• Veröffentlichungsdatum: 05.04.2016
  • – Letztes Update: 09.04.2020

  • 9 Min -
  • 1767 Wörter

Unsere Flucht

Gerold Keusch

(Foto: Seidler)

Themenschwerpunkt Migration

Der Fokus von TRUPPENDIENST liegt 2016 auf dem Thema Flüchtlingskrise und Migration. Gerold Keusch besuchte ein Flüchtlingsheim, um mit Betroffenen zu sprechen.

Zwei Familien - zwei unterschiedliche Geschichten, die das Jahr 2015 schrieb. Kein Schicksal gleicht dem anderen. Zu verschieden sind die Menschen und ihre Hintergründe. Gemeinsam haben sie vor allem eines: Die Hoffnung auf ein besseres und friedliches Leben in Europa. Das Jahr in dem die Flüchtlinge kamen - zwei Familien erzählen von ihrer Flucht.

Anmerkung: Alle Namen wurden von der Redaktion geändert

Flucht aus Afghanistan

Seit November 2015 lebt Familie Ansary in einem Flüchtlingsheim in Niederösterreich. Es ist die vorläufig letzte Station ihrer dreimonatigen Flucht, die im Spätsommer des vergangenen Jahres in Kabul begann. Hier warten sie auf ihr Asylverfahren.

Kashif und sein Bruder Faruk haben an dem Tisch in ihrem Container Platz genommen. Hier leben die beiden Afghanen mit zwei weiteren Brüdern. Nebenan wohnen ihr Vater und die Mutter. Sie erzählen über ihre Flucht nach Österreich.

Viele Menschen in Afghanistan glauben daran, dass in Europa ein besseres Leben auf sie wartet. Das sehen sie täglich im Fernsehen. Dort wird Werbung dafür gemacht, nach Europa zu kommen. Viele glauben das und machen sich auf den Weg in eine scheinbar bessere Zukunft. Diesen Weg können sie jedoch nicht alleine zurücklegen. Sie sind auf die Hilfe von Schleppern angewiesen. Diese sind teuer.

Zweitausend Euro hat jeder der sechsköpfigen Familie Ansary für die Flucht bezahlt. Dafür hat der Vater das Haus und das restliche Hab und Gut verkauft. Als Gegenleistung wurden sie über alle Grenzen geschleust, die zwischen Afghanistan und Griechenland liegen. Die Schlepper waren in ihrem Fall nur für die Grenzübertritte verantwortlich. Den Weg durch die Länder mussten sie selbst organisieren. Sobald sie eine Grenze erreicht hatten, riefen sie eine Kontaktperson an. Ein Treffpunkt wurde festgelegt und die Flucht ging weiter.

Iran
Der gefährlichste Teil ihrer Flucht war der Landweg durch den Iran. Große Teile der heimischen Bevölkerung sind den afghanischen Flüchtlingen gegenüber negativ eingestellt. Hier kommt es häufig zu Übergriffen, bei denen Migranten ausgeraubt werden. Die meisten Menschen im Iran sind arm und die Flüchtlinge haben am Beginn ihrer Reise oft beträchtliche Summen Bargeld bei sich.

Um möglichst unentdeckt zu bleiben, ist Familie Ansary zu Fuß über die Berge gegangen. 27 Tage waren sie unterwegs, fünf davon verbrachten sie bei einer Tante - eine kurze Erholung bevor es weiterging.

Die Tante ist eine von etwa zwei Millionen Afghanen, die schon seit Jahren im Iran leben. Die meisten flohen 1979, als die Sowjetarmee in Afghanistan einmarschierte oder 1996, als die Taliban die Macht im Land übernommen hatten. Ihre Lage im Iran ist schlecht. Sie werden vom Staat diskriminiert und finden auch in der Gesellschaft keinen Anschluss.

Während des Marsches durch die Berge ging Faruk, der ältere Bruder verloren. Er wurde von iranischen Polizisten aufgegriffen. Diese stahlen ihm sein Geld, das Handy und die Uhr. Heute sitzt er, wieder mit der Familie vereint, im Container. In Linz hat sich die Familie wieder getroffen - der emotionalste Moment der Reise in eine ungewisse Zukunft. Der Weg durch den Iran war der gefährlichste Abschnitt ihrer Flucht. Sie hatten sowohl vor der Bevölkerung, als auch vor den Behörden Angst. „Es gibt viele schlimme Geschichten davon, was afghanischen Flüchtlingen dort passiert ist - ich hatte Glück“, meint Faruk.

Türkei
„Mit der Ankunft in der Türkei waren wir in Sicherheit“, erzählt Kashif „die Polizei und die Bevölkerung waren freundlich und hilfsbereit“. Den Weg durch das Land legten sie teilweise zu Fuß, teilweise mit dem Bus zurück. Es war kein Problem eine Fahrkarte zu kaufen. Die Busse waren meistens mit Landsleuten befüllt. Es gab Kontrollen durch die Polizei, dabei wurden lediglich die Dokumente kontrolliert. Schikanen gab es keine.

