• Veröffentlichungsdatum: 02.04.2021

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„Wir wollen keine IT-Nerds ausbilden“

Anna Hlawatsch

(Symbolbild: Bundesheer/Theresianische Militärakademie)
(Symbolbild: Bundesheer/Theresianische Militärakademie)

An der Theresianischen Militärakademie werden ab Herbst 2022 neben den „normalen“ Truppenoffizieren auch IKT-Offiziere ausgebildet. Der Studiengang „Militärische Informations- und Kommunikationstechnologische Führung“ dauert insgesamt drei Jahre. Abgeschlossen wird die Ausbildung mit dem Dienstgrad Leutnant und dem akademischen Grad Bachelor of Science. Der TRUPPENDIENST traf sich mit Oberst des Generalstabsdienstes, Georg Kunovjanek, dem Leiter des neuen Studienganges.

Anna Hlawatsch: Warum bildet das Österreichische Bundesheer bald eigene IKT-Offiziere aus?

Georg Kunovjanek: Wir führen seit Mitte 2020 ein neues Kommunikationssystem ein. Dafür benötigen wir qualifiziertes IKT-Personal im Offiziersbereich, vor allem für die Planung und den Einsatz dieser Systeme. Natürlich spielt auch die zunehmende Digitalisierung der Streitkräfte eine wichtige Rolle. Deshalb ist man zu dem Entschluss gekommen, einen eigenen Studiengang aufzusetzen, der auf militärische IKT abzielt.

Hlawatsch: Wie bereitet sich die Theresianische Militärakademie auf diesen speziellen Studiengang vor?

Kunovjanek: Wir sind maßgeblich an der Entwicklung des Studienganges beteiligt. Der Studiengangsleiter des Bachelorstudienganges „Militärische Führung“ ist auch der Leiter des Entwicklungsteams. Viele Studienabschnitte werden für alle Fähnriche gemeinsam abgehalten, gerade wenn es um die militärischen Kernbereiche geht. Verteilt auf die drei Jahre an der Militärakademie wird in Summe ein Semester extern durch die Fachhochschule Wiener Neustadt durchgeführt. Die Lehrenden werden allerdings an die Militärakademie kommen, der Unterricht findet also nicht in der zivilen Fachhochschule statt. Die spezifischen IKT-Fächer werden vom eigenen Personal gelehrt. Die Vorbereitungen sind bereits in vollem Gange. Während der Bearbeitung sind bestimmte Anforderungen an die Infrastruktur zu Tage getreten. Konkret geht es um ein IKT-Labor mit spezieller Ausstattung, um Unterkünfte und die Hörsaal-Infrastruktur. Mit der Vorlaufzeit (die Genehmigung des Studienganges erfolgt voraussichtlich im Frühjahr 2022; Anm.) sind diese Anforderungen aber realisierbar.

Hlawatsch: Wie erfolgt die Administration?

Kunovjanek: Die Administration erfolgt durch die Studiengangsdirektion, die derzeit personell jedoch nur in der Lage ist den Bachelorstudiengang „Militärische Führung“ abzuwickeln. Es ist daher geplant, das bestehende Personal aufzustocken.

Hlawatsch: Warum ist die Ausbildung von IKT-Offizieren wichtig?

Kunovjanek: Es geht nicht darum einen „IT-Nerd“ auszubilden, sondern einen Offizier mit IKT-Affinität, um die Digitalisierung der Streitkräfte, die im ÖBH zunehmend Fuß fasst, bewerkstelligen zu können. Schließlich geht es darum, das Bundesheer einsatzfähig und mit modernen Kommunikationsmitteln auch führungsfähig zu halten.

(Foto: Bundesheer)
(Foto: Bundesheer)

Hlawatsch: Für welche Aufgaben werden die künftigen IKT-Offiziere ausgebildet?

Kunovjanek: Es wird viele Einstiegsfunktionen im kommunikationstechnologischen Bereich geben. Für die künftigen Absolventinnen und Absolventen wurden in den Organisationsplänen des Ressorts Arbeitsplätze geschaffen. Darunter fallen die IKT-Offiziere der Bataillone. In dieser Stabsfunktion der S6-Gruppe ist der IKT-Offizier für den Betrieb des militärischen Netzwerkes zuständig. Nach der Ausmusterung ist ebenfalls die Funktion als IKT-Zugskommandant bei den Führungsunterstützungskompanien der Brigade denkbar eine klassische Einstiegsfunktion für einen jungen Offizier. Besonders geeignete Absolventinnen und Absolventen können in eine höhere Stabsverwendung aufsteigen. Das könnte zum Beispiel im Bereich der technischen Aufklärung sein oder etwa in der Abteilung IKT-Plan der Zentralstelle.

