizentrum" des kleinen verschlafenen Dorfes Chlum – das damals die Schlüsselposition der österreichischen Aufstellung war - finden sich bis heute Hunderte Grabanlagen sowie prachtvolle Krieger- und Schlachtendenkmäler. Inmitten dieses geschichtsträchtigen Gebietes erinnert das Kriegsmuseum an die Schlacht.

Das Museumsgebäude liegt mitten in der "Erinnerungszone" mit 500 Denkmölern und Grabanlagen. (Foto: Gabor Orban)(Foto: Gabor Orban)
Das Museumsgebäude liegt inmitten der "Erinnerungszone 1866" mit fast 500 Denkmälern und Grabanlagen. (Foto: Gabor Orban)

Planung eines Besuches

Das kleine Museumsgebäude liegt etwa elf Kilometer nordwestlich der Stadt Hradec Kralove (Königgrätz) im Ortsteil Chlum der Gemeinde Vsestary. Am bequemsten ist das Gelände mit dem Auto zu erreichen, die Orientierung vor Ort wird durch Informationstafeln erleichtert. Eine lokale Bushaltestelle ist im Dorfzentrum zwar vorhanden, jedoch müssen Besucher einen kleinen Spaziergang einkalkulieren, da sich das Museum etwa 600 Meter außerhalb der Siedlung befindet. Das Gebäude selbst wurde auf der höchsten Erhebung von Chlum (334,4 m ü. M.) errichtet und ist durch den direkt angrenzenden Aussichtsturm schon von Weitem sichtbar.

Der moderne Museumsbau bildet zusammen mit dem Informationszentrum, dem Aussichtsturm sowie dem Gasthaus „U polnich myslivcu“ ("Zum Feldjäger") eine bautechnische Einheit. Parkplätze stehen den Besuchern kostenlos zur Verfügung, diese können jedoch vor allem an Wochenenden überfüllt sein. Der Eintritt erfolgt schnell und reibungslos, eine kleine Kassa (mehrsprachig) mit etlichen Andenken - darunter Zinnfiguren, Postkarten und aktuellen Publikationen - befindet sich hinter dem Eingang. Der Eintrittspreis ist günstig und beläuft sich derzeit auf umgerechnet zwei Euro. Für die Besteigung des Aussichtsturmes werden etwa ein Euro verrechnet.

Geschichte des Museums

Obwohl das Museums offiziell im Jahr 1936 eröffnet wurde, reichen seine Ursprünge weit in die Zeit der k. u. k. Monarchie zurück. Bereits unmittelbar nach dem preußisch-österreichischen Krieg entwickelte sich das Königgrätzer Schlachtfeld zu einem Treffpunkt von Touristen, Veteranen und militärhistorisch Interessierten. Die Hotels der naheliegenden Stadt boten spezielle Kutschen-Fahrten zum Schlachtfeld an, erste Touristenführer mit eingezeichneten Routen und Gräber-Verzeichnissen entstanden. Im Jahr 1894 ließ Baumeister Karl Weinrich ein Wächterhaus für die Kriegerdenkmäler - das heutige Informationszentrum (zuletzt 2013 renoviert) - unweit des ehemaligen Gefechtstandes von Feldzeugmeister Benedek erbauen. Fünf Jahre später wurde das Areal des Wächterhauses durch einen 25 Meter hohen eisernen Aussichtsturm sowie um ein Gasthaus erweitert.

Der ans Museum grenzende Aussichtsturm wurde 1999 errichtet und bietet einen imposanten Ausblick über das gesamte Schlachtfeld.(Foto: Gabor Orban)
Der ans Museum grenzende Aussichtsturm wurde 1999 errichtet und bietet einen imposanten Ausblick über das gesamte Schlachtfeld. (Foto: Gabor Orban)

Die Idee für den Bau eines Kriegsmuseums in Erinnerung an die Schlacht bei Königgrätz geht auf Josef Volf, einem Zeitzeugen und Mitglied des Komitees zur Erhaltung der Denkmäler von 1866, zurück. Auf seine Initiative entstand in den Jahren 1932 bis 1936 das erste Museumsgebäude nach den Plänen von Franz Friedrich. Die Exponate stammten zum Großteil aus privatem Besitz. Einen Tiefpunkt in der Geschichte der Einrichtung stellte die kommunistische Machtübernahme in der Tschechoslowakei dar, als das Museum verstaatlicht wurde und unter die Kontrolle der neuen Machthaber fiel. So musste z. B. im Jahr 1966 eine Gedenkfeier für das 100-jährige Jubiläum des 3. Juli abgesagt werden, da sie verboten wurde. Im Gebäude residierte bis 1993 das Bezirksamt Hradec Kralove.

1997 wurde das gesamte Schlachtfeld zu einer "Erinnerungs-" bzw. "Denkmalschutzzone" erklärt, womit die zweite "Blütezeit" des kleinen Kriegsmuseums begann. In den Jahren 2008 bis 2010 erfolgte der Bau eines modernen Objektes; 2011 begannen Renovierungsarbeiten am alten Gebäude, wieder ein Jahr später erfolgte die Zusammenführung beider Bauten. Der alte Aussichtsturm wurde 1999 durch ein neues 55,60 Meter hohes Konstrukt ersetzt, dessen Aussichtsplattform sich auf einer Höhe von 34,6 Metern befindet. Von hier aus eröffnet sich das gesamte Schlachtfeld vor dem Auge des Besuchers.

