• Veröffentlichungsdatum: 31.05.2017

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  • 3390 Wörter

Messen, wo andere nicht mehr können

Gerald Bauer

(Foto: KdoABCAbw&ABCABwS)
(Foto: KdoABCAbw&ABCABwS)

Die ABC- und Umweltmessstelle ist ein relativ junges und einzigartiges Element im Österreichischen Bundesheer. Diese schließt die Lücke in den Fähigkeiten der ABC-Abwehrtruppe. Im Anlassfall können fast alle gefährlichen Stoffe detektiert und identifiziert werden.

Gliederung und historische Entwicklung

Die ABC- und Umweltmessstelle (ABC&UmwMessSt) wurde 1997 ins Leben gerufen und besteht strukturell seit 2010 in ihrer heutigen Form. Sie gliedert sich in einen Kommandanten und ABCAbwehroffizier, drei Experten (Physiker, Chemiker, Veterinär), drei technische Assistenten (teAss), drei Laborunteroffiziere (LabUO) und einen Sanitätsunteroffizier. Die ABC&UmwMessSt ist dem Kommando ABC-Abwehr und ABC-Abwehrschule (KdoABCAbw&ABCAbwS) zugeordnet und stellt nach dem Force Provider-System ihre einzigartigen Spezialfähigkeiten modular zur Verfügung.

Aufgaben

Die Aufgabengebiete der ABC&UmwMessSt (im Mitarbeiterbereich häufig als UMST abgekürzt) sind vielfältig und umfassen das komplette Spektrum der ABC-Abwehr. Es wird zwischen Haupt- und Nebenaufgaben unterschieden.

Die Hauptaufgaben sind:

  • Detektion und Identifikation von ABC Gefahrstoffen
  • ABC-Erkundung, ABC-Überwachung (ABC-Monitoring) und Risikoanalyse
  • ABC-Fachberatung (auch im „ReachBack“-Verfahren)
  • Spezielle und forensische ABC-Probenahme
  • Probentransport
  • Beitrag zur ABC-Kampfmittelbeseitigung
  • Wasseranalyse.

Die Nebenaufgaben sind:

  • Unterstützung in der Truppenhygiene
  • Entseuchung/Entwesung von Waffen, Gerät und Infrastruktur
  • Forschung und Weiterentwicklung.

Fähigkeiten der ABC&UmwMesSt

Detektion und Identifikation

Nehmen einer Wischprobe. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Nehmen einer Wischprobe. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Detektion und Identifikation von ABC-Gefahrstoffen werden in der ABC-Erkundung und ABC-Überwachung angewendet. Mit diesen Verfahren werden Informationen nach einer Freisetzung von ABC-Gefahrstoffen bzw. über Veränderungen der Lage gewonnen. Die Detektion und Identifikation umfasst ABC-Kampfstoffe sowie ABC-Gefahrstoffe zivilen Ursprunges (Toxic Industrial Materials).

Für die klassischen ABC-Kampfstoffe, wie Haut- und Nervenkampfstoffe, existieren zahlreiche Detektionsgeräte (für Flüssigkeiten, Gase/Dämpfe). Bei Industriegefahrstoffen wird die Palette an benötigten Detektionstechnologien schon deutlich vielseitiger. Zugute kommt hier, dass diese Geräte meistens aus dem Arbeitsschutz kommen und sehr niedrige Nachweisgrenzen für Gefahrenstoffe und lange Laufzeiten aufweisen. Allerdings bedeutet die Detektion nur die Feststellung der Anwesenheit oder Abwesenheit eines Gefahrstoffes. Wenn es sich um einen unbekannten Stoff handelt oder man gar eine genaue Quantifizierung (Konzentrationsangabe) erreichen möchte, stellt das mit mobilen Anwendungen eine große Herausforderung dar. 

Zur Identifikation eines unbekannten Stoffes sind inzwischen aber Hand-held- oder Vor-Ort anwendbare Technologien verfügbar. In den letzten Jahren hat sich diese Technologie stark weiterentwickelt. Oft haben die Geräte bereits eingebaute Bibliotheken für den Abgleich der Ergebnisse mit Datenbanken und eine Anzeige als Ampelsystem (Rot = gefährlich, Grün = sicher).

