• Veröffentlichungsdatum: 21.12.2020
  • – Letztes Update: 22.12.2020

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Berufsoffizier und Europameister

Gerold Keusch, Luis Wildpanner

(Foto: Archiv Wildpanner, HBF/Lechner; Montage: Keusch)
(Foto: Archiv Wildpanner, HBF/Lechner; Montage: Keusch)

Nach sechs lernintensiven Semestern schloss Wildpanner mit der Ablegung der Matura 1986 glücklich und hochzufrieden dieses noch offene Kapitel in seinem Leben erfolgreich ab. Dieses Mal hatte er sich die Chance nicht entgehen lassen und sein Bildungsziel endlich erreicht. Nun stand ihm auch die Tür zur Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt offen.

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Es hatte sich für ihn bezahlt gemacht, dass er sich völlig auf dieses Ziel konzentriert hatte und alle anderwärtigen Ablenkungen so gut wie möglich von sich fernhielt. Mit dem Wechsel an die Militärakademie sollte nun der nächste Schritt zum Berufsoffizier erfolgen. Allerdings verlief die Aufnahmeprüfung für die Offiziersausbildung alles andere als erwartet. Der frisch gebackene Maturant lag trotz guter Bewertungen während des Allgemeinen Offiziersanwärterkurses in Gratkorn in der abschließenden Reihung außerhalb der damals zugewiesenen 120 Studienplätze. Dadurch schien dem damaligen Zugsführer vorerst der Einstieg in die Offiziersausbildung versagt zu bleiben.

„Dass ich damals keinen Studienplatz erreicht hatte, war zwar deprimierend, aber nicht wirklich eine Katastrophe. Erstens wusste ich mittlerweile mit Rückschlägen dieser Art ganz gut umzugehen. Zweitens war mir klar, dass ich dieses Ziel früher oder später erreichen würde – wenn nicht in diesem, dann spätestens im nächsten Jahr! Ich hatte bereits genügend Erfahrungen gesammelt, wie ich mit solchen Situationen umgehen musste, um mich nicht wie in der Vergangenheit davon unterkriegen zu lassen. Für mich stand von Anfang an fest, dass ich spätestens im Jahr darauf erneut bei der Aufnahmeprüfung antreten würde und wollte die Zeit bis dahin mit der Absolvierung des Jagdkommando- Grundkurses und einem anschließenden Auslandseinsatz sinnvoll überbrücken.“ Aber es sollte anders kommen.

Luis mit "Sack und Pack" auf seinem Motorrad, der damals schnellsten in Serie produzierten Straßenmaschine. (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis mit "Sack und Pack" auf seinem Motorrad, der damals schnellsten in Serie produzierten Straßenmaschine. (Foto: Archiv Wildpanner)

Luis wollte sich gerade auf den Weg zum Jagdkommando in die Flugfeldkaserne machen, da erhielt er einen Anruf von einem der vier Lehroffiziere des zukünftigen ersten Jahrganges der Theresianischen Militärakademie: „Herr Zugsführer“, sagte eine forsche Stimme am anderen Ende der Leitung „einige Kameraden, die in der Reihung vor Ihnen lagen, haben sich bereits vor Beginn der Offiziersausbildung abgemeldet. Sie haben nun die Möglichkeit für einen Studienplatz an der Militärakademie, aber sie müssen sich jetzt dafür entscheiden – und zwar sofort!“ Wildpanner wird diesen Anruf wohl sein ganzes Leben nie vergessen und seine rasche Antwort ließ keinen Zweifel aufkommen, wo seine Prioritäten damals lagen: „Jawohl! Ich komme!“ Mit Sack und Pack (den „Spind am Schwerpunkt“, wie das damals im Soldatenjargon hieß) sowie mit dem Stahlhelm auf dem Kopf startete er unmittelbar darauf sein Motorrad. Nun fuhr er aber nicht in die Flugfeldkaserne zum Jagdkommando, um Elitesoldat zu werden, sondern – wie ursprünglich geplant – an die Wiener Neustädter Burg zur Alma Mater Theresiana (1752 von Maria Theresia gegründet und somit die älteste Militärakademie der Welt), um sich die nächsten drei Jahre der Offiziersausbildung zu unterziehen.

