• Veröffentlichungsdatum: 28.03.2018

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Rückeroberung der IS-Hochburg Mossul

Jürgen Scherl, Claus-Dieter Glavanovits

(Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)
(Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)

Nach mehr als zweijähriger Kontrolle durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) begann am 16. Oktober 2016 die Rückeroberung der Millionenstadt Mossul im Norden des Iraks. In der Operation „Qadimun Ya Naynawa“ (We are coming, Nineveh) lieferten sich 100 000 irakische und kurdische Soldaten und Kämpfer monatelange schwere Gefechte mit dem IS. Der militärische Sieg und die Befreiung der Zivilbevölkerung gelangen letztlich nur durch die Zerstörung der Stadt. Den eingesetzten Kräften fehlte es an der für die urbane Einsatzführung notwendigen Ausrüstung und Ausbildung. Der massive Einsatz von Luft- und Artillerieunterstützung war letzten Endes der einzig verbliebene Weg zum militärischen Sieg.

Mossul befindet sich im Norden des Irak, ca. 350 km nördlich von Bagdad. Die Stadt war 2014 - vor der Inbesitznahme durch den IS - mit 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes und beheimatete eine multiethnische und multireligiöse Bevölkerung, bestehend aus Arabern (mehrheitlich Sunniten), Assyrern, Kurden, Turkmenen und Jesiden. Die Geschichte und Entwicklung von Mossul wurde seit jeher durch seine Lage im Schnittpunkt der Staaten, Kulturen und Religionen des Nahen und Mittleren Ostens geprägt. 

Die besondere geografische Lage ließ die Stadt zu einem bedeuteten Machtzentrum im Nordirak aufsteigen - aus politischer, kultureller, religiöser und wirtschaftlicher Sicht. Die Kontrolle dieses Machtzentrums stellt auch heute noch die Voraussetzung für die Kontrolle der nordirakischen Provinzen dar.

Machtübernahme des IS in Mossul

Übersicht des vom IS kontrollierten Gebiets Ende 2014. (Grafik: Rizzardi/Quelle APA)
Übersicht des vom IS kontrollierten Gebiets Ende 2014. (Grafik: Rizzardi/Quelle APA)

Die „Arabisierungspolitik“ Saddam Husseins sowie eine über viele Jahre fehlende effektive Kontrolle im Nordirak durch die schiitisch-dominierte irakische Zentralregierung hinterließen ein Machtvakuum. Das war die Voraussetzung für die sukzessive Machtübernahme des IS in der Provinz Ninive (Ninawa) und deren Provinzhauptstadt Mossul im Jahr 2014. 

Nach dem Erstarken des IS in Syrien erfolgte im Jänner 2014 der Vorstoß von ca. 1 000 einsatzerprobten IS-Kämpfern aus dem syrischen Grenzgebiet auf Mossul. In nur wenigen Tagen wurde die Stadt durch IS-Einheiten vollständig in Besitz genommen. Überraschung und Geschwindigkeit des IS-Vorstoßes sowie die geringe Kampfmoral der eingesetzten schiitisch-dominierten irakischen Sicherheitskräfte (ISF - Iraqi Security Forces) führten zum Zerfall und zur Auflösung der eingesetzten Polizei- und Armeeverbände. 10 000 Soldaten und Polizisten traten die Flucht an und überließen dem IS kampflos Kampf- und Gefechtsfahrzeuge (GKGF), Ausrüstung und Munition.

Die Millionenmetropole Mossul wurde die Hauptstadt des islamischen Gottesstaates im Irak und dessen bedeutendstes Machtzentrum. Der IS übernahm die vollständige Kontrolle über die Zivilbevölkerung, das öffentliche Leben und die Verwaltung. Nach weiteren Offensiven kontrollierte der IS bis Ende 2014 die nördliche Provinz Ninive und die zentralen Provinzen Salah ad-Din und al-Anbar.

Die Vorbereitungen zur Rückeroberung von Mossul

Die Mossul-Offensive 2016. (Grafik: Wikimandia, CC BY-SA 4.0)
Die Mossul-Offensive 2016. (Grafik: Wikimandia, CC BY-SA 4.0)

Eine noch Ende 2014 geplante zeitnahe Gegenoffensive durch die Iraqi Security Forces scheiterte. Es mangelte sowohl an verfügbaren kampfkräftigen Verbänden als auch an einer von der irakischen Zentralregierung und den USA gemeinsam getragenen operativen Handlungsoption. In Anbetracht der stetigen Machtausdehnung des IS entstand im Herbst 2014 eine regionale Anti-IS-Koalition, deren gemeinsames Ziel es war, den IS im Irak zu vernichten.

Innerhalb der Koalition wurden ISF-Verbände, kurdische Peschmerga sowie lokale schiitische Milizen fortan in ihrer Einsatzführung gegen den IS räumlich und zeitlich koordiniert. Zur Erhöhung der Kampfkraft und Durchsetzungsfähigkeit wurde die Anti-IS-Koalition von der US-geführten Combined Joint Task Force - Operation Inherent Resolve (CJTF-OIR) - unterstützt. Luft- und Artillerieunterstützung sowie Ausbildung und Ausrüstung der Kräfte wurden durch die CJTF übernommen. Entgegen der anfänglichen US-Pläne zur Rückeroberung von „Mosul first“ erfolgten 2015 vorgestaffelte Offensiven zur Rückeroberung der vom IS besetzten Provinzen al-Anbar, Salah ad-Din sowie kurdischer Gebiete im Nordosten des Landes.