Hlawatsch: Welche Qualifikationen muss eine Bewerberin oder ein Bewerber mitbringen?

Kunovjanek: Grundsätzlich ist nur die Hochschulreife Voraussetzung. Der ideale Bewerber muss nicht unbedingt ein HTL-Absolvent sein, da die Grundlagen im technischen Bereich während des Studiums vermittelt werden. Wir sprechen daher Maturantinnen und Maturanten, Unteroffiziere mit Zusatzprüfung oder technisch interessierte Personen an, die eine Hochschulreife besitzen und Interesse an einer solchen Ausbildung haben.

Hlawatsch: Muss die Bewerberin oder der Bewerber Soldat sein?

Kunovjanek: Der Studiengang steht sowohl für Soldaten als auch für Zivilpersonen offen. Zivilisten können das Studium daher ebenfalls vollinhaltlich absolvieren. Eine derartige Verbindung von militärischer Führung und Technik im Bereich der IKT wird weder in Deutschland noch in der Schweiz angeboten. Hier gibt es bereits erste Kontaktaufnahmen, ob eine Teilnahme ebenfalls für ausländische Studierende denkbar ist. Ansatzweise bestehen Ähnlichkeiten zu einem Wirtschaftsingenieursstudium, aber in dieser Ausprägung ist es ein wirklich einzigartiger Studiengang. Ich kenne weltweit kein vergleichbares Studium.

Hlawatsch: Ist eine Teilnahme über die Nachhollaufbahn für Berufssoldaten möglich?

Kunovjanek: Ja, grundsätzlich können Unteroffizieren, die entweder die Matura haben oder diese Zusatzprüfung absolvieren, in den Studiengang einsteigen. Es gibt bereits Anfragen von Offizieren, ob eine Teilnahme auch für sie möglich ist. Hier wird es wahrscheinlich zu Anrechnungen kommen, da der militärische Teil bereits absolviert wurde.

ObstdG Georg Kunovjanek während des TRUPPENDIENST-Interviews. (Foto: Bundesheer/Anna Hlawatsch)
ObstdG Georg Kunovjanek während des TRUPPENDIENST-Interviews. (Foto: Bundesheer/Anna Hlawatsch)

Hlawatsch: Wie erfolgt die Aufnahme in den Studiengang?

Kunovjanek: Das zwei- bis dreitägige Aufnahmeverfahren startet jedes Jahr im August. Zum einen wird die physische Leistungsfähigkeit festgestellt, danach erfolgt eine mehrstufige Überprüfung. Diese reicht von Intelligenztests bis zum Aufnahmegespräch. Der Bewerbungsprozess erfolgt parallel zum Bachelorstudiengang „Militärische Führung“. Während des Aufnahmeprozesses sind die Bewerberinnen und Bewerber an der Militärakademie untergebracht und werden auf die verschiedenen Stationen vorbereitet.

Hlawatsch: Mit wie vielen Bewerberinnen und Bewerbern rechnen Sie?

Kunovjanek: Der Studiengang ist für maximal dreißig Studierende ausgelegt. Wir wünschen uns etwa fünfzehn Soldaten und fünf Zivilsten.

Hlawatsch: Worin liegen die Ausbildungsschwerpunkte?

Kunovjanek: Ein Schwerpunkt liegt auf den militärischen Grundlagen. Der militärische Aspekt ist ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung. Der zweite Schwerpunkt sind die IKT-Grundlagen. Beginnend bei den Basics der Programmierung über verschiedene Webtechnologien und Datenbanken bis zum Wissensmanagement. Es soll die gesamte Bandbreite an Fähigkeiten im IKT-Bereich abgedeckt werden, die im Bundesheer gebraucht wird.

Hlawatsch: Wird es Spezialisierungen geben?

Kunovjanek: Ziel des Studienganges ist es, die Basis für die Cyber-Kräfte zu schaffen, die sich in drei Teilaspekten unterteilt. Das sind die IKT-, die Cyber- und die EloKa-Truppe. Die Absolventinnen und Absolventen werden sich erst nach ihrer Ausmusterung in ihrem Fachgebiet spezialisieren. Diese Vertiefung wird durch weiterführende Lehrgänge und Fortbildungen stattfinden.

Hlawatsch: Wer trägt die Ausbildungskosten?

Kunovjanek: Den Soldaten stehen geförderte Studienplätze durch das Bundesministerium für Landesverteidigung zur Verfügung. Die Kosten der zivilen Studierenden sind soweit gedeckt, dass etwa die Unterrichtsmaterialien kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Zivilisten müssen allerdings für ihre Unterbringung und Verpflegung selbst aufkommen. Soldaten werden mit dem MZ-Gehalt und einer Überstundenpauschale entlohnt. Das sind etwa 1.800 Euro netto im Monat.

