• Veröffentlichungsdatum: 07.05.2018

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National Army Museum

Uwe Schwinghammer

(Foto: Uwe Schwinghammer)

Nach sieben Jahren Planung und Bauzeit wurde das National Army Museum in London, das sich der Geschichte der britischen Armee widmet, im Frühjahr 2017 neu eröffnet. Der Umgestaltung fielen die Ernsthaftigkeit und die Wissensvermittlung jedoch weitgehend zum Opfer.

London hat drei große Militärmuseen: das Imperial War Museum, das sich mit den beiden Weltkriegen beschäftigt, das Royal Airforce Museum zur Darstellung der Luftwaffe sowie das National Army Museum, das sich der Geschichte der britischen Armee widmet und diese über die Jahrhunderte hinweg darstellt. Ein viertes, das Artillerie-Museum „Firepower“, musste inzwischen wegen Unrentabilität geschlossen werden. Das Imperial War Museum, das Royal Airforce Museum und das Museum „Firepower“ wurden in der TRUPPENDIENST-Museumsreihe bereits besprochen. Warum das National Army Museum noch fehlt, ist einfach erklärt: Es war während der vergangenen vier Jahre wegen Umbaues geschlossen. Am 16. März 2017 wurde es schließlich durch Königin Elizabeth II.und Prinz Philip wiedereröffnet. Der Queen fiel diese Ehre bereits das dritte Mal zu. Sie hatte 1960 das Ur-Museum an der Militärakademie Sandhurst und 1971 das erste National Army Museum auf dem aktuellen Standort seiner Bestimmung übergeben.

Rundgang durch das Museum

Architektonisch ist der Umbau gelungen. Was früher eine Art Bunker war, wurde nun aufgebrochen: Eine große Glasfront ermöglicht von außen einen Blick in das Museum. Der Eingangsbereich ist hell und freundlich gestaltet, ebenso der Shop und das Restaurant. Da aber die bauliche Qualität eines Museums noch wenig über dessen inhaltliche Qualität aussagt, folgt ein Rundgang, der im Keller beginnt.

Innensicht

Die „Desert Rat"-Skulptur, die aus jeder Galerie des Museums betrachtet werden kann. (Foto: Uwe Schwinghammer)

 „Insight“ nennt sich dieser Teil des National Army Museums. Er behandelt das Verhältnis von England bzw. später Großbritannien zu seinen Feinden, die später oft zu Freunden wurden. Die Palette reicht von Deutschland, das Großbritannien in zwei Weltkriegen gegenüberstand und nach 1945 zum Freund und NATO-Partner wurde, bis zu Schottland, das sich bis ins 18. Jahrhundert wehrte, ein Teil des Vereinigten Königreiches zu werden und aktuell erneut Abspaltungstendenzen zeigt.

Weitere Länder, mit denen sich „Insight“ beschäftigt, sind Indien und einige afrikanische Staaten. Die ausgewählten Objekte sind stimmig und werden durch Touchscreens ergänzt, auf denen man weitere Informationen zum betreffenden Thema abrufen kann. Ebenfalls im Keller beheimatet ist das „Templer Study Centre“ mit 55 000 Büchern, 100 000 Dokumenten und 10 000 Fotos sowie ein Seminarraum. Hier steht die moderne Skulptur einer „Desert Rat“ - einer Wüstenratte, dem Zeichen der 7. Britischen Panzerdivision, deren Traditionsträger die 7. Gepanzerte Brigade ist. Da ein Teil des Raumes bis in den zweiten Stock offen ist, kann man die Wüstenratte von jeder Galerie aus betrachten.

Soldat

Im Parterre befinden sich der Eingang, der Shop und der Ausstellungsteil „Soldier“. Dort wird das Leben von Soldaten und für spätere Zeiten auch jenes einer Soldatin dargestellt. Behandelt werden Aspekte wie Rekrutierung, Ausbildung, Ausrüstung, Bestrafung, Verpflegung, Einsatz, Verwundung, Tod, Heimkehr und Ausscheiden aus der Armee. Hier beginnt es verwirrend zu werden. So sind bei jedem Thema die Jahrhunderte bunt gemischt, und es gibt keinen chronologischen Ablauf. Beispielsweise ist die Ausrüstung eines aktuellen britischen Infanteristen neben der eines Soldaten aus napoleonischen Zeiten oder aus dem Krimkrieg dargestellt. Schwere hölzerne Schreibtische und Reisetruhen stehen neben modernen Feldbetten, modernes medizinisches Equipment steht neben einfachen Bohrern und Knochensägen. Dazu kommt, dass die Ausstellungsstücke nur oberflächlich beschrieben sind. Wer es gerne genauer hat, muss stets irgendwelche Touchscreens bemühen. Doch auch dort bekommt man selten Informationen, die in die Tiefe gehen.