Mit März 2016 waren die Voraussetzungen für die Rückeroberung der Provinz Ninive und der Stadt Mossul geschaffen. Bei der „Operation Fatah“ (Eroberung) rückte die Anti-IS-Koalition, aus Osten und Süden kommend, bis 30 km an Mossul heran. Der IS, auf der „inneren Linie“ kämpfend, nahm seine Kräfte sukzessive bis September 2016 in und um das Stadtgebiet von Mossul zurück. Die wichtige Landverbindung von Mossul über Tal-Afar in die IS-Rückzugsgebiete in Syrien wurde durch den IS als Versorgungsroute weiter offengehalten. Auch wenn der Vorstoß der Koalitionstruppen nicht verhindert werden konnte, so zeigten sich bereits die verbesserten Fähigkeiten des IS, lokale Gefechte im Sinne des Kampfes der verbundenen Waffen, auch unter Verwendung „behelfsmäßiger“ Mittel, führen zu können (siehe hierzu TD-Heft 04/2017, „Mit Feuer und Schwert - Taktiken des IS“).

Ansicht einer brennenden Ortschaft 30 km südlich von Mossul nach der Rückeroberung durch irakische Kräfte im November 2016. (Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)
Ansicht einer brennenden Ortschaft 30 km südlich von Mossul nach der Rückeroberung durch irakische Kräfte im November 2016. (Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)

Kampfzone Mossul

Konventionell geführte Gefechte im urbanen Raum beschränkten sich in der Vergangenheit vornehmlich auf Klein-, Mittel- und Großstädte. Mit einer Ausdehnung von 15 x 20 km und etwa 1,5 Millionen Einwohnern (vergleichbar mit Wien) stellte Mossul eine neue Dimension hinsichtlich der Größe und Dichte einer urbanen Kampfzone dar. 

Mossul ist die zentrale Drehscheibe im Nordirak. Alle wichtigen Landverbindungen des Nordiraks führen hier zusammen. Im Norden, Osten und Süden der Stadt schließen dutzende Vorstädte und -orte an, im Westen geht Mossul in eine wenig bis nicht besiedelte Wüstenlandschaft über. Gelände und Infrastruktur begünstigen die Annäherung von Verbänden an die Stadt aus Süden und Osten über die Ninive-Ebene. Die Struktur der Stadt ist segmentartig angeordnet. Die Hauptverbindungslinien laufen in der Innenstadt zentral zusammen. Markant ist die Nord-Süd-Teilung der Stadt durch den Tigris in ein ostwärtiges und westliches Stadtviertel, verbunden mit fünf Brücken. 

Die historische Altstadt besteht aus dicht aneinandergereihten drei- bis sechsstöckigen Häusern sowie engen und verwinkelten Straßenzügen und Gassen. Der Innenstadtbereich, der an die Altstadt anschließt, besteht aus schachbrettartig angelegten „Wohnblöcken“, die durch zweispurige Straßen getrennt werden. Die Wohnblöcke mit einer Ausdehnung von etwa 60 x 200 Metern bestehen aus aneinandergereihten zwei- bis vierstöckigen Häusern. Die ostwärtigen Stadtbereiche sind ähnlich der Innenstadt aufgebaut, jedoch weitläufiger und weniger dicht besiedelt als das westlich des Tigris gelegene Mossul. Die ostwärtigen Stadtrandbereiche weisen daher eine aufgelockerte Bebauung auf. Im Süden der Stadt schließen der Flughafen sowie eine weitläufige Militärbasis an den Innenstadtbereich an. 

Die Besonderheiten der Stadt Mossul als urbaner Kampfraum ergaben sich für den Angreifer durch 

  • die erforderliche Angriffstiefe,
  • die hohe Bebauungsdichte,
  • die Ausdehnung des Raumes sowie durch
  • die Vielzahl an wichtiger, zu kontrollierender Infrastruktur.

Erkenntnisse aus der Einsatzführung in Mossul lassen wichtige Rückschlüsse auf den Fähigkeitenbedarf für Verbände bei Einsätzen in Groß- und Millionenstädten zu.

Konfliktparteien

Kampfzone Mossul mit ihren Stadtvierteln. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)
Kampfzone Mossul mit ihren Stadtvierteln. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)

Islamischer Staat

Mit den Rückzugsgefechten 2015 und 2016 wurden schrittweise ca. 6 000 bis 8 000 IS-Kämpfer nach Mossul zurückgenommen bzw. dort konzentriert, um ihre letzte Hochburg zu verteidigen. Die IS-Kampfelemente verfügten dabei über einen hohen Kampfwert, welcher sich sowohl durch die Kampfmoral, die Einsatzerfahrung, die erworbenen Einsatztaktiken und -techniken als auch durch die umfassenden Verteidigungsvorbereitungen begründen ließ.

Die Aufbauorganisation des IS (vereinfacht dargestellt) basierte auf selbstständigen lokalen „IS-Zellen“, die zentral koordiniert und bei Bedarf stadtviertel- und nachbarschaftsübergreifend zum Zusammenwirken gebracht wurden. Jede Zelle bestand aus mehreren gruppen- und truppstarken Kampfelementen (in Summe etwa 20 bis 30 Kämpfer) mit Maschinengewehren, Panzerabwehr- und Handfeuerwaffen. Zusätzlich wurden spezialisierte Elemente wie Scharfschützentrupps, Feuerunterstützungstrupps und SVBIED (Suicide Vehicle Borne Improvised Explosive Devices) zur Verstärkung eingesetzt. In geräumten Gebieten wurden „Schläferelemente“ zurückgelassen, um den Kampf im Rücken der angreifenden irakischen Truppen mittels Selbstmordanschlägen sowie Feuerüberfällen aufzunehmen.