(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)

Hlawatsch: Was erwartet die Absolventinnen und Absolventen nach der Ausmusterung?

Kunovjanek: Man kann davon ausgehen, dass die Offiziersanwärter mit erfolgreichem Studienabschluss einen Arbeitsplatz erhalten. Es kann natürlich sein, dass ein Studierender als stellvertrender Kompaniekommandant ausmustert, da in seinem Verband die Position eines Zugskommandanten schon besetzt ist. Hier kann es zu Abweichungen kommen, aber es wird das Rüstzeug mitgegeben, um diese Funktion ausführen zu können. Für die zivilen Studierenden bestehen ebenfalls vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Das kann etwa die Verwendung in der IKT-Sicherheit eines darauf spezialisierten Unternehmens sein oder ein Arbeitsplatz in einer staatsnahen Einrichtung. Zum Beispiel bei einem Energieversorger, der ebenfalls einen großen IKT-Bereich betreibt und Führungs- und technische Kompetenzen gleichermaßen voraussetzt.

Hlawatsch: Haben IKT-Offiziere einen Laufbahnnachteil gegenüber „normalen“ Offizieren?

Kunovjanek: Für die Entwicklung des Studienganges war es eine „Muss-Bedingung“, dass eine Durchlässigkeit in beide Richtungen möglich ist. Will ich als Absolvent in der technischen Schiene bleiben, dann kann ich das tun und etwa bis in eine gehobene technische Leitungsfunktion aufsteigen. Will ich in die Führungsschiene wechseln, ist das genauso möglich. Den Absolventinnen und Absolventen sollen durch den Studiengang keine Laufbahnnachteile entstehen. Umgekehrt kann ein Offizier des Bachelorstudienganges „Militärische Führung“ die IKT-Laufbahn nachholen. Das könnte vom Dienstgeber in Zukunft gefördert werden. Wie militärische Laufbahnkurse danach aussehen, ist noch nicht ausgereift. Hier muss man erst sehen, wie sich dieses Modell bewährt.

Hlawatsch: Was erhofft sich das Bundesheer von den IKT-Offizieren?

Kunovjanek: Ich glaube, dass dieser neue Typus des Offiziers ein erster Schritt in eine neue Domäne ist. Wir haben in Österreich eine klassische Landstreitkräfte-Ausbildung und daher auch das Mindset der Landstreitkräfte. Allerdings wird dieses immer mehr durch Technik durchdrungen. Die Teilstreitkräfte-Denkweise ist ein völlig neuer Ansatz. In den USA ist sie allgegenwärtig. Die Amerikaner haben für jede Teilstreitkraft eine eigene Akademie. Für uns ist der neue Studiengang ein „Role Model“ für eine Teilstreitkräfte-spezifische-Ausbildung. Ich erhoffe mir, dass wir dieses Denken in die Streitkräfte hineinbekommen. Ich bin selbst Fernmelder und kann mich erinnern, wie ungeduldig einige Kommandanten waren, wenn sie nicht gleich kommunizieren konnten, weil sich die Verbindung erst aufgebaut hat. Ich hoffe, dass man dieses Verständnis gegenüber der Technik künftig aufbringen wird.

Hlawatsch: Wird die Ausbildung außerhalb des Militärs anerkannt?

Kunovjanek: Das lässt sich derzeit noch nicht sagen, weil es ein neuer Studiengang ist. Ich denke aber, dass das Profil des Studienganges außerhalb des Militärs interessant ist. Führungsausbildung auf akademischen Niveau ist etwas Spezielles, vor allem, weil es wenig derartige Studiengänge gibt. Die meisten behandeln die Unternehmensführung und damit den Managementbereich. Wir bilden allerdings keine Manager aus, sondern Führungskräfte, die auch in Krisen entscheidungsfähig sind. Die Kombination mit der IKT-Komponente, die topaktuell ist, sollte deshalb ebenfalls im zivilen Bereich Anerkennung finden.

Pilotin des Österreichischen Bundesheer. (Foto: Bundesheer/Kommando Luftunterstützung/Horst Gorup)
Pilotin des Österreichischen Bundesheer. (Foto: Bundesheer/Kommando Luftunterstützung/Horst Gorup)

Hlawatsch: Wie will man einen Abgang in die Privatwirtschaft oder zu anderen Arbeitgebern verhindern?