Wildpanner war nun Fähnrich im ersten Jahrgang des berühmt-berüchtigten Jahrganges Rodakowski. Die größte und berühmteste Tat des Namensgebers war wohl der tollkühne Reiterangriff an der Spitze seines Train-Ulanen Regimentes, bei der Schlacht von Custozza im Jahr 1866, wo er mitten in die feindlichen Reihen stieß. Der Feind wurde durch den beherzten Vorstoß Rodakowskis derart überrascht, dass sich die Schlacht – trotz zahlenmäßig drückender Überlegenheit des Gegners – letztendlich zu Gunsten der Österreicher wendete. „Ein Auszug dieser Szene wurde von unserem Jahrgang nach dem erfolgreichen Abschluss der Offiziersausbildung bei der abschließenden Ausmusterung auf dem Antreteplatz der Theresianischen Militärakademie nachgespielt, weil wir uns damit sehr gut identifizieren konnten. Auch wir waren entschlossen, willens- und leistungsstark und hatten von Anfang der Ausbildung an ebenfalls ein klares Ziel – nämlich Offizier zu werden. Und tatsächlich haben sich viele Kameraden meines Jahrganges bis zum heutigen Tage zu interessanten und starken Persönlichkeiten (weiter) entwickelt. Einige von ihnen sitzen bereits seit vielen Jahren in Führungspositionen des Bundesheeres und prägen somit maßgeblich das Bild der heutigen Streitkräfte.“

Wildpanner entschied sich gleich zu Beginn für die Ausbildung in der Waffengattung Jäger und wurde einer von nur elf Infanterieoffizieren seines Jahrganges. In den Jahrgängen davor waren es meist um die 30 bis 40 Offiziersanwärter, die sich vor allem aufgrund der umfangreichen und fordernden Ausbildung dafür entschieden, Jäger zu werden. Während der dreijährigen Offiziersausbildung musste der spätere Welt- und Europameister den Sport bewusst etwas zurückstellen, weil er sich – wie bereits zuvor am Bundesrealgymnasium für Berufstätige – völlig auf seine berufliche Karriere konzentrieren wollte. Er nahm zwar in seiner Zeit als Fähnrich auch an diversen Wettkämpfen teil, jedoch ohne sich speziell auf diese vorzubereiten und daher auch ohne hohe Ansprüche hinsichtlich der Ergebnisse.

Wildpanner (li.) am Truppenübungsplatz Seetaler Alpe bei der Vorbereitung zum Scharfschießen mit der Panzerkanone einer Festen Anlage. (Foto: Archiv Wildpanner)
Wildpanner (li.) am Truppenübungsplatz Seetaler Alpe bei der Vorbereitung zum Scharfschießen mit der Panzerkanone einer Festen Anlage. (Foto: Archiv Wildpanner)
Ausbildung am Panzerturm „Centurion“ einer Festen Anlage als Fähnrich. (Foto: Archiv Wildpanner)
Ausbildung am Panzerturm „Centurion“ einer Festen Anlage als Fähnrich. (Foto: Archiv Wildpanner)
Am Abend eines Ausbildungstages während der Offiziersausbildung mit dem Rennrad neben dem Bett. (Foto: Archiv Wildpanner)
Am Abend eines Ausbildungstages während der Offiziersausbildung mit dem Rennrad neben dem Bett. (Foto: Archiv Wildpanner)

Als junger Offizier in der Ostarrichi-Kaserne

Nach der erfolgreichen Offiziersausbildung musterte Wildpanner 1989 als Leutnant zum Landwehrstammregiment 35 nach Amstetten aus. „Ich hatte das Glück, in eine Kompanie zu kommen, in der einige sportlich aktive und erfolgreiche Unteroffiziere waren. Ihnen wollte ich nicht nur ein dienstliches, sondern auch ein sportliches Vorbild sein und mit diesem Anspruch konnte ich mich nun wieder verstärkt dem Sport zuwenden.“ Als junger Kommandant einer Jägerkompanie absolvierte er 1993 mit der Ausbildung zum Lehrwart für allgemeine Körperausbildung seinen ersten Fachkurs in diesem Metier. Im Zuge dessen lernte der ehrgeizige Sportler eines seiner größten Vorbilder hinsichtlich theoretischer Kenntnisse und der Vermittlung der Prinzipien und Grundsätze der Trainingslehre in Verbindung mit einer erfolgreichen Umsetzung bei der Aneignung sportlicher Vielseitigkeit und Leistungsfähigkeit kennen: Oberst Manfred Zeilinger, den langjährigen stellvertretenden Kommandanten des Heeressportzentrums in Wien.