Bei Stoffgemischen und Matrix-Einflüssen ist die automatische Auswertung (Softwareabgleich) aber nur wenig vertrauenswürdig, und es ist häufig eine händische Auswertung (manuelle Durchsicht und Aufspaltung in einzelne Signale) notwendig. Unter Matrix werden die Hauptbestandteile bzw. die Probenahmeumstände verstanden, z. B. Kampfstoff in Wasser (Wasser ist die Matrix) oder eine Wischprobe (das Wischprobenplättchen ist die Matrix, die Zusammensetzung des Wassers bzw. dass die Probe in einem Wischprobenplättchen aufgenommen ist, können einen Einfluss auf das Messergebnis haben).

Während die automatische Auswertung nur ein paar Sekunden benötigt, kann die händische Auswertung mehrere Stunden andauern und nur durch einen Experten mit viel Erfahrung erfolgen. Gemäß NATO unterscheidet man drei Ebenen der Identifikation, nämlich - vorläufig, - bestätigt und - zweifelsfrei. Generell bedeutet die „vorläufige Identifikation“, dass das Ergebnis mit nur einer einzigen Methode durchgeführt wurde, die fehlerbehaftet sein kann beziehungsweise nur über einen eingeschränkten Messbereich verfügt.

Eine „bestätigte Identifikation“ heißt im Allgemeinen, dass die verwendete Methode anerkannt ist. Eine „zweifelsfreie Identifikation“ hat man dann, wenn ein gleiches Ergebnis von zwei oder mehreren unabhängigen Methoden aufscheint, die darüber hinaus in einem zertifizierten Qualitätsmanagementsystem eingebettet sind. Dabei ist zu beachten, dass nicht alle Informationen durch direkte Messungen unmittelbar vor Ort und in Echtzeit gewonnen werden können.

Bei Fragestellungen, die durch die Vor-Ort-Analyse aus technischen Gründen nicht abgedeckt werden können (z. B. unbekannte bakteriologische Erreger oder die Ebene der zweifelsfreien Identifikation), erhält man ein Ergebnis erst durch eine ABC-Probenahme und eine feldmäßige Untersuchung in einem Feldlabor beziehungsweise durch ABC-Probenahme und Probentransport in ein geeignetes (abgesetztes) Labor. Detektion und Identifikation werden auch in der ABC-Erkundung und ABCÜberwachung angewendet. Mit diesen Verfahren werden Informationen nach einer Freisetzung von ABC-Gefahrstoffen bzw. über Veränderungen der Lage gewonnen.

Soldaten der ABC & Umweltmessstelle erkunden eventuell kontaminierte Bereiche nach einem Anschlag. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Soldaten der ABC & Umweltmessstelle erkunden eventuell kontaminierte Bereiche nach einem Anschlag. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Risikoanalysen

Unter Risikoanalyse versteht man einerseits die Einschätzung der Gefährdung der Truppe für die Erfüllung des Auftrages bei einer spezifischen Freisetzung (ausreichende Schutzmaßnahmen, Aufenthaltsdauer etc.) und andererseits die Analyse der Fähigkeiten von Konfliktparteien und die ABC-Relevanz von TIM-Objekten (Toxic Industrial Material-Orte mit ABC-Gefahrstoffen zivilen Ursprungs wie Industrieanlagen, Lager etc.). Üblicherweise werden dabei die Schadensausmaße und Eintrittswahrscheinlichkeiten multipliziert, mit möglichen Gegenmaßnahmen verknüpft und gereiht.

ABC Fachberatung

Hier kommen die Expertenposten in der ABC&UmwMessSt zum Zug. Sie unterstützen in ihrem jeweiligen Fachgebiet. Das kann die Vorgabe von Schutzmaßnahmen, Analysemethoden oder Probenahmeverfahren bedeuten. Damit kann aber ebenso die Übermittelung von Messergebnissen zur Auswertung und Interpretation durch die Experten gemeint sein.

Sind die Experten nicht direkt am Ort des Geschehens, eventuell sogar in einem anderen Staat, spricht man von „Reach-Back“. ABC-Detektion, ABC-Identifikation und ABC-Fachberatung decken gemeinsam auch die HAZMAT-Komponente (Hazardous Materials - Gefahrstoffe) bei einem AFDRU USAR-(Austrian Forces Disaster Relief Unit - Urban Search and Rescue-)- Einsatz ab.

Spezielle ABC Probenahme

Spezielle ABC-Probenahme heißt, dass es für jede Art von Probe (Luft, Erde, Vegetation, Flüssigkeit, Wischproben etc.) spezifische Verfahrensanweisungen und Materialien gibt. Außerdem erfolgt eine umfangreiche Dokumentation aller Messungen und Beobachtungen mit Protokollen, Fotos und in Ausnahmefällen auch mit Videos. Human- oder Tierproben werden nur unter Abstützung auf medizinisches oder Veterinärpersonal genommen. 

