• Veröffentlichungsdatum: 22.09.2020
  • – Letztes Update: 23.09.2020

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Leonardo-Hubschrauber für das Bundesheer

Theresa Schobesberger

(Foto: AW169 ESERCITO ITALIANO)
(Foto: AW169 ESERCITO ITALIANO)

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Generalstabschef Robert Brieger wurde die Entscheidung über die Beschaffung des Hubschraubers Leonardo AW169M für das Österreichische Bundesheer bekanntgegeben. Welches Modell die fast 50 Jahre alten „Alouette 3“ als Einsatzhubschrauber ersetzen wird, wurde seit längerem in den Medien diskutiert.

Die aktuell genutzten Alouette 3 sind leichte Mehrzweckhubschrauber, die unter anderem zur Menschenrettung im Gebirge, zur Waldbrandbekämpfung, bei Lawineneinsätzen etc. eingesetzt werden. Verteidigungsministerin Tanner bezeichnete sie bei der Pressekonferenz treffend als „Lebensretter“, da sie bisher etwa 7.000 Einsätze flogen. Nach 50 Dienstjahren werden diese Modelle im Jahr 2023 in den Ruhestand geschickt und müssen daher ersetzt werden. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner kündigte an, dass die Alouette 3 im Jahr 2023 durch 18 neue Hubschrauber vom Typ Leonardo AW169M ersetzt werden. Die Entscheidung für dieses Modell wurde gemeinsam mit dem Generalstab und einem Expertenteam des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) getroffen. Zwölf Hubschrauber sollen bei der Einsatzstaffel in Aigen/Ennstal (Steiermark) stationiert werden, die anderen sechs Stück bei der Ausbildungs- und Einsatzstaffel in Langenlebarn (Niederösterreich). Grundsätzlich soll die Hubschrauber-Flotte auch in Tirol, Kärnten und Vorarlberg betrieben werden können. Dazu soll auf bestehende Stützpunkte zurückgegriffen bzw. in Vorarlberg ein neuer Hangar errichtet werden.

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner verkündet die Entscheidung zum neuen Hubschraubermodell für das ÖBH. (Foto: RedTD/Schobesberger)
Verteidigungsministerin Klaudia Tanner verkündet die Entscheidung zum neuen Hubschraubermodell für das ÖBH. (Foto: RedTD/Schobesberger)
General Robert Brieger erklärt den Entscheidungsprozess des Generalstabes. (Foto: RedTD/Schobesberger)
General Robert Brieger erklärt den Entscheidungsprozess des Generalstabes. (Foto: RedTD/Schobesberger)

Government-to-Government

„Bei dieser Beschaffung handelt es sich um die größte Beschaffung seit dem Eurofighter“, betonte die Ministerin. Folglich handelt es sich um die größte Beschaffung des Bundesheeres seit über 17 Jahren. Der Kauf der Eurofighter habe gezeigt „wie es nicht gehen soll“, da Österreich bis heute mit den Folgen beschäftigt ist – „auch vor Gericht“, so Tanner. Aus diesem Grund hat sich das Ressort für die Beschaffung der neuen Hubschrauber für die „Government-to-Government“-Variante entschieden. Diese soll Schwierigkeiten und „dubiose Praktiken“ von Anfang an vermeiden. Österreich wird somit bei einem Beschaffungsverfahren einer befreundeten Nation partizipieren und mitbestellen. Der Vorteil eines solchen Verfahrens ist, dass direkt mit der Regierung des Landes verhandelt werden kann, wodurch sich der Beschaffungsvorgang effizienter gestaltet.

Auswahlverfahren und Matrix

Im Vorfeld der Beschaffung wurde eine Matrix erstellt, in der die Anforderungen Österreichs in den Bereichen Betrieb, Beschaffung und Ausbildung definiert wurden. Diese hat 376 Kategorien – MUSS- und SOLL-Kriterien – die an 27 Länder mit einer „Bitte um Klärung, ob sie die Anforderungen der Matrix erfüllen können und ob sie Interesse an so einem Deal haben“ weitergeleitet wurden, erklärte die Ministerin. In die engere Auswahl kamen schließlich drei Staaten: Italien, Deutschland und die USA.

Die Vereinigten Staaten konnte die spezifischen Anforderungen Österreichs in den Bereichen Ausbildung und Betrieb nicht erfüllen. Einerseits betreiben die USA den angebotenen Hubschrauber nicht selbst, wodurch eine Kooperation in der Ausbildung und Logistik nicht möglich wäre. Andererseits wäre ein Government-to-Government-Geschäft mit einem Nicht-EU-Land aus rechtlicher Sicht schwierig. In Deutschland zeigte sich, dass die Beschaffungszeiträume nicht mit denen Österreichs kompatibel sind und die Wartung nicht heeresintern erfolgen soll. Eine externe Wartung wäre aber langfristig teurer, würde die österreichische Autarkie beschneiden und qualifizierte Arbeitsplätze in den Regionen gefährden, erklärte die Verteidigungsministerin. Somit war eine gemeinsame Beschaffung mit Deutschland ausgeschlossen.