Zeilinger sollte Luis, von diesem Zeitpunkt an, während seiner gesamten Dienstzeit begleiten und war aufgrund seiner Wissensvermittlung ein wichtiger Wegbereiter seiner sportlichen Erfolge. Was selbst viele Sportinteressierte bis heute nicht wissen: Am 26. Februar 1999 gab es in Ramsau am Dachstein mit dem Staffel-Gold für Österreich den bisher größten Langlauf-Erfolg für Österreich. Dabei spielte Oberst Zeilinger als ständiger Trainingsberater der österreichischen Schilangläufer eine Schlüsselrolle und trug maßgeblich zum sensationellen Erfolg der damaligen Mannschaft bei.

Antreten des Stabsbataillons 3 in Amstetten für die Siegerehrung einer Bataillonsmeisterschaft in der Ostarrichi-Kaserne in den frühen 1990er-Jahren. (Foto: Archiv Wildpanner) Antreten des Stabsbataillons 3 in Amstetten für die Siegerehrung einer Bataillonsmeisterschaft in der Ostarrichi-Kaserne in den frühen 1990er-Jahren. (Foto: Archiv Wildpanner)
Antreten des Stabsbataillons 3 in Amstetten für die Siegerehrung einer Bataillonsmeisterschaft in der Ostarrichi-Kaserne in den frühen 1990er-Jahren. (Foto: Archiv Wildpanner)

Der Ausbildung zum Trainer konnte sich Wildpanner, aufgrund der anfänglich intensiven dienstlichen Auslastung, erst nach einer Wartezeit von zwei Jahren 1995 unterziehen. Sein umfangreicher Aufgaben- und Tätigkeitsbereich im Landwehrstammregiment, in dem er zusätzlich als Kommandant für eine Miliz-Sperrkompanie in der Schlüsselzone 35 verantwortlich war, ließ nur wenig Freiräume zu. Daher verging einige Zeit, bis er die siebenwöchige Trainerausbildung absolvieren konnte. Für einen Soldaten in einer Führungsposition ist das eine lange Zeit, die auch in die Jahresplanung der Dienststelle und des vorgesetzten Kommandos passen muss.

Wildpanner wurde zum damaligen Zeitpunkt Kommandant der neu gegründeten 1. Ausbildungskompanie des Militärkommandos Niederösterreich. Der Kalte Krieg und die Raumverteidigung waren gerade obsolet geworden und für das Bundesheer begann eine Phase der Um- und Neuorientierung, die de facto bis zum heutigen Tage anhält. Ein Ausdruck der globalen Umbrüche und der damit verbundenen völlig veränderten militärischen Rahmenbedingungen war die Auflösung des Landwehrstammregiments 35 im Jahr 1994, das zum Stabsbataillon 3 umstrukturiert wurde. Wildpanners Einheit war allerdings kein Teil dieses neu aufgestellten Bataillons, sie wurde ausgegliedert und ein Element des Militärkommandos Niederösterreich.

Die Aufgabenvielfalt, die seine Kompanie hinkünftig zu bewältigen hatte, wurde dadurch erheblich komplexer und damit stieg auch der Arbeitsaufwand erheblich. „In meiner Kompanie gab es Einjährig-Freiwillige-Kurse, eine Vielzahl von Unteroffizierslehrgängen verschiedener Waffengattungen, aber auch ,ganz normale Einrückungstermine’ von Grundwehrdienern, deren Stärke damals noch weit über 100 Mann lag. Eine Besonderheit war die Ausbildung der letzten Sperrjäger des Bundesheeres, die im Oktober 1994 in meiner Kompanie begann.“ 

Zu dieser Zeit scheiterte Wildpanners erste Ehe nach nur sechs Jahren. Seine erste Frau war die beste Freundin seiner jüngeren Schwester, die er durch sie kennengelernt hatte. Im Jahr 1987 – während seiner Zeit als Fähnrich an der Militärakademie – heirateten die beiden. Noch im gleichen Jahr erblickte seine erste Tochter das Licht der Welt, die zweite Tochter zwei Jahre später. Die Ehe stand jedoch unter keinem guten Stern und wurde 1993 einvernehmlich geschieden. Um diesen persönlichen Tiefschlag zu bewältigen, kam ihm eine seiner prägendsten Eigenschaften zu Gute: Luis konnte seine negativen Gedanken, Emotionen und Stimmungen durch körperliche Bewegung in „positive“ Energie umwandeln. Das half ihm auch, um schrittweise wieder ein höheres sportliches Leistungsniveau zu erreichen, das aufgrund seiner familiären und beruflichen Doppelbelastung zuvor nicht möglich war.