Forensische Probenahme

Die Verfahren bei der forensischen Probenahme unterscheiden sich von der speziellen nur insoweit, als die Ergebnisse eine gerichtliche Verwertung erlauben sollen. Dazu sind die Anleitung/Beobachtung der Probenahme durch Experten und der Nachweis der Integrität aller verwendeten Materialien (Qualitätsmanagement) notwendig.

Zum Beispiel muss beim Probenahmegerät über Siegel, Chargen-Nummern, Ablaufdaten (bei Sterilgut) etc. deren Integrität nachgewiesen werden, sowie dass diese Utensilien so zum Einsatz gekommen sind, dass die Probe nicht durch Einflüsse des Materials oder der Handhabung verändert werden und das Probenergebnis tatsächlich nur von der Probe und damit vom Ort der Probenahme stammen kann. Die forensische ABC-Probenahme hat dabei nichts mit der „klassischen“ kriminalistischen forensischen Probenahme (Fingerabdrücke, DNA-Spuren etc.) zu tun.

Diese Aufgabe bleibt der Militärpolizei bzw. der zuständigen zivilen Behörde überlassen. Trotzdem können solche forensischen Spuren unter ABC-Bedingungen bei Kontaminationsgefahr unterstützend oder unter Anleitung/ Beobachtung durchgeführt werden. Im Bedarfsfall kann die ABC&UmwMessSt auch Umweltproben (von Luft, Gewässern, Böden und Sedimenten, Vegetation und Lebensmitteln) nehmen bzw. dementsprechende Pläne erstellen. Solche Einsätze zur Umweltstatusanalyse wurden bereits im Kosovo durchgeführt.

Probentransport

Doppelt eingepackte und verschweißte Probenbehälter für den Transport. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Doppelt eingepackte und verschweißte Probenbehälter für den Transport. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Ein essenzieller Bestandteil für die erfolgreiche Auswertung einer ABC-Probe ist der Probentransport vom Probenahmeort bis zum Analyseort, der in der Regel ein stationäres Labor ist. Die ABC&UmwMessSt kann die Proben nach der Dekontamination entsprechend ziviler und militärischer Vorschriften verpacken und für den Transport (Straße, Zug, Luft) vorbereiten.

Dabei kommen Überverpackungen, Aufsaugmaterialien und Transportsicherungen zum Einsatz. Im Bedarfsfall - eine Probe geht an verschiedene Laboreinrichtungen - ist die Teilung der Probe möglich (Proben„Splitting“). Der Straßentransport kann ebenfalls durch die ABC&UmwMessSt sichergestellt werden. Besonderes Augenmerk ist dabei auf die lückenlose Beweiskette (von der Entnahme bis zum Endpunkt) zu legen. Die Proben können dazu versiegelt und/oder mit Datenloggern überwacht werden. Jede Übergabe/ Übernahme muss dabei dokumentiert und die Integrität von Siegel, Verpackung etc. bestätigt werden.

ABC Kampfmittelbeseitigung

Sie ist ein spezieller Aspekt der Kampfmittelbeseitigung, die im ÖBH bei den Pionierkräften angesiedelt ist. Dabei handelt es sich um die Behandlung von z. B. Granaten oder unkonventionellen Spreng-/ Brand-/Dispersionsvorrichtungen mit ABC-Füllung oder die Entschärfung von konventionellen Gefahrenquellen unter ABC-Bedingungen.

Entscheidend ist, dass sich die Gefahr im Laufe eines Einsatzes mehrfach verändern kann. In der ABC-Kampfmittelbeseitigung ist fast immer eine Handentschärfung notwendig und manchmal muss auch aus einer scharfen Vorrichtung eine Probe genommen werden, um die Gefährdung abschätzen zu können. Diese ABC-Aufgaben übernimmt dabei die ABC&UmwMessSt mit ihrer speziellen Ausstattung (z. B. die Systeme MONICA und MIDAS- siehe Kapitel Ausrüstung). Ähnlich wie bei der Forensik ist hier eine gute Zusammenarbeit zwischen ABC-Kräften und Explosive Ordnance Disposal-(EOD-)-Kräften entscheidend.

Die ABC&UmwMessSt und einige Handentschärfer (Kampfmittelbeseitiger mit der Fähigkeit manuell scharfe Sprengsätze zu entschärfen) haben bereits gemeinsame Trainings absolviert, Übungserfahrung gesammelt und sich in internationalen Szenarien bewährt.

