• Veröffentlichungsdatum: 24.05.2019

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"ALL IN 2019"

Erwin Gartler, Markus Togl

Vom 6. bis 10. Mai 2019 fand erstmals eine gemeinsame Übung von österreichischen und amerikanischen Militärpolizisten in der Schwarzenbergkaserne in Salzburg statt. In sechs Ausbildungssituationen präsentierten die gemischten Teams ihr Können. Gemeinsamkeiten zeigten sich in vielen Abläufen, aber es gab auch Möglichkeiten voneinander zu lernen.

9. Mai 2019, früher Morgen: Der Salzburger Schnürlregen meint es gut mit uns zwei Redakteuren vom TRUPPENDIENST. Während er uns beim Frühstück noch kräftig und lautstark begrüßte, verabschiedete er sich rechtzeitig zum Beginn der Vorführung. Wir befinden uns in der Schwarzenbergkaserne in Salzburg, zusammen mit weiteren Reportern und ranghohen Vertretern des Bundesheeres.

Heute ist Besuchertag bei der bilateralen Übung „ALL IN 2019“ der amerikanischen und österreichischen Militärpolizei. Es wird hier aber nicht gepokert, wie der Titel vermuten lässt, sondern intensiv geübt. Was im Herbst 2018 als vage Idee geboren wurde, mündete rund ein halbes Jahr später in diesem bis jetzt einzigartigen Übungsvorhaben, das in kurzer Zeit mit viel Engagement seitens der österreichischen Militärpolizei vorbereitet wurde.

Captain Jennifer Lenz, Kommandantin der U.S.-Übungsteilnehmer.

Am 29. November 2018 fand die erste Besprechung statt. Die genaue Ausarbeitung der Szenarien und des Übungsablaufes erfolgte über einen regen E-Mailverkehr. Dadurch war vor Übungsbeginn nur mehr ein Treffen notwendig. Bereits Anfang Mai 2019 verlegten 43 U.S.-Soldaten mit 15 Fahrzeugen aus Wiesbaden nach Salzburg. Selbst ein Sprengstoffhund durfte mit.

Auch Captain Jennifer Lenz, Kommandantin der U.S.-Übungsteilnehmer, war begeistert: „Die gute Planung dieser Übung seitens der Österreicher stellte sicherlich einen wichtigen Lerneffekt für uns dar. Das war eine der vom Ablauf reibungslosesten Übungen, an denen ich hier in Europa teilgenommen habe. Wir werden viel von der Planung, die wir gesehen haben, und der Art und Weise, wie die Österreicher „All IN 2019“ organisiert haben, mitnehmen. Das hat definitiv einen hohen Nutzen für uns.“

Hauptmann Oliver Hochfellner, Kompaniekommandant bei der österreichischen Militärpolizei.

Insgesamt übten 43 amerikanische sowie 54 österreichische Militärpolizisten gemeinsam mit jeweils eigener Ausrüstung und eigenem Gerät in sechs verschiedenen Szenarien Verfahren und Taktiken. Vor dem Besuchertag wurde bereits zwei Tage intensiv geübt. Dabei ergaben sich einige Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Der erste Tag des Trainings bestand daher vor allem im gemeinsamen Kennenlernen von Ausrüstung und Abläufen. Dazu Hauptmann Oliver Hochfellner, der Kompaniekommandant der österreichischen Übungsteilnehmer: „Ein markanter Unterschied ist natürlich die Sprache. Die ist in den Anfangsstunden eine gewisse Barriere, aber nach dem ersten Tag war das kein Problem mehr. Die Verfahren an sich sind gerade im Criminal-Investigation-Bereich nahezu gleich. Die Frage ist nur wie man sie benennt, wie man sie anwendet und mit welchem Schritt man zuerst beginnt.“

Englisch ist die „Muttersprache“ aller internationaler militärischer Aktivitäten. Die österreichische Militärpolizei ist nicht nur für die Sicherheit und Ordnung innerhalb der Bundesheer-Kontingente im Ausland verantwortlich, sondern ist bei Bedarf auch im Inland tätig. Nach einer Anforderung durch den Innenminister kann die Militärpolizei ebenso für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung eingesetzt werden. Neben einer gemeinsamen Sprache ist aber auch ein gemeinsames Handeln notwendig. Daher gliederte man die Übungsteilnehmer in sechs gemischte Gruppen. In sechs verschiedenen Szenarien trainierten diese Teams ihre Zusammenarbeit. Drei davon konnten wir bei der Vorführung live miterleben.

Erstes Szenario: Tatortarbeit

Ein Einbruch wird gemeldet. Wir gehen zum Tatort. Dort werden bereits die Spuren gesichert. Zwei Ermittler in ihren weißen Schutzanzügen sind bei ihrer Tatortuntersuchung auf einige verdächtige Gegenstände gestoßen. Sie werden sorgfältig aufgenommen, verpackt und dokumentiert. Einige Spuren können später als Beweise die Basis für die weitere Strafverfolgung bilden. Die Tatortarbeit scheint zwar oberflächlich unspektakulär, benötigt aber viel Know-how. Hier wird ruhig und genau gearbeitet, denn die gefundenen Spuren müssen verwertbar sein, damit sie vor Gericht anerkannt werden. Besonders das Feststellen von DNA-Proben erfordert am Tatort penibles Arbeiten. Die österreichischen Tatortermittler werden neben ihrer allgemeinen militärpolizeilichen Ausbildung in einem sechsmonatigen Kurs bei der Polizei auf ihre Aufgabe vorbereitet. Diese intensive Schulung unserer Militärpolizei hat sogar die Amerikaner beeindruckt. Dazu Hauptmann Oliver Hochfellner: „Wir haben bei dieser Übung von beiden Seiten gelernt. Die Amerikaner waren sehr beeindruckt von unserem Know-how, vor allem von unseren Qualifizierungen, weil es für sie nicht selbstverständlich ist, dass Norm-Militärpolizisten so ein weites Aufgabenspektrum wie in Österreich haben. Die Amerikaner haben ihre Spezialisten, aber dass auch der Norm-Militärpolizist einen so weiten Aufgabenbereich abdecken kann, war für sie ein großer Lerneffekt.“

Zwei Militärpolizisten in Schutzausrüstung beim Sichern der Spuren.
Die gesammelten Spuren werden anschließend dokumentiert und für die weitere Auswertung vorbereitet.