Durch den IS wurde die Verteidigung in Mossul im Gegensatz zu vorangegangen Schlachten (u. a. Fallujah) neu angelegt. Die Einsatzführung basierte auf vier Verteidigungsbereichen - dem ostwärtigen Vorstadtbereich, dem ostwärtigen und westlichen Stadtbereich sowie der historischen Altstadt. Wurde in Fallujah schwergewichtsmäßig der Stadtrand (statisch) verteidigt und die Tiefe nur mit schwachen Kräften besetzt, so war in Mossul aufgrund der Größe des Raumes das Verteidigungsdispositiv umgekehrt. 

Panzerattrappe des IS im Süden von Mossul im November 2016. (Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)
Panzerattrappe des IS im Süden von Mossul im November 2016. (Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)

Außerhalb der Stadt - in den ostwärtigen Vororten von Mossul - erfolgte eine „Hit & Run“-Taktik, um entlang der wichtigen Bewegungslinien zu verzögern und den Gegner abzunutzen. Die Einsatzführung erfolgte im Wesentlichen in und aus Ortschaften - unter anderem mit erbeuteter weitreichender Panzerabwehr sowie gepanzerten Kampf- und Geländefahrzeugen. Im inneren westlichen und ostwärtigen Stadtteil von Mossul wurden stadtviertelübergreifende Verteidigungsbereiche eingerichtet und eine bewegliche Verteidigung geführt.

Beginnend am „taktischen Stadtrand“ führte der IS den Kampf schwergewichtsmäßig aus einer tiefgestaffelten Anlage von Stützpunkten und Stellungen (ca. 3 km). Die Iraqi Security Forces sollten durch selbstständig eingesetzte IS-Zellen zum Stehen gebracht und in „Kill Boxes“ vernichtet werden. Um Gelände wieder in Besitz zu nehmen und starke Feindteile zu vernichten, wurden lokale Gegenangriffe, Gegenstöße und Feuerüberfälle (u. a. mit SVBIED) gegen die Flanke und den Rücken der ISF geführt. Das entscheidende Gelände - der symbolträchtige Altstadtbereich - wurde statisch verteidigt.

Zur Minderung des Angriffsschwunges sowie zur Erhöhung der ISF-Verluste setzte der IS auf folgende Punkte:

  • Nächste und nahe Kampfentfernungen (bis 300 m), um den Einsatz von Luftmitteln und Artillerie zu erschweren;
  • Verminung von aufzugebenden Räumen mit Improvised Explosive Devices (IED);
  • (Nächtliche) Infiltration durch IS-Kämpfer in den von ISF besetzten Nachbarschaften;
  • Einsatz von Unmanned Aerial Vehicles (UAV) als Waffenträgerplattformen zur permanenten Bewirkung der ISF im gesamten Raum (bis zu 70 UAV-Angriffe täglich);
  • Einsatz von Bausperren und Barrikaden sowie Konzentration von Feuer (Zielpunkte, IED und/oder Anfahrtsmöglichkeiten für SVBIED) in den Stauräumen;
  • Errichtung kilometerlanger Panzergräben an den Eingangsbereichen der Stadt. 

Um die Wirkung der stärksten Waffen der Koalitionstruppen - der Kampfflieger und der Artillerie - zu minimieren, wurden Stellungen und gedeckte Bewegungsmöglichkeiten errichtet und ausgebaut (Tunnels, Hausverbindungsgänge), die Zivilbevölkerung als Schutzschild im Raum belassen sowie Beobachtungseinschränkungen durch massive Rauchentwicklung (Entzündung von Öl) und durch Abdeckung von Straßenzügen herbeigeführt. Durch die Auslagerung von Versorgungspaketen erhöhten die IS-Kämpfer die Durchhaltefähigkeit und Selbstständigkeit in ihren Stellungen und reduzierten eigene Bewegungen während der Kampfhandlungen. Der Einsatz von „handelsüblichen“ UAV ermöglichte dem IS die Generierung eines aktuellen Lagebildes und damit die Anpassung der Einsatzführung an das Vorgehen der ISF.

Peschmerga erhalten am 12. Oktober 2016 bei Erbil Instruktionen für ein Manöver von einem Ausbilder des italienischen Heeres der Combined Joint Task Force. (Foto: Sergeant Lisa Soy, U.S. Army)
Peschmerga erhalten am 12. Oktober 2016 bei Erbil Instruktionen für ein Manöver von einem Ausbilder des italienischen Heeres der Combined Joint Task Force. (Foto: Sergeant Lisa Soy, U.S. Army)
Die Humvee der Peschmerga von der „Coalition of the Willing“ boten während der Angriffe auf den IS wenig Schutz. (Foto: Peschmerga, Kurdish Army)
Die Humvee der Peschmerga von der „Coalition of the Willing“ boten während der Angriffe auf den IS wenig Schutz. (Foto: Peschmerga, Kurdish Army)

Coalition of the Willing

Dem IS gegenüber stand eine äußerst heterogene „Coalition of the Willing“, geeint durch ein gemeinsames Ziel - die Vernichtung des IS im Irak. Die unter der Bezeichnung Anti-IS-Koalition zusammengefassten Kräfte bestanden aus irakischen Landstreitkräften (vor allem der 9. Panzerdivision, 15. und 16. Division), irakischen Polizeikräften (dem Counter Terrorist Service - CTS; der Emergency Response Division - ERD und der Federal Police - FP), der PMF (Popular Mobilization Front - als Dachverband für ca. 40 lokale Milizen) sowie aus den kurdischen Peschmerga.