Wasseranalyse

Abseits der ABC-Gefahren wird in der ABC&UmwMessSt außerdem Wasser analysiert. Bei der Wasseranalyse geht es hauptsächlich um die Qualitätseignung von Wasser für den menschlichen Gebrauch (Trinkwasser). Hierbei werden die Parameter nach Vorgaben der Österreichischen Trinkwasserverordnung, NATO STANAGS- (Standardization Agreements) und WHO-(World Health Organization)Vorgaben untersucht.

Die Beurteilung erfolgt durch ein Wasser-Hygienefachorgan, das ebenfalls im Element abgebildet ist. Dabei handelt es sich um einen Experten mit facheinschlägigem Studium (z. B. Veterinär, Chemiker, Biologe) und mit spezifischer Ausbildung durch Kurse an der ABC-Abwehrschule. Zusätzlich können außergewöhnliche Parameter (z. B. Spurenmetalle, organische Bestandteile) im Rohwasser analysiert werden, um die Wasseraufbereitungselemente zu unterstützen. Ohne die Analyse durch ein Laborelement wie die ABC&UmwMessSt und ein Wasser-Hygienefachorgan darf kein Trinkwasser aus einer Wasseraufbereitungsanlage für die Verwendung zum menschlichen Gebrauch ausgegeben werden. Das Personal der ABC&UmwMessSt ist daher ein wesentlicher Bestandteil von AFDRUEinsätzen zur Wasseraufbereitung.

Trinkwasser wird bakteriologisch getestet. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Trinkwasser wird bakteriologisch getestet. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Trinkwasser wird chemisch analysiert. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Trinkwasser wird chemisch analysiert. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Truppenhygiene

Durch den Veterinäroffizier kann die ABC&UmwMessSt außerdem die Truppenhygiene unterstützen. Diese umfasst Hygieneschulungen und -belehrungen sowie die Planung und Unterstützung der Durchführung von Desinfektionsmaßnahmen.

Entseuchung/Entwesung

Bei der Entseuchung/Entwesung kommen Nebelgeneratoren zum Einsatz, die Desinfektionsmittel wie Formalin oder Wasserstoffperoxid versprühen. Damit können z. B. sensibles Gerät, Inneneinrichtungen, Fahrzeuginnenräume oder andere komplexe Geometrien dekontaminiert werden. Das Verfahren benötigt allerdings eine genaue Anpassung aller Parameter an die jeweiligen Einsatzbedingungen (Dauer, Volumen, begaste Materialien etc.).

Forschung und Weiterentwicklung

Die ABC&UmwMessSt ist maßgeblich an der Forschung und Weiterentwicklung der ABC-Abwehr im ÖBH beteiligt. Unter anderem werden Erprobungen mit der Abteilung ABC- und Umweltschutztechnik im Amt für Rüstung und Wehrtechnik und der ABC-Abwehrtruppe durchgeführt. Sowohl bei innovativen Detektions- und Identifikationstechnologien, neuer ABCSchutzausrüstung, Veränderungen im Konzept der Trinkwasseraufbereitung als auch bei Eigenentwicklungen, wie einer Simulationsanlage für die Ausbildung und Darstellung von C-Gefahren, ist die ABC&UmwMessSt mittendrin und nicht nur dabei.

Ausrüstung

ABC Schutzausrüstung

Vorgehen unter umluftunabhängiger Atemluftversorgung. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Vorgehen unter umluftunabhängiger Atemluftversorgung. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Für das sichere Vorgehen im kontaminierten Gebiet ist die Auswahl und die Bereitstellung der passenden Schutzausrüstung wesentlich. Die ABC&UmwMessSt kann dabei auf den „Schutzanzug mittel“ (ein aktivkohlegefütterter Überanzug), den „Schutzanzug schwer mit Belüftungsgerät“ und auf Einweg-Schutzanzüge verschiedener Qualität zurückgreifen. Derzeit ist für dieses Element noch kein eigenes System mit Umluft-unabhängigem Atemschutz verfügbar, aber eine Beschaffung läuft bereits.

ABC-Detektion

Die ABC&UmwMessSt ist mit verschiedenen Detektionsgeräten ausgerüstet. Für die Detektion von chemischen Kampfstoffen wird die Ionenmobilitätsspektrometrie (Enhanced Chemical Agent Monitor - ECAM, Lightweight Chemical Detector - LCD3.3) oder die Flammenphotometrie (Appareil Portatif de Controle de la Contamination - AP2C, Appareil Portatif 4 Canaux - AP4C) benutzt.

