• Veröffentlichungsdatum: 31.03.2022
  • – Letztes Update: 12.04.2022

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Das Ergebnis steht im Fokus

Gerold Keusch

Unter Aneignungsdidaktik versteht man den Weg zum selbstständigen, jedoch angeleiteten Aneignen von Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen durch den Lernenden. Das klingt schlüssig, wirft aber die Frage auf, wie man das in die Praxis umsetzt und eine Ausbildungseinheit gestaltet, die diese Grundsätze berücksichtigt. TRUPPENDIENST-Redakteur Gerold Keusch hat Offiziersstellvertreter Gerald Weihs, Hauptlehrunteroffizier an der Heeresunteroffiziersakademie, begleitet. Er wendet diese Form der Ausbildung bei einem Trockentraining für die Pistole 80 an.

Die Aneignungsdidaktik orientiert sich an den Lernergebnissen. Sie soll ein selbstständiges Lernen, also die individuelle Aneignung von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen in einer optimal gestalteten Lernumgebung ermöglichen“, erklärt Offiziersstellvertreter Gerald Weihs die Eckpunkte dieses didaktisch-pädagogischen Ansatzes. Weihs ist Hauptlehrunteroffizier am Institut 3, wo unter anderem der Lehrgang für die Stufe 3 der Lehrkräftequalifizierung durchgeführt wird, bei dem die Aneignungsdidaktik ein wesentlicher Inhalt ist. „Um die Theorie der Aneignungsdidaktik in die Praxis einer Ausbildungseinheit umzusetzen, gebe ich den Lehrgangsteilnehmern ein praktisches Beispiel für die Gestaltung einer Ausbildungseinheit. Dabei handelt es sich um ein Trockentraining für die Pistole 80, das als Stationsbetrieb durchgeführt wird.“ 

Folgende Rahmenbedingungen liegen dieser Ausbildungseinheit zugrunde: Das Ausbildungsziel ist das Verbessern der Handhabung der Pistole 80, um die Voraussetzungen für die folgende Schießausbildung, vom Schulschießen bis zum Einzelgefechtsschießen, abhängig von den individuellen Schießfertigkeiten, zu schaffen. Die praktische Unterrichtseinheit ist ein Teil einer dreitägigen Schulung für die Offiziere vom Tag einer Kaserne. Die Auszubildenden sind somit Unteroffiziere und Offiziere mit jahrelanger Diensterfahrung und einer Ausbildung an der Pistole 80, wenngleich sie bei der Waffenhandhabung verschiedene Niveaus aufweisen.

Stationsbetrieb 

Die Ausbildung findet als Stationsbetrieb in einem Turnsaal mit den sechs Stationen

  • Präzisionsschuss,
  • erzwungener Magazinwechsel,
  • Einsatz der Taschenlampe,
  • Gewinnen, Ausnützen von Deckungen, 
  • Training des Abzugsverhaltens und 
  • Standardschussabgabe

statt. Für alle Stationen gibt es nur einen Ausbilder, wenngleich auch mehrere eingesetzt werden könnten, wenn diese zur Verfügung stehen. Vor dem Beginn der praktischen Unterrichtseinheit werden die organisatorischen Details geklärt und die Teilnehmer von Offiziersstellvertreter Weihs in die Stationen eingewiesen. Danach finden sich Zweier- oder Dreierteams zusammen, die aus Soldaten mit einem ähnlichen Ausbildungsniveau bestehen.

Präzisionsschuss 

Abgestützt auf einen Simulator wird ein „Wettkampf“ durchgeführt, bei dem die Schützen ihren Ist-Zustand feststellen können. Der Simulator hat – neben der Waffe – zwei Komponenten, eine Laserpatrone und eine Handy-App, die auf die Handy-Kamera zugreift. Betätigt der Schütze den Abzug, „verschießt“ er einen Laserstrahl, der von der Kamera erkannt wird und den Treffer anzeigt. Dieser kann auf der App abgelesen und damit das Schießergebnis bzw. das Trefferbild ermittelt werden. Jeder Schütze feuert eine 10er-Serie, die die Leistungsstabilität zeigt und einen Vergleich ermöglicht.

Erzwungener Magazinwechsel

Im Zuge einer Drillsequenz werden die Schritte des Magazinwechsels ausgeführt. Um einen einheitlichen Ablauf sicherzustellen, sind die Schritte mit Schlagwörtern auf eine Tafel geschrieben. Diese kann der Schütze bei Bedarf ablesen oder von seinem Kameraden ansagen lassen. Ausgangssituation ist ein angestecktes Magazin mit einer Exerzierpatrone, die deshalb bei der Schussabgabe „hemmt“. Danach folgen die Schritte: Verschlussstück (zurückziehen), Seitschritt, Abknien, Abreißen (altes Magazin), Einschieben (neues Magazin) und Verschlussstück (vorschnellen). 