In Summe wurden ca. 100 000 Soldaten und Kämpfer, bestehend zur Hälfte aus ISF und zur Hälfte aus Milizen, zum Einsatz gebracht. Die Ausrüstung der irakischen Landstreitkräfte, der Polizeieinheiten (CTS, ERD, FP) und Milizen bestand mit Masse aus US-amerikanischen Waffen, Gerät und Fahrzeugen. Als Hauptträger des urbanen Kampfes dienten kampfwertgesteigerte gepanzerte Humvees.

Waren aufgrund politischer Vorgaben die Peschmerga und die PMF nur außerhalb des Stadtgebietes im Einsatz, so waren CTS, ERD, FP und die irakischen Landstreitkräfte die Träger des Kampfes in Mossul. Das CTS und die ERD als Counter Terrorist-Verbände waren zwar für den Einsatz im urbanen Umfeld ausgebildet, jedoch nicht für den Umfang und die Intensität, die der IS in seiner konventionellen Einsatzführung an den Tag legte. Den irakischen infanteristischen und mechanisierten Verbänden fehlte es einerseits an der Fähigkeit, auf Bataillonsebene den Kampf der verbundenen Waffen zu führen sowie andererseits an der notwendigen Ausbildung für den Kampf im urbanen Umfeld.

Wappen der CJTF-OIR. (Grafik: U.S. Department of Defense)
Wappen der CJTF-OIR. (Grafik: U.S. Department of Defense)

Armeeverbände mussten nach den ersten Einsätzen auf den Straßen von Mossul in die Tiefe zurückgenommen werden. Kampf- und Schützenpanzer sowie Pionierkräfte konnten aufgrund der fehlenden gemeinsamen Ausbildung nur in geringem Ausmaß zur Unterstützung des CTS und der ERD eingesetzt werden. Die Bildung von selbstständig agierenden Bataillonskampfgruppen (BKG), durch die Mischung von Infanterie-, Panzer- und Pionierkräften, misslang.

Combined Joint Task Force

Die CJTF-OIR wurde im Oktober 2014 zur Koordinierung der Einsatzführung internationaler Streitkräfte im Irak und in Syrien ins Leben gerufen (“One Mission - Many Nations”). Unter Führung der US-Streitkräfte wurden Kräfte und Mittel von insgesamt 70 Nationen im Operationsraum Irak und Syrien zur Unterstützung der Anti-IS-Koalition und zur Wiederherstellung der Stabilität zum Einsatz gebracht. 

Die Einsatzaufgaben der CJTF waren die Kampfunterstützung (Luft- und Artillerieunterstützung), die Unterstützung in der Planung, Führung und Aufklärung sowie die Ausbildung und Ausstattung von Verbänden und Milizen. Trotz der verfügbaren Kampfunterstützung und einer Kräfteüberlegenheit der Anti-IS-Koalition von bis zu 12 zu 1 gelang es dem IS, mit einer kombinierten konventionellen und subkonventionellen Kampfweise, beinahe einen Abbruch des Einsatzes der Koalitionstruppen zu erzwingen.

Ein A-10 Thunderbolt der U.S. Air Force über dem Irak. (Foto: U.S. Air Force, gemeinfrei)
Ein A-10 Thunderbolt der U.S. Air Force über dem Irak. (Foto: U.S. Air Force, gemeinfrei)

Rückeroberung von Mossul

Die Schlacht um Mossul begann am 16. Oktober 2016 und endete nach neun Monaten am 9. Juli 2017. Die Einsatzführung lässt sich dabei in vier Phasen unterteilen. Diese sind Annäherung, Inbesitznahme von Ost-Mossul, West-Mossul und der Altstadt.

Phase 1: Annäherung

In der Phase Annäherung erfolgte der gleichzeitige Ansatz von selbstständigen Kampfverbänden der ISF und der Peschmergas über fünf Angriffsachsen aus Süden, Osten und Nordosten an den Stadtrand von Mossul. Im Rahmen der Angriffsführung wurden etwa 90 Städte und Dörfer im Nahbereich von Mossul in Besitz genommen. Den Kampf in der Tiefe suchend, wurden während der Annäherung aufgeklärte IS-Führungs- und Logistikeinrichtungen in Mossul durch Luft- und Artilleriemittel vernichtet. Die gleichzeitige Einsatzführung an mehreren Angriffsachsen und in der Tiefe verhinderte eine räumliche Schwergewichtsbildung des IS. Sowohl die in den Dörfern und Städten eingesetzten kampfkraftunterlegenen IS-Zellen als auch das panzergünstige offene Gelände ostwärts von Mossul ließen eine hohe Angriffsgeschwindigkeit zu. Die ostwärtigen Stadtausläufer konnten bis Ende Oktober 2016 genommen werden. 