Bei radiologischen Gefahrstoffen verwendet man das Strahlenmessgerät Atomar-Spür&Messgerät (ASMG-90) mit unterschiedlichen Sonden und Dosimetern zur Überwachung der aufgenommenen Dosis. Für die Detektion von biologischen Gefahrstoffen bleiben nur Schnelltests oder ein gutes Auge, um den korrekten Probenahmeort auszuwählen.

ABC-Probenahme

Probennehmer bei der internationalen Übung Toxic Valley 2015. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Probennehmer bei der internationalen Übung Toxic Valley 2015. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Mit dem „Ausrüstungssatz Labor/Kfz“ ist die ABC&UmwMessSt mit umfangreichem Material zur Probenahme ausgestattet. Neben klassischen ABC-Proben umfasst das Portfolio auch Umwelt- und Hygieneproben. Weder Brunnen noch Bohrlöcher stellen für die Ausrüstung ein Problem dar. Seit Ende 2015 konnten mit dem „Ausrüstungssatz Probenahme ABCAbwT“ (ABC-Abwehrtruppe), federführend durch die ABC&UmwMessSt zusammengestellt, auch die letzten Lücken auf diesem Gebiet geschlossen werden.

Zur Sicherstellung der Integrität des Materials werden alle Komponenten für eine Probe in einem Schlauchbeutel verschweißt, und wenn steriles Material enthalten ist, mit einem Ablaufdatum gekennzeichnet. Bei der Benutzung im kontaminierten Gebiet kann dadurch nichts vergessen beziehungsweise verwechselt werden, und das Material kommt sauber und einsatzbereit bei der Probenahme an.

Biologische Identifikation

Bei der ABC&UmwMessSt steht für die biologische Identifikation (BIO-Identifikation) das Verfahren „PCR“ (Polymerase-Kettenreaktion) zur Verfügung. Damit ist es möglich, einen potenziellen Krankheitserreger zu sequenzieren. Für alle gängigen B-Kampfstoffe ist eine Identifikation innerhalb von drei Stunden möglich. Ergeben die PCR-Analyse und z. B. ein immunologischer Schnelltest dasselbe Ergebnis, erhält man eine „bestätigte Identifikation“.

Chemische Identifikation

Probenahme aus einem Terrorlabor. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Probenahme aus einem Terrorlabor. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Für die chemische Identifikation (CHEMIdentifikation) steht seit Jänner 2016 eine ganze Reihe von Technologien zur Verfügung. Für gasförmige/dampfförmige Stoffe wird mit dem „Hapsite“ das empfindliche Verfahren GC-MS (Gaschromatographie mit Massenspektrometrie) angewendet. Die Analyse erfolgt dabei mit einem mobilen Massenspektrometer.

Bei komplexen Mischungen erfolgt zusätzlich noch eine Abtrennung der Komponenten über die Gaschromatographie. Feststoffe und Flüssigkeiten können mit dem „Firstdefender“ (Raman-Spektrometer; kann extrem ähnliche Chemikalien direkt vor Ort sicher erkennen und unterscheiden) und dem HazMat ID Elite (Infrarot-Spektrometer; Handgerät zur chemischen Analyse, das unbekannte feste und flüssige Substanzen innerhalb einer Minute analysiert) identifiziert werden. Bei allen Technologien wird auf unterschiedliche Art und Weise ein Spektrum aufgenommen, das anschließend mit Datenbanken verglichen wird.

Insgesamt umfassen diese Bibliotheken über 20 000 Verbindungen. Alle drei Geräte können direkt vor Ort eingesetzt oder als LaborScreening-Methode verwendet werden und erzielen eine „bestätigte Identifikation“ von Gefahrstoffen.

Radiologische Identifikation

Bei der Identifikation von radiologischen (RAD) Gefahrstoffen kommen der „IdentiFinder“ (Hand-held GammaSpektrometrie; Messung des Spektrums der Gammastrahlung einer radioaktiven Strahlungsquelle), ein hochauflösendes mobiles Gamma-Spektrometer und der „Triathler“ (Flüssigszintillation) zum Einsatz.

Hierbei handelt es sich um einen Szintillationszähler zur Bestimmung der Energie und Intensität der ionisierenden Strahlung, die aufgrund der unterschiedlichen Szintillationsmaterialien eine unterschiedliche Empfindlichkeit und Auflösung aufweisen. Mit einem Szintillationszähler lassen sich ?-, ?- und ?-Spektren aufnehmen, die eine Identifikation von Radionukliden (Atomsorten, die instabil und damit radioaktiv sind) ermöglichen.