Luis bei der größten Marschveranstaltung der Welt, dem Auslandsmarsch in Nijmegen (Niederlande). (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis bei der größten Marschveranstaltung der Welt, dem Auslandsmarsch in Nijmegen (Niederlande). (Foto: Archiv Wildpanner)
Marschpause in Nijmegen (Niederlande). (Foto: Archiv Wildpanner)
Marschpause in Nijmegen (Niederlande). (Foto: Archiv Wildpanner)
(Foto: Archiv Wildpanner)
(Foto: Archiv Wildpanner)
(Foto: Archiv Wildpanner)
(Foto: Archiv Wildpanner)

Marathon und Race Across Austria

Obwohl die Zeit als Kompaniekommandant eine große zeitliche und berufliche Belastung darstellte, konzentrierte sich Wildpanner nun einmal mehr auf seine große Leidenschaft, den Ausdauersport. Als Bundesheer-Sportausbilder und Trainer hatte er nun auch das theoretische Rüstzeug, um einerseits seine eigene Leistungsfähigkeit noch zielorientierter zu steigern und andererseits auf die Sportausbildung in seiner Kompanie einzuwirken. Luis begann wieder regelmäßig zu laufen, gewann einige kleinere Bewerbe und nahm auch an seinen ersten „richtigen“ Marathons teil.

Von Anfang an lieferte er herzeigbare Leistungen und arbeitete sich in den Ergebnislisten kontinuierlich nach oben. Seine schnellste Zeit über die 42,2 km lief er beim Grazer Stadtmarathon im Herbst des Jahres 1995 mit 2:35:59 Stunden, nachdem er zuvor bereits einige Ultraläufe erfolgreich bestritten hatte. Gemeinsam mit seinen Vereinskameraden, Max Wenisch und Wolfgang Strauß wurde er erstmals Staatsmeister in der Marathon-Mannschaftswertung. Sein Teamkollege Max Wenisch konnte später mehrmals den Staatsmeistertitel in der Einzelwertung erringen und gewann auch mehrere österreichische Marathons (Salzburg 1994, Graz 1996 und Salzburg 2000).

Schnappschuss während des 500-Meilen-Qualifikationsrennens für das „Race Across America“. (Foto: Archiv Wildpanner)
Schnappschuss während des 500-Meilen-Qualifikationsrennens für das „Race Across America“. (Foto: Archiv Wildpanner)

Wildpanners zweite favorisierte Sportart, das Radfahren, war weiterhin ein fixer Bestandteil seines Trainings, auch wenn damals – nicht zuletzt aus Zeitgründen – das Laufen noch eindeutig im Vordergrund stand. Aber auch in dieser Disziplin hatte er ein großes Ziel vor Augen. Auf Anregung seines ehemaligen Sportoffiziers an der Theresianischen Militärakademie, Oberst Hans Schackl, entschloss er sich 1995 dazu, sein Schwergewicht nach dem Vienna City Marathon auf die Vorbereitung des Qualifikationsrennens für das „Race Across America“ zu legen. Dieser in der Szene bekannte Wettbewerb ist ein jährlich ausgetragenes, ultralanges Radrennen, das von der Westküste der Vereinigten Staaten bis zur Ostküste verläuft und zu den bekanntesten und bedeutendsten Extremsportbewerben zählt. Dabei ist auf einer jährlich mitunter variierenden Route eine Strecke von etwa 4.800 bis 5.000 km bei einer Gesamthöhendifferenz von etwa 52.000 m innerhalb eines vorgegebenen Zeitlimits zurückzulegen.