Der IS verfolgte in dieser Phase einen hinhaltenden Kampf entlang der Bewegungslinien. In den Städten und Dörfern sowie an bewegungseinschränkenden Geländeteilen wurde der Kampf aus ausgebauten Stellungen und Hinterhalten aufgenommen. Zusätzlich erfolgte der Einsatz von SVBIED mit bis zu ca. zehn Anschlägen pro Tag. Durch die Intensivierung terroristischer Aktionen in den rückwärtigen Räumen im Zentralirak (u. a. in Bagdad) sowie in den Kurdengebieten (u. a. in Kirkuk, Erbil) wurden ISF und Peschmerga gebunden und ein Nachführen in den Raum Mossul verhindert. Mit dem Erkennen der Hauptangriffsrichtung der ISF erfolgten durch den IS weitere Verteidigungsvorbereitungen im Stadtgebiet; Waffen und Munition wurden aus Syrien nachgeführt und die Zivilbevölkerung am Verlassen der Kampfzone gehindert.

Phase 1: Annäherung an das Stadtgebiet von Mossul - Darstellung der Angriffsachsen. (Grafik: Bundesheer/Rizzardi)
Phase 1: Annäherung an das Stadtgebiet von Mossul - Darstellung der Angriffsachsen. (Grafik: Bundesheer/Rizzardi)
Phase 2: Einbruch und Inbesitznahme von Ost-Mossul durch die ISF mit Unterstützung durch die CJTF-OIR. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)
Phase 2: Einbruch und Inbesitznahme von Ost-Mossul durch die ISF mit Unterstützung durch die CJTF-OIR. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)

Phase 2: Einbruch und Inbesitznahme

Mit 1. November 2016 begannen die ISF mit dem Einbruch in den Stadtbereich und der Inbesitznahme der ostwärtigen Stadtviertel von Mossul. Die Einsatzführung im Großen erfolgte an vier Ost-West verlaufenden Angriffsachsen. In den folgenden drei Monaten wurde entlang der acht bis neun Kilometer langen Angriffsachsen ein intensiver infanteristischer „Haus-für-Haus“-Kampf bis an den Tigris geführt. Um den ständigen Ausgleich der Kampfkraft des IS aus West- nach Ost-Mossul zu unterbinden, zerstörten im Dezember Luftangriffe die letzten Brücken über den Tigris, wodurch die verbliebenen IS-Zellen im Osten isoliert wurden.

Die aufgeklärte IS-Hauptversorgungsbasis in Ost-Mossul im Areal der Universität sowie die zahlreichen Bomben- und UAV-Fabriken wurden durch Luftschläge zerstört. Die nachhaltige Wirkung dieser Maßnahmen ermöglichte es Ende Dezember 2016, den IS-Widerstand im Verteidigungsraum Ost-Mossul zu brechen und bis Mitte Jänner 2017 an den Tigris vorzustoßen. Trotz des Verlustes von Ost-Mossul wurde die Stadt durch den IS nicht aufgegeben und der Rückzug über die noch offene Landverbindung nach Syrien angetreten.

Eine US-Artillerieeinheit unterstützt den Angriff der irakischen Armee auf Mossul gegen den IS während der Phase II der Rückeroberungsoffensive. (Foto: CJTF-OIR)
Eine US-Artillerieeinheit unterstützt den Angriff der irakischen Armee auf Mossul gegen den IS während der Phase II der Rückeroberungsoffensive. (Foto: CJTF-OIR)

Als Angriffsspitzen der ISF in dieser Phase wurden mit Masse Bataillone des CTS und der ERD eingesetzt, die als einzige für die Angriffsführung im urbanen Umfeld qualifiziert waren. Die Ausbildung infanteristischer und mechanisierter Verbände der irakischen Streitkräfte war für die Einsatzführung gegen einen konventionell agierenden Gegner im urbanen Umfeld, der eine bewegliche Verteidigung führt, unzureichend. Hohe Verlustzahlen führten rasch zu einer Rücknahme dieser Verbände und deren Einsatz im eigenen rückwärtigen Raum.

Ein schnelles Zerschlagen des Verteidigungsdispositivs und das Erzwingen der Rücknahme von IS-Kräften nach West-Mossul misslangen. Die Angriffsführung auf wichtige Objekte in der Tiefe des Gegners war aufgrund der eingeschränkten Durchsetzungs- und Durchhaltefähigkeit der Verbände nicht möglich. CTS und ERD setzten als Hauptwaffensystem kampfwertgesteigerte Humvees ein, die unzureichenden Schutz, Mobilität und Feuerkraft für diese Intensität der Kampfführung aufwiesen. Daraus resultierte ein zeit- und verlustintensives infanteristisches Vorgehen und Freikämpfen Haus um Haus und Wohnblock um Wohnblock. Die Ausfälle erreichten bei CTS- und ERD-Einheiten bis zu 40 Prozent. Zur Vermeidung höherer Verluste und zum Ausgleich fehlender Durchsetzungsfähigkeit der CTS-/ERD-Verbände musste die Luft- und Artillerieunterstützung durch die CJTF intensiviert werden. Nur dadurch konnte der Angriffsschwung erhalten und der im Raum stehende Abbruch des Einsatzes verhindert werden.

Die notwendige intensive Nutzung der Kampfunterstützung führte unweigerlich zu massiven Kollateralschäden - die Opferzahlen in der Zivilbevölkerung und die Zerstörung von Infrastruktur nahmen stark zu. Der als unverhältnismäßig angesehene Einsatz der Kampfunterstützung brachte der irakischen Zentralregierung sowie der CJTF öffentliche Kritik ein, die fortan als wichtiger Ansatzpunkt der IS-Propaganda genutzt wurde.