Soldaten der 9th Australian Division, Teil der 8. britischen Armee, die in Nordafrika gegen die Achsenmächten im Zweiten Weltkrieg kämpften. Die 8. britische Armee hatte den Spitznamen "Desert Rats". (Foto: James Francis Hurley)
Soldaten der 9th Australian Division, Teil der 8. britischen Armee, die in Nordafrika gegen die Achsenmächten im Zweiten Weltkrieg kämpften. Die 8. britische Armee hatte den Spitznamen "Desert Rats". (Foto: James Francis Hurley)

Armee

Ähnlich verwirrend gestaltet ist der Bereich „Army“ im ersten Stock. Dieser soll die Entwicklung der britischen Armee als Organisation hinsichtlich Masse, ethnischer und sozialer Zusammensetzung, Dienstgrade, Einheiten und Untereinheiten etc. über die Jahrhunderte hinweg zeigen. Auch hier herrscht eine bunte Mischung von Uniformen aus allen Epochen in ein und derselben Vitrine.

Interessant sind hingegen die verschiedenen Diagramme und Organigramme, die die ständige Veränderung dieser Armee zeigen. Die British Army wird hier gewissermaßen als „lebendiges Wesen“ betrachtet. Auf derselben Etage befindet sich eine Fläche für Sonderausstellungen, die bei der Besichtigung mit dem Thema „Kriegsmalerei“ bespielt wurde. Die Fläche ist geräumig und könnte in Zukunft einiges auffangen, was in der Dauerausstellung fehlt.

Gesellschaft und Schlacht

Im zweiten Stock werden die Themen „Society“ und „Battle“ behandelt. „Battle“ soll durch die Kämpfe der britischen Armee in den vergangenen knapp vier Jahrhunderten führen und beginnt mit der Gründung der „New Model Army“ durch Oliver Cromwell im Jahr 1645. Dieser Bereich ist in die Abschnitte „Zeitalter von Pferd und Muskete“ (1640er- bis 1840er-Jahre), „Zeitalter des Schnellfeuers“ (1840er- bis 1900er-Jahre), „Totaler Krieg“ (1914 bis 1945) und „Moderne Kriegführung“ (1945 bis heute) unterteilt.

Früher war praktisch das ganze National Army Museum chronologisch nach diesem System aufgebaut. Subthemen wie Rekrutierung, Mobilmachung oder Leben im Felde, die jetzt ausgelagert sind, waren geschickt in die alte Ausstellung eingestreut. Hier ist der Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Museum besonders evident und fällt deutlich zu Ungunsten der Neuaufstellung aus.

Die Welt der Soldaten wird den Besuchern näher gebracht. (Foto: Uwe Schwinghammer)
Erinnerung an die Flandernschlachten des Ersten Weltkrieges. (Foto: Uwe Schwinghammer)

Wo früher die plastische Darstellung von Ereignissen durch lebensgroße Figurinen, Geländeteile und Dioramen in verschiedenen Maßstäben überzeugte, fühlt man sich aktuell eher als Besucher einer Ausstellung für moderne Kunst, als in einem Militärmuseum, etwa, wenn verschiedene Waffen aus dem 20. Jahrhundert in einer Vitrine an Nylonfäden von der Decke hängen. In diesem Teil des neu gestalteten Museums gibt es zwar eine durchgehende Chronologie, die Ereignisse selbst werden aber nur gestreift.

Viele Konflikte, selbst die Weltkriege, wurden auf einige wenige Vitrinen zusammengeschrumpft, politische Hintergründe werden kaum geliefert. Gleichzeitig wurde die Anzahl an praktisch unkommentierten Ausstellungsstücken stark erhöht. Auch hier gilt: Wer tiefer in eine Materie eindringen will, muss sich interaktiv betätigen, darf sich davon aber nicht allzu viel erwarten. Überdies ist es mühsam, sich auf dem Bildschirm „durchzuwischen“ bis man die gewünschte Information gefunden hat.

