• Veröffentlichungsdatum: 10.02.2020
  • – Letztes Update: 06.02.2020

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Aufstiegschance Fachoffizier

Othmar Wohlkönig

Das Unteroffizierskorps ist eine wesentliche Stütze des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH). Es gibt kaum eine Personengruppe im Öffentlichen Dienst, die so viele – auch mit dem zivilen Bereich vergleichbare – Berufe abbildet und ein so breites Aufgabengebiet aufweist. Berufsunteroffiziere sind gut ausgebildet, didaktisch geschult und dienen in allen Waffengattungen und Fachrichtungen. Aufgrund ihrer Führungsausbildung werden sie als Kommandanten, Ausbilder, Lehrer, Erzieher sowie als Experten (Fachunteroffizier) eingesetzt.

Je nach Leistungswille und Engagement gibt es für Unteroffiziere aufgrund der Lebenslaufbahn zahlreiche Möglichkeiten zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung. So steht ihnen nach Erfüllung der Zulassungsvoraussetzungen beispielsweise der Laufbahnwechsel zum Berufsoffizier offen. Dieser Schritt ist allerdings mit dem mehrjährigen Fachhochschul-Bachelorstudiengang „Militärische Führung“ und der Truppenoffiziersausbildung verbunden. Das bedeutet, dass ein erfahrener Unteroffizier sowohl seine Fachrichtung als auch seine Heimat für einige Jahre verlassen muss. Das ist aufgrund familiärer Verpflichtungen, die sich wegen des Lebensalters beihnahe zwangsläufig ergeben, und/oder der Identifikation des Unteroffiziers mit seiner Waffengattung bzw. Fachrichtung jedoch oft nicht möglich. Unter diesen Gesichtspunkten und dem Umstand, dass es eine erhebliche Anzahl von Unteroffizieren mit Matura gibt, sollte man ernsthaft und ohne „Standesdünkel“ darüber nachdenken, vollqualifizierten Stabsunteroffizieren die Aufstiegschance zum Fachoffizier beispielsweise als Wirtschafts-, Kraftfahr- oder Feldzeugoffizier zu bieten.

In vielen Armeen werden erfahrene Unteroffiziere und Spezialisten seit Jahrzehnten zu Fachoffizieren – auch Fachdienstoffiziere genannt – weitergebildet und in ihren Fachbereichen höherwertig verwendet und entlohnt. So werden Stabsunteroffiziere der Schweizer Armee entsprechend ihrer besonderen Kenntnisse, Eignungen und Fähigkeiten zeitweilig oder dauerhaft mit einer Offiziersfunktion betraut. Die Deutsche Bundeswehr verwendet besonders geeignete und zusätzlich geschulte Unteroffiziere als Offiziere des militärfachlichen Dienstes. Und in der United States Navy gibt es den Fachoffizier, der dort als Limited Duty Officer bezeichnet wird, und dessen Werdegang dem deutschen Modell ähnelt.

Was in anderen Streitkräften „state of the art“ ist, wird im ÖBH auch in Zeiten von Personalengpässen seit Jahren diskutiert. Abseits der Diskussion über erreichbare Dienstgrade und ähnliche Themen sollte das Augenmerk jedoch auf dem Mehrwert für die betroffenen Personengruppen (Offiziere und Unteroffiziere) und dem ÖBH liegen. Mit der Einführung des Fachoffiziers/Fachdienstoffiziers könnte dem zu erwartenden Offiziersmangel vor allem auf relativ niedrig bewertenden Offiziersarbeitsplätzen bei den kleinen und großen Verbänden entgegengewirkt werden. Gleichzeitig ergäbe sich für qualifizierte Stabsunteroffiziere eine hochwertige Karriereoption.

Darüber hinaus rollt die Pensionierungswelle seit Jahren auf alle Bereiche der österreichischen Arbeitswelt zu. Sie wird auch das ÖBH und damit die Unteroffiziere und Offiziere treffen. Somit ist abzusehen, dass Stabsoffiziere in höhere Funktionen und Kommanden wechseln werden und dadurch eine Sogwirkung entsteht, die die Reihen der Truppe zusätzlich lichten wird. Schon heute werden junge Offiziere zu Lasten des Truppendienstes in Fachfunktionen mit niedriger Wertigkeit gezwungen, die sie aus Karrieregründen rasch verlassen. Daher werden derartige Arbeitsplätze in der Zukunft nur schwer zu besetzen sein. Aktuell wird dieses Manko teilweise ausgeglichen, in dem qualifizierte Fachunteroffiziere Offiziersaufgaben – mit Bezug einer Verwendungszulage – wahrnehmen, aber jederzeit abberufen werden können. Das bedeutet, dass man Unteroffizieren zwar die Erledigung dieser Aufgaben zutraut, ihnen die damit verbundene Stellung im System aber nicht zugesteht. Leistungs- und lernwillige Fachunteroffiziere bleiben aus Mangel von Aufstiegsmöglichkeiten – trotz enormen Fachwissen – häufig in niedrigen Funktionsgruppen hängen oder verlassen das Ressort. Das trifft Bereiche wie Logistik, Personalmanagement, Materialerhaltung, Rüstung und Erprobung oder den Kraftfahr- und Instandsetzungsbereich, um nur einige zu nennen. Und es sind genau diese Bereiche, in denen Unteroffiziere sinnvoll als Fachoffiziere eingesetzt werden können, da gerade dort langjähriges Fachwissen gefragt ist, aber zu wenig Offiziere vorhanden sind.

Besonders in einer Zeit der Ressourcenknappheit und der auf das System zurollenden Pensionierungswelle gilt es Lösungen zu finden, damit das ÖBH seine Aufgaben auch in Zukunft wahrnehmen kann. Die Einführung des Fachoffiziers verbunden mit der Wiedereinführung des „Weiterbildungslehrganges für Stabsunteroffiziere“ wäre eine adäquate Möglichkeit dazu.

Vizeleutnant Othmar Wohlkönig ist Kommandounteroffizier der Streitkräfte.

 

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