Als Qualifikation hierzu fand im Mai 1995 ein Radrennen über 500 Meilen (ca. 805 km) von Bregenz nach Wien statt. Dieses war als 4er-Team-Bewerb organisiert, bei dem immer ein Athlet „auf der Straße“ sein musste. Obwohl das Team die Qualifikation klar schaffte, war man innerhalb der Mannschaft über den knapp verfehlten dritten Gesamtplatz doch enttäuscht. Wildpanner belegte mit dem damals mit dem, bei nationalen Veranstaltungen immer im Spitzenfeld liegenden, Duathleten Herwig Bauer und den beiden Lehrern des Militärgymnasiums Wiener Neustadt, Dieter Birnbauer und Franz Peter Dammerer von insgesamt 25 Teams, den sechsten Rang in der Gesamtwertung – nur 25 Minuten hinter den Drittplatzierten. Der zeitliche Rückstand war vor allem auf unnötige Zusatzkilometer durch das Führungsfahrzeug aufgrund eines Orientierungsfehlers zurückzuführen.

Zur Teilnahme an dem Rennen in den USA kam es jedoch nicht. „Mein gesamtes Sportlerleben lang habe ich die Diskrepanz zwischen Trend- und Nebensportarten weder in finanzieller noch in medialer Hinsicht verstanden – und auch nie akzeptiert. Das galt auch für das Race Across America. Natürlich wollten die meisten der Qualifizierten nach Amerika. Ich knüpfte aber bereits damals meine Teilnahme an die Bedingung, dass zumindest mein finanzieller Aufwand durch Sponsoren abgedeckt werden sollte, da ich meine Teilnahme nicht mehr nur als reines Hobby ansah. Nachdem diese Forderung nicht erfüllt wurde, kam eine Teilnahme für mich konsequenterweise auch nicht mehr in Frage. Den Grundsatz, dass mir und in weiterer Folge auch meinen Betreuern keine Kosten entstehen dürfen, habe ich bei allen weiteren sportlichen Vorhaben eingehalten. Mehr als die finanzielle Abdeckung der Ausgaben für meine Wettkämpfe durch treue und gut gesinnte Sponsoren war aber nie möglich.“

Luis auf der Strecke im Regen. (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis auf der Strecke im Regen. (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis Wildpanner (re.) und sein Team beim 500-Meilen-Qualifikationsrennen für das „Race Across America“ von Bregenz nach Wien im Jahr 1995. (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis Wildpanner (re.) und sein Team beim 500-Meilen-Qualifikationsrennen für das „Race Across America“ von Bregenz nach Wien im Jahr 1995. (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis nach dem Zieleinlauf beim Vienna City Marathon den er mit 2:39:00 in den Top 50 beenden konnte. (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis nach dem Zieleinlauf beim Vienna City Marathon den er mit 2:39:00 in den Top 50 beenden konnte. (Foto: Archiv Wildpanner)
Auf der Strecke beim Vienna City Marathon. (Foto: Archiv Wildpanner)
Auf der Strecke beim Vienna City Marathon. (Foto: Archiv Wildpanner)

Europameister im 100-km-Lauf

Nur einen Monat vor dem Qualifikationsrennen zum Race Across America lief Wildpanner beim internationalen Vienna City Marathon mit 2:39:00h als zehntbester Österreicher ins Ziel. Mit dieser Zeit erreichte er von knapp 5.000 Teilnehmern den 43. Rang in der Gesamtwertung und wurde Vierter in seiner Altersklasse – von der absoluten Spitze trennten ihn hingegen sportliche Welten. Bereits vor seiner Bestzeit war ihm klar, dass er nie einen Platz am Treppchen eines namhaften Marathon-Bewerbes erreichen könnte, egal wie hart und viel er auch trainieren würde. Die Konkurrenz bei diesen Massenveranstaltungen war zu groß und er selbst konnte seine eigene – damals bereits hohe – Leistungsfähigkeit nur noch in kleinen Schritten steigern.