Neben der klassischen Gamma-Spektrometrie ermöglicht die Flüssigszintillationsmessung auch die Aufnahme von ?- und ?-Spektren. Damit ist auch im radiologischen Bereich eine „bestätigte Identifikation“ möglich.

(Proben-)Transport

Für den Transport von ABC-Gefahrstoffen oder Proben sind spezifische Materialien wie Aufsaug- und/oder Polstermaterial, Überverpackungen oder mobile Kühlbehälter vorhanden. Im BIO-Bereich und RAD-Bereich können die Proben auch gemäß ziviler Richtlinien (Gefahrguttransport auf der Straße, Schiene und in der Luft) verpackt werden.

Für den CHEMBereich ist der militärische Ausnahmefall notwendig, da der „zivile“ Transport von chemischen Kampfstoffen und -proben sonst nur im Auftrag oder mit Genehmigung der OPCW (Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons) möglich ist. Auch die Überwachung des Transportes sowie der Kühlkette kann mittels Datenlogger sichergestellt werden.

ABC Kampfmittelbeseitigung

Erkundung von Granatensplittern. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Erkundung von Granatensplittern. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Über die Teilnahme an einem EDA (European Defence Agency) Forschungsprogramm verfügt die ABC&UmwMessSt über zwei spezielle Systeme für die Probenahme aus geschlossenen Behältern wie Gasdruckflaschen, Kanistern, Granaten oder Tonnen. Mit dem System MIDAS kann mit der Hand ein Behälter angebohrt werden. Der Spezialbohrer versiegelt dabei das Loch und hat ein Steck-Kupplungs-System, mit dem man durch den Bohrer die Probe ziehen kann.

Ähnlich funktioniert auch das System MONICA. Hier saugt sich der Bohrkopf mit Druckluft an der Oberfläche an und nach dem manuellen Aufsetzen des Gerätes kann man die Bohrung aus der Entfernung (bis zu 400 Meter) durchführen. Es besteht außerdem noch die Möglichkeit den Inhalt des Behälters auszupumpen und im Bedarfsfall mit Deko-Lösung zu füllen. Dieses System ist derzeit einzigartig im ÖBH und nur bei der ABC&UmwMessSt vorhanden.

ABC-Roboter

Über ein ähnliches Forschungsprojekt wird in der ABC&UmwMessSt auch mit ferngesteuerter ABC-Aufklärung experimentiert. Dazu ist der „Tracker“ von der Firma Taurob aus Wien verfügbar und dient als Entwicklungsplattform. Sukzessive werden die meisten der verfügbaren Detektions- und Identifikationsgeräte in diesen Roboter integriert und können dann direkt über die Robotersteuerung bedient und ausgelesen werden. Im Jahr 2017 wird auch der Bereich der Drohnen weiterentwickelt werden.

Analysefahrzeug

Für den Probentransport oder generell zum Erreichen des Einsatzortes verfügt die ABC&UmwMessSt über ein eigenes, speziell ausgestattetes Kraftfahrzeug. Der „Analysebus“ ist ein umgebauter Ford Transit mit Zusatzbatterie, Wandler für die Stromversorgung von 230 Volt, abgetrennter Transportkabine, eingebautem Kühlschrank, dekontaminationsfähigen Arbeitsflächen und der Möglichkeit, eine mobile Sicherheitswerkbank einzubauen.

"Labor"-Container - "Sample Control Site"

Der ABC&UmwMessSt ist außerdem ein so genannter „ABC-Gefahrstoff“Container zugeordnet. Dieser dient als Infrastruktur für die Durchführung der ABC-Identifikation, die nicht direkt vor Ort durchgeführt werden kann. Außerdem werden hier die Aufteilung einer Probe (Splitting) oder andere Probenvorbereitungsprozeduren durchgeführt.

Mit einer „Glove-Box“ (Biosafety Level 3 - BSL-3; dient der Kontamination von Stoffen, wobei BSL-4 die höchste Sicherheitsstufe ist) und ABC-Schutzfiltration kann das Bedienungspersonal gefahrlos mit Gefahrstoffen umgehen, ohne ständig eine ABC-Schutzausrüstung tragen zu müssen. Diese muss nur griffbereit sein.