Die Entscheidung fiel auf Italien mit dem Leonardo AW169M. Der Staat konnte rasch zusichern, dass alle Anforderungen erfüllt werden könnten, egal ob sich um die Beschaffung, den Betrieb oder die Ausbildung handele, so Tanner. Auch das Expertenteam und der Generalstab gaben eine „eindeutige, klare und einzige Empfehlung“ für den Kauf bei Italien. Mit dem südlichen Nachbarn soll Österreich nun für die nächsten 40 Jahre einen „Freund an unserer Seite haben, dem wir vertrauen können“. Der Generalstab wird nun konkrete Verhandlungen mit Italien beginnen, um die 18 Hubschrauber zu erwerben. Der Entschluss zur Zusammenarbeit mit Italien werde eine intensive Kooperation mit sich bringen. Diese solle unter anderem die Ausbildung, Technik, Infrastruktur (z. B. bei der Simulation), oder gemeinsame Übungen und Einsätze mit Italien umfassen, erklärte General Brieger. So sollen Synergieeffekte genutzt und Kosten gespart werden. Mittelfristig soll die Hubschrauberausbildung in Österreich stattfinden. Dabei werden bereits an der Alouette oder anderen Fluggeräten ausgebildete Piloten auf dem AW169M eingeschult.

Die nicht-militärische Variante des Hubschraubers: Die Agusta Westland AW 169. (Foto: Adrian, CC BY-SA 4.0)
Die nicht-militärische Variante des Hubschraubers: Die Agusta Westland AW 169. (Foto: Adrian, CC BY-SA 4.0)

Leonardo AW169M – schneller, moderner, stärker

Der AW169M soll die Alouette 3 in allen Belangen ersetzen und – auch weil Jahrzehnte der technischen Entwicklung zwischen den Typen liegen – übertreffen. „Er ist schneller, kann größere Lasten transportieren, mehr Personen und ist gleichzeitig auch militärisch einsetzbar“, erklärt Verteidigungsministerin Tanner. Beispielsweise kann der AW169M bei Waldbränden dreimal so viel Wasser (etwa 1.500 Liter) transportieren wie die Alouette 3 (etwa 500 Liter). Darüber hinaus ist er für den Einsatz im Gebirge gut geeignet, was er bei der Schweizer Rettungsflugwacht unter Beweis stellt.

Ein besonderer Vorteil des Modells ist, dass es sehr schnell umgebaut werden kann verschiedene Möglichkeiten zur Einrüstung mit sich bringt, z. B. für den Transport von Intensivpatienten. General Brieger nannte unter anderem Search-and-Rescue und Patiententransporte sowie den Transport und die Unterstützung von Spezialeinsatzkräften. Auch eine Bewaffnungsvariante für Luft-Boden-Unterstützung, die Lenkwaffen und den Einbau von Maschinenwaffen vorsieht, soll möglich sein. Diese verschiedenen Missionspakete werden voraussichtlich in einer Anzahl von vier Stück pro Mission angeschafft. Bei der Einführung soll es eine klare Prioritätenabfolge geben, wobei Rettungs- und Bergeeinsätzen die höchste Priorität zukommt. Die bewaffnete Variante werde Mitte der 20er-Jahre, zunächst mit vier Einrüstsätzen folgen, so der General. Ebenfalls positiv hervorgetan hat sich der AW169M beispielsweise bei der norwegischen Polizei, wo sich das Modell als Bestbieter bei den Hubschraubern gezeigt hat. Die Verteidigungsministerin betont jedoch, dass ein preislicher Vergleich nur dann zulässig sei, wenn auch die verschiedenen Fähigkeiten betrachtet würden.

General Brieger beschreibt die Entscheidung zum Kauf des Nachfolgemodells als „zeitgerecht“. Es sei in der Vergangenheit zu oft passiert, dass Rüstungsgut seine Altersgrenze erreichte und nicht zeitgerecht ersetzt werden konnte. Der AW169M soll bereits vor dem endgültigen Ausscheiden der Alouette-Modelle zur Verfügung stehen. Es wird somit „keine Fähigkeitslücke im Rahmen der vielfältigen Aufgaben der Luftstreitkräfte, die von militärischen Unterstützungs- und Transportaufgaben bis zu Hilfseinsätzen und Rette- und Bergeeinsätzen reichen“ geben, führte der General weiter aus.

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner: „Wir kaufen mit diesem Hubschrauber ein hocheffizientes und modernes Gerät, das nicht nur der Sicherheit unserer Soldaten dient, sondern der Sicherheit der gesamten Bevölkerung. Wir investieren damit in die Sicherheit Österreichs!"

Theresa Schobesberger, BA ist Redakteurin beim TRUPPENDIENST.

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Generalstabschef Robert Brieger bei der Pressekonferenz am 21. September 2020. (Foto: RedTD/Schobesberger)
Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Generalstabschef Robert Brieger bei der Pressekonferenz am 21. September 2020. (Foto: RedTD/Schobesberger)
 

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