Aber Luis wusste mittlerweile, dass er sein Marathontempo wesentlich länger als „nur“ 42 Kilometer durchhalten konnte. Er war sich seiner analytischen und planerischen Fähigkeiten bewusst – vor allem aber kannte er seinen eisernen Willen, der ihn von vielen anderen Athleten unterscheidet. Auf der Suche nach lukrativen Alternativen „stolperte“ er zwangsläufig über die Ultra-Laufbewerbe, von denen es damals noch nicht viele gab. Dennoch war dieses Metier für ihn kein Neuland. Bereits kurz nach dem Einrücken war er im Jahre 1982 bei einem Ultralauf über 60 Kilometer gestartet, der im Rahmen des Marc-Aurel-Marsches in Bruckneudorf ausgetragen wurde. Dieser Marsch ist eine bis zum heutigen Tage international bekannte Veranstaltung der Sektion Weitwandern des HSV Wien, der über verschiedene Distanzen am Truppenübungsplatz Bruckneudorf ausgetragen wird. Bei diesem Lauf musste er jedoch gehörig „Lehrgeld bezahlen“, da ihm bereits nach etwa 40 Kilometer die Kräfte verließen, die er wegen seiner großen Euphorie bei diesem Bewerb viel zu früh „verschossen“ hatte. Die letzten 20 Kilometer bis ins Ziel schaffte er daher nur noch mit großer Mühe und großteils im Gehen.

Luis beim Wieselburger Stadtlauf am 14. Mai 1994. (Foto: Archiv Wildpanner)
Luis beim Wieselburger Stadtlauf am 14. Mai 1994. (Foto: Archiv Wildpanner)

Nun aber wollte Wildpanner das Abenteuer Ultramarathon erneut – und aufgrund seiner Erfahrungen und Trainingsjahre wesentlich besser vorbereitet – in Angriff nehmen. Mittlerweile hatte er sich zudem intensiv mit der Trainingslehre beschäftigt und verfügte aufgrund seines planmäßigen Trainings gegenüber früheren Wettkämpfen über eine deutlich gesteigerte Ausdauerleistungsfähigkeit. Nun musste nur noch der passende Bewerb gefunden werden und so machte sich Luis auf die Suche. Schließlich fasste er den Entschluss, bei der 100-km-Lauf-Europameisterschaft 1994 an den Start zu gehen. Diese fand erneut im Zuge des Marc-Aurel-Marsches statt, allerdings wurde die 100-km-Distanz in diesem Jahr zum letzten Mal durchgeführt. Das war auch der Hauptgrund, warum die Europameisterschaft im 100-km-Lauf dort ausgetragen wurde, da so die Geschichte dieser besonderen Lauf- und Marschveranstaltung aus der Sicht des Veranstalters „würdig“ beendet werden konnte. Daneben gab es damals noch einen 40- und einen 60-km-Lauf.

„Ich ging sehr gut vorbereitet in den Wettkampf, hatte mir allerdings keinerlei Chancen auf einen Platz am Siegerpodest ausgerechnet. Mein Ziel war nicht einmal eine Platzierung im Spitzenfeld, da ich die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit aus den vergangenen Marathonläufen gut kannte. Ich wollte einfach eine gute Leistung bringen und den Bewerb unter zehn Stunden beenden bzw. bei optimalen Bedingungen unter neun Stunden, falls das meine Tagesverfassung zulassen würde.“ Als Voraussetzung zum Erreichen dieses hochgesteckten Zieles wurde er von drei sportbegeisterten Freunden betreut, die ihm während des Bewerbes mit Rat und Tat zur Seite standen: Hans Plasch, Karl Miedler und Erwin Schulmeister. Die Vereinskollegen vom Heeressportverein Melk, Vizeleutnant Hans Plasch und Karl Miedler begleiteten ihn, wo es erlaubt war, mit einem VW-Bus des Bundesheeres. Erwin Schulmeister fuhr vom ersten bis zum 100. Kilometer mit dem Fahrrad neben ihm und „las ihm jeden Wunsch von den Lippen ab“. Nur wenn es der Verpflegungsnachschub oder die Weitergabe von wichtigen Informationen der Betreuercrew aus dem Begleitfahrzeug notwendig machten, wich er kurz von seiner Seite (das Fahrzeug konnte ihn wegen der teilweise abgelegenen Streckenführung über weite Strecken nicht direkt begleiten).

Vom Jäger zum Gejagten

Wildpanner begann den Lauf eher verhalten und lief genau jenes Tempo, das er im Vorfeld auf Basis seiner Trainingsergebnisse festgelegt hatte. Zu gut war ihm noch sein erster 60-km-Lauf aus dem Jahre 1982 in Erinnerung, bei dem er aufgrund seines damals viel zu hohen Anfangstempos „in das Donawitzer Dampfhammerkraftwerk einlief“, wie er in solchen Fällen zu sagen pflegte. Diese Taktik schien sich nun erstmals bezahlt zu machen. Bereits nach wenigen Laufkilometern überholte er einen Konkurrenten nach dem anderen. Wegen des großteils flachen Geländes konnte er seine Gegner auch in einer Entfernung von mehreren Kilometern noch gut erkennen und merkte wie deren Vorsprung von Stunde zu Stunde dahinschmolz. Zunächst lief er an kleineren Grüppchen vorbei, ab dem Einbruch der Abenddämmerung überholte er nur mehr einzelne Läufer.