Einsatz der Taschenlampe

Das Verwenden einer der vielen unterschiedlichen Taschenlampen und das gleichzeitige In-Anschlag-Gehen kann mit mehreren Techniken erfolgen. Welche am besten geeignet ist, hängt von den Vorlieben bzw. der Vorerfahrung des Schützen ab. Um das festzustellen, sind Auszüge von Fachliteratur und Anweisungen unterschiedlicher Techniken bei der Station aufgelegt, welche die Lehrgangsteilnehmer lesen und danach praktisch testen. Wenn nach mehrmaligem Üben die passendste Technik festgestellt wurde, wird diese mehrfach angewandt.

Gewinnen und Ausnützen von Deckungen

Diese Station stellt insofern einen Bruch dar, da hier nicht praktisches, sondern theoretisches Wissen vermittelt wird. Konkret setzen sich die Soldaten mit Fachliteratur auseinander, die das Gewinnen und Ausnützen von Deckungen beim Feuerkampf mit der Pistole thematisiert. Jene Erkenntnisse, die neu sind und/oder wichtig erscheinen, werden auf ein Flipchart geschrieben. Innerhalb der Teams soll auch diskutiert werden, um diese Erkenntnisse zu behalten.

Training des Abzugsverhaltens 

Ein Schlüssel zur Verbesserung der Schießleistung ist das Training des Abzugsverhaltens. Hier kommt, wie bereits bei der ersten Station, ein Simulator in Form eines Abzugstrainers zum Einsatz. Dieser besteht aus zwei Komponenten (Auswerteelektronik am Magazinboden und Handy-App), ermöglicht aber keine Trefferanzeige, sondern eine Rückmeldung zum Abzugsverhalten. Konkret wird die Feinmotorik des Schützen unmittelbar vor, während und nach der „Schussabgabe“ angezeigt. Darüber hinaus erhält der Schütze die Rückmeldung, welchen Fehler er macht und wie dieser behoben werden kann.

Standardschussabgabe

Sieger ist, wer schneller schießt und besser trifft!“, lautet ein alter und nach wie vor gültiger Grundsatz für das Gefechtsfeld. Der rasche und korrekte Ablauf vom Erkennen eines Gegners bis zu dessen Bekämpfung ist somit für den Erfolg im Gefecht und zum Überleben eines Soldaten entscheidend. Analog zur Station „Erzwungener Magazinwechsel“ wird der korrekte Ablauf unter Zuhilfenahme einer Tafel mit Schlagwörtern und einer Scheibe mit einem symbolisierten Gegner sowie der Rückmeldung des Kameraden trainiert.

Erwachsenengerechte Ausbildung

Nach der Einweisung gehen die Teams zu den Stationen. Dort üben sie die jeweiligen Handgriffe, geben sich eine Rückmeldung und üben weiter. Offiziersstellvertreter Weihs beobachtet die Schützen, geht von Station zu Station, gibt Tipps und das Zeichen für den Stationswechsel. 

Die Soldaten reden, trainieren und es darf auch gelacht und gescherzt werden. Die Lehrgangsteilnehmer können ihr Lerntempo weitgehend selbst bestimmen und nützen die Chance, sich die Ausbildungsinhalte selbstständig anzueignen. Sie interessieren sich für das Thema, haben ein fundiertes Vorwissen und wollen ihre Fertigkeiten verbessern. Weihs ist ein erfahrener Lehrunteroffizier, Schießausbilder und Profi auf diesem Gebiet, der auf beinahe jede Frage eine Antwort hat. Das sind optimale Voraussetzungen, die jedoch nicht immer so anzutreffen sind.

Weihs stellt klar: „Um diese Ausbildung anhand der Grundsätze der Aneignungsdidaktik durchzuführen, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Die Anlernstufe muss abgeschlossen sein und die Soldaten benötigen die notwendige Motivation, um sich die geforderten Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen“. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass man beim grundsätzlichen Erlernen von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen (der Anlernstufe) auf die Aneignungsdidaktik verzichten muss. „Freiräume zum Sammeln von Bewegungserfahrung – z. B. beim Erlernen der Wendung beim Exerzierdienst, beim Magazinwechsel oder beim Training auf der Hindernisbahn –  sind beinahe immer möglich und zielführend. Das gilt auch für das Zusammenstellen von Kleingruppen und Rückmeldungen von den Auszubildenden.