Feldmäßige Trinkwasseranalyse. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Feldmäßige Trinkwasseranalyse. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Die Wasseranalyse umfasst physikalische, organoleptische, bakteriologische und chemische Parameter. Für Geruch und Geschmack müssen die eigenen Sinne herhalten, während Trübung und Färbung mit optischen Verfahren bestimmt werden können. Temperatur, Leitfähigkeit und pH-Wert können mit verschiedenen Messzellen untersucht werden. Die chemischen Parameter werden mit Photometrie (Spectroquant Multy) beziehungsweise Volumetrie analysiert.

Dabei erreicht man durch den Zusatz von Chemikalien eine spezifische Farbreaktion, die durch Absorption bei einer Wellenlänge charakteristisch für die Art und durch die Intensität der Abschwächung repräsentativ für die Konzentration ist. Bei der Volumetrie wird in einer spezifischen Reaktion mit einer Lösung bekannter Konzentration die Konzentration des gesuchten Stoffes ermittelt. Die bakteriologischen Parameter erhält man mittels Nährböden.

Dazu wird das Wasser filtriert und dann auf speziellen Nährmedien bei definierten Temperaturen für 18 bis 72 Stunden bebrütet, bis man eventuell vorhandene Keime als Kolonien mit freiem Auge erkennen kann. Bei der Wasseranalyse ist ausnahmsweise die Gefahr der Kontamination der Proben durch das Personal größer als umgekehrt.

"Wasseranalyse & Hygiene"-Container

Für die Durchführung von längeren Einsätzen in einem Feldlager mit militärischer Wasseraufbereitung (z. B. EU-Battlegroup - EUBG) wird gerade an der Umsetzung eines mobilen, hakenladeverlastbaren Containers gearbeitet. Nach dem Vorbild eines solchen Containers, der über zehn Jahre im Kosovo im Camp „Casablanca“ im Einsatz war, soll eine große Anzahl an Proben unter höchstmöglichen Qualitätsansprüchen analysiert werden. Außerdem sollen darin verschiedene Fragestellungen im (Lebensmittel-)Hygiene-Bereich bearbeitet werden können.

Sonstiges

Darüber hinaus sind als Gerät für die Durchführung der Entseuchung/Entwesung, ein mobiler Generator für Wasserstoffperoxid-Bedampfung und mehrere Formalin-/Ammoniak-Verdampfer vorhanden. Weiters stehen Geräte für die Bestimmung der lokalen Wetterdaten und GPS-Koordinaten, eine Kamera für die Dokumentation sowie digitale Datenbanken und mobile Internetanbindung zur Verfügung.

Ausbildung

Das Personal der ABC&UmwMessSt muss universell einsetzbar sein, da ein autarker Einsatz z. B. zur ABC-Probenahme mindestens sieben Personen erfordert. Dabei kann auch der Einsatz eines Chemie-Experten als RAD-Probenehmer notwendig sein, wenn gerade kein anderes Personal verfügbar ist. Die Ausbildung des Personals erfolgt in Kursen an der ABC-Abwehrschule wie in den Lehrgängen „Spezielle ABC-Probenahme“ oder „Feldmäßige Trinkwasseranalyse“.

Die Grundlagen sind bereits durch zivile Ausbildungen vorhanden, ob als Studium bei den Experten, ob als Laboranten-/Labortechniker-Lehre bei den Labor-Unteroffizieren oder ob als HTL-Abschluss bei den technischen Assistenten. Das übrige, notwendige Wissen wird von den erfahreneren Mitarbeitern der ABC&UmwMessSt an die Nachfolgenden weitergegeben und wächst durch die Zusammenarbeit mit anderen vergleichbaren Elementen bei Übungen oder Einsätzen.

Die Fähigkeiten und Verfahren der ABC&UmwMessSt in der speziellen ABCProbenahme und ABC-Identifikation werden jedes Jahr in verschiedenen internationalen Übungen überprüft und weiterentwickelt. Hier werden komplexe Szenarien, mitunter auch mit echten biologischen, chemischen und radiologischen Gefahrstoffen („Live Agent Training“), unter anderem in Tschechien, der Slowakei oder Kanada trainiert. Dabei wird dem österreichischen Personal jedes Mal hohe Professionalität bescheinigt. Dass ÖBH muss auf dem Gebiet der ABC-Probenahme keinen internationalen Vergleich scheuen.