Luis mit Siegermedaillen und Urkunden bei einem Wettkampf. (Symbolfoto: Archiv Wildpanner)
Luis mit Siegermedaillen und Urkunden bei einem Wettkampf. (Symbolfoto: Archiv Wildpanner)

Die 100-km-Europameisterschaft setzte sich damals aus einer 60- und einer anschließenden 40-km-Runde zusammen. Die Regeln der Veranstaltung ließen es zu, das Rennen nach der ersten 60-km-Runde zu beenden und somit hatten alle Teilnehmer die Möglichkeit, „nur“ in der 60-km-Wertung berücksichtigt zu werden. Nachdem das Hauptfeld nach 60 Kilometern das erste Mal das Ziel passiert hatte, wollte Wildpanner wissen, auf welchem Platz er liegt. „Ich bat meinen Freund Erwin Schulmeister festzustellen, an welcher Stelle ich nun lag. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich das nicht wissen, ich war mir jedoch aufgrund der Anzahl der Läufer, die ich bereits überholt hatte sicher, dass ich sehr weit vorne sein müsste. Zudem konnte ich vor Einbruch der Dunkelheit trotz guter Sicht und flachem Gelände keine Läufer mehr vor mit erkennen.“ Als sein Betreuer wieder bei ihm war, hatte er eine überraschend gute und völlig unerwartete Nachricht: Nachdem sämtliche Läufer, die bis dato vor ihm lagen, das Rennen nach 60 km beendet hatten, lag Luis in Führung. „Als ich hörte, dass ich an der Spitze war, überkam mich ein unbeschreibliches Hochgefühl. Und – obwohl ich nun das Gefühl hatte, vom Jäger zum Gejagten geworden zu sein – bemerkte ich nach wie vor keinerlei Anzeichen einer Schwäche und lag auch mit dem Tempo genau im Plan. Nun wollte ich dieses Zwischenergebnis unbedingt ins Ziel bringen!“

Einsamer Zieleinlauf

Wildpanner war bei dem Lauf, selbst nach den für ihn „magischen“ 60 Kilometern, die er aus seiner ersten Teilnahme noch in schlechter Erinnerung hatte, noch in einer derart guten Verfassung, dass er sogar den Eindruck hatte, immer schneller und noch schneller laufen zu können. Auch wenn das nicht der Realität entsprach, lief er zwischen Kilometer 80 und 90 nach Angaben seiner Betreuer immer wieder einen Schnitt von unter vier Minuten für einen Kilometer – eine Laufgeschwindigkeit, von der so mancher Hobbyläufer über eine Distanz von 10 km nur träumen kann. Auf den letzten Kilometern – nachdem feststand, dass er seine Verfolger bereits weit genug hinter sich gelassen hatte – drosselte Luis bewusst das Tempo, um den Sieg sicher „nach Hause zu bringen“. Nach 8:33 Stunden lief Wildpanner als frischgebackener Europameister im 100-km-Lauf ins Ziel.

„Mein zweiter Betreuer, Vizeleutnant Hans Plasch, fuhr mit dem Rad etwa 30 Minuten vor meinem Zieleinlauf in das Zielgelände, um mich dort beim Veranstalter anzukündigen. Als er dort ankam, war keine Menschenseele vor Ort. Niemand vom Veranstaltungsteam hatte damit gerechnet, dass ich so schnell sein würde.“ Damals gab es weder ein Life-Tracking, die heute weit verbreitete GPS-Messung, eine vollelektronische Zeitnahme oder ähnliche Hilfsmittel. Heute lacht Wildpanner über diese Episode und die Anekdoten rund um die Veranstaltung, denn „der Bewerb in Bruckneudorf war ein wahrer Höhepunkt in meiner Ultra-Laufsport-Karriere und der erste große Titel, den ich letztendlich mit einem Vorsprung von über 20 Minuten vor dem Zweitplatzierten für mich entscheiden konnte. Leider blieb dieser Erfolg für die meisten meiner Landsleute bis zum heutigen Tage völlig unbemerkt.“ 