Phase 3: Inbesitznahme von West-Mossul. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)
Phase 3: Inbesitznahme von West-Mossul. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)
Phase 4: Inbesitznahme der Altstadt. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)
Phase 4: Inbesitznahme der Altstadt. (Grafik: Rizzardi, Hintergrund: Maximilian Dörrbecker (Chumwa), CC BY-SA 3.0)

Phase 3: Inbesitznahme von West-Mossul

Nach der Inbesitznahme von Ost-Mossul erfolgte mit Ende Jänner 2017 der Übergang in eine dreiwöchige Konsolidierungsphase zur Reorganisation und zur Vorbereitung der Inbesitznahme von West-Mossul. Mit dem Übersetzen des Tigris südlich von Mossul wurde Mitte Februar der Einsatz zunächst an zwei allgemeinen Süd-Nord verlaufenden Angriffsachsen fortgeführt. An der Angriffsachse westlich des Tigris wurden der Flughafen sowie eine Militärbasis am südlichen Stadtrand von Mossul in Besitz genommen.

Gleichzeitig erfolgte an der zweiten Angriffsachse durch die 9. Panzerdivision im Zusammenwirken mit lokalen Milizen ein von Süden nach Norden vorgetragener Angriff außerhalb des Stadtbereiches zur Inbesitznahme sämtlicher Stadteingänge im Westen und Nordwesten. Im März gelang es der Koalition, die Stadt vollständig zu isolieren und die verbliebenen IS-Kämpfer einzuschließen. In den folgenden Wochen bis Juni wurden abschnittsweise das Verwaltungsviertel (nördlich des Flughafens) und in weiterer Folge, in einer Zangenbewegung aus Süden und Norden gleichzeitig, die verbliebenen Stadtviertel in West-Mossul in Besitz genommen. Der dicht bebaute Altstadtbereich wurde vorerst ausgespart.

Die Kampfweise des IS in West-Mossul war identisch mit jener in Ost-Mossul. Durch die höhere Bebauungsdichte, die damit einhergehende begünstigte Nutzung des Raumes durch den Verteidiger sowie die fehlenden noch verbliebenen Rückzugsmöglichkeiten für IS-Zellen, stieg die Intensität des Widerstandes. Nur eine weitere Zunahme der Luft- und Artillerieunterstützung unter Inkaufnahme von massiven Kollateralschäden ermöglichte den Angriffserfolg.

Phase 4: Inbesitznahme der Altstadt

Die letzte Phase der Einsatzführung, die Inbesitznahme der historischen Altstadt (ca. 2 x 2 km), begann Mitte Juni 2017. Die hohe Bebauungsdichte, enge Straßen und Gassen sowie die verbliebenen ca. 300 bis 400 IS-Kämpfer in einer statischen Verteidigung erzwangen eine abgesessene Einsatzführung ohne direkte Feuerunterstützung durch GKGF. Häuser, die als Stützpunkte ausgebaut waren, konnten nur durch intensive Luft- und Artillerieunterstützung eingenommen werden. 

Am 9. Juli 2017 wurde die vollständige Befreiung von Mossul auf den Trümmern der Stadt verkündet. Vor allem West-Mossul war stark in Mitleidenschaft gezogen worden, der Altstadtbereich wurde dabei fast vollständig zerstört. Der militärische Sieg musste letztlich teuer erkämpft werden. Schätzungsweise 6 000 IS-Kämpfer, 1 000 ISF-Angehörige sowie 7 000 Zivilisten wurden getötet, weitere 6 000 ISF und 20 000 Zivilisten waren verwundet. 800 000 Zivilisten mussten aus der Stadt fliehen. Mehr als 10 000 Häuser und Objekte wurden zerstört bzw. schwer beschädigt (die angeführten Zahlen basieren auf groben Schätzungen und variieren stark, je nach Quelle).

Angriff der 9. Panzerdivision auf die IS-Verteidigung in der westlichen Ecke von Mossul im März 2017, unterstützt von CJTF-OIR. (Foto: Staff Sgt. Jason Hull, U.S. Army)
Angriff der 9. Panzerdivision auf die IS-Verteidigung in der westlichen Ecke von Mossul im März 2017, unterstützt von CJTF-OIR. (Foto: Staff Sgt. Jason Hull, U.S. Army)

Taktische Analyse der Einsatzführung der ISF

Für die ISF bedurfte es größter Kraftanstrengungen und vor allem der Unterstützung durch die CJTF zur Rückeroberung der Stadt. Der IS, als hybrider Gegner, konnte eine subkonventionelle und konventionelle Kampfweise, abgestimmt auf sein Gegenüber und den urbanen Raum, zur Anwendung bringen, die den Spezialeinsatzverbänden des CTS/ERD gravierende Probleme im Angriff bereitete.

