• Veröffentlichungsdatum: 04.04.2022
  • – Letztes Update: 11.04.2022

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Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Stefan Schädl

Diese Frage beschäftigt die Menschheit wohl schon lange. Ob im Höhlengleichnis von Platon oder in der Filmreihe „Matrix“ – immer wieder wird sie aufgegriffen. Für den Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick ist die Wirklichkeit ein Ergebnis von Kommunikation mit anderen. Demnach konstruieren wir unsere Wirklichkeit selbst. So wird klar, warum es für Menschen nicht nur eine Wirklichkeit gibt. Je nachdem, mit wem man diskutiert bzw. kommuniziert, entsteht eine unterschiedliche Sicht der Dinge und damit der Welt. Konflikte sind vorprogrammiert: Denkt man an eine Familie, in der eine Person den Haushalt führt, eine arbeitet und die Kinder in der Schule oder an der Uni sind, stellt man fest: Alle bewegen sich in einer anderen Lebenswelt und haben andere Sichtweisen, die beeinflussen, wie sie mit Informationen umgehen.

Fakt oder Fake? Infodemie als neue Herausforderung

Das Internet galt seit ca. 1989 als große Errungenschaft. Die Hoffnung war, dass die Bündelung des Daten- und Informationsflusses das Treffen von Entscheidungen erleichtern würde. Heute sehen wir jedoch die Schwierigkeit richtige und nützliche Informationen von falschen zu unterscheiden. 

Bis zum Jahr 2000 war es notwendig, über ein gewisses technisches Wissen zu verfügen, um Informationen online zu veröffentlichen. Mit der Entwicklung des Web 2.0 (Facebook, YouTube und ähnlichen Plattformen) veränderte sich das. Seither kann jede Person schnell und einfach Informationen im Internet präsentieren oder Beiträge von anderen teilen. Das führte unter anderem zu einem enormen und anhaltenden Anstieg von Postings.

Ein neues Problem war geboren: die Infodemie. Die WHO definierte sie im Jahr 2000 als Überangebot an sowohl korrekten als auch irreführenden Gesundheitsinformationen. Diese erschweren es, glaubwürdige Quellen und zuverlässige Informationen bzw. Ratschläge zu Gesundheitsthemen zu finden, da nicht alle Informationen geprüft werden können. Inzwischen ist das Problem der Infodemie so groß, dass sich ein eigener Wissenschaftszweig dazu entwickelt hat – die Infodemiologie. 

In einer Publikation aus dem Jahr 2018 beschreiben die Forscher Jennifer Kavanagh und Michael Rich vier Gründe für die Infodemie:

  • zunehmende Meinungsverschiedenheit in Bezug auf Daten und Fakten;
  • immer weniger Unterscheidung zwischen Meinung und Fakten;
  • zunehmender Einfluss von Meinungen und Erfahrungen auf Entscheidungen;
  • sinkendes Vertrauen in etablierte Quellen sachlicher Information.

Außerdem beschreiben die Autoren, wie man der Infodemie und ihren Folgen entgegenwirken könne: Der wichtigste Punkt sei, wissenschaftliche Ergebnisse so zu formulieren, dass auch Laien sie verstehen. Weiters sollen Erkenntnisse hinterfragt sowie verfeinert und Widersprüche erklärt werden. Zudem sei es wichtig, die Kompetenzen zum Prüfen von Informationen zu verbessern. Fragliche Inhalte sollten aber nicht zensuriert oder gelöscht werden –
vielmehr solle darüber reflektiert und aufgeklärt werden. 

Wie kann mit Unsicherheit umgegangen werden?

Unsicherheit entsteht vor allem in Situationen, die nicht sofort erklärt werden können, zum Beispiel bei Katastrophen oder Seuchen. Wenn Menschen stark verunsichert sind, sind drei Dinge wichtig, um ein subjektives Gefühl von Sicherheit (und damit auch Hoffnung für die Zukunft) herstellen zu können:

  • Verständnis für die Zusammenhänge, die zu dem Ereignis geführt haben;
  • Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können (konkrete Handlungsmöglichkeiten);
  • Gefühl der Bedeutung der Situation.

Um die Unsicherheit der Situation zu reduzieren, ist es wichtig, sich auf verlässliche Informationen stützen zu können. Man sollte also nicht jede Information unbedacht teilen, sondern diese vorher reflektieren. Damit fundierte Informationen leichter erkannt werden können, möchten wir mit einer Serie von Beiträgen eine Grundlage dazu bieten. Auf Basis dessen sollten Informationen bewertet und danach genutzt werden können. 

In den kommenden Beiträgen dieser Serie sollen deshalb die Bereiche Glaubwürdigkeit und Wissenschaft aufgegriffen und erklärt werden. Dabei soll zum Beispiel angesprochen werden, wie fehleranfällig die menschliche Psyche – im Speziellen das Gedächtnis und die Wahrnehmung – sein können. Beispiele dafür sind das Denken in Schubladen oder mentale Abkürzungen. Außerdem soll die Glaubwürdigkeit von Informationsquellen und die Vorgehensweise in Wissenschaft und Forschung thematisiert werden. Damit möchten wir zeigen, dass es sich lohnt bei der Sichtung von Information nicht dem ersten Eindruck zu erliegen, sondern genauer hinzusehen. 

Mag. Stefan Schädl; Psychologe im Heerespsychologischen Dienst

 

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