Die Wurzel einer solchen Zusammenarbeit auf Teamebene liegt bereits in den nationalen Lehrgängen und Kursen. Captain Jennifer Lenz betont dabei besonders die Ähnlichkeit der Ausbildung der teilnehmenden Soldaten: „Es hat wirklich nicht viele Unterschiede gegeben, denn die österreichische Militärpolizei arbeitet sehr professionell. Besonders im Bereich der Strafverfolgung haben wir bemerkt, dass Österreicher und Amerikaner am Tatort fast identisch denken. Dort wenden beide Länder ähnliche Techniken an. Dadurch konnten wir bei dieser Übung viel mehr und besser trainieren, weil alle Soldaten im Endeffekt nahezu gleich geschult waren und damit ein komplexeres, erweitertes Training möglich war.“

Zweites Szenario: Zugriff auf verdächtige Person

Eine gemischte Patrouille der österreichischen und amerikanischen Militärpolizei auf dem Weg zum Zugriffsort.
Als zusätzliche Sicherungsmaßnahme wird ein Sprengstoffhund eingesetzt.

Nach der Spurensicherung und Auswertung der Daten steht meist ein Verdächtiger fest. Dieser muss unter Berücksichtigung aller internationalen Regeln festgenommen werden. Wir fahren nun zur nächsten Station. Beim Zugriff im Gebäude zeigt sich eines: Obwohl das Team aus österreichischen und amerikanischen Soldaten bestand, verlief der Zugriff perfekt aufeinander abgestimmt. Kurze, scharfe Kommandos und ein überlegtes Vorgehen, dann wird das Gebäude gestürmt. Hier hat auch der Sprengstoffhund seinen Auftritt. Ein kurzer Check ergibt Gewissheit: Keine Gefährdung für die Militärpolizei. Danach wird der Verdächtige abgeführt.

Drittes Szenario: Erkennungsdienst

Wir werden zur nächsten Station gebracht. Nach der Festnahme kommt die Bürokratie. Nicht nur unterschiedliche rechtliche Vorschriften sind zu berücksichtigen, sondern auch menschenrechtliche Aspekte. Personaldaten werden auf-, Fingerabdrücke abgenommen und die verdächtige Person fotografisch erfasst. Die Befragung erfolgt immer durch zwei Personen. Hier kommen jeweils ein österreichischer und ein U.S.-Soldat zum Einsatz. Englisch ist kein Problem, aber die unterschiedlichen Formulare sind doch eine Herausforderung.

Die Militärpolizei schließt damit ihre Arbeit ab, und die Strafverfolgungsbehörden können nun ihre Maßnahmen treffen. Die professionelle Arbeit bildet die Basis eines rechtskonformen Prozesses.

Die verhaftete Person bei der erkennungsdienstlichen Erfassung.
Die Personaldaten des Verdächtigen werden elektronisch erfasst.
Trotz Unterschieden in Ausbildung und Sprache müssen gemeinsame Verfahren und Abläufe zur Anwendung kommen.

Zukunft der österreichisch-amerikanischen Zusammenarbeit

Wie sieht die Zukunft der österreichisch-amerikanischen Kooperation aus? Dazu sagt Hauptmann Oliver Hochfellner: „In weiterer Folge ist nicht nur eine Ausbildungsübung zu forcieren, sondern man muss auch einen Schritt weitergehen. Es braucht ein gemeinsames Üben mit einem gemischten, also binationalen Element von Seiten der Amerikaner und Österreicher, um diese Interoperabilität, die wir bis dato erlangt haben, weiter zu forcieren, zu stärken und auszubauen. Dadurch sollen gerade bei internationalen friedenssichernden Missionen Anknüpfungspunkte künftig besser ausgeübt beziehungsweise noch verstärkt werden.“

Auch die Amerikaner profitieren von dieser Übung, wie Captain Jennifer Lenz sagt: „Der Mehrwert, den wir bei dieser Übung erhalten haben, ist die Fähigkeit, die jeweiligen, von der amerikanischen und österreichischen Militärpolizei verwendeten Techniken perfekt aufeinander abzustimmen. Wir haben erkannt, dass wir ähnlich ausgebildet sind. Zusätzlich konnten wir unsere unterschiedlichen Erfahrungen aus der Praxis austauschen.“

Verbandsabzeichen der österreichishen Militärpolizei. (Grafik: Bundesheer)
Verbandsabzeichen der 709. US-MP-Bataillons. (Grafik: U.S. Army)

Erst die professionelle Zusammenarbeit der Militärpolizei in den internationalen Einsätzen schafft die Voraussetzung, unter Berücksichtigung der Rechtsnormen, die Truppe wirksam zu unterstützen und um im betroffenen Einsatzland den notwendigen Respekt zu erhalten. Ob Personenschutz, Evakuierung von Zivilisten oder als Begleitschutz: die Aufgaben sind vielfältig, anspruchsvoll und abwechslungsreich. Das hat uns die Übung „ALL IN 2019“ anschaulich gezeigt.

Oberstleutnant Erwin Gartler und Markus Togl sind Redakteure beim TRUPPENDIENST.

 

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