• Veröffentlichungsdatum: 02.09.2016
  • – Letztes Update: 10.11.2016

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Begehungsstile - Wie besteigt man einen 8.000er

Gerald Schumer, Ulf Remp

Wissenswertes über das Bergsteigen

Der Manaslu vom Basislager aus gesehen. (Foto: Gerald Schumer)
Der Manaslu vom Basislager aus gesehen. (Foto: Gerald Schumer)

Zur Erläuterung für den Laien werden hier einige Begriffe und das Wesen des Höhenbergsteigens möglichst anschaulich dargestellt.

Expedition zum Manaslu

Alpinstil

Jerzy Kukucka und Andrzej Czok während ihrer Frühlingsexpedition auf den Mount Everest. (Foto: Andrzej Heinrich)
Jerzy Kukucka und Andrzej Czok während ihrer Frühlingsexpedition auf den Mount Everest, bei der sie den Gipfel durch eine neue Route erklommen. (Foto: Andrzej Heinrich)

Beim Alpinstil ist die Strategie ähnlich wie beim Besteigen niederer Berge. Das gesamte Gerät wird durch den Gipfelaspiranten selbst ins Hochlager verbracht. Es werden üblicherweise nur wenige (oft nur ein) Hochlager aufgebaut, das während der Besteigung mitgenommen und immer neu aufgebaut wird. Nach der Akklimatisation versucht man in einem längeren Marsch den Gipfel zu erreichen, um dann so rasch wie möglich wieder ins Basislager abzusteigen.

Aufgrund der kleinen, leistungsfähigen Gruppen bei solchen Besteigungen ist man in der Chancenauswertung flexibel. Es bedarf aber eines höheren Könnens und einer höheren Leistungsfähigkeit der Bergsteiger, da sie keine Unterstützung durch Hochträger (Sherpas) erhalten. Der Transport der Ausrüstung in das Basislager wird zumeist durch Träger unterstützt. Die Kosten für eine Besteigung eines 8 000ers sind wesentlich niedriger als beim Expeditionsstil, das Risiko dafür höher. Diesen Stil wählen vor allem erfahrene Alpinisten, die landläufig als Extrembergsteiger bekannt sind.

Als solcher gilt Göran Kropp. Der schwedische Offizier fuhr mit dem Fahrrad von Stockholm nach Nepal und bestieg 1996 den Mount Everest völlig ohne Hilfe und ohne künstlichen Sauerstoff. Danach fuhr er wieder mit dem Fahrrad zurück nach Schweden.

Expeditionsstil

Tragtiere haben große Lasten zu schleppen. (Foto: Gerald Schumer)
Der Expeditionsstil ermöglicht auch Durchschnittsbergsteigern einen hohen Gipfel zu erreichen. Die Ausrüstung und Organisation werden von einer Anzahl an zusätzlichen Personen unterstützt. (Foto: Gerald Schumer)

Der Expeditionsstil wird meistens von kommerziellen Veranstaltern bzw. Bergführerbüros gewählt. Bei diesem wird mit Unterstützung von Sherpas nicht nur die Ausrüstung ins Basislager gebracht, sondern die gesamte Route durch Sherpas vorbereitet und mit Versicherungen (Fixseile und Leitern) präpariert. Es werden meist drei bis vier Hochlager errichtet, der eigentliche Weg vom höchsten Lager bis zum Gipfel wird möglichst kurz gehalten. Die zahlenden Kunden bzw. Gipfelteams werden durch Sherpas beim Aufstieg unterstützt. Meistens wird mithilfe von künstlichem Sauerstoff der Gipfelversuch unternommen. Aktuell kommen auf einen zahlenden Kunden am Mount Everest ein bis zwei Sherpas (je nach Veranstalter bzw. den monetären Verhältnissen des Kunden). Im Basislager führt ein Stab die Expedition, unterstützt durch Köche, Träger, Meteorologen und einem Arzt. Das Risiko wird durch den großen Menschen- und Mitteleinsatz so niedrig wie möglich gehalten. So erhalten auch „Durchschnittsbergsteiger“ die Chance auf einen der hohen Gipfel.

Die Organisation ähnelt militärischer Führung. Um unter anderem eine möglichst sichere Besteigung des Manaslus zu garantieren, wurde von der niederländischen Expedition des königlichen Marinekorps dieser Besteigungsstil gewählt. Der Unterschied zu herkömmlichen Expeditionen war jedoch, dass die Sherpas in das Team integriert und als gleichwertige Mitglieder behandelt wurden. Das Verhältnis Sherpas zu Teammitgliedern war außerdem viel niedriger als bei kommerziellen Expeditionen (ein Sherpa pro drei Bergsteiger; Mount Everest: ein bis zwei Sherpas pro Bergsteiger).

Im Vergleich zum erfolgreichen Abschluss des Projektes sei eine britische und eine weitere niederländische Expedition erwähnt, die zeitgleich versuchten im Alpinstil den Dhaulagiri (8 167 m, Himalaya) bzw. den Aconcagua (6 962 m, Anden) zu besteigen. Beide scheiterten aufgrund des widrigen Wetters und ernsthafter höhenbedingter Krankheiten.