ABC-Gefahrenstoff-Bereitschaft

Probenahmeeinsatz der ABC- und Umweltmessstelle. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Probenahmeeinsatz der ABC- und Umweltmessstelle. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Seit 1. Jänner 2016 stellt die ABC-Abwehrtruppe die so genannte ABC-Gefahrstoff-Bereitschaft. Dabei gibt es einen ständig verfügbaren ABC-Bereitschaftsoffizier (0664/622 2599), der in allen Gefahrstoff-Fragen beraten soll, und eine Geräte-Bereitschaft in jeder ABCAbwKp, die einen Kräfteansatz innerhalb von zwei Stunden ermöglicht.

Die Fähigkeiten sind primär auf schnelle Unterstützung bzw. Assistenz in den Bereichen ABC-Probenahme, Dekontamination und ABC-Fachberatung zugeschnitten und werden in „Level 1“ (Basisfähigkeit - alle ABC-Abwehrkompanien) und „Level 2“ (Erweiterte Fähigkeit - nur ABC-Abwehrschule) unterschieden. Die ABC&UmwMessSt ist maßgeblich für die Entwicklung der hier angewendeten Verfahren verantwortlich und stellt sowohl die Ausrüstung als auch das Fachpersonal für „Level 2“.

Herausforderungen

Spezielle ABC Probenahme im alpinen Gelände. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Spezielle ABC Probenahme im alpinen Gelände. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)

Bis zum Jahr 2008 hinkte die ABC&UmwMessSt mit der gerätemäßigen Ausstattung etwas hinterher. Dies ist mittlerweile nicht mehr der Fall. Bei der Schutzausrüstung ist das Fehlen von Geräten zum Umluft-unabhängigen Vorgehen (schwerer Atemschutz) das einzige noch zu beseitigende Manko. Bevorzugt werden so genannte „Hybrid“-Systeme, die sowohl mit Pressluftflaschen als auch mit Schutzmaskenfiltern verwendbar sind und dadurch die maximale Einsatzdauer gewährleisten. Erprobungen mit passendem Gerät wurden bereits durchgeführt, und die Beschaffung wurde beantragt.

Damit die ABC&UmwMessSt ihren guten Ruf und internationalen Standard beibehalten kann, ist eine ständige Erneuerung des Geräteparks notwendig. Das stellt militärische Strukturen und Beschaffungsprozesse allerdings immer vor eine große Herausforderung. Derart spezielles Gerät in geringer Anzahl mit viel komplexem Zubehör, hohen Kosten etc. belastet das System mehr als die Beschaffung von Ausrüstung in anderen Waffengattungen. Durch innovative Ansätze und permanenten Einsatz konnte dennoch dieser hohe materielle Status erreicht werden.

Im Gegensatz dazu ist die personelle Situation kritisch. Im Kapitel Ausbildung wurde bereits auf die notwendige zivile Ausbildung hingewiesen. Diese ist jedoch auch mit einem militärischen Dienstgrad und den dementsprechenden Anforderungen verknüpft. Während die technischen Assistenten als Milizoffiziere mit einem HTL-Abschluss theoretisch noch leicht aufzubringen wären, sind die Labor-Unteroffiziere zurzeit de facto nicht nachzubesetzen, da die duale Ausbildung als Berufs-Stabsunteroffizier (MBUO) und eine Laborausbildung relativ selten ist.

Für die benötigten Akademiker ergeben sich dann Ausnahmen, wenn diese die Milizoffizierslaufbahn eingeschlagen beziehungsweise bereits absolviert haben. Generell gestalten sich solche Neuaufnahmen dennoch schwierig, obwohl es sich bei der ABC&UmwMessSt um ein KPE-Element handelt. Eine internationale Etablierung der ABC&UmwMessSt als Einsatzelement, zum Beispiel im Krisenmechanismus (EUCP - European Union Crisis Protection), wäre ebenfalls denkbar.

Zusammenfassung

Die ABC&UmwMessSt schließt eine Lücke in den Fähigkeiten der ABC-Abwehrtruppe. Die Freisetzung eines unbekannten Gefahrstoffes, möglicherweise im großen Stil, egal ob beabsichtigt oder nicht, ist ein Szenario, das nicht herbeigesehnt werden soll. Für den Anlassfall ist das ÖBH jedoch gerüstet (ABC-Gefahrstoff-Bereitschaft) und kann mit der ABC&UmwMessSt seinen Beitrag leisten.

Hauptmann dhmtD Dipl.-Ing. Gerald Bauer ist chemischer Experte im Kommando ABC-Abwehr und ABC-Abwehrschule. 

Probenvorbereitung im Dunkeln. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
Probenvorbereitung im Dunkeln. (Foto: KdoABCAbw&ABCAbws)
 

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