Dennoch meinte es das Schicksal nicht gut mit ihnen. Ein Bus, mit dem sie unterwegs waren, kam von der Straße ab und fuhr in einen Graben. Es gab einige Verletzte. Kashif und sein Vater zeigen ihre Narben am Oberkörper. Zwei Wochen mussten sie in einem türkischen Spital verbringen. Sie wurden gut behandelt, sowohl medizinisch als auch menschlich.

Durch den Aufenthalt im Spital blieben sie vier Wochen im Landesinneren, bis sie an die Küste kamen. Hier trafen sie den Schlepper, der sie nach Griechenland brachte. Achtzehn Personen waren an Bord des Bootes. Wie lange sie auf dem Meer waren, wissen sie nicht mehr. Die Überfahrt - für viele Flüchtlinge eine Todesfalle - verlief bei ihnen problemlos.

Flüchtlingskolonne in Slowenien.
(Foto: Slowenische Streitkräfte)

Griechenland bis Slowenien
Die Ankunft auf Samos hat die Familie als geordnet empfunden. „Die Polizei war sehr freundlich und hat uns unterstützt“, meint Kashif. Drei Tage waren sie auf der Insel. Dann ging es mit der Fähre nach Athen. Nach nur einem Tag in der griechischen Hauptstadt setzten sie ihre Reise fort. Durch Griechenland fuhren sie mit dem Bus, der sie bis zum Grenzübergang Idomeni brachte. Die Grenze zu Mazedonien überquerten sie zu Fuß.

Der weitere Weg nach Österreich folgte immer dem gleichen Muster: Eine Fahrt mit dem Zug oder dem Bus bis zur Grenze. Danach Einreiseformalitäten, die von Staat zu Staat unterschiedlich waren. Dazwischen stundenlanges Warten. Danach die Weiterfahrt bis zur nächsten Grenze. Die Familie hat die Polizei, aber auch andere Behörden in Europa als dienstlich korrekt und hilfsbereit empfunden. Sie und die anderen Flüchtlinge wurden immer gut behandelt.

Österreich
„Unser Ziel war Österreich. Vater war früher Geschäftsmann und hatte Kontakte in das Land. Deshalb wollten wir hierher“, sagt Kashif. Für viele seiner Landsleute ist Deutschland attraktiver. Nach Österreich kamen die Ansarys über Spielfeld. Von dort wurden sie zuerst nach Salzburg transportiert und später nach Linz. Als die Familie wieder vereint war, kamen sie in das niederösterreichische Flüchtlingsheim.

Er und sein Bruder haben die Möglichkeit hier das Gymnasium zu besuchen. Sie lernen Deutsch und nutzen alle Gelegenheiten, um sich zu bilden. Sie wollen hier bleiben und sich eine bessere Zukunft aufbauen. Die örtliche Bevölkerung empfinden sie als freundlich. Sie versuchen offen mit den Einheimischen in Kontakt zu treten, was ihnen gut gelingt. Über das Asylverfahren machen sie sich keine Gedanken. Sie sind davon überzeugt, nicht mehr gehen zu müssen - deshalb haben sie ihre Heimat verlassen.

Flüchtlinge am Grenzübergang Spielfeld. (Foto: Grebien)

Flucht aus dem Irak

Im Container neben der Familie Ansary wohnt die Familie Massoud aus dem Irak. Nach dem Tod des Vaters flüchtete Samira mit ihren drei Kindern aus Bagdad. Der älteste Sohn Hassan ist 17 Jahre alt, seine jüngeren Schwestern sind zwölf und vier. In ihrer Unterkunft erzählen sie von ihrer Flucht.

Türkei
Am 15. Oktober 2015 begann die Reise nach Europa auf dem Flughafen von Bagdad. Sie gaben gegenüber den irakischen Behörden an, Urlaub in der Türkei zu machen und flogen nach Istanbul. Weder die Einreise aus dem Irak, noch die Ankunft in der Türkei bereitete ihnen Probleme. Die Behörden akzeptierten ihre Dokumente und ließen sie passieren. Vom Flughafen fuhren sie mit dem Bus nach Izmir. Die Fahrt dauerte 40 Stunden und war vor allem für die vierjährige Tochter sehr beschwerlich.