Taktik beim Expeditionsstil

An die große Höhe gewöhnte Sherpas erledigen viele Dinge wie Kochen, Zeltaufbau, Tragen von zusätzlicher Ausrüstung etc. für die Gipfelstürmer beim Expeditionsstil. (Foto: Niklassletteland)
An die große Höhe gewöhnte Sherpas erledigen viele Dinge wie Kochen, Zeltaufbau, Tragen von zusätzlicher Ausrüstung etc. für die Gipfelstürmer beim Expeditionsstil. (Foto: Niklassletteland)

Damit ein Gipfelaspirant eine realistische Chance erhält, den Gipfel zu erreichen müssen ihm so viele Aufgaben und Belastungen wie nur möglich abgenommen werden. Sogar einfache Tätigkeiten wie Kochen, Zeltaufbau, Anlegen von Steigeisen etc. sind so belastend, dass bei kommerziellen Expeditionen diese Dinge durch die höhenangepassten Sherpas erledigt werden. Jegliche nicht unbedingt notwendige Last wird dem Aspiranten abgenommen und durch Sherpas/Unterstützungsteams transportiert. Der Gipfelbesteiger geht so mit Minimalausrüstung und ohne Notfallausrüstung in einer ausgetretenen Spur.

Belastung beim Höhenbergsteigen

Um eine Idee von den Belastungen beim Höhenbergsteigen zu bekommen, stelle man sich Folgendes vor: Man versucht mit der aufgesetzten ABC-Schutzmaske und zehn Kilogramm Gepäck, die 2.400 m im erforderlichen Limit für die Leistungsprüfung allgemeine Kondition zu laufen. Das mache man dann sechs bis acht Stunden lang. Durch den wenigen Sauerstoff in der Luft muss man mehr atmen, ohne dass die Muskeln den notwendigen Sauerstoff für die Leistung bekommen. Die Atemfrequenz und der Pulsschlag erhöhen sich dauerhaft, die Regeneration ist in diesen Höhen nicht mehr möglich.

Zur Veranschaulichung: Oberleutnant Schumer schafft beim Training in den Kärntner Bergen bis zu 950 Höhenmeter (hm) in der Stunde, auf 6.500 m nur mehr 100 hm pro Stunde. Hier kommt dann noch die Belastung beim Spuren dazu. Weil am Manaslu fast täglich Schnee gefallen ist, musste die Spur jedes Mal neu ausgetreten werden. Diese Arbeit muss so lange als möglich von den Unterstützungsteams gemacht werden, damit das Gipfelteam seine Reserven aufsparen kann.

Sauerstoffpartialdruck und Todeszone

Zwischen 2.000 und 3.000 m verliert der Körper an Leistungsfähigkeit. Dies kann durch entsprechende Anpassung minimiert werden, sodass das ursprüngliche Leistungspotenzial auf Meereshöhe erreicht wird. Auf 5.500 m ist aber nur mehr die Hälfte an Sauerstoff in der Luft, die Anpassung ist hier nicht mehr vollständig möglich. Auf 8.000 m ist nur mehr ein Drittel des Sauerstoffes in der Luft. Deswegen ist oberhalb von 7.000 m die sogenannte Todeszone. In dieser stirbt der Mensch (auch ohne Belastung), wenn er sich dort längere Zeit aufhält. Aus diesem Grund gehen hier nur mehr Elitebergsteiger nach vollzogener Akklimatisation ohne künstlichen Sauerstoff.

Auch das rationale Denkvermögen ist in dieser Höhe stark eingeschränkt. Gefahren werden nicht mehr erkannt, das Zeitgefühl geht verloren. Eine tödliche Gefahr, die schon viele Bergsteigerleben gekostet hat. Die Sherpas sind das einzige Volk weltweit, das aufgrund seiner Gene besser höhenangepasst ist (sie leben seit hunderten Generationen in großen Höhen über 4.000 m). Deswegen ist ihr Leistungspotenzial auch ca. 20 bis 50 Prozent höher als das der meisten anderen Menschen (Kunden). Das wird bei den Traglasten berücksichtigt (z. B. Soldat im Unterstützungsteam 10 bis 15 kg Gepäck von Lager 2 auf Lager 3, Sherpa 15 bis 30 kg).

Höhenkrankheit (vereinfachte Darstellung)

Es gibt zwei Arten von Höhenkrankheit, die separat oder kombiniert auftreten können: Nach den ersten (gemeinsamen) Anzeichen kann es zu einem Höhenlungen- oder Höhenhirnödem kommen. Beim Lungenödem bildet sich Wasser in der Lunge. Dadurch hat man eine noch niedrigere Sauerstoffaufnahmekapazität. Man stirbt quasi durch inneres Ertrinken. Besserung tritt jedenfalls relativ rasch ein, wenn man in niedrigere Höhen verbracht wird (unter 3.500 m).

Beim Hirnödem schwillt die Gehirnhaut an, der Druck auf das Gehirn erhöht sich, was zu irreparablen Schäden führen kann. Auch hier gilt der unverzügliche Abstieg in niedrige Höhen als einzige funktionierende Behandlung.

Für beide Arten ist der Gamowbag, ein Druckluftzelt mit dem niedrigere Höhen simuliert werden können, das Hilfsmittel der ersten Wahl. Deswegen wurde ein solches bis auf Lager 2 mitgeführt.

Das Mount Everest-Massiv: Ab 3.500 m erhöht sich das Risiko an der Höhenkrankheit zu leiden erheblich, ab 7.000 kann bereits der Aufenthalt tödlich sein. (Foto: shrimpo1967)
Das Mount Everest-Massiv: Ab 3.500 m erhöht sich das Risiko an der Höhenkrankheit zu leiden erheblich, ab 7.000 kann bereits der Aufenthalt tödlich sein. (Foto: shrimpo1967)
 

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