Heute untersteht das Chlumer Kriegsmuseum dem Ostböhmischen Museum Hradec Kralove und beherbergt eine große Anzahl an Ausstellungsstücken. Dabei wird das Schicksal des einfachen Soldaten in den Mittelpunkt gestellt. Inhaltlich liegt der Fokus des Museums in erster Linie auf der Schlacht bei Königgrätz, es wird aber auch auf den gesamten Feldzug in Nordböhmen 1866 eingegangen. Ein individueller Besuch im Kriegsmuseum nimmt etwa 30 bis 60 Minuten in Anspruch – abhängig vom Grad des Interesses. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit einer vorab angemeldeten Teilnahme an sechs verschiedenen kostenpflichtigen Führungen. Dabei werden Touren durch das Museum (75 Minuten) und das engere Schlachtfeld (45, 60 oder 90 Minuten) sowie zwei verschiedene sog. "Große Rundgänge" (jeweils 180 Minuten) angeboten.

Ausstellungsräume

Das Museum selbst besteht aus zwei kleineren Räumen. Die Zahl der Ausstellungsstücke ist dementsprechend nicht besonders hoch und die Vielfältigkeit der Objekte eingeschränkt. Die Räume sind jedoch liebevoll eingerichtet und die Räumlichkeiten dem Museumskonzept entsprechend gestaltet. Bei den verwendeten Materialien dominiert Glas und Stahl, wodurch die Räume bei Sonnenschein besonders hell, (in den Sommermonaten jedoch stickig, sind.

Im Museum werden vor allem Duplikate ausgestellt, darunter größtenteils nachgebildete Uniformen Österreich-Ungarns und Preußens. Des Weiteren sind eine nachgebaute österreichische 4-Pfund-Feldkanone M.1863 sowie Feuer- und Hiebwaffen aller Art vorhanden. Unter den Exponaten finden sich auch wertvolle Unikate, wie Funde von archäologischen Grabungen des Schlachtfeldes oder Fragmente von Grab- und Heldendenkmälern. Zusätzlich wird den Besuchern die Möglichkeit geboten, das preußische Zündnadelgewehr sowie das österreichische Lorenzgewehr persönlich in die Hand zu nehmen. Das Konzept der Ausstellung ist logisch aufgebaut und transparent.

Besonders erwähnenswert sind zwei Zinnfiguren-Dioramen mit hunderten Soldaten. Abgerundet wird die Ausstellung durch dreisprachige Infotafeln und kurzen Filmausschnitten. In beiden Räumen befinden sich kleine Kinosäle, in denen nachgestellte Kampfszenen gezeigt werden.

Im Museum finden sich zahlreiche nachgebildete Uniformen. (Foto: Gabor Orban)
Im Museum finden sich zahlreiche nachgebildete Uniformen. (Foto: Gabor Orban)
Das Denkmal des 4. österreichischen Infanterieregimentes. (Foto: Gabor Orban)
Das Denkmal des 4. österreichischen Infanterieregimentes. (Foto: Gabor Orban)
Einer der beiden Zinnfigur-Schaukästen. (Foto: Gabor Orban)
Einer der beiden detailliert gestalteten Zinnfigur-Schaukästen. (Foto: Gabor Orban)
Historische Statue eines ehemaligen Kriegerdenkmals.
Historische Statue eines ehemaligen Kriegerdenkmals. (Foto: Gabor Orban)
Eine nachgebaute österreichische Feldkanone M.1863. (Foto: Gabor Orban)
Eine nachgebaute österreichische Feldkanone M.1863. (Foto: Gabor Orban)
 

Eindrücke und Fazit

Das Museum und die angrenzenden Objekte waren zum Zeitpunkt der Besichtigung (Oktober 2019) mäßig bis stark besucht. Nach Angaben des Informationszentrums kommen jährlich etwa 4.000 Personen in das Museum, wobei vor allem Familien und Schulgruppen aus Tschechien unter den Besuchern sind. Das Chlumer Kriegsmuseum bietet zusammen mit der Denkmalschutzzone 1866 ein Erlebnis für Alle, die sich für den preußisch-österreichischen Krieg interessieren. Die unmittelbarere Nähe zum Ossarium (dem zentralen Erinnerungsort der k. k. Armee; Anm.), zum preußischen Militärfriedhof, zum imposanten Denkmal der „Batterie der Toten“ sowie zur Chlumer Dorfkirche mit dem Denkmal des k. k. I. Korps erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, die den Besuchern die Ereignisse des Jahres 1866 auch außerhalb des Museums vor Augen führt und hautnah erleben lässt.

Gabor Orban, MA ist Militärhistoriker mit dem Forschungsschwerpunkt „Schlacht um Königgrätz“.

 

Basisinformation

Adresse: Kriegsmuseum 1866/Muzeum valky 1866; Chlum 66, 503 12 Všestary

Erreichbarkeit: Mit dem Auto entlang der E443, etwa 11 km nordwestlich von Hradec Kralove

Geöffnet: Sommersaison: Di bis So, jeweils 09-17:00 (Mo Ruhetag), Wintersaison: Sa-So, jeweils 10-16:00; Aussichtsturm – abweichende Öffnungszeiten

Eintritt: Museum/50 Kc (2 Euro), Aussichtsturm/20 Kc (80 Cent); Kombi-, Familien- und Studententickets möglich.

Fotografieren erlaubt, ohne Blitz

Sprache: tschechisch, englisch, deutsch

Internet: www.chlum1866.cz/kriegsmuseum-1866 (mehrsprachig)

 

Ein kurzer Teaser aus einer der gezeigten Kampfszenen ist HIER abrufbar.

TRUPPENDIENST-Schwerpunkt: Schlacht bei Königgrätz

 

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