In der türkischen Küstenstadt nahmen sie mit einem Schlepper Kontakt auf. „In Izmir ist es kein Problem jemanden zu finden, der einen über das Meer nach Griechenland bringt“, erzählt Hassan. Als Flüchtlingsfamilie fällt man in der Stadt auf. Es dauert nicht lange, bis man von einem Schlepper angesprochen wird. 1 600 Dollar (etwa 1 400 Euro) hat die Familie für die Überfahrt auf Samos bezahlt; je 800 Dollar für die Mutter und ihn. Die jüngeren Geschwister wurden gratis transportiert.

Griechenland
Die Fahrt mit dem Boot war der gefährlichste Abschnitt ihrer Flucht. Sie wurden mit etwa fünfzig anderen Flüchtlingen in ein Schlauchboot gepfercht. Am Tag der Überfahrt war die See rau - die Kinder hatten Angst und weinten. Nach vier Stunden auf dem Wasser erreichten sie die griechische Insel Samos.

Nachdem sie auf der Insel angekommen waren, mussten sie einige Stunden zu Fuß bis zu einen Flüchtlingslager gehen. Dort blieben sie für die nächsten zehn Tage.

Der Aufenthalt in Samos war schlimm. Die Behörden kümmerten sich nicht um sie und die Polizei vermittelte ihnen das Gefühl nicht willkommen zu sein. „Im Lager gab es keine Versorgung. Wir waren gezwungen alles selbst zu besorgen. Es gab viel zu wenig Toiletten und Duschen und viel zu viele Menschen im Lager. Samos war der schlimmste Ort, an dem wir während der Flucht waren“, erzählt Hassan.

Anfang November 2015 waren etwa 5 000 Flüchtlinge gleichzeitig auf Samos. Diese waren in einem ehemaligen Gefängnis und einem provisorischen Lager am Hafen untergebracht. Die Behörden rechneten nicht mit der großen Anzahl an Personen die täglich ankamen und waren überfordert. Als aufgrund eines Streiks der Fährenbesatzungen der Weitertransport der Migranten stockte, drohte die Situation zu eskalieren. Nur mit Hilfe der Bevölkerung und ausländischer Organisationen konnte eine humanitäre Katastrophe verhindert werden.

Die nächste Station führte die Massouds mit einer Fähre nach Athen. In der griechischen Hauptstadt bestiegen sie einen Bus und fuhren bis an die mazedonische Grenze.

Griechenland bis Slowenien
Den Weg von Mazedonien nach Österreich erlebten sie ähnlich wie ihre afghanischen Nachbarn: Lange Fahrten mit dem Bus oder dem Zug; viele Stunden des Wartens an den Grenzen. Sie nahmen kaum Notiz von den Behörden in den verschiedenen Staaten. Sie haben gemacht, was die Menschen vor ihnen taten oder was ihnen Polizisten gesagt hatten. Sie wurden immer korrekt, aber distanziert behandelt. In Slowenien wurden ihnen Fingerabdrücke abgenommen. Wo sie sonst überall wie kontrolliert wurden wissen sie nicht mehr.

Flüchtlinge vor der Weiterfahrt mit einem
Heeresbus. (Foto: Pusch)

Österreich
Nach etwa einem Monat auf der Flucht kam die Familie an die Österreichische Grenze in Spielfeld. Dort blieben sie einen Tag bevor sie mit dem Bus nach Salzburg transportiert wurden. In Salzburg blieben sie sechs Tage. Dann ging es weiter nach Linz, wo sie 23 Tage in einer Sammelstelle für Flüchtlinge verbrachten. Danach kamen sie in das niederösterreichische Flüchtlingsheim.

„Seit fast vier Monaten sind wir schon hier. Die meiste Zeit verbringen wir im Container“. Samira ist deprimiert. Sie hat sich das Leben in Europa anders vorgestellt. Sie und die Kinder verlassen das Areal so gut wie nie.  Außer den Betreuern und freiwilligen Helfern haben sie noch niemanden aus Österreich kennengelernt. Hassan würde gerne in die Schule gehen, hat aber keine Möglichkeit dazu. Im Gegensatz zu seiner Schwester ist er nicht mehr schulpflichtig. Deshalb ist er darauf angewiesen, dass ihn eine Schule freiwillig aufnimmt. Hassan spricht fließend Englisch. Nun lernt er Deutsch und hofft, dadurch leichter einen Schulplatz zu bekommen.

Fazit

So unterschiedlich wie die Menschen die flüchten, sind ihre Erlebnisse auf ihrem Weg nach Europa. Keine Flucht gleicht der anderen. Am Ende der Reise in eine bessere Zukunft weicht die Hoffnung auf ein besseres Leben häufig der Ernüchterung. Die Lebensrealität von Migranten in Europa deckt sich nur selten mit ihren Erwartungen. Auch wenn sie hier in Frieden leben können, bleiben ihnen Wohlstand, Anerkennung und sozialer Aufstieg oft verwehrt.


Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Online-Redakteur bei TRUPPENDIENST.

(Foto: Pusch)
 

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