Ein Lichtblick ist das gewaltige Diorama, das die Schlacht von Waterloo zwischen Napoleon und Wellington im Juni 1815 darstellt und erneut aufgestellt wurde. Dafür fehlen zahlreiche andere Dioramen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, die dem Besucher früher in kleinem Maßstab den Einblick in die Kriegführung der damaligen Zeit gegeben hatten. Ebenfalls verschwunden ist das meiste Großgerät bzw. wurde es in anderen Themenabschnitten aufgestellt, wo es nicht hinzupassen scheint. Stattdessen steht im Raum, der die Weltkriege behandelt, eine aufgeschnittene Panzerattrappe aus Plastik, die am ehesten einem Churchill-Panzer ähnelt. Diese kann man begehen und die Kanonen und Maschinengewehre wie in einem Videospiel betätigen. Mit einem ernsthaften Museum, das Wissen vermitteln soll, hat das jedoch nur wenig zu tun.

Gesellschaft

(Foto: Uwe Schwinghammer)

Schließlich fehlt noch der Abschnitt „Society“. Dieser soll darstellen, wie Armee und Zivilgesellschaft einander beeinflussen, wie sie sich gegenseitig wahrnehmen, oder wie militärische Traditionen im Kalender der Briten verankert sind. Gezeigt werden hier unter anderem die Einflüsse des Militärs auf die Mode (Tarnmuster, Parka, Stiefel) oder die Rezeption der Armee in den Medien, im Kino sowie auf Plakaten.

Hier wird die Verquickung von Militär, Tradition und Königshaus dargestellt: das „Trouping the Colours“ zum Geburtstag der Queen, die Salutschüsse zu den Geburtstagen des Herrscherpaares oder das Totengedenken am Armistice Day (der an den 11. November 1918 erinnert, ab dem die Waffen an der Westfront schwiegen) sowie das Anstecken von „Poppies“ (Mohnblumen, die auf den Feldern von Flandern wuchsen, ehe diese zum Schlachtfeld wurden) im Vorfeld dieses Gedenktages.

Dieser Abschnitt zeigt ebenfalls, wie die im Ausland als Helden gefeierten Soldaten (Falkland, Irak, Afghanistan etc.) im Inland von Teilen der Bevölkerung zu „verachteten Uniformträgern“ wurden, beispielsweise in Nordirland. Doch so gut die Idee dieses Überthemas auch sein mag, so schlecht ist dessen Ausführung. Die Darstellungsform ist hypermodern und erschlägt den Besucher förmlich aufgrund der enormen Anzahl an Ausstellungsstücken. Überhaupt ist das gesamte Museum mit Exponaten überfrachtet. Laut Aussagen von Generaldirektorin Janice Murray, die im Oktober 2017 nach der Neueröffnung in Pension ging, werden aktuell 2 500 Ausstellungsstücke gezeigt. Das ist um ein Drittel mehr als im alten Museum. Und diese Exponate sind - wie bereits erwähnt - entweder unkommentiert oder nur rudimentär beschrieben.

In den Vitrinen des Museums werden Exponate unterschiedlicher Epochen gezeigt. (Foto: Uwe Schwinghammer)
Eine Konstante des Museums ist die Darstellung der Wechselwirkung zwischen Militär und Gesellschaft. (Foto: Uwe Schwinghammer)

Museumsshop

Das Bild des neuen National Army Museum setzt sich im Shop fort. Musste man früher ausreichend Geld oder eine Kreditkarte in der Tasche haben, da es eine Fülle interessanter und seltener Literatur, Abzeichen oder Bilder zu kaufen gab, besteht das Sortiment heute zum größten Teil aus Kinderspielzeug. Das ist aber durchaus stimmig, tummeln sich doch an Schlechtwettertagen hauptsächlich Eltern mit ihren Kindern im Museum.

Fazit

Die Neuaufstellung wird wohl keine „Profis“ oder autodidaktische Laien mehr in das National Army Museum locken. Sie werden dort auch wenig bis nichts finden, was ihnen einen Erkenntnisgewinn bringen könnte. Höheren Ansprüchen genügt nur noch die Abteilung „Insight“. Empfehlen kann man allerdings einige Veranstaltungen des Museums, etwa die frei zugänglichen „Lunch Talks“, die jeden Freitag um 1130 Uhr beginnen. Dabei kommen Militärexperten zu Wort und stellen sich dabei den Fragen der Besucher. Jeden letzten Mittwoch im Monat trifft sich um 1830 Uhr der Buch-Club, um sich über die neueste Literatur zur historischen und aktuellen Themen der britischen Armee auszutauschen. Auch diese Veranstaltung ist kostenlos. Geboten wird schließlich ein umfangreiches Eltern-Kinder-Programm. Dieses reicht vom Detektivspiel im Archiv bis zum Bau eines Aufklärungsfahrzeuges auf Gummiketten - einem Kinder-Hägglunds quasi.

Mag. Uwe Schwinghammer ist freier Journalist in Innsbruck.

 

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