Das Handtuch mit dem Aufdruck „Euro-Luis 1994“ erhielt Wildpanner bei seiner Abschiedsfeier von der 1. Ausbildungskompanie/Militärkommando NÖ. (Foto: Archiv Wildpanner)
Das Handtuch mit dem Aufdruck „Euro-Luis 1994“ erhielt Wildpanner bei seiner Abschiedsfeier von der 1. Ausbildungskompanie/Militärkommando NÖ. (Foto: Archiv Wildpanner)

Professionelle Vorbereitung und Betreuung

Auch wenn Wildpanner von seinem Sieg überrascht war, geschah dieser alles andere als zufällig. Schon damals bereitete er sich akribisch auf seine Wettkämpfe vor. Diese Vorbereitungen beschränkten sich bei Weitem nicht nur auf das Ausdauertraining. Das Zusammenstellen eines verlässlichen und motivierten Betreuerteams und die Planung des Rennens, bei der auch kleinste Details und möglichst viele Eventualitäten berücksichtigt wurden, waren schon damals ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg. Bei der Europameisterschaft im 100-km-Lauf waren bereits alle wichtigen Funktionen im Team besetzt und sämtliche Aufgaben verteilt, die für eine möglichst optimale Rennbetreuung notwendig waren und eine wesentliche Voraussetzung für seine späteren Erfolge bleiben sollten. „Ich habe immer größten Wert auf eine professionelle Betreuung gelegt, um meine Leistungsfähigkeit im Bewerb optimal abrufen zu können. Ich war körperlich immer so gut wie möglich vorbereitet und wollte keine Energie damit verschwenden, mich um die Verpflegung oder andere erfolgsrelevante Faktoren zu kümmern, die mein Team für mich erledigen konnte. Jegliche Ablenkung während meiner wichtigen Wettkämpfe war mir zuwider - schon damals.“

Die drei Betreuer Wildpanners in Bruckneudorf hatten festgelegte Aufgabenbereiche: Erwin Schulmeister war der Hauptbetreuer, der Luis nicht nur beim Bewerb, sondern bereits während seiner längeren Trainingseinheiten im Vorfeld der Europameisterschaft mit dem Rad begleitete. Seine Verantwortung war es, den genauen Streckenverlauf zu kennen, die aktuelle Platzierung zu wissen und für die unmittelbare und zeitgerechte Verpflegsübergabe zu sorgen. Hans Plasch unterstützte Schulmeister durch vorausschauende Maßnahmen, damit dieser seine Aufgaben wahrnehmen konnte und alles möglichst genau so funktionierte, wie Wildpanner sich das wünschte und im Vorfeld bis ins kleinste Detail vorgegeben hatte. Plasch bildete gemeinsam mit Karl Miedler, dem dritten Betreuer, sozusagen das Rückgrat des Teams.

Unvergesslich sind für Luis die damaligen Momente, beispielsweise als der spätere Europameister mit zwei seiner Betreuer unmittelbar vor dem Start noch den Heeres-VW-Bus anschieben musste oder die mehr als abenteuerliche Fahrt auf einer Bundesstraße im Zuge einer Versorgungsfahrt mitten in der Nacht, als die Beleuchtung des Fahrzeuges ausfiel und Karl Miedler in seiner Funktion als Beifahrer die entgegenkommenden Fahrzeuge mit einer alten Taschenlampe auf den Heeres-Oldtimer in „Nachttarnung“ aufmerksam machen musste.

wird fortgesetzt

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Hofrat Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST. Oberstleutnant Luis Wildpanner ist Diplomsportlehrer und Referent im Fachstab Luft.

Der Handschlag des Bundespräsidenten (hier Dr. Kurt Waldheim) ist einer der Höhepunkte während der Ausmusterungsfeierlichkeiten der jungen Leutnante an der Theresianischen Militärakademie. (Foto: Archiv Wildpanner)
Der Handschlag des Bundespräsidenten (hier Dr. Kurt Waldheim) ist einer der Höhepunkte während der Ausmusterungsfeierlichkeiten der jungen Leutnante an der Theresianischen Militärakademie. (Foto: Archiv Wildpanner)
 

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