Kunovjanek: Ich glaube, das Militär bietet interessante Aufgaben, die in der Privatwirtschaft so nicht vorzufinden sind. Das lässt sich beim Beruf des Hubschrauberpiloten veranschaulichen. Natürlich wird dieser in der Privatwirtschaft vielleicht besser entlohnt, dafür fliegt er „nur“ von Stützpunkt zu Stützpunkt. Währenddessen absolviert der Militärpilot – angefangen von der Luftlandeausbildung, über Hochgebirgslandekurse und der Tiefflugausbildung – ein breites Spektrum unterschiedlicher Einsätze und hat einen hohen Erlebnisfaktor. Ähnlich verhält es sich im IKT-Bereich. Der IKT-Offizier wird ausgebildet, um Angriffe auf die militärische IKT-Infrastruktur abzuwehren sowie Angriffe auf die IKT-Infrastruktur eines Gegners durchzuführen. Und das auf legaler Basis, weil es sein Auftrag ist. Ich glaube daher, dass man die künftigen IKT-Offiziere schon anregen kann, im System zu bleiben. Ich glaube nicht, dass wir einen Abgang in die Privatwirtschaft über die Bezahlung regeln können, weil Fachkräfte dort teilweise deutlich besser bezahlt werden. Ob man ein ähnliches Modell wie bei den Piloten einführt, die eine gewisse Verwendungszeit haben und erst danach das Bundesheer verlassen können, wird derzeit geprüft. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das rechtlich so leicht möglich ist. Ich glaube daher, dass wir die Absolventinnen und Absolventen nur durch eine abwechslungsreiche Tätigkeit und den Umgang mit interessanter Technik im System halten können.

Hlawatsch: Wo sehen Sie die Herausforderungen der Militärinformatik in der Zukunft?

Kunovjanek: Die Herausforderung ist sicherlich, dass es viele Spezialisierungszweige gibt. Das war bereits bei der Entwicklung des Studienganges eine Kernfrage. Geeinigt haben wir uns darauf, dass wir keine direkte Spezialisierung anbieten werden, weil es zu viele Felder gibt, die sich noch dazu ständig weiterentwickeln. Alleine im IKT-Bereich gibt es so viele Teilgebiete, etwa der Betrieb eines Rechenzentrums oder das Hosten einer Datenbank in der man für die Bereitstellung der wesentlichen Informationen zum richtigen Zeitpunkt verantwortlich ist. Es kann aber auch sein, dass man für das Einrichten der Netzwerke im Einsatzraum oder bei Übungen im Friedensbetrieb zuständig ist. Alleine dieser Bereich ist relativ breit aufgestellt. Zusätzlich gibt es die elektronische Kampfführung, die sich im elektromagnetischen Spektrum bewegt. Dort existiert eine Vielzahl an Möglichkeiten, um wirksam zu werden. Es gibt technische Systeme, die das Bundesheer noch gar nicht verwendet, in denen Soldaten aber bereits ausgebildet werden. Als Stichwort nenne ich die Ukraine, den Einsatz der Russischen Föderation mit ihren elektronischen Kampfmaßnahmen. Die Aufgabengebiete der Cyber-Truppe sind ebenfalls sehr dynamisch. Tagtäglich entwickeln sich Technologien weiter und dadurch ändern sich die Angriffsmethoden. Ich glaube, es ist die größte Herausforderung der Militärinformatik, die Basis so aufzubereiten, dass Spezialisierungen auch in Zukunft möglich sind. Gleichzeitig müssen die Landstreitkräfte unterstützt werden, um mit der Digitalisierung umgehen zu können. Selbst die Kompetenz der Digital Natives ist irgendwann erschöpft und dann brauchen die jungen Offiziere ebenfalls Unterstützung.

Hlawatsch: Was sind die nächsten Schritte für die Zulassung des Studienganges?

Kunovjanek: Ende März 2021 wird der Akkreditierungsantrag ressortintern vorgelegt. Ende Mai oder Anfang Juni wird der Studiengang bei der Akkreditierungsbehörde eingereicht. Innerhalb von neun Monaten wird diese über die Genehmigung entscheiden. Wir rechnen mit der Genehmigung im Frühjahr 2022. Die Anmeldungen für das Studium sind aber schon jetzt möglich. Soldaten müssen bis August 2021 ihr Interesse bekunden, da bereits im Oktober die vorbereitende Ausbildung mit der Kaderanwärterausbildung 1 startet. Zivilisten haben noch etwas Zeit. Hier reicht eine Anmeldung im kommenden Jahr.

Weitere Informationen zum Studiengang

Mag. Anna Hlawatsch ist Redakteurin beim TRUPPENDIENST.

(Foto: Bundesheer/Anna Hlawatsch)
(Foto: Bundesheer/Anna Hlawatsch)
 

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