Die Selbsteinstufung des Lernenden ist ein wesentlicher Faktor bei dieser didaktischen Herangehensweise. Diese hat der Auszubildende anhand seiner Kenntnisse und Fertigkeiten in Absprache mit dem Ausbilder durchzuführen. Der vorgestellte Stationsbetrieb ist nur ein Beispiel für eine mögliche Umsetzung der Aneignungsdidaktik. Die dahinterstehende Philosophie lässt sich auch auf andere Themen, wie das Scharfschießen mit gut ausgebildeten und motivierten Kadersoldaten, übertragen. „Dieses könnte auf drei Schießbahnen mit drei ähnlichen, aber dennoch verschiedenen Schießprogrammen für die unterschiedlichen Schießniveaus organisiert werden. Alle Teilnehmer würden dort eine gewisse Anzahl von Übungen schießen, je nach Niveau wären das Schul- oder Einzelgefechtsschießübungen. Dabei sollte es auch möglich sein, auf- oder abzusteigen, wenn die Selbsteinschätzung falsch war oder der Schütze einen schlechten Tag hat“, erklärt Weihs, der auch klarstellt, dass „bei jeder Ausbildung das Ergebnis entscheidend ist“.

Eine Ausbildungseinheit nach den Grundsätzen der Aneignungsdidaktik zu organisieren, ist mit relativ viel Aufwand verbunden. Das zeigt auch das vorgestellte Beispiel, bei dem die Stationen akribisch geplant sind, um gehirngerechte Be- und Entlastungsphasen sowie einen Mix an kognitiven und psychomotorischen Inhalten umzusetzen. Zusätzlich erfordert die Organisation, aber auch der Auf- und Abbau des umfangreichen Gerätes relativ viel Zeit. Neben einer hohen Motivation, das zu tun, benötigt das Ausbildungspersonal ein fundiertes praktisches sowie theoretisches Fachwissen. Das ist nicht nur nötig, um eine adäquate Einweisung in die Stationen und eine hohe Qualität der Ausbildung sicherzustellen. Vielmehr ist die damit verbundene Vorbildwirkung ein wichtiger Motivationsfaktor für die Auszubildenden und ein wesentlicher Aspekt für eine ansprechende Lernumgebung.

Fazit 

Die Aneignungsdidaktik als „neuer Rahmen des Lernens“ entspricht nicht nur pädagogischen Erkenntnissen, sondern auch den geänderten Anforderungen an einen Soldaten im Einsatz. Auch dort muss er lage- und situationsangepasst selbstständig entscheiden, welche Aktion er wann und wie setzt. Die Zeiten der Linieninfanterie des 19. Jahrhunderts, bei der die Soldaten einer Kompanie liegend, kniend oder stehend gleichzeitig feuern, und mit ihr die Notwendigkeit des rein exerziermäßigen Erlernens von Gefechtsabläufen sind vorbei. Das gilt, auch wenn das noch nicht in allen Köpfen angekommen sein mag, sowohl im Einsatz als auch in der Einsatzvorbereitung – der Ausbildung. Das exerziermäßige Erlernen von Fertigkeiten hat, wie andere klassische Unterrichtsformen auch, nach wie vor seine Berechtigung. Die aktuelle „Kunst der Ausbildung“ liegt aber darin, einen – an das Thema und die Teilnehmer – angepassten und möglichst individuellen Mix verschiedener Lehr- und Lernmethoden anzuwenden, bei dem sich konventionelle und innovative Methoden ergänzen, um ein Ausbildungsziel zu erreichen.

Die Aneignungsdidaktik ist kein völliger Paradigmenwechsel in der militärischen Ausbildung. Sie ist die Weiterentwicklung der aktuellen Ausbildungsmethodik im Bundesheer, modern, abwechslungsreich, individuell und dennoch – oder gerade deshalb – intensiv und einsatzorientiert. Entscheidend ist das Erwerben bzw. Festigen militärischer Fähigkeiten (Lernergebnis), das jedoch mit einem starken Fokus auf die persönlichen Umstände (Motivation, Wissen und Können) erfolgt. Sie ist keine pädagogische Strategie, bei der man sich im „Sesselkreis Wattebällchen zuwirft“ oder mit einer Unterschrift eine verpflichtende Belehrung oder Schulung formal bestätigt, bei der man nur körperlich anwesend war. Vielmehr soll damit das militärische Wissen und Können – das Handwerk des Soldaten – verbessert und damit die Einsatzbereitschaft des Bundesheeres erhöht werden.

Hofrat Gerold Keusch, BA MA; Leiter Online Medien der Redaktion TRUPPENDIENST.

 

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