• Veröffentlichungsdatum: 12.07.2020
  • – Letztes Update: 13.07.2020

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Sicherheit in der Corona-Krise

Othmar Wohlkönig

Wie schnell sich die Bedrohungslage ändern kann, zeigen die vergangenen Wochen. Um den „Kampf gegen den unsichtbaren Aggressor“ Corona-Virus aufzunehmen, bedarf es einer gesamtstaatlichen Anstrengung, bei der das aktuelle Wehrsystem eine wesentliche Rolle spielt. Wehrdienst und Zivildienst waren immer wieder ein ideologischer und politischer Zankapfel in Österreich. Wie die aktuelle COVID-19-Situation jedoch beweist, sind beide Elemente in Zeiten der Krise unabdingbar, um diese zu bewältigen.

Grundwehrdiener bilden von Beginn an den personellen Sockel des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) und werden aktuell in einem breiten Spektrum eingesetzt. Dieser erstreckt sich vom Sicherheitspolizeilichen Assistenzeinsatz, wie der Überwachung der Grenzen und Botschaften, bis zur Unterstützung von Lebensmittelketten und Pharmafirmen. Zusätzlich füllen Zivildiener die entstandenen Lücken im Gesundheits- und Sozialbereich. Beides sind Leistungen, die in keinem Berufsarmee-Modell möglich wären.

Dass außergewöhnliche Situationen besondere Maßnahmen erfordern, bewies die Bundesregierung mit einer noch nie dagewesenen Entscheidung. Ohne öffentlichen Druck entschloss sie sich zur Verlängerung des Grundwehr- und Zivildienstes sowie zur Teilmobilmachung der Miliz – eine Maßnahme die selbst in der Jugoslawienkrise 1991 noch ein absolutes Tabu war.

Für das ÖBH liegen die Herausforderungen vor allem in der Planung, Einberufung, Administration, Vorbereitung und dem Einsatz der Miliz. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass der Sicherheitspolizeiliche Assistenzeinsatz/COVID-19 ohne Beeinträchtigung der anderen Einsätze des ÖBH erfolgt. Aus diesem Grund standen in den vergangenen Wochen bis zu 4 500 Soldatinnen und Soldaten gleichzeitig im Einsatz. Um das zu gewährleisten, ist die Führungsleistung der Kommandanten aller Ebenen besonders gefragt. Alle nationalen und internationalen Ausbildungs- und Übungsvorhaben wurden deshalb durchforstet und alle nicht unmittelbar einsatzrelevanten Vorhaben aufgeschoben oder gestrichen. Auch aus diesem Grund konnten die Assistenz- und Reaktionskräfte – trotz der Ressourcenknappheit – mit dem nötigen Personal, Material und Gerät ausgestattet werden.

Einmal mehr zeigt sich die Wichtigkeit des Zusammenwirkens der Brigaden mit den Militärkommanden. Die Brigaden sind die Hauptträger der Einsatzaufgaben in Form der Aufbringung, Ausbildung, Einsatzvorbereitung und materiellen Ausstattung der Truppe. Das territorial einsatzführende Militärkommando fungiert wiederum als Bindeglied zu den Bundesländern und den Einsatzorganisationen, denen Assistenzkräfte zugeteilt werden.

Managementkenntnisse sind aber nicht nur auf der strategischen und operativen, sondern auch auf der taktischen und gefechtstechnischen Führungsebene gefragt. Vor allem wenn es darum geht, die zahlreichen Aufgaben abzuarbeiten, auch wenn sie nicht unbedingt zur Kernkompetenz der Streitkräfte zählen und viele Tätigkeiten abseits des „Soldatenhandwerks“ wahrzunehmen sind. Gerade die Unteroffiziere, Chargen und Grundwehrdiener können nun die Erfahrungen und Fähigkeiten aus ihren Zivilberufen einbringen, die durch die umfassenden Kenntnisse der Milizsoldaten erweitert werden und den „Kampfwert“ der eingesetzten Truppe erheblich steigern.

Der COVID-19-Einsatz zeigt, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten die Waffengattungen abseits ihrer Kernaufgabe erbringen. Nicht nur die „Manpower“, sondern auch das militärische Gerät wie jenes der ABC-Abwehrtruppe oder des Sanitätsdienstes sind ein Gewinn für die Bewältigung der Krise. Darüber hinaus bestätigt der aktuelle Einsatz die Notwendigkeit von weitgehend autarken Streitkräften, beispielsweise bei der Instandsetzung von Gerät oder dem Transport von Soldaten und Versorgungsgütern, um vermeidbare Engpässe so gut wie möglich hintanzuhalten.

Das Szenario einer weltweiten Pandemie, das vom ÖBH seit Jahren als aktuelles Bedrohungsszenario skizziert wird, ist früher eingetreten als es viele erwartet hatten. Manche Menschen waren von den Ereignissen und ihrer Entwicklung derartig überrascht, dass sie Wochen benötigten, um den Ernst der Lage zu erkennen. Eines hat sich jedoch gezeigt: Wenn es darauf ankommt, tritt die Bundesregierung geschlossen auf, die Einsatzkräfte stehen bereit und die Bevölkerung hält zusammen.

Für die Bewältigung dieser Situation sind die Mitarbeiter der Grundversorgung, des Gesundheits- und Sozialsystems sowie anderer Bereiche der Kritischen Infrastruktur ein wesentlicher Faktor. Sie halten – trotz häufig geringer Gehälter, wenig Anerkennung und hohem gesundheitlichen Risiko – das Land am „Laufen“. Das gleiche gilt für die Soldaten des ÖBH. Auch sie erfüllen – trotz Sparprogrammen, oft geringer Wertschätzung und dem Einsatz ihrer Gesundheit – ihre Aufträge an „vorderster Front“. Damit gewährleisten sie als Teil des ÖBH – der strategischen Handlungsreserve Österreichs – die Sicherheit auch in Zeiten der (Corona-)Krise.

Vizeleutnant Othmar Wohlkönig ist Kommandounteroffizier der Streitkräfte

 

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