Der Angriff der ISF wurde im Allgemeinen mit zwei „Staffeln“ geführt. Die 1. Staf­­fel, aus für den Ortskampf ausgebildeten CTS-/ERD-Verbänden, erzielte den lokalen Einbruch und zerschlug das bestehende IS-Verteidigungsdispositiv. Die 2. Staffel, mit den unzureichend ausgebildeten Verbänden der irakischen Landstreitkräfte und der FP, hatte schwergewichtsmäßig den Auftrag, versprengte Feindelemente zu vernichten und die Kontrolle des (rückwärtigen) Raumes herzustellen und zu halten. Der Einsatz gegen einen konventionell agierenden Gegner hätte in der 1. Staffel Kräfte verlangt, die über durchsetzungsfähige Wirkmittel, geschützten Transport und Schutz verfügen und denen damit der selbstständige Kampf der verbundenen Waffen ermöglicht werden konnte. Den Verbänden des CTS/ERD mit ihrem Hauptwaffensystem Humvee fehlte es jedoch an Mobilität, Schutz und Feuerkraft, die nur durch gepanzerte Kräfte hätten bereitgestellt werden können. Die gemischt verstärkte Bataillonskampfgruppe war das Kernelement der Einsatzführung im urbanen Umfeld.

Die Kampfkraft des Gegners sowie die Komplexität und Dynamik im Raum erforderten besondere nachstehende Fähigkeiten zur Angriffsführung im urbanen Umfeld:

  • UAV-Aufklärungssysteme zur Generierung eines aktuellen Lagebildes für die Ebene Kompanie und Bataillon;
  • Einsatz von Kampf- und Schützenpanzern zur unmittelbaren Feuerunterstützung sowie als stoßkräftiges Element zur tiefen Angriffsführung für die Inbesitznahme wichtiger Infrastruktur und/oder zum Zerschlagen von Feindgruppierungen;
  • Scharfschützen als unmittelbares Feuerunterstützungselement und zur Bekämpfung gegnerischer Scharfschützen;
  • Beobachtungs- und Feuerleittrupps für teilstreitkräfteübergreifende Feueranforderung und -leitung auf Ebene Kompanie; 
  • Pionierkräfte sowohl zur Überwindung von Hindernissen, Errichtung von alternativen Bewegungslinien für mechanisierte und infanteristische Kräfte als auch für die unmittelbare Geländeverstärkung nach Inbesitznahme von Gelände und Infrastruktur;
  • Geschützte und mobile Logistik-, Sanitäts- und Führungsunterstützungselemente;
  • Mittel der Drohnenabwehr zur Verhinderung von gegnerischer letaler Wirkung und Aufklärung bis in den rückwärtigen Raum.

 Neben der Bereitstellung der Kräfte und Mittel bedarf es der gemeinsamen Ausbildung und Übung des Kampfes im urbanen Umfeld. Techniken, Verfahren und Abläufe des Zusammenwirkens auf gefechtstechnischer und taktischer Ebene müssen abgestimmt und eingeübt werden.

Angehörige der 9. Irakischen Division bekämpfen mit überschwerem Maschinengewehr IS-Kämpfer in Al Tarab während der Rückeroberung von West-Mossul. (Foto: Staff Sgt. Jason Hull, U.S. Department of Defense)
Angehörige der 9. Irakischen Division bekämpfen mit überschwerem Maschinengewehr IS-Kämpfer in Al Tarab während der Rückeroberung von West-Mossul. (Foto: Staff Sgt. Jason Hull, U.S. Department of Defense)
Irakische Spezialeinheiten erobern das Stadtzentrum von Mossul zurück. (Foto: Tasnim News, CC BY-SA 4.0)
Irakische Spezialeinheiten erobern das Stadtzentrum von Mossul zurück. (Foto: Tasnim News, CC BY-SA 4.0)
US-Soldaten der Emergency Response Division in Mossul. (Foto: U.S. Army, gemeinfrei)
US-Soldaten der Emergency Response Division in Mossul. (Foto: U.S. Army, gemeinfrei)

Die Auftragstaktik gewinnt vor allem im komplexen, sich ständig ändernden urbanen Umfeld maßgeblich an Bedeutung. Kleine Verbände müssen entlang eigenständiger, links und rechts offener Angriffsachsen zum Einsatz gebracht werden können. Dabei sind diese mit möglichst großer Handlungsfreiheit in ihrer Auftragsdurchführung auszustatten, um sich an die rasch ändernden lokalen Gegebenheiten anzupassen und erkannte Möglichkeiten nutzen zu können. 

Neben der Fähigkeit, den Kampf der verbundenen Waffen auf der Ebene des kleinen Verbandes zu beherrschen, zeigen sich weitere Besonderheiten in der Einsatzführung:

  • Isolierung des Raumes: Vor der Angriffsführung in den urbanen Raum ist dieser zu isolieren (dies gilt im Großen für die Stadt sowie im Kleinen für das Stadtviertel, die Nachbarschaften etc.). Im Sinne eines „Trennens und Schlagens“ ist das Nachführen von gegnerischen Kräften in den anzugreifenden Raum mit Priorität zu unterbinden und in weiterer Folge der isolierte Gegner anzugreifen. 
  • Lücken im Verteidigungsdispositiv: Der Verteidiger besitzt vor allem in Groß- und Millionenstädten in den wenigsten Fällen die Kampfkraft, um den gesamten Raum abzudecken. Lücken und Schwachstellen können vor allem durch Drohnenaufklärung erkannt und ausgenutzt werden, um die Angriffsführung in die Flanke und in den Rücken des Verteidigers zu führen. 
  • Herausmanövrieren aus vorbereiteten Stellungen: Die tiefe Angriffsführung in den Rücken des Gegners auf wichtiges Gelände und Infrastruktur erzwingt die Rücknahme gegnerischer Elemente und die Aufgabe des Geländevorteiles. Die Voraussetzungen dafür sind durchsetzungs- und durchhaltefähige Verbände.
  • Aufbereitung des urbanen Umfeldes: Die Komplexität des Raumes erfordert eine detaillierte und zeitintensive Aufbereitung des Geländes, der Infrastruktur, der Lage der Zivilbevölkerung und des Konfliktgegners. Das eigene Handeln ist jedenfalls auf strategische Implikationen zu prüfen (z. B. Kollateralschäden).
  • Hintanhalten von Kollateralschäden: Während die Kampfunterstützung eigene Verluste hintanhalten lässt, steigt dadurch die Zahl der Kollateralschäden drastisch. Der Kampf gegen ausgebaute Stützpunkte ohne Kampfunterstützung kann nur durch eine Erhöhung von Schutz, Mobilität und Feuerkraft (direkte Feuerunterstützung) sowie durch einen Mehrbedarf an Zeit für die Angriffsführung ausgeglichen werden. 
  • Einsatzunterstützung: Aufgrund der Bedrohung im rückwärtigen Raum ist von der „Bringversorgung“ abzugehen und auf die „Holversorgung“ umzusteigen.
  • Zivilbevölkerung: Bevor Kampfhandlungen aufgenommen werden, muss durch Informationsmaßnahmen, Evakuierung sowie vorgestaffeltes angriffsweises Öffnen des Raumes das Ausfließen von Zivilisten aus dem Kampfgebiet ermöglicht werden.

Taktische Lehren für die Einsatzführung

Die 1170 errichtete an-Nuri Moschee im Westen Mossuls wurde im Zuge der Schlacht um Mossul am 21. Juni 2017 weitgehend zerstört. (Foto: Faisal Jeber (FJ), CC BY-SA 4.0)
Die 1170 errichtete an-Nuri Moschee im Westen Mossuls wurde im Zuge der Schlacht um Mossul am 21. Juni 2017 weitgehend zerstört. (Foto: Faisal Jeber (FJ), CC BY-SA 4.0)

Der Einsatz gegen einen konventionell und subkonventionell agierenden (hybriden) Gegner im urbanen Umfeld erfordert durchsetzungsfähige Kräfte, die über Feuerkraft, geschützten Transport sowie Schutz verfügen, den Kampf der verbundenen Waffen beherrschen und für den Einsatz im urbanen Raum ausgebildet sind. Der Einsatz infanteristischer Kräfte ohne mechanisierte und pioniertechnische Unterstützung wird in Gefechten mit hoher Intensität unweigerlich (wie in vielen Gefechtsbeispielen ersichtlich) zur vermehrten Nutzung von Luft- und Artillerieunterstützung führen. Die Minimierung von Kollateralschäden und eigenen Verlusten kann nur durch die Erhöhung der Kampfkraft und des Kampfwertes des Verbandes erfolgen.

Durch die Kampftruppe sind insbesondere folgende Fähigkeiten im urbanen Kampf gefordert:

  • Bildung von infanteristischen Bataillons- und Kompaniekampfgruppen vor allem durch die Integration von Panzer-, Aufklärungs- und Pionierkräften;
  • Planung und Führung teilstreitkräfteübergreifender Feuerunterstützung auf Ebene Bataillon und Kompanie;
  • überwinden von Sperren und Hindernissen im Bataillons- und Kompanierahmen;
  • tief vorgetragene selbstständige Angriffsführung zum Zerschlagen eines feindlichen Verteidigungsdispositivs, zur Vernichtung von Hochwertzielen sowie zur Isolierung eines Raumes; 
  • bei der Einsatzführung sind Rücken und Flanken durch einen Verband selbstständig zu schützen;
  • halten von wichtigem Gelände oder Infrastruktur und Abwehr von Gegenangriffen;
  • errichten von behelfsmäßigen Geländeverstärkungen zur Unterstützung beim Halten des genommenen/gewonnenen Geländes;
  • ein rascher sich wiederholender Wechsel von Angriff und Verteidigung der BKG;
  • Kontrolle und Schutz eines urbanen Raumes nach Inbesitznahme.

Fazit

Die Bedeutung von (Millionen)städten als Kampfgebiet wird weiter zunehmen. Militärische Kräfte sind damit konfrontiert, in diesem komplexen Umfeld vermehrt Einsätze zu führen. Die Gefechte u. a. in Grosny, Aleppo und nunmehr Mossul sind Beispiele, die die Notwendigkeit von „spezialisierten“ Truppen im urbanen Umfeld zeigen. Unzureichende Fähigkeiten eingesetzter Truppen (als Summe von Ausbildung, Übung und Gerät) müssen unweigerlich durch den Einsatz von Luft- und Artillerieunterstützung kompensiert werden. Die Befreiung von Mossul hinterließ letzten Endes eine zerstörte und großteils für Jahre unbewohnbare Stadt. Der Wiederaufbau geht schleppend voran. Das ist eine gefährliche Mischung für das Erstarken neuer radikaler Kräfte in einer aus sicherheitspolitischer Sicht fragilen Region. 

Oberstleutnant dG Mag.(FH) Mag. Jürgen Scherl; Hauptlehroffizier und Leiter (mdFb) Referat Taktik im Institut für höhere militärische Führung an der Landesverteidigungsakademie (LVAk). Hauptmann Mag.(FH) Claus-Dieter Glavanovits; derzeit Lehrgangsteilnehmer am 21. Generalstabslehrgang